Wo waren Sie, als das Sparwasser-Tor fiel?

Ich tue jetzt mal so, als hätte mich Elke Wittich vor zweiundzwanzig Jahren gefragt, wo ich war, als das Sparwasser-Tor fiel. Das hat sie nämlich mit Sepp Maier („Blöde Frage“), Günter Wallraff oder Hermann Kant getan und die Antworten zu einem kleinen Buch gebündelt, das ich vor zwei Wochen bei einem Trödler in der Nähe des Hasselbachplatzes gefunden habe.

  Also: ich war bei meinem Opa in Soest. Der hatte nämlich schon damals einen Farbfernseher, während wir dreizehn Kilometer entfernt in einem kleinen Dorf namens Mellrich noch schwarz-weiß guckten. Zwar war dieses Spiel zumindest aus fußballerischer Sicht keine große Sache – „Warum wir heute gewinnen“, lautete die Schlagzeile der BILD-Zeitung an jenem 22. Juni 1974 -, aber dafür aus politischer. Doch was verstand ich schon von Politik? Ich wusste ja noch nicht mal, dass es zwei Deutschländer gab. Und das seit fast dreißig Jahren.

  „Da kannste mal sehen“, sagte mein Opa auf eine Art, die mich jedes einzelne der sechsundfünfzig Jahren, die zwischen uns lagen, spüren ließ. 

  Mein Opa war kein besonders großer Fußballfan, aber wenn WM war, und das auch noch im eigenen Land, dann guckte natürlich auch er. Aber war es wirklich sein eigenes Land? Anders konnte ich es mir nämlich nicht erklären, dass mein Opa sich nicht darüber ärgerte, dass hier die falsche Mannschaft gewann, zumindest aus meiner Sicht. Während ich mit dem Fuß aufstampfte, lehnte er sich genüsslich in seinem Sessel zurück, und da er das mit seinen über hundert Kilo tat, hob sich die Fußlehne ganz automatisch. Da lag mein Opa nun wie in der Badewanne, während mir der Fuß wehtat. So lernte ich früh, wie ungerecht der Fußballgott sein konnte.

  Am nächsten Tag verpetzte ich meinen Opa bei meinem Vater. Ich tat das auch, weil sich die beiden nicht leiden konnten und ich hoffte, dass mich mein Vater irgendwie an meinem Opa rächen würde. Und prompt ging er darauf ein. „Kein Wunder!“ schnaubte er, „dein Opa ist ja auch ein Sozi.“ Das war das zweitschlimmste Wort, mit dem mein Vater jemanden belegen konnte, schlimmer war nur noch „Kommunist“. Zwar verstand ich nicht genau, was ein Sozi oder ein Kommunist war, aber dass es was mit Politik zu tun hatte, war sogar jemandem klar, der nicht mal wusste, dass es zwei Deutschländer gab.   

  Ein Sozi war das Gegenteil von einem CDU-Wähler, und ein solcher war mein Vater. Was anderes kam überhaupt nicht in frage, schließlich waren wir katholisch und gingen jeden Sonntag in die Kirche, meine Mutter und mein großer Bruder sogar zweimal, morgens ins Hochamt und nachmittags zur Andacht. Komisch war nur, dass mein Opa das auch tat und trotzdem ein Sozi war. 

  Jetzt musste ich nur noch herausfinden, was ein Sozi mit dem anderen Deutschland zu tun hatte, also warum er sich nicht darüber ärgerte, wenn sein eigenes Deutschland gegen das andere Deutschland verlor, und das auch noch bei einer WM in seinem eigenen Deutschland.  Ich fand nämlich, das war erst recht ein Grund, sich zu ärgern, und zwar schwarz. Ich fand, das passte auch deswegen besonders gut, weil die CDU-Wähler nämlich von meinem Opa „die Schwatten“ genannt wurden, während umgekehrt die Sozis von den Schwatten „die Roten“ genannt wurden. Und genau an dieser Stelle brachte mein Vater das schlimmste Wort ins Spiel, also „Kommunist“. Das sei nämlich jeder, der in diesem anderen Deutschland lebte. Ich lernte also an diesem Tag, dass ein Sozi kurz davor war, ein Kommunist zu werden, und das erklärte so einiges. Zum Beispiel, warum mein Opa sich nicht geärgert hatte.

  Als nächstes versuchte ich dahinter zu kommen, warum mein Opa ein Sozi war. War er etwa ein Roter, weil mein Vater ein Schwatter war, so wie ich auch vor allem deswegen Dortmund-Fan war, weil mein Vater zu Schalke hielt? Mein Opa war nämlich nicht der einzige, der so seine Schwierigkeiten mit meinem Vater hatte. Während mein Vater so schwatt war, dass er wahrscheinlich als Schwatter geboren war. Was meinen Opa betraf, so meinte mein Vater, dass der deswegen ein Sozi wäre, weil er von „von drieben“ käme. 

  An dem „von drieben“ hatte ich lange zu knacken. Es klang wie aus dem Mund von Onkel Michael, der eigentlich Gerhard mit Vornamen hieß und gar nicht mein richtiger Onkel war, sondern so eine Art Hausmeister bei uns. Jedenfalls machte er all das wieder heile, was mein Vater beziehungsweise meine Geschwister und ich kaputt gemacht hatten, weil mein Vater, wie Onkel Michael meinte, zwei linke Hände hätte. Onkel Michael sagte zum Beispiel auch nicht Teufel, sondern „Deiwel“. Oder „kraalen“ statt schreien. Oder „Plins nicht!“ statt Heul nicht! Onkel Michael war nämlich auch „von drieben“. Aber wieso sprach dann mein Opa nicht so? Hatte mein Vater mich etwa wieder angelogen, so wie kurz vor Weihnachten, als er meinte, ich würde eine Carrera-Bahn kriegen, aber dann war es doch nur ein Matchbox-Auto gewesen?

  Ich traute mich nicht, meinen Opa zu fragen, ob er „von drieben“ sei. Wahrscheinlich weil ich ahnte, dass es etwas Unheimliches war. Oder besser gesagt: etwas ganz Heimliches. So heimlich, dass man erst gar nicht darüber sprach.

  So dauerte es auch noch viele Jahre, fast zwanzig, bis ich erfahren sollte, von wie weit „drieben“ mein Opa tatsächlich kam. Er kam von so weit „drieben“, dass man dort nicht „Deiwel“, sondern „d’yavol“ sagte, wenn man den Teufel meinte. Oder „krig“ statt schreien. Mein Opa kam nämlich gar nicht aus Soest, wie wir immer gedacht hatten, sondern aus Minsk. Aus der Sowjetunion also, die bei uns zu Hause mit einem besonders scharfen S ausgesprochen wurde, das hatte mein Vater von dem Moderator des „ZDF-Magazin(s)“, der wahrscheinlich noch schwatter war als er. Und die Sowjetunion hatte sich noch nicht mal für die WM 74 qualifiziert. Da hatte es also nahe gelegen, dass mein Opa damals den kleinen Bruder der großen Sowjetunion unterstützt hatte, nämlich die DDR, das andere Deutschland also. Das hätte sogar ich verstanden, wenn man es mir damals erklärt hätte, auch wenn ich ja sonst nichts von Politik verstanden hatte.

  Damals verstand ich aber auch noch etwas anderes nicht, und das passierte genau zweieinhalb Wochen später. Da spielte nämlich unser eigenes Deutschland gegen Holland im Finale. Und diesmal schien sich mein Opa zu ärgern, während ich mich freute. Zwar stieß er nicht mit dem Fuß auf und ich lehnte mich auch nicht im Sessel zurück, klar, in dem saß ja auch mein Opa, aber es war auch so deutlich zu sehen, dass für meinen Opa diesmal die falsche Mannschaft gewonnen hatte. Aber was hatte mein Opa mit den Holländern zu tun? Waren die etwa auch alle Sozis oder Kommunisten oder was? 

  Wieder verpetzte ich meinen Opa bei meinem Vater, doch der sagte diesmal nur: „Frag deine Mutter.“ Schließlich war sie die Tochter meines Opas, also wenn es jemand wissen musste, dann jawohl sie. Aber meine Mutter sagte gar nichts. Allerdings schwieg sie auf eine Weise, dass sie doch etwas sagte. Und das klang so wie: Frag das nie wieder! 

  Und so habe ich auch nie wieder gefragt, weder meine Eltern noch sonst irgend jemanden, und am allerwenigsten meinen Opa selber. Auch später nicht, als ich längst wusste, warum ich ihn nicht fragen durfte. Denn mein Opa kam nicht nur aus Minsk, er war auch noch Jude. Und darüber sprach er nicht, zu niemandem, nicht mal zu meiner Mutter, die durfte es sogar gar nicht wissen und hätte es wohl auch nie gewusst, wenn sie nicht eine Schwester gehabt hätte, die sich eines Tage hatte scheiden lassen und dann einen Mann geheiratet hatte, der sich für Ahnenforschung interessierte.

  Ich weiß, ich bin längst vom Thema abgekommen, der Frage, wo ich war, als das Sparwasser-Tor fiel. Aber es zeigt eben, dass das Sparwasser-Tor nicht irgendein Tor war, am allerwenigsten vielleicht ein Fußball-Tor. Für mich ist es noch immer ein Einfallstor in meine Familiengeschichte, die ein Teil der deutschen Geschichte ist. Und nun bin in Magdeburg, ausgerechnet, der Stadt, in der Sparwasser damals gespielt hat. Wie könnte ich also umhin, über ihn zu schreiben. Über ihn und meinen Opa und mich. Wohin die Reise gehen wird, weiß ich noch nicht so genau. Das heißt, ich weiß es, ich weiß vielmehr noch nicht, wie. Ob mit dem Zug, einem Ballon oder wie man sonst vom Westen in den Osten kam, damals in den Siebzigern. Von Soest nach Magdeburg.

Rein in die Leere 2

Nein, so habe ich mir das nun auch wieder nicht vorgestellt, als ich vor zwei Wochen – so lange ist das schon her – bei meiner Antrittslesung im Forum Gestaltung den eigens zu diesem Anlass geschriebenen Text „“Rein in die Leere“ vorlas. Um ein Haar hätte ich mich noch zum „Anwalt der Leere“ Magdeburgs erkoren, zum Glück hatte ich diese mir etwas anmaßend erscheinende Formulierung bei der letzten Durchsicht kurz vor der Veranstaltung noch gestrichen. Ich steh ja jetzt schon ziemlich blöd da, zumindest vor mir selber bzw. dem Teil in mir, der immer was zu knurren hat. Und so raunt er mir schon seit Tagen auf meinem allabendlichen Spaziergängen durch die beinahe menschenleere Stadt in schöner Regelmäßigkeit sein neustes Mantra zu: Das haste nun davon. Du mit deiner Leere.

  Ich lasse ihn quatschen, denn Widerspruch hat keinen Zweck, reizt ihn nur zu weiteren Tiraden an, ich kann froh sein, wenn er es bei einem Mantra belässt, und sei es auch noch so gebetsmühlenartig vorgetragen. Dabei hat er durchaus recht, was habe ich mir auch für heute eine – zumindest für die Zeit wischen 18 und 19 Uhr – ganz besonders leere Gegend ausgesucht, nämlich die um die Sankt-Petri-Kirche, die Ökumenischen Höfe und den Wallonerberg. Hier kommt mir wirklich kein einziger Mensch entgegen, nur auf einer Bank hinter der Kirche sehe ich einen Mann auf einer Bank sitzen und höre ihn dann auch husten, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. Ausgerechnet.

  Zur Strafe für meinen Text „Rein in die Leere“, so interpretiert es zumindest mein innerer Knurrhahn, zwitschern die Vögel. Er vergällt mir die Vorboten des Frühlings, bis mir ihr Gesang wie ein Tinnitus vorkommt und ich allen Ernstes denke, es müsste jetzt regnen und stürmen und schneien und hageln, so dass ich auf schnellstem Wege wieder in meine kuschelige Stadtschreiberwohnung flüchte, wo ich mir dann am Besten auch noch die flauschige Bettdecke über den Kopf ziehe. Kontaktsperre am Beginn des Frühlings – kann es etwas Grausameres geben? Für meinen inneren Knurrhahn jedenfalls nicht. 

  Dabei stört mich die Menschenleere im Augenblick eigentlich nicht. Das war in den letzten Tagen nicht immer so, da fand ich sogar noch deutlichere Worte als mein innerer Knurrhahn. Aber jetzt verweile ich vor dem gotischen Bau von Sankt Petri und bedauere, dass die Kirche um diese Zeit geschlossen ist; ich schaue dem Kollegen Stadtschreiber, der als Skulptur mit einer Feder in der Hand vor einem Schreibpult in unmittelbarer Nähe der Kirche kniet, ehrfurchtsvoll über die Schulter und mache sogar ein Foto von dem gelben Bulli des Bonifatiuswerks der Deutschen Katholiken, so als sei auch der eine besondere Sehenswürdigkeit. Mit anderen Worten: ich habe Muße, nehme mir Zeit, auch für das Unscheinbarste. Tauche tief ein in die Leere. Wenn schon, denn schon. 

  Immer wenn ich denke, ich habe mich verlaufen auf meinen Spaziergängen durch Magdeburg, taucht ein Ort auf, den ich bereits kenne. Diesmal ist es die Festung Mark, wo ich meinen zweiten und vorerst letzten Auftritt als Magdeburger Stadtschreiber hatte, bei dem Festival „Magdeburg liest trotzdem“. Das ist jetzt sogar fast auf die Stunde genau zwei Wochen her. Wie die Zeit vergeht. Auch wenn sie sich noch so lange zu dehnen scheint, am Ende ist sie immer um.

  Von derlei schwermütigen und philosophischen Gedanken heimgesucht, biege ich auf die Walter-Rathenau-Straße ein. Auch da bin ich der einzige Mensch um diese Zeit. Erst als ich an der Straßenbahnhaltestelle in der Listemannstraße vorbeikomme, sehe ich wieder einzelne Gestalten in gebührendem Abstand zueinander auf die nächste Tram warten. Und, fragt mich der innere Knurrhahn ein letztes Mal auf seine gewohnt rhetorische Art: ist das jetzt die Leere, von der du geträumt hast? 

  Als ich am Theater vorbeikomme, bedauere ich zum wiederholten Mal, dass ich mir keine Aufführung von Brechts „Mahagonny“ anschauen kann, ich wüsste plötzlich auch gerne, wie das Essen im „Hyko Mizi“ schmeckt oder würde gerne noch eine halbe Stunde in der Thalia-Buchhandlung im Allee-Center stöbern. Da habe ich sie auf einmal, auch ohne inneren Knurrhahn, die absolute Leere, die Leere ohne Fülle, die reine Leere. 

  Wie gut tut es da, dass der Rossmann noch auf hat. Ich kehre ein, obwohl ich nichts brauche, und kaufe mir eine Flasche Wasser, eine Tüte Müsli und eine Packung Tee. Ein klassischer Fall von Frustkauf. Da kann der Tee noch soviel Ingwer und Zitrone beinhalten die ja bekanntlich das in diesen Tagen so wichtige Immunsystem stärken sollen. An Abenden wie diesen kann man sich einfach nicht bescheißen.

  Und so sehe ich zu, dass ich auf schnellstem Wege nach Hause komme. Dahin, wo es wenigstens Internet gibt und damit Serien, Skype und all das digitale Zeugs. Als ich in den Fahrstuhl steige, formt sich der Anfang eines Textes. Dieses Textes. Es scheint, als hätte ich auch aus dieser Leere wieder etwas mitgebracht. Ich verstaue die Einkäufe, wasche mir ausgiebig die Hände und setze mich an den Schreibtisch. Nach einer Stunde lese ich dem inneren Knurrhahn die erste Fassung dieses Textes vor. Na siehste, ruf ich ihm triumphierend zu, auch du und dein destruktives Gequatsche können mich nicht von der Produktion abhalten. Aber er hat nur ein müdes Lächeln für mich übrig. 

  

Beinahe eine Ode an die Kaufhaus-Restaurants

Wo kann man sich auch mit dreiundfünfzig Jahren noch so richtig jung fühlen? Im Le Buffet, dem Restaurant der Kaufhauskette Karstadt. Ich bin erst den fünften Tag in Magdeburg, aber schon zum zweiten Mal hier. Auf dem Weg zur Kasse kann ich noch jeden überholen, auch wenn die Kaffeetasse kurz vorm Überschwappen ist, hier haben so viele um mich herum weiße Haare, dass mir mein Grau wie das neue Blond vorkommt, und ich brauche mich auch nicht zu schämen, dass ich mir unten am Zeitungskiosk die BILD-Zeitung gekauft habe, das macht hier schließlich jeder. Habe ich bei meinem ersten Besuch mein tägliches Vitamindepot mit einem gemischten Salat aufgefüllt, geht es diesmal um mein Quantum Koffein in Form eines Latte macchiato. Der fünfzig Cent weniger kostet als am Hauptbahnhof und auch noch besser schmeckt. Ich bin begeistert.

  Ich gestehe, ich bin ein großer Fan von Kaufhausrestaurants, ob sie nun Culinaria, Dinea oder eben Le Buffet heißen. Das hat nichts mit dem Angebot von Speisen und Getränken zu tun, wobei die eindrucksvolle Palette hier im Magdeburger Karstadt von einer Marktküche über einen Asia-Point bis hin zur Würzbar reicht. Die in Dreierreihen angeordneten Mineralwasserflaschen (Sodenthaler Gourmet) glänzen wie frischgeputzte Kelche vor einer Ostermesse, die Paulaner-Ecke strahlt bayerische Gemütlichkeit aus, und im Weinkeller hat man die Wahl zwischen einem Merlot, Cabernet Sauvignon, Spätburgunder und Dornfelder, von den Weißweinen und Sektsorten ganz zu schweigen. Nein, was mich regelmäßig hierherzieht, ist die Kantinenatmosphäre, diese seltsame Mischung aus Heimeligkeit und Anonymität, das hoffnungslos Altmodische, der Muff der siebziger und achtziger Jahre, als es unter Kleinbürgern noch eine große Sache war, im Hertie, Kaufhof oder Karstadt essen zu gehen. Ich erinnere mich gut, wie mein Großvater mich in meiner Kindheit in den Soester Kaufhof ausführte. Dabei gab es in seiner Straße eines der besten Restaurants der ganzen Stadt, nämlich im Hotel Gellermann, wo in unserer Familie auch gelegentlich runde Geburtstage oder Erstkommunionfeiern abgehalten wurden. Im Restaurant des Hotel Gellermann gab es allerdings nur eine Speisekarte, das Essen blieb also gewissermaßen abstrakt, zumindest so lange es nicht serviert wurde, im Restaurant des Kaufhof dagegen lag alles direkt vor mir, Schnitzel, Rostbratwürstchen, Fisch, die schweren braunen Saucen und vor allem Pommes. Auch konnte ich bestimmen, wie viel ich davon haben wollte, ich konnte mir die Puddings ansehen, bevor ich einen davon auswählte, wobei es mir manchmal lieber gewesen wäre, ich hätte nicht die Qual der Wahl gehabt zwischen einer cremigen Mousse au Chocolate und einem Vanillepudding mit Eischnee und Erdbeeren. Aber, wie gesagt, es ging ja nicht ums Essen, zumindest nicht in erster Linie.

  Saß ich mit meinem Großvater im Soester Kaufhof-Restaurant, kam ich mir vor wie auf einem Bahnhof. Es war ein ständiges Kommen und Gehen, fast jeder hatte Gepäck in Form von Einkaufstüten dabei, nicht allzu viel Zeit, nicht weil der Zug bald abfuhr, sondern weil der Parkschein jeden Moment ablief. Damals kannte ich das Wort „Transitraum“ noch nicht, aber als ich es zum ersten Mal hörte, traf es genau die Atmosphäre, die ich dort schon als Kind empfunden hatte.

  Später ist mir dieses Kaufhof/Karstadt/Hertie-Restaurant-Gefühl in den Romanen und Erzählungen von Isaac Bashevis Singer wieder begegnet. Bei ihm hießen diese Orte, wo sich nach dem Krieg am Broadway die jüdischen Emigranten trafen, schlicht Caféterias. Im Gegensatz zu den Dianas, Culinarias und Le Buffets hatten sie bis nach Mitternacht geöffnet, man konnte also noch um elf Uhr abends mit einer Zeitung oder einem Manuskript kommen, sich einen Pudding oder ein Sandwich holen und in irgendeiner Ecke in aller Ruhe lesen oder schreiben. Oder eben mit Leuten reden, die es genauso aus einem europäischen Schtetl in die Neue Welt verschlagen hatte wie Singer selber. Ich habe es ihm nachgemacht und viele meiner Stücke teilweise oder ganz an solchen Orten geschrieben, im Gießener Karstadt, Coburger Kaufhof oder Moabiter Hertie. Auch diesen Text habe ich im Magdeburger Le Buffet begonnen. Schließlich bin auch ich in Magdeburg nicht zu Hause, ebenso wenig wie ich in Gießen, Coburg oder Moabit zu Hause gewesen war. Es ist offenbar der Reflex des Exilanten, in Caféterias zu flüchten, an Orte, an denen man jederzeit wieder aufstehen und gehen kann, weil man sein Essen schon vorher bezahlt hat, weil es keinem auffällt, wenn der Teller oder das Glas noch nicht leer ist, weil sich eh groß keiner um einen schert. Und doch erzeugen diese Orte zugleich eine Vertrautheit, ein Stück Heimat, wer weiß, wie sie das tun, vielleicht weil sie nie ganz voll sind, aber eben doch voll genug, um sich nicht einsam zu fühlen, sie lassen einen in diesem seltsamen Schwebezustand zwischen Zuhause und Fremde, den ich immer als produktiv empfunden habe. Man ist hier selber verantwortlich für sich, stellt sich sein Essen selber zusammen, trägt es sich selbst an den Tisch, von dem man es dann auch wieder fortträgt und auf eines der Geschirrbänder stellt, so wie man es zu Hause, abgesehen von dem Geschirrband natürlich, eben auch tut. Man wird nicht von aufdringlichen Kellern behelligt, die einen fragen, ob es noch was sein dürfe oder einem das Glas wegnehmen, obwohl man den letzten süßen oder bitteren Rest noch nicht ausgeschlürft hat, man kann die Jacke oder den Mantel anlassen, gerade so, als säße man am eigenen Küchentisch. 

 Ich frage mich, in welchem Exil die Menschen leben, die heute die Kaufhaus-Restaurants bevölkern. Da die Preise vermutlich saftiger sind als das Fleisch, müssen sie Geld haben. Beziehungsweise ihrem Alter zufolge eine ordentliche Rente. 9,99 Euro für eine Hähnchenbrust alla Milanese mit überschaubarer Spaghetti-Beilage will mir ebenso wenig billig erscheinen  wie meine 4,80 vom Vortag für einen Salat, der kaum größer ist als der auf dem zweiten Tagesgericht-Teller, Große Kohlroulade mit Specksauce und Kartoffelpüree für 8,99. Auf den ersten Blick scheinen die Menschen um mich herum, die zumeist in Paarform und eher stumm das Essen in sich herein schaufeln, nur eines zu verbinden: dass sie älter sind. Älter als ich zumindest, jenseits der sechzig, siebzig, wenn nicht gar achtzig Jahre. Hierhin scheinen sie sich zurückzuziehen, wobei von Rückzug eigentlich nicht die Rede sein kann, denn das Kaufhaus-Restaurant ist, ich sagte es schon, ein Transitraum. Doch um auf dem Sprung ins Parkaus oder die nächste Abteilung oder sonst wohin zu sein, sind sie wiederum zu langsam und gemächlich. Hier herrscht keine Eile. Das Warten in der langen Schlange vor der einzigen besetzten Kasse wird geduldig getragen, nur der Jüngste, also ich, fragt halblaut vor sich hin, warum denn keine zweite geöffnet werde. Die Ungeduld der hier äußerst relativen Jugend. Auch als ich dann sitze, den gleichen Sicherheitsabstand von zwei Tischen einnehmend wie nahezu alle anderen, was wohl auch dem gerade grassierenden Coronavirus geschuldet sein mag, kann ich mich nicht entspannen. Als ich noch regelmäßig in die Kaufhaus-Restaurants ging, war das Publikum gemischter, insgesamt jünger und dadurch auch unruhiger und zumindest an der Oberfläche lebendiger. Jetzt scheint man alle Zeit der Welt zu haben. Irgendwie habe ich sie verpasst, die schleichende Entwicklung an diesen Orten, es ist mir, als käme ich nach Jahren wieder  nach Hause und sähe plötzlich, wie alt meine Eltern geworden sind. Das Moabiter Hertie-Restaurant der neunziger Jahre war auch ein Arbeitslosentreff und von daher deutlich jünger besetzt. Ich war damals schließlich auch arbeitslos. Meine Lebendigkeit speiste sich aus der Erwartung, dass es endlich losginge, mein Leben, zumindest mein berufliches, schon allein deshalb vibrierte das Besteck in meiner Hand. Ich war sozusagen jederzeit bereit, mein Messer zu zücken. Jetzt, so kommt es mir vor, halten alle ihre Messer und Gabeln wie zur Kapitulation gestreckte Waffen in den Händen. Was mich zu der Frage führt, was Menschen, die heute noch in Kaufhaus-Restaurants essen gehen, aufgeben, wovor sie resignieren, was sie mit sich geschehen lassen. Hier, so scheint es, werden keine Pläne mehr ausgeheckt, keine Ideen gesponnen und erst recht keine Geschichten mehr geschrieben. Hier wird vor allem gegessen und geschwiegen. So als führe aus dem Exil des Alters nur noch der Tod heraus.

  Nachdem ich mein Geschirr pflichtschuldig auf dem Band abgestellt habe, schieße ich noch einige Fotos mit meinem Handy. Niemand stört sich daran. Niemand fühlt sich auch geschmeichelt, dass ich einen solchen Ort für wert erachte, verewigt zu werden. Ich könnte genauso gut unsichtbar sein.

  Was mag das für ein Stadtschreiber sein, werden Sie sich vielleicht fragen, der in und dann auch noch über Kaufhaus-Restaurants schreibt? Ein sentimentaler, nehme ich mal an. Einer, der sich nirgends so richtig zu Hause fühlt. Einer, der vielleicht auch schon seine Waffen gestreckt hat.

  Dass Sie sich da mal nicht täuschen. Als ich noch mal runter in den Zeitungskiosk gehe, schaut ein grimmig zu allem entschlossener junger Mann auf einem Zeitschriftencover haarscharf an mir vorbei, und das unter der Überschrift „Schwerteträger“ und über der Unterschrift „Der Abschusskönig“. Ich denke, ich seh‘ nicht richtig, als ich das Hochglanzmagazin aufschlage und mein Blick auf ein Foto dieses Mannes namens Michael Wittmann mit Adolf Hitler fällt. Eine, wie ich später bei Wikipedia lese, nach Einschätzung der Bundesregierung dem Rechtsextremismus nahestehende Zeitschrift in einem Zeitungskiosk bei Karstadt! Und zwar zuoberst, ein Blickfang regelrecht! Es gibt nur dieses eine Exemplar, was zwei Schlüsse nahelegt. Entweder dass es wenige oder viele Käufer gibt, im letzten Fall wäre es also beinahe schon vergriffen. Während ich es, mit zitternden Händen, zurücklege, denke ich: vielleicht ist die Stille in den Kaufhaus-Restaurants eine trügerische, vielleicht wird dort etwas ausgeheckt, vor dem einem nur angst und bange werden kann, vielleicht träumt da so manch einer noch von einem anderen Ausweg aus dem Exil. Ich sehe zu, dass ich hier rauskomme.

Stadtschreiben in Zeiten von Corona

Was macht eigentlich ein Stadtschreiber in Zeiten von Corona, tue ich jetzt einfach mal so, als sei das eine mir oft gestellte Frage.
Nun, er tut zunächst einmal das, was er sonst auch tut, in Zeiten ohne Corona, er steht beizeiten auf. Beizeiten heißt bei ihm so zwischen 6 und 7. Dann setzt er sich, und zwar noch vor dem Frühstück, ja dem Zähneputzen – soviel Intimität sei gerade mal erlaubt – entweder an den Computer oder er nimmt ein Notizbuch zur Hand, was aufs gleiche hinausläuft, nämlich aufs Schreiben. Er nutzt die ein, zwei Stunden, in denen der innere Zensor noch nicht auf der Höhe ist – der ist nämlich kein Frühaufsteher – , schamlos aus, indem er munter drauflos schreibt, ohne sich um Originalität, Stil oder was auch immer zu kümmern; er lässt sich gehen, wobei er den Tiefen seines Unterbewusstsein so manches entlockt, was ihm der innere Zensor sonst niemals durchgehen lassen würde. Erst dann checkt er die News, die in diesen Tagen natürlich vor allem von der Ausbreitung des Corona-Virus handeln, geht ins Bad, duscht, frühstückt, trödelt noch ein wenig herum, liest vielleicht auch noch etwas, bevor er dann sein festes Schuhwerk schnürt – Hydro Seal von The North Face, auf die er schwört – und zu einem von zwei Tagesmärschen ansetzt.
Einen Plan hat er dabei nicht. Er geht immer der Nase nach, wohin der Wind ihn weht, so lange ihn die Füße tragen, mal als erstes zum Hasselbachplatz, mal direkt an die Elbe, mal die Otto-von-Guericke-Straße, in der er wohnt, in die andere Richtung, jeden Tag neu. Dabei fällt ihm so mancherlei auf: wieviel Fleisch den Menschen in Magdeburg angeboten wird, wie viele Eisdielen es gibt, ein pinkfarbener Aufkleber an einem Strommasten in der Benediktinerstraße mit der Aufschrift „Liebe für alle“, ein Geschäft am Hasselbachplatz, das mit dem Spruch wirbt „Wir machen auch ihre Muschi glatt“, sein eigener Schatten auf dem Trottoir. Unterwegs trinkt der Stadtschreiber irgendwo einen Kaffee und zieht ein Buch aus der Tasche, in dem er ein paar Seiten liest, in diesen Tagen „Irreführung der Behörden“ von Jurek Becker. Dann zieht er weiter, meist schon mit einer Idee für seinen Blog im Kopf. So nach zwei, drei Stunden ist er dann wieder zu Hause, wo er erst mal zur Entspannung eine halbe Serienfolge guckt, gerade eine aus der letzten Staffel von „Homeland“. Dann kocht er sich was, und da er ein Freund des Mittagsschlafes ist, legt er sich hin. Zwischen all dem hat er natürlich mit seinen Liebsten kommuniziert, zumeist auf WhatsApp. Wenn er wieder aufgestanden ist, spricht er auch mit ihnen, mit der Allerliebsten via Skype, mit den Eltern und Geschwistern am Telefon, mit den Freunden sowohl als auch, aber das erst am Abend. Denn jetzt muss er mal stadtschreiben, das heißt, die Ideen, die ihm auf seinem langen Marsch gekommen sind – der Stadtschreiber ist kein Spaziergänger, eher ein Marschierender – auf ihre Gültigkeit hin prüfen. Das geht dann nicht mehr ganz so flüssig wie am Morgen, weil inzwischen längst der innere Zensor aufgewacht und um diese Tageszeit so richtig auf der Höhe ist. Lieblingsspruch des inneren Zensor: Wasn das wieder fürn Scheiß! Oder: wen interessiert denn das! Oder: Das hat doch XY schon viel besser gesagt! Mit den Jahren wird seinem Geschwätz aber immer weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Beziehungsweise die Aufmerksamkeit bleibt, aber die Neigung, den Anweisungen des inneren Zensors Folge zu leisten, die nimmt doch erkennbar ab. Ist der Stadtschreiber erschöpft, gönnt er sich die zweite Serienfolge. Dann macht er sich sein Abendbrot, zumeist einen Salat. Bevor er entweder zu seinem zweiten, diesmal aber nur ein- bis anderthalbstündigen Tagesmarsch aufbricht, der ihn aber eher auf vertrautes Terrain führt, oder aber erst einen Freund anruft, in jedem Fall aber tut er beides. Oder sagen wir: so hat er es in diesen letzten Tagen gehalten. Denn der Stadtschreiber kennt bisher noch wenig Leute in der Stadt, er ist ja erst seit einer Woche da, und kaum hat er die ersten kennengelernt, kam auch schon das Virus bzw. die Maßnahmen dagegen, so dass die Leute schon wieder verschwunden waren, wie auch der Stadtschreiber selber für die Leute verschwunden war. Und vielleicht kam dem Stadtschreiber auch deswegen heute eine Idee. Wie wäre es, wenn er in Zeiten von Corona mal was für die Leute täte, und zwar die älteren, besonders verwundbaren? Was Unstadtschreiberisches? Wie zum Beispiel einkaufen gehen? Oder ihren Hund ausführen, denn schließlich hat er da, wo er wohnt und wo er jetzt nicht hin kann, nämlich in Istanbul, auch einen Hund. Er meint das ernst. Und hofft, das vielleicht genau so jemand diesen Eintrag liest. Dann hätte der Stadtschreiber nämlich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Und das ist in diesen Tagen von Corona schon eine ganze Menge.

Tribute to Bernd Wagner

Vielleicht sind die schönsten Zeilen über Magdeburg ja schon geschrieben worden, von einem meiner Vorgänger etwa, dem ersten Magdeburger Stadtschreiber überhaupt, nämlich Bernd Wagner. Ich finde sie in einem Buch, das mir Norbert Pohlmann vom Forum Gestaltung zum Einstand geschenkt hat und das seitdem auf meinem Nachttisch liegt, „Die Straße kräht Coqui“: „Magdeburg liegt an der Elbe wie ein langes Schiff, das an ihrem Ufer festgemacht hat. Der Dom ist der steinerne Anker, der verhindert, dass die Stadt mit dem Strom forttreibt.“ Dem will ich für heute nichts mehr hinzufügen.

 

Rein in die Leere

Rein in die Leere

Einige Gedanken zum Motto der Magdeburger Bewerbung für den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“
In den östlichen Weisheitslehren ist die Leere ein durchweg positiv besetzter Begriff. Im Tao Te King von Laotse aus dem 4. Jahrhundert vor Christus heißt es: „Schaffe Leere bis zum Höchsten.“ Denn „leer ist der unermeßliche Schoß aller Dinge.“ Auch der große Mystiker Meister Eckhart wusste: „Was empfangen will, muss zuvor leer sein.“ Und sogar der gottlose Bertolt Brecht schrieb: „Geh ich zeitig in die Leere/Komm ich aus der Leere voll.“

Dem gegenüber steht das westliche Verständnis von Leere, das mir bereits meine Großmutter im Alter von sechs Jahren vermittelte, als sie über unsre geschwätzige Nachbarin sagte: „Nur eine leere Dose klappert.“ Leere muss demnach gefüllt werden, möglichst mit Sinn und Gehalt, mit etwas Bedeutungsvollem und Nachhaltigem, gerne auch Spektakulären. Leere also als ein Mangel, ein Defizit, das es zu beheben gilt.

Doch so leer ist Magdeburg ja nicht. Erst recht nicht, wenn man wie ich, anno 2001 bis 2004, aus der noch leereren Altmark ein- bis zweimal im Monat in die Landeshauptstadt reiste, auf der Suche nach der Fülle, die Magdeburg zu bieten hatte. Das begann schon mit einem kräftigen Aufatmen beim Ausstieg aus dem Regionalzug am Hauptbahnhof. Endlich Stadt. Dabei kam ich aus Stendal, einer Provinzstadt, mag sein, von deren Bahnhof aber Züge in gleich drei europäische Metropolen abfuhren, und zwar direkt: Amsterdam, Krakau und Berlin. Nach Berlin fuhren an nahezu jedem probenfreien Tag die jungen Kolleginnen und Kollegen des Landestheaters, an dem ich damals engagiert war, und zwar in der Regel umsonst. Stendal war der letzte Halt vor Berlin, und oftmals hatten die Schaffnerinnen bzw. Schaffner so kurz vor Dienstschluss keine Lust mehr zu kontrollieren, und wenn man sich zudem noch schlafend stellte, konnte man fast sicher sein, die knapp fünfzehn Euro Fahrtgeld gespart zu haben, besonders für einen mit einem Anfängervertrag ausgestatteten Schauspieler kein ganz unwesentlicher Betrag, den man in der Hauptstadt im Handumdrehen wieder investieren konnte.
Mir jedoch war Berlin zu groß und zu voll. Ich hatte es schon damals gerne etwas ruhiger und leerer. Nicht so leer freilich wie Stendal oder Tangermünde, wohin ich auch so manches Mal ausbüchste, wenn mir sogar Stendal zu voll war. Da kam mir Magdeburg gerade gelegen. Im Regionalzug von Stendal nach Magdeburg konnte man nicht schwarz fahren, ich hätte es auch gar nicht gewollt. Ich zahlte gerne für die beschauliche Fahrt über die Dörfer, die gerade mal so lange dauerte wie die Halbzeit eines Fußballspiels, seit jeher die Zeitspanne, in der sich bei mir so etwas wie konzentrierte Aufmerksamkeit messen lässt. Man könnte also sagen, dass ich perfekt eingestimmt war auf Magdeburg, als ich am Hauptbahnhof ausstieg.
Das Aufatmen erwähnte ich bereits. Es verdankte sich der Fülle, nicht der Leere Magdeburgs. Oder vielmehr der Leere Stendals, die jetzt von der Fülle Magdeburgs abgelöst wurde. Der Polarität also. Stendal war Yin, Magdeburg Yang. Bereits auf dem Weg vom Hauptbahnhof in die Innenstadt passierte man ein Kino, und zwar ein Cinemax. Heute, da ich die Beschaulichkeit eines Capitol, Rex oder Odeon genannten Programmkinos weit mehr zu schätzen weiß als die seelenlosen und austauschbaren Mulitplex-Säle mit ihren elektrisch verstellbaren Luxus-Ledersesseln und ihrer dröhnenden Soundtechnik, würdige ich das Cinemax keines Blickes mehr, damals brauchte ich nur an eine „Ice-Age“-Vorstellung in den Stendaler Uppstall-Kinos zu denken, und bog gleich links ab, um zu sehen, welche Abendvorstellung im Magedburger Cinemax sich mit dem letzten Zug zurück in die Altmark verbinden ließ.
Mein zweiter Weg führte mich dann in die Erich-Weinert-Buchhandlung. Hier gab es nicht nur die üblichen Bestseller oder regionalen Kochbücher à la „Von Kühen, Kirchen und Klapperstorchen“, sondern echte Literatur, Gedichte- und Essaybände, Reihen wie die edition Suhrkamp oder die Friedenauer Presse. Wenn ich mich dort durch die Neuerscheinungen gelesen hatte, dann war es meistens schon zu spät fürs Kino oder Theater. Das gab es ja auch noch, nämlich in Form der Freien Kammerspiele. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich dort nur ein- oder zweimal zu Besuch war. Wobei: welcher Koch geht schon gerne an seinem freien Abend in einem Restaurant essen?
War es Frühling, Sommer oder auch noch Herbst, so führte mich mein nächster und letzter Weg zwangsläufig zur Elbe. Die floss zwar auch durch die Altmark, aber hier brauchte man nur den Kopf zu drehen, und man sah vom Fluss aus den Dom und konnte sich, wenn man wollte, wie in Köln fühlen. Aber ich wollte nicht. Magdeburg war mir in solchen Momenten genug. Ich hätte an keinem anderen Ort der Welt sein wollen. Zumal wenn ich am nächsten Morgen wieder pünktlich auf der Probe zu erscheinen hatte.

Das alles ist jetzt viele Jahre her, fast zwanzig um genau zu sein. Und in all dieser Zeit bin ich vielleicht nur zwei- oder dreimal zurück nach Magdeburg gekommen, meistens auf der Rückfahrt von meiner westfälischen Heimat nach Berlin, wo ich inzwischen, trotz oder gerade wegen seiner Fülle, lebte. Doch irgendwie funkte es nicht mehr so richtig zwischen Magdeburg und mir. Sollte sich die Anziehung, die Magdeburg auf mich gehabt hatte, etwa einzig der Abstoßung durch Stendal verdankt haben?
Womit ich wieder beim Anfang dieser Überlegungen angelangt wäre, beim Yin- und Yang Prinzip des Daoismus. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben, die Leere nicht ohne die Fülle und die Fülle erst recht nicht ohne die Leere, der sie sich überhaupt erst verdankt. Mit anderen Worten: alles geht aus dem Nichts hervor. Was mich zu der Frage führt, ob Magdeburg nicht an seinen Grundfesten rüttelt, ja, mit seiner Existenz spielt, wenn es raus aus der Leere will.

Als ich im Dezember zur Unterzeichnung meines Stipendiumsvertrages nach vielen Jahren wieder zurück nach Magdeburg kam, atmete ich erneut auf. Am Bahnhof, beim Gang durch die Stadt, auf der Suche nach den Gästewohnungen, von denen ich eine ab März beziehen würde. Aber diesmal war es nicht die Fülle, sondern die Leere, die mich aufatmen ließ und die natürlich wiederum eine relative war, kam ich doch gerade aus Istanbul, einer Stadt mit mehr Einwohnern als das Bundesland Nordrhein-Westfalen und ebenfalls einmal Kulturhaupstadt Europas, nämlich 2010. Überall, wo sich mir jetzt in Magdeburg die Aussicht auf eine unbebaute Fläche, eine Leerstelle bot, kehrte ich ein, unter freiem Himmel stehend, ins Weite blickend. Ich begrüßte die Leere geradezu und machte sie an diesem Tag zum Leitmotiv meines Stipendiumaufenthaltes, in Umwandlung des Mottos für die Bewerbung Magdeburgs zur Kulturhaupstadt Europas „Rein in die Leere“. Ich spürte, dass ich mit leichtem Gepäck kommen wollte im Frühling, mit einem, höchstens zwei Manuskripten, dass es etwas dauern würde, bis ich Familie und Freunde nach Magdeburg einlüde, dass ich mir die Zeit in dieser Stadt nicht vollstopfen wollte.

Ich weiß, hier spricht ein Gast, kein Bewohner der Stadt, und ich kann mir gut vorstellen, dass jemand, der seit vielen Jahren hier lebt, nichts als raus aus der Leere möchte und diese Überlegungen als romantische Luftblasen abtut, noch dazu geäußert von einem Vertreter jener Zunft, die Verklärung nicht selten zur Tugend erklärt, einem Schriftsteller eben. Aber als solcher bin ich ausdrücklich hierher gebeten worden und darf sagen, dass ich mich für den Posten des Stadtschreibers in Leipzig etwa, wenn es denn dort einen gäbe, nicht beworben hätte. Und das hat nichts damit zu tun, dass ich in der Stadt einmal studiert habe und sie allenfalls ein bisschen kenne.
Magdeburg muss kein zweites Leipzig, keine sogenannte Boomtown werden aus meiner Sicht, okay, sie könnte wieder eine eine Zweit-, wenn nicht gar Erstligafußballmannschaft haben, gerne sogar, und an den Zugverbindungen sollte man auch etwas drehen. Dafür hat Magdeburg aber, was viele Städte nicht haben, auch solche nicht, die vermeintlich „boomen“, vielleicht weil gerade sie denken, sie bräuchten so etwas nicht, nämlich einen Stadtschreiber. Und wenn ich es richtig verstanden habe, dann verdankt sich dieses Amt überhaupt erst der Bewerbung Magdeburgs für den Titel „Kulturhaupstadt Europas“, was mich hoffen lässt, dass auf dem Weg raus aus der Leere ein Blick von außen ausdrücklich gefragt ist.
Lassen Sie mich also in den nächsten Monaten in der ewigen Polarität von Yin und Yang nicht nur für das Yang, sondern auch für das Yin zuständig sein. Lassen Sie mich auch von den vermeintlichen Leerstellen dieser Stadt erzählen, von den Orten, an denen sie Luft zum Atmen, Raum zum Innehalten und damit letztlich auch die Möglichkeit zum Schreiben lässt. Möge dann am Ende aus meinen bescheidenen Einlassungen eine Fülle entstehen, die mit dazu beiträgt, dass Magdeburg seinem großen Ziel einen kleinen Schritt näher kommt.

Mein Abschied 30.09.2019

Der letzte, aus meiner Stadtschreiberwohnung erlebte Sonnenaufgang. Es hat sich viel getan in den letzten Monaten – als ich kam konnte ich von hier aus noch auf die Türme der Johanniskirche blicken.

Gleich wird mir das Internet in meiner Stadtschreiberwohnung abgestellt. Heute ist nun definitiv
mein letzter Tag im Amt. Meine Amts-Zeit hier fand in einem für mich höchstemotionalen Fest —
meinem Lesemarathonfest ihren Ausklang und wird heute Abend im Literaturhaus beendet.
Eine, der aus meinem Roman ausgelösten Geschichten:
Aufbruch im Schnee, (beginnend im Bett einer in die Jahre gekommenen Ehe )
werde ich gemeinsam mit meinem Mann dort lesen.

Zur Abschiedslesung im Literaturhaus mussten noch Stühle hinzugestellt werden. Das hatte ich bei einer meiner Lesungen noch nie. Ein feiner Schluss.

Ich wurde auch dort wieder auf meine zur Magdeburger Kulturnacht gehaltene Rede angesprochen. Gerade Frauen sagen mir , ich habe ihnen aus der Seele gesprochen – dabei verteidigte ich doch den Mann und beschrieb meine Beobachtung, dass da manchmal mit gleicher Münze zurück gezahlt wird, was den Frauen in den letzten Jahrhunderten oder Jahrtausenden angetan wurde und wir Gefahr laufen, verunsicherte Männer heranzuziehen , die uns gegenüber mit einem imaginären Filter im Hirn herumlaufen ja alles korrekt zu machen. Wo bleibt unser Humor? Wir sollen nicht eng und spiessig werden, Galanterie nicht mit Bevormundung oder gar Übergriffigkeit verwechseln. Sollen neben der Buntheit der Geselldchaft unser Leuchten nicht vergessen …

Ich möchte mich bedanken:
Danken den besonderen Menschen, die ich hier treffen, kennenlernen durfte und die ich sicher
weiter auf meinen Lebensweg mitnehmen werde. Mittel oder unmittelbar waren sie alle an meinem
Lesefest im Forum Gestaltung beteiligt … ob im Vorbereiten, im Mitlesen oder Zuhören.
Beginnen möchte ich mit Gabi Brusche, die mir geduldig geholfen hat aus dem Pagesprogramm
meines IPads die Zeilen und Fotos für den Stadtschreiberblog in grafisch ansprechender Weise
ins Netz und ihre eigenen professionellen Aufnahmen zur Verfügung zu stellen. Ihr verdanke ich
auch den Entwurf zum Plakat und den Flyer zur Lesung! Spricht für sich – denke ich.

Ihr – Gabi Brusche verdanke ich nicht nur die Gestaltung von Plakat und Flyern zum Lesefest – sie war es auch, die meinen Blog betreute, mein Geschriebenes in eine ansehnliche Form brachte. Danke Gabi

 

01.10.2019
Meinen Auszug, -ich war eben wirklich eingezogen in diese Stadt Magdeburg! – habe ich völlig
unterschätzt. Er zog sich über den gesamten letzten Tag bis hin zur Abschlusslesung im
Literaturhaus, vor dem unser randvoller Berlingo 18.20 Uhr zum Stehen kam, es noch ein kurzes
Interview mit dem mdr geben sollte und ich vom Kulturbüro verabschiedet wurde. Meinen
Schlüssel gab ich nun wieder in die Hände von Anne-Juliane, die ihn weiterleitet, bis es den
nächsten noch zu wählenden Stadtschreiber geben wird.
Impressionen zum Höhepunkt meines Magdeburger Aufenthalts überlasse ich wieder Gabi
Brusche in meinen Blog zu stellen. Sie hat wie immer großartige Fotos gemacht. Ich war nicht
fähig, zitterte zu sehr vor Aufregung und innerer Anspannung. Seinen eigenen Text von so
wunderbaren Lesern vorgelesen zu bekommen, ist wohl auch einzigartig.
Eine besondere Überraschung und selbstverständlich auch Ehre war es für mich: den
Bürgermeister Dr.Trümper eine durchaus heikle Szene aus meinem Manuskript so souverän
lesend zu erleben. In diesem, in Magdeburg spielenden Kapitel, onaniert nämlich der
Icherzählende Protagonist meines Romans. Es gehört Mut dazu, so etwas laut vor Publikum zu
lesen!

Dr. Ltuz Trümper, Foto Gabriele Brusche

 

Meine Hochachtung Herr Dr. Trümper, ! ! ! .
Und dann las aus dem Abschnitt, der in Halle spielt Rainer Robra, der Minister für Kultur Sachsen Anhalts.

Rainer Robra, Foto Gabriele Brusche

 

Ich werde nie vergessen, wie er das Schnarchen der alkoholisierten Nina in meinem Roman
imitierte. Danke Danke Danke .

Michael Günther und Helmut Herdt, Foto Gabriele Brusche

 

Selbstverständlich Danke ich auch allen anderen Kollegen, die da auf ihre Kosten zu mir angereist
sind und großartig gelesen haben, was ja nicht ohne entsprechende Vorbereitungen ging, also mit
kostbarer Lebens-Zeit verbunden war, die sie mir und meinem Romanmanuskript schenkten.
Michael Günther, der für sein Kapitel: ‚Mein Aufbruch‘ Helmut Herdt einen im Vorlesen
‚Nichtprofi’ an seiner Seite hatte, überraschte mich sogar mit einer kleinen feinen Inszenierung
dieses Abschnitts, für den beide intensiv geprobt haben mussten, denn es klappte perfekt.
Danke Danke Danke!
Danke Luise für Ihre Koch und Backkünste — eigentlich hätte sie, die den Schauspielerberuf
anstrebt, mit lesen müssen – aber es gab keine zu lesende Frauenfigur mehr für sie.

Norbert Pohlmann, Foto Gabriele Brusche

 

Danke — auch wenn ich mich wiederhole Norbert Pohlmann für seine spontane Bereitschaft,
dieses Fest zu gestalten, sein Mitlesen und überhaupt diesen Ort, wo ich mich dank seiner
positiven Energie so aufgehoben und gemeint fühlte.

Bettina Schneider und Wolfgang Engel, Foto Gabriele Brusche

 

Martin Reik, Foto Gabriele Brusche

 

Matthias Brenner, Foto Gabriele Brusche

 

Ulrike Krumbiegel, Foto Gabriele Brusche

 

Till Schmidt, Foto Gabriele Brusche

 

Marian Kindermann, Foto Gabriele Brusche

 

Friederike Walther, Foto Gabriele Brusche

 

Herbert Beesten, Foto Gabriele Brusche

 

Oliver Breite, Foto Gabriele Brusche

 

Am Schluss danke ich der Elbe und denen, die sie nicht gebändigt haben, danke ich dem
Magdeburg, was ich tief im Herzen behalte , wahrscheinlich schon in meiner DNA hatte und also
habe. Ich werde immer wieder kommen: am 05.09. schon lese ich mittags im Rathaus zum dortigen Fest.
Auf immer Wiedersehen !!!

und noch mehr Vorleser

Norbert Pohlmann
Er gehört für mich zu dem, was ich an Zugewinn von Magdeburg mitnehmen werde. Der Visionär
und Macher … Leiter ‚Vernetzer’ oder ,Zusammenführer’, Menschenverbinder, – die
Bezeichnungen müssen erst noch: „dudenreifen“ aber stimmen alle – und wenn ich mich für eine
entscheiden soll, so stünde für Norbert Pohlmann wohl besonders: Der Ermöglicher!
Der Ermöglicher für viele, für Kunst, Kultur das ‚Forum Gestaltung‘ und für Menschen und ihre
(künstlerischen) Lebenswege.

Norbert Pohlmann, Foto © Jens Wolf

„Ja, machen wir… , kein Problem… kriegen wir hin…!“
Das sind Aussagen die mir mit seiner Stimme im Gedächtnis bleiben werden!
Er hat es geschafft, dass auch ein Peter Warwerzinek, – einer meiner ‚ruhmreichen‘ Vorgänger,
immer wieder gern nach Magdeburg zurückkehrt. Am 9. Oktober reist Peter Warwerzinek sogar
aus Rom ins Forum an, wo er derzeit in der Villa Massimo mit einem Stipendium geehrt wird.
Ja, Norbert Pohlmann zieht Leute an und ich bin sicher, auch nach dem 28/29. September wird es
weitere geben, die allein wegen seiner Gastfreundschaft und Strahlkraft bereichert aus
Magdeburg nach Hause fahren und gern wieder kommen wollen.
Norbert Pohlmann habe ich von meiner Antrittslesung an im Forum auch immer wieder frei
sprechen hören, das kann nicht jeder — sollte vielleicht in seiner Position als Quasi – Intendant
einer Kultureinrichtungen selbstverständlich sein – ist es aber nicht!!! Dass ihm dazu noch eine
Stimme gegeben wurde, der man gern zuhört, veranlasste mich, ihn zu bitten, lesend einen Part
aus meinem Roman zu übernehmen. Ich wählte das Kapitel:
Magdeburg!

Er wird es nicht allein bestreiten, teilt es sich mit Dr. Trümper dem Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg, den ich auch als einen Redner bestaunen konnte – leidenschaftlich seine Stadt verinnerlichend – so beschrieb ich sein aus dem Herzen kommendes freies Sprechen … Ich kann nun mal nur beurteilen — wie das gesprochene Wort mit dem Sprechenden übereinstimmt … das hat etwas mit meinen beiden Berufen zu tun und klar, dass ich mich vom Oberbürgermeister habe beeindrucken lassen und dass er nun auch noch mit seinem Mitwirken am 29. ein Zeichen setzt: Entschuldigung … wie sollte ich nicht fürderhin angetan sein?

Also am 29.09.19 etwa gegen 14.30 Uhr Norbert Pohlmann und Dr. Trümper mit dem Kapitel Magdeburg

Auf Magdeburg folgt ein Part der in Halle spielt … aber bitte, bitte nicht als konkurrierende Stadt .
Ich finde das gegeneinander aufrechnen zum Gähnen kontraproduktiv und: von gestern. Wenn
wir das im kleinen nicht schaffen, dieses Auseinanderdividieren zulassen, wie soll es dann im
Grossen klappen? Und so liest der
Kulturminister von Sachsen – Anhalt Rainer Robra
einige Seiten, die in Halle spielen.
Ich fühle mich geehrt! Ein großes Zeichen! Danke Herr Minister, das ist aktive Kulturförderung!
An seiner Seite erwarte ich meinen Kollegen:

Martin Reik.
Eigentlich dreht er gerade am Bodensee, eigentlich hat er Studenten zu betreuen, eigentlich ist da
soviel – auch Vorstellungen in Halle sind für ihn zu spielen – dennoch er kommt und wird lesen.
Martin Reik. Er war auch ein paar Spielzeiten in Magdeburg und er ist ein sehr musikalischer
Schauspieler, an der Oper in Halle spielt und singt er zur Zeit in der ‚Dreigroschenoper‘ den
MacHeat. Er hat eine eigene Band, kann aber auch ganze Abende allein bestreiten, indem er sich
singend am Klavier begleitet. Am Sonntag wird er uns in den Pausen einige Kostproben schenken
und am Abend, nachdem die letzten Sätze gelesen wurden, freue ich mich, dass er mit seiner
Kunst dazu beitragen wird, das Ganze zum festlichen Abschluss zu bringen – auch Matthias
Brenner wird mit ihm gemeinsam singen.
Martin Reik liest am Sonntag den Part Halle nach Norbert Pohlmann, Dr. Trümper , Dr. Robra
Etwa in der Stunde ab 14.30 Uhr

Noch mehr Vorleser…

Michael Günther- Bard
Ich habe ihn kennengelernt in „Olvenstedt probiert‘s‘ und war verwundert und bin es noch, wieso
wir uns nicht schon viel, viel eher begegnet sind … dafür, steht für mich fest, ich werde ihn nicht
mehr aus meinem Leben lassen… diesen herzerwärmenden Berserker der Schauspielkunst tief,
voller Humor und Menschenliebe. Er schenkt Magdeburg nicht nur sich und seine Kunst, er hat
auch die Kammerspiele Magdeburg Kult e.V. mitgegründet und leitet sie, weil er eben auch
Magdeburg nicht lassen kann … er ist seiner Wege gegangen, spielte an Staatstheatern in der
alten BRD und in der Schweiz aber aus Liebe zu Magdeburg, zog es ihn an dies Stück Elbe
zurück, was ihm mit seinen Menschen , seinem Publikum Heimat geworden ist.

Michael Günther- Bard, Foto © Jens Wolf

Ich freue mich sehr, dass er den zweiten Lesetag, den Sonntag eröffnen wird.
Er liest am: 29.90.19 um 12.00 Uhr das Kapitel: Mein Aufbruch

Bettina Schneider ist Bühnenschauspielerin und seit der Intendanz von Matthias Brenner festes Ensemblemitglied vom Neuen Theater Halle, wo ich sie in vielen berührenden Rollen erleben durfte.
In „Einer flog übers Kuckucksnest“ spielten wir sogar zusammen — viel zu kurz und viel zu wenig,
denn auch sie ist ein besonderer Mensch — wie wohl alle , die an dem Lesewochenende mit ihren
Stimmen dabei sein werden. In der Geschichte Patrizia und die zwei Zeiten liest Bettina Schneider den Part der Patrizia, die im Gespräch mit einem alten Mann in einer Seniorenunterkunft ist.

Bettina Schneider

Sie kommt zur Lesung extra aus Halle angereist, wo sie am Abend davor auf der Bühne stehen musste und am gleichen Abend noch ihre Studenten, die sie als Schauspieldozentin unterrichtet, wieder in Halle zu begleiten hat. Ich bin ihr sehr dankbar, dass sie sich trotz Stress zum Lesen bereit erklärt hat, was sicher auch damit zu tun hat, dass sie gemeinsam mit der Theaterlegende
Wolfgang Engel lesen wird.
29.09.19 etwa um 12.40 Uhr Patrizia und die zwei Zeiten (mit Bettina Schneider und Wolfgang Engel)

Wolfgang Engel kenne ich am längsten von allen Mitlesenden. Einst war ich für ihn die erste Studentin seines ersten Szenenstudiums als Dozent an der Ostberliner Schauspielschule. Ich probierte bei ihm die Iphigenie. Wolfgang Engel war Schauspieler, Regisseur, Oberspielleiter und Intendant. Schon zu DDR Zeiten wurde er für seine Inszenierungen über die Grenzen hinaus geachtet und geehrt. Als er die Intendanz des Leipziger Schauspiels Mitte der 90er Jahre übernahm, holte er auch mich in sein Ensemble.
Er ist verheiratet mit dem Schauspieler Martin Reik, der auch eine Zeit zum Magdeburger
Schauspielensemble gehörte und jetzt in Halle Theater spielt.

Martin Reik