Back to the roots

Dies sind die ersten Zeilen meines Stadtschreiberblogs, die ich nicht in Magdeburg schreibe. Sondern dort, wo alles begann. Na ja, nicht ganz. Der genau Ort ist eine Etage tiefer, in meinem alten Zimmer, das heute von meinem Vater genutzt wird. Dort, wo vor mehr als vierzig Jahren der Schreibtisch stand, an dem meine ersten Texte entstanden sind, thront heute sein Sekretär; wo sich einst meine Bücher stauten, hat er sein Nervennahrungsdepot aus Katjes, Studentenfutter und Toffifee. Und wo einmal Charles Bukowski mit einer Bierflasche in der Hand an der Wand hing, lächelt einem heute meine Mutter entgegen, die überhaupt keinen Alkohol trinkt.

  Doch auch von hier oben, dem früheren Zimmer meiner Schwester, wo ich jetzt sitze und schreibe, hat man einen Blick auf den Sportplatz der DJK Spielvereinigung Mellrich, meinem Heimatverein. Von hier beziehungsweise meinem alten Zimmer eine Etage tiefer  aus habe ich an manchen Sonntagen, wenn ich mal wieder was ausgefressen hatte und nicht auf den Sportplatz durfte, die Spiele der ersten Herrenmannschaft kommentiert. Meine ersten – sagen wir mal etwas gewagt: künstlerischen Verlautbarungen. Meine Vorbilder waren Jochen Hageleit, Armin Hauffe, Werner Hansch und Heribert Faßbender, die ich allesamt aus der von Kurt Brumme moderierten WDR-2-Sendung „Sport und Musik“ kannte. Rundfunkreporter also, keine Schriftsteller. Bis ich mich traute, über Fußball zu schreiben, das dauerte. Mindestens zwanzig Jahre. Da las ich dann „Fever Pitch“ von Nick Hornby und dachte: Das darf man? Im Namen der Literatur über Fußball schreiben?

  Man durfte noch nicht, zumindest nicht in Deutschland. „Damit können Sie vielleicht in Kolumbien oder einem anderen südamerikanischen Land reüssieren“, schrieb mir ein Lektor eines großen deutschen Theaterverlags zurück, nachdem ich ihm mein Stück „Golden foul“ geschickt hatte, in dem es um einen der legendärsten Platzverweise der Fußballgeschichte ging: den von David Beckham im WM-Achtelfinale 1998 gegen Argentinien, als er den heutigen Trainer von Atlético Madrid, Diego Simone, in die Wade trat und Englands Hoffnungen auf einen zweiten WM-Titel nach 1966 zerschellten. Und der große Tankred Dorst ließ den kleinen Jörg Menke-Peitzmeyer kurz darauf nicht an der Göttinger Dramatikerwerkstatt teilnehmen, weil er genau dieses Thema nicht „gewichtig“ genug fand. 

  Die Zeiten änderten sich erst, als Deutschland den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bekam. Plötzlich wollten alle Theater was zum Thema Fußball machen. Und ich konnte liefern, aus der prallgefüllten Schublade, ein Stück nach dem andern, über Abstiegskämpfe, Fußballfans und Nachwuchsspieler. Bis hin zu einem Spieler des FC. Magdeburg, der am 22. Juni 1974 um 21:04 im Hamburger Volksparkstadion Fußballgeschichte schrieb: Jürgen Sparwasser.

  Der Kreis schließt sich also. Ich sitze an meinem Geburtsort als Schriftsteller – ein Wort, mit dem ich übrigens noch immer so meine Schwierigkeiten habe – und schreibe über Fußball. Über Sparwasser. Beziehungsweise über einen kleinen Jungen, der den großen Sparwasser kennenlernen möchte. Dieser kleine Junge bin ich und bin ich auch nicht, wie das eben so ist in der Literatur: noch die wildeste Phantasie wurzelt im wahren Leben. Zumindest die Plattform, die Startbahn teilen wir, der kleine Junge und ich. Sie ist genau hier. Beziehungsweise eine Etage tiefer. Mit dem Blick auf den Sportplatz.

Heute vor 46 Jahren

Um ein Haar hätte ich vergessen, welcher Tag heute ist. Und was heute vor genau sechsundvierzig Jahren um 21 Uhr 03 im Hamburger Volksparkstadion passiert ist. Muss ich noch mehr sagen? Ich kann auch gar nicht mehr sagen. Wo ich um diese Zeit war, steht schon an anderer Stelle in diesem Blog. Ich war der Zeit voraus, zumindest während meiner Magdeburger Stadtschreiberschaft. Und so denke ich an den Mann, für den sich an diesem Tag mehr verändert hat als für die beiden deutschen Staaten. Oder will jemand ernsthaft behaupten, der 22. Juni 1974 habe eine Wende in der Beziehung der beiden deutschen Staaten eingeleitet? Letztlich ist dieser Tag nur eine Fußnote in den Geschichtsbüchern. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass das, was der Geschichte nur eine Fußnote wert ist, für andere Schicksal geworden ist. „Wenn man auf meinen Grabstein eines Tages nur ‚Hamburg 74‘ schreibt, weiß jeder, wer darunter liegt“, hat der Mann gesagt, für den sich an diesem Tag sein ganzes Leben verändert hat. Möge es ihm gut gehen, an diesem und an allen anderen Tagen.

Rein in die Leere 10

Ich hatte in den vergangenen beiden Wochen gleich zweimal Besuch: erst kam ein kanadischer Freund für einen Sonntag mit seinem 900-Euro-Rad aus Berlin rüber, dann ein alter Schulfreund gleich fürs ganze Pfingstwochenende mit seinem handgemachten 5000-Euro Rad aus NRW. Und so geschah es, dass ich, der ich im übrigen hier in Magdeburg über ein dreigängiges Damenrad mit Einkaufskorb verfüge, ihnen die Stadt zeigte. Der Einäugige lehrte die Blinden das Sehen. Beziehungsweise der mit dem Drahtesel fuhr den Edeltretern voraus.
Was auch immer dabei herauskam – ich sage nur Dom und Hassel, Buckau und Stadtfeld, Mückenwirt und Treibgut, Riesenrad und Gierfähre, Alte und quasi Neue Elbe -, es löste Begeisterung aus. Nicht nur Erstaunen, so nach dem Motto „Ach, das hätte ich jetzt aber nicht gedacht“, Verblüffung („Donnerwetter!“) oder Verwunderung („Meine Güte!“), nein, regelrechte Begeisterung. Der Kanadier bedauerte, kein Autor zu sein, denn sonst hätte er sich umgehend für die Stadtschreiberschaft im nächsten Jahr beworben, und der Westfale ließ sich beim Sonnenuntergang auf der Zollbrücke zu den Worten „Alter Schwede!“ hinreißen; wer um die legendäre Zurückhaltung der Westfalen in Sachen Gefühlsäußerung weiß, wird diesen schieren Begeisterungstaumel entsprechend zu würdigen wissen. Und beide wollen sie im übrigen wiederkommen, so lange ich noch der Schreiber dieser wunderbaren Stadt bin.
Und das Seltsame daran ist: es hat mich nicht mal gewundert. Im Gegenteil, ich hatte sie bereits am Telefon mit den Worten „Es wird dir gefallen“ eingestimmt; da ich ebenfalls Westfale bin, könnte man auch behaupten, ich hätte gesagt: Es wird der schiere Wahnsinn!
Natürlich kenne ich die beiden seit Jahren bzw. Jahrzehnten, weiß also, was in der Lage ist, ihre Seelen zu erwärmen. Dann hatte ich in den vergangenen drei Corona-Monaten selbst Gelegenheit genug, mich von den zahlreichen Vorzügen Magdeburgs zu überzeugen. Aber mal ehrlich: war ich dabei wirklich immer so begeistert wie die beiden Freunde? Okay, es ist was anderes, ob man an einem Samstag im Corona-Monat April zu einer Elbwanderung aufbricht oder nach Ablauf der Quarantäne im Juni sich mit einem 5000-Euro-Rad ins Getümmel der Pfingstausflügler stürzt, aber rechtfertigt das allein das Gefühlsdefizit? Denn schließlich bin ich hier der Dichter, also der schon von Berufswegen zu Oden, Hymnen und Anbetungen Verpflichtete.
Damit wir uns hier nicht mißverstehen: ich mag Magdeburg. (Mit dem Wort „lieben“ geht unsereins vorsichtig um, fragen Sie mal meine Frau.) Ich bin gerne hier. Mir gefällt es. Und ich weiß schon jetzt, dass der Abschied mich wehmütig machen wird. Aber mit den Gefühlsausbrüchen meiner beiden Freunde kann ich auf Anhieb nicht mithalten. Hätten meine beiden Freunde mich damit beauftragt, schon mal den Wohnungsmarkt für sie zu sondieren, es hätte mich auch nicht gewundert. Eine Zweitwohnung an der Elbe, zumindest der mit dem 5000-Euro-Rad könnte sie sich leisten. Und was den Kanadier angeht, der hat immerhin ein Haus am Wannsee.
Was ich mit all dem sagen will – inzwischen eine beliebte Wendung in meinen Texten, denn schließlich schreibe ich sonst keinen Blog, tue dies also ausdrücklich für meine Lese*rinnen -: Magdeburg ist eine Stadt, die Begeisterung auslösen kann. Halten wir das mal ganz deutlich fest. Auch oder vielleicht gerade bei Westdeutschen. Selbstverständlich ist Magdeburg auch der haushohe Favorit meiner beiden Freunde auf den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“. Denn die anderen Städte kennen sie natürlich, Hildesheim, Hannover und Nürnberg, und, man höre und staune, sogar Chemnitz. Aber kein Vergleich mit Magdeburg.
Ich gebe zu, dass das, was meine beiden Freunde vor allem an Magdeburg begeistert hat, die Elbauen sind. Aber das tut der Sache keinen Abbruch. Denn was wäre Istanbul ohne den Bosporus, Köln ohne seinen Dom, Hamburg ohne seinen Hafen? Und so wie die Kölner neben dem Dom auch noch den Rhein haben, haben die Magdeburger neben der Elbe den Dom. Und da muss sich der Hamburger Michel schon gewaltig strecken, um da mithalten zu können.
Erst jetzt, während ich dies schreibe, fällt mir auf, dass meine beiden Freunde meinem zentralen Bezugspunkt zu Magdeburg so gar keine Bedeutung geschenkt wurde, nämlich der Leere. Ich vergaß sie, und meinen Freunden fiel sie möglicherweise gar nicht auf. Hätte ich ihnen gesagt, dass sie im Zentrum der Magdeburger Bewerbung für den Titel „Kulturhauptstadt Europas 2025“ stehe, sie hätten mich vermutlich gar nicht verstanden. „Wie Leere? Was soll denn hier leer sein? Selbst der Himmel ist voller Wolken.“ Wecken wir also keine schlafenden Hunde. Lassen wir Magdeburg sein, wie es ist. Unterschätzt, ja, oft genug buchstäblich links liegen gelassen auf dem Weg nach Berlin, aber jederzeit bereit, Begeisterung auszulösen. Und das bei Menschen, die schon viel rumgekommen sind, mit Fahrrädern, die soviel kosten wie Gebrauchtwagen. Aber das heißt eben auch – und damit wäre ich doch wieder bei meinem Lieblingsthema – : lassen wir Magdeburg ruhig in der Leere verweilen. Denn vielleicht (und meiner Ansicht nach sogar ganz sicher) ist diese Leere die wahre Fülle.

Die Sonne und ich

Allerspätestens ab Juni geht die Sonne vor mir auf. Heute sogar eine knappe halbe Stunde. Will sagen, die Sonne ist um 4:53 aufgegangen, ich erst um 5:21. Dafür ist die Sonne aber gestern Abend auch schon eine Stunde früher untergegangen als ich, nämlich um 21: 33. Wir brauchen also beide ungefähr gleich viel Schlaf, die Sonne und ich.
Dafür scheine ich schneller als die Sonne. Viel schneller. Während die Sonne erst so langsam aufzieht, sitze ich schon gleich um 5:38 am Schreibtisch und schreibe an meinem Blog. Dafür bin ich dann auch mittags, wenn die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hat, so um 13:21 schon längst verglüht. Beziehungsweise leiste ich mir dann meistens eine kleine Sonnenfinsternis, auch Mittagsschlaf genannt.
Jetzt, um 5:41, schauen wir uns gegenseitig beim Aufgehen zu. Die Sonne scheint zwar noch nicht, aber sie lässt immerhin ihr Licht auf meine Computertasten fallen. Während ich meinen Blick auf sie fallen lassen, wie sie so langsam hinterm Hotel Ratswaage aufzieht. Mir fällt ein Lied von Udo Jürgens ein, „Die Sonne und du.“ Klar, dass ich sowas als Sonnenanbeter in meiner I-Tunes-Mediathek habe. Für Udo Jürgens ist der Sommer schon vorbei („Das war ein Super-Sommer, in jedem Augenblick.“), während meiner noch gar nicht begonnen hat. Doch in einem Punkt muss ich ihm recht geben: „Und wenn mich heute einer fragt, wie definierst du Glück, dann brauch ich gar nicht lang zu überlegen: Die Sonne, die Sonne und du, uhuhuhu, gehören dazu, huhuhu.“ Du ist gerade ziemlich weit weg. Aber für mich tun es auch die Sonne und ich. Sie aufgehen zu sehen am Morgen, ist wirklich, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Geschenk des Himmels. Und einer der vielen, vielen Gründe, warum es sich zu leben lohnt.
Es ist jetzt 05:48. Zeit für einen Kaffee. Ich würde der Sonne ja auch gerne einen einschenken, damit sie etwas in die Gänge kommt, aber aus jahrzehntelanger Erfahrung weiß ich, dass sie keinen Kaffee zu sich nimmt. Keinen Kaffee und auch sonst nichts. Aber das ist ihre Sache. Ich brauche jetzt mein Quantum Koffein. Damit ich weiter scheine. Und über dem, was ich nach dem Frühstück schreibe, erst so richtig aufgehe.

P.S. 6:03. Die Sonne hat sich verzogen. Ob ihr nicht gefallen hat, was ich geschrieben habe?

Angela Merkel

Ich weiß noch, wie meine Patentante Waltraud, Oberstudienrätin a.D., voller Verachtung zu meinem Vater sagte: „Die Merkel? Die stellt doch nichts dar.“

Es muss Anfang der Nullerjahre gewesen sein, Helmut Kohl war gerade über die Parteispendenaffäre gestolpert, die nächste Bundestagswahl stand ins Haus, und man unterhielt sich am Rande einer Familienfeier über den bestmöglichen Kanzlerkandidaten der Union. Stoiber war zu ungelenk, verhaspelte sich ständig oder nuschelte, Volker Rühe war zu dröge und außerdem ein Gewährsmann Kohls, dessen Zeit auch in meiner rückwärts gewandten Familie abgelaufen war, Schäuble saß im Rollstuhl, Jürgen Rüttgers war eine rheinländische Kopie Stoibers und Christian Wulff einfach noch zu jung. Und Angela Merkel, wie gesagt, stellte nichts dar.

  Denn darum geht es in meiner Familie bis heute: ob einer was darstellt. Was hermacht. Sich sehen lassen kann zumindest. Egal, ob er korrupt ist, möglicherweise ausländerfeindlich oder das Arbeitslosengeld kürzt. Hauptsache, er stellt was dar. Ach ja, und von der Union muss er natürlich auch sein. Das ist sogar das Allerwichtigste. Nur so ist es zu erklären, dass Tante Waltraud 2005 dann doch Angela Merkel gewählt hat. Und mein Vater es bis heute tut. Eine Frau aus dem Osten, die ihren Badeanzug zum Trocknen auf den Balkon hängt und zum Wandern in die Berge geht. Aber das hatte Helmut Kohl ja auch schon getan; das mit dem Wandern natürlich nur.

  Als meine Mutter meinen Vater kennenlernte, hatte ihr Vater nur eine einzige Frage: „Ist er katholisch?“ – „Ja“, antwortete meine Mutter. Und damit war alles klar. Nun ist Angela Merkel evangelisch, aber das sei ihr verziehen, schließlich war ihr Vater Pfarrer. Und vor allem ist die CDU noch immer katholisch, zumindest in Westfalen, wo meine Eltern leben.

  Und so haben sie über die Jahre ihren Frieden mit Angela Merkel gemacht. Meine Mutter schimpft manchmal über ihre Kostüme, auch diese komische Merkel-Raute gefällt ihr nicht, und mein Vater meint, nun sei es aber langsam auch mal genug. Ihr gemeinsamer Favorit auf die Merkel-Nachfolge ist übrigens Friedrich Merz. Der stellt was dar. Egal, ob er als Millionär den sozial Schwachen ans Leder will oder die letzten Jahre kein politisches Amt hatte, auch als langer Lulatsch macht er immer noch mehr her als der kleine pummelige Türken-Armin aus Aachen, über den schon seine Frau sagte: Hab halt nichts Besseres gefunden.

  Und selbst ich, der Angela Merkel nie gewählt hat, kann ihrem Politikstil in der Zwischenzeit etwas abgewinnen, vor allem vor dem Hintergrund von selbstverliebten Autokraten, unberechenbaren Selbstdarstellern oder vollmundigen Eintagsfliegen. Die Frau ist unaufgeregt, zäh und gibt einem nicht das Gefühl, sie würde die Hand aufhalten.

  Warum ich das alles aufschreibe? Weil mir in Magdeburg und Umgebung, seitdem ich hier bin, ein regelrechter Merkel-Hass entgegenschlägt. Es scheint nicht zu genügen, ihre Politik abzulehnen, sich einfach nur frisches Blut an der Spitze des Landes zu wünschen oder auch nur mehr Führung und Emotion, nein, man muss sie auch noch hassen. Mir ist dieser Merkel-Hass an den unterschiedlichsten Orten entgegengeschlagen: bei Behördengängen genauso wie auf Demos gegen Corona-Beschränkungen auf dem Alten Markt, in Gesprächen mit Pensionswirten, Friseuren und Gemüsehändlern. Wenn ich Freunden und Bekannten davon erzähle und wir gemeinsam nach den Ursachen forschen, dann landen wir immer wieder bei der sogenannten „Flüchtlingskrise“ von 2015. Aber ich will mich damit nicht zufrieden geben. Schröder hat Hartz-IV eingeführt und wurde trotzdem nicht gehasst. Empörung, Wut, Entsetzen in den eigenen Reihen, bis hin zur Abspaltung, zur Gründung der Linkspartei, das ja, aber Hass? Helmut Kohl hat man mal mit Eiern beworfen, vor dem Stadthaus in Halle, aber ich war dabei, als er in Leipzig ein letztes Mal Wahlkampf führte, eine Weihestunde, der Atem der Geschichte wehte über den Marktplatz, als die Nationalhymne gesungen wurde und die Deutschland-Fahnen geradezu andächtig im frühen Herbstwind wehten; kein Vergleich mit dem sachlichen Auftritt von Gerhard Schröder ein paar Wochen zuvor auf dem Hallenser Marktplatz, der übrigens nur spärlich besucht war, während Kohl noch immer die Massen anzog. Woher also diese persönliche Konturierung, wenn es um Merkel geht, dieser human factor, den ich vor allem im Osten und in den Monaten meiner Stadtschreiberschaft so oft in Magdeburg spüre? Warum dieses Gefühl, hier werde Politik geradezu persönlich verübelt? Etwa doch, weil sie eine von hier ist, weil sie den Osten verraten, gar vergessen hat, wo sie herkommt? 

  So sitze ich auf einem Rätsel, von dem ich gar nicht weiß, ob ich es lösen möchte. Vielleicht weht mich die Antwort ja noch an, auf meinen Streifzügen durch die Stadt, die mir den Jahren der Merkelschen Kanzlerschaft – 2004 war ich zuletzt hier, da war sie noch nicht mal im Amt – jedenfalls nicht verloren zu haben scheint.

Rein in die Leere 9

Jeden Morgen und jeden Abend um sieben, wenn ich mich für eine halbe Stunde auf ein Meditationskissen vor die weiß gestrichene Wand meiner Stadtschreiberwohnung setze, höre ich sie, die Wagen der Straßenbahnlinien 1,2,4, 8, 9 und 10. Wenn mein Geist sich mal wieder in Fantasien über eine Auferstehung meines gerade verstorbenen Katers Osman verliert oder von einer Stadtschreiberschaft ohne Corona träumt, dann sind sie es, die mich zurück in die Wirklichkeit holen: ohne Kater und mit Corona, auf dem nackten Boden der Tatsachen, der in meiner Stadtschreiberwohnung aus Holz ist. Andere Zen-Schüler mögen auf ihren Atem hören, ich höre auf die Wagen der Linien 1,2,4,8 und 9.

  Am Anfang habe ich immer gedacht, sie bögen um die Ecke, warum sonst sollten sie so ächzen und stöhnen. Dann habe ich von meiner gigantischen Dachterrasse aus gesehen, dass die Wagen sich immer dann anhören, als würden sie ächzen und stöhnen, wenn zwei Bahnen nebeneinander herfahren. Ich dachte auch, sie seien viel näher, in der Ernst-Reuter-Straße und nicht auf dem Breiten Weg. 

  Auch nachts, wenn ich nicht gleich einschlafen kann, schicken sie ihre akustischen Grüße herauf in meinen 9. Stock, und das erste, was ich höre, wenn ich morgens aufwache, ist ihr bronchiales Ächzen und Stöhnen. Sie sind die Taktmesser meiner Magdeburger Stadtschreiberschaft, der Soundtrack meiner Quarantäne. An ihnen zerschellen in schöner Regelmäßigkeit meine Träume von einem Ende der Pandemie. Wobei sie ja auch weiter fahren werden, wenn das alles vorbei ist.

  Warum ich meditiere, werde ich manchmal gefragt, wenn ich mich dazu hinreißen lasse, überhaupt zu erzählen, dass ich das tue. Man könne doch auch anders entspannen oder inneren Frieden finde, als immer nur auf eine Wand zu starren. Ich verstumme dann meistens, will nicht zu pathetisch werden und von der „großen Angelegenheit von Leben und Tod“ reden, wie das der große Zen-Meister Yoko Daishi getan hat. Lieber will ich das nächste Mal von den Wagen der Straßenbahnlinien 1,2,4,8 und 9 erzählen, wie sie den Breiten Weg in Magdeburg entlang fahren und dabei so ächzen und stöhnen, als hätten sie es mit den Bronchien. Denn um ihretwegen meditiere ich. Damit ich höre, was ich höre. Immer und immer wieder. 

  Inzwischen höre ich die Magdeburger Straßenbahnen sogar auch, wenn ich sie eigentlich gar nicht höre. Ihr Ächzen und Stöhnen ist zu einer Art Tinnitus geworden, ein Beleg dafür, dass meine Magdeburger Stadtschreiberschaft in Zeiten von Corona in einer Art Fiktion abzugleiten droht. Dagegen hilft nur eins. Schreiben. Schreiben und meditieren.

Titelseiten

20. Mai 2020

BND-Abhörpraxis verstößt gegen das Grundgesetz

titelt die seriöse FAZ gewohnt sachlich

Urteil gegen BND

die sonst auch schon mal spielerische SÜDDEUTSCHE

und sogar Springers WELT listet kurz und knapp auf

Was der BND nicht darf

Das allerdings weiß dafür die MAGDEBURGER VOLKSSTIMME genau

ganz oben rechts neben einem Foto vom Herrentag mit Deutschlandfahne

BND darf auch keine Ausländer abhören

Honi soit qui mal i pense

etwa

Nicht mal die

oder

Ja was darf der denn überhaupt

Wozu haben wir dann einen BND

und in diesen altvertrauten Tönen

Rein in die Leere 8

Vor ein paar Tagen war der Aufzug in dem Haus, in dem ich zur Zeit wohne, kaputt. Dachte ich jedenfalls. Denn wie ich kurz darauf in einem von einer Hausbewohnerin im wieder funktionierenden Aufzug an die Wand gehefteten Schreiben las, hatte offenbar jemand bloß alle Knöpfe gedrückt, ohne dann einzusteigen, und den Aufzug auf die Weise blockiert.

So weit, so gut. Ich verstehe die Empörung, den Ärger, schließlich ist es ein ziemlicher Kasten, in dem ich wohne, neun Stockwerke hoch, und wer die Stufen bis ganz nach oben laufen muss, so wie ich übrigens, dem kann das schon mal die Laune vermiesen. Aber muss man deswegen denjenigen, der das gemacht hat, gleich entmenschlichen und als „Knopfdrückersau“ bezeichnen, und das gleich zweimal? Muss man mit den Worten „Zusammen finden wir dich!“ zur Jagd auf den Übeltäter blasen? So geschehen nämlich im besagten, selbstverständlich anonym gehaltenen Schreiben, unter der seltsam steif anmutenden Überschrift „Missbrauch der Aufzugsanlagen zur Personenförderung“. Und was folgt als nächstes? Einkasernieren? An die Wand stellen und…?

Es ist in den letzten Jahren viel von der Verrohung der Sprache als Voraussetzung von Gewalt gesprochen wurden, und mir scheint, als liefere besagtes Schreiben ein furchterregend perfektes Beispiel dafür. Eine Mischung aus Amtsdeutsch und Primitivität, aus Bürokratie und Brutalität. (Klingelt da was?) Ein Neologismus zudem, „Knopfdrückersau“, der auch noch ausdrücklich in der Überschrift angekündigt wird, wenn auch in Klammern. So schwer es auch fällt, ich muss es noch einmal zitieren: „Achtung: Missbrauch der Aufzugsanlagen zur Personenförderung (Täter/in im folgenden als „Knopfdrückersau“ bezeichnet). 

Wer sowas schreibt, schreibt nicht im Affekt. Er kennt sich aus. Er kalkuliert. Würde er sonst seine Beschimpfungen in Anführungsstriche setzen? Wer sowas schreibt, weiß, was er tut.

Mich empört und ängstigt dergleichen mehr als die eigentliche Aktion, die hier beklagt wird. Früher hätte man gesagt: ein dummer Jungenstreich. Eine Unverschämtheit. Ich könnte mir auch vorstellen, so jemanden, wenn ich ihn auf frischer Tat ertappte, als Arschloch zu bezeichnen (ohne Anführungsstriche.) Aber „Knopfdrückersau“? Und „Zusammen finden wir dich“? 

Als ich gestern Abend mit dem Aufzug hochfuhr, habe ich „Knopfdrückersau“ auf dem Zettel durchgestrichen. Ein Stadtschreiber, der nicht schreibt, sondern durchstreicht. „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“

Rein in die Leere 7

Welcher Ort könnte leerer sein als ein russischer Soldatenfriedhof ein paar Tage nach dem 8. Mai 2020. So leicht wird man ihrer nicht mehr gedenken, der gefallenen russischen Soldaten, in Magdeburg nicht und anderswo auch nicht. Und so bin mal wieder der einzige, der zwischen Gräbern herumstreunt, an diesem trüben Montagnachmittag zwischen fünf und sechs Uhr.
Mein Großvater hätte hier liegen können, wenn seine Geschichte anders verlaufen wäre, wenn seine Mutter nach dem frühen Tod seines Vaters nicht wieder geheiratet hätte, einen deutschen Eisenbahner, beheimatet im westfälischen Soest. Er selber, mein Großvater, 1910 in Minsk geboren, wäre prädestiniert gewesen, gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu kämpfen. Stattdessen hat er für sie gekämpft, gekämpft, na ja, er hatte es mit den Augen, und so konnte er die Front mit der Schreibstube vertauschen. Aber er versah ihn, wie auch immer, seinen Dienst am Vaterland, das nicht seines war, ganz im Gegenteil.
Mein Großvater war Jude, Enkel eines Rabbiners aus einem kleinen Ort südöstlich von Babrujsk an der Bjaresina. Das Dritte Reich hat er unter dem Damoklesschwert der Mischehe verbracht, die seine Mutter 1923 eingegangen war. Er hat nie darüber gesprochen.
Die Männer, denen auf den Grabsteinen gedacht wird, sind überwiegend jünger als mein Großvater. Majore, Offiziere, Leutnante, ums Leben gekommen „bei der Erfüllung der Dienstpflicht“, wie mir eine Freundin via WhatsApp übersetzt. Später lese ich, dass der Friedhof auch als Grabstätte für die Angehörigen der Sowjetarmee genutzt wurde, die während ihres Dienstes in der DDR verstarben.
Vor der zentrale Gedenktafel liegen Blumen und Kränze. Die Linke war hier, die Regionalgruppe „Aufstehen“ Magdeburg, Vertreter der Landesregierung. Ich komme mit leeren Händen. Schließlich war mein Besuch nicht geplant, ich wollte bloß ein bisschen spazieren gehen im Nordpark nach einem langen Tag am Schreibtisch, ich hatte ja keine Ahnung, dass sich dort der Ehrenfriedhof der gefallenen Sowjetkämpfer befindet. Aber was weiß man schon von tieferen Ahnungen. Ich hatte auch schon mal eine Autopanne in Remscheid-Lüttringhausen, und während ich darauf wartete, dass der gerissene Zahnriemen in einer Werkstatt ausgetauscht wurde, trank ich einen Kaffee in der Caféteria eines Krankenhauses. Wochen später erfuhr ich, dass es dasselbe Krankenhaus war, in dem mein anderer Großvater siebzig Jahre zuvor gestorben war.
Als ich wieder in den eigentlichen Park zurückkehren will, kommt doch noch jemand auf den Friedhof. Ein junges Pärchen. Die Frau im roten Mantel hat Blumen dabei. Ich will schon auf sie zugehen und sie in ein Gespräch verwickeln, da fällt mir ein, dass Abstand halten das Gebot der Stunde ist. Und der Einfall stoppt nicht nur meine Schritte, er lähmt auch meine Zunge. Dabei hätte ich zu gerne gewusst, wer sie sind und was sie, so jung noch, hierher führt. All die ungestellten Fragen, die nicht geführten Gespräche, die nicht stattgefundenen Begegnungen und die nicht geschriebenen Texte in Zeiten von Corona.
Im Park ist es dann wieder voller. Kinder enteilen ihren Eltern, Jogger drehen ihre Runden, Halbwüchsige brechen feixend alle Abstandsregeln. In Gedanken bin ich aber noch auf dem Friedhof, beziehungsweise bei dem Bild, das am Wochenende aus Moskau in alle Welt transportiert wurde: der einsame Putin im Regen an der Kremlmauer, in der Hand eine rote Rose. Es war das erste Mal, dass ich ihn irgendwie traurig sah, und ich fragte mich, ob es wegen der siebenundzwanzig Millionen toten russischen Soldaten war oder weil er so allein war, ausgerechnet an diesem Tag. Gestern hätte ich noch gesagt, wegen der Soldaten, jetzt, wo auch das junge Paar zum Ausgang geht und der Friedhof wieder genau so verlassen daliegt wie vor meinem Besuch, bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Rein in die Leere 6

Der 1. Mai ist kein Tag für Friedhofsbesuche. Wobei ich nicht wissen möchte, wie viele der Toten, die hier auf dem Buckauer Friedhof liegen, sich totgearbeitet haben, in der Stadt des Schwermaschinenbaus. Warum also ihnen nicht mal einen Besuch abstatten. Zu den Toten muss man ja auch nicht auf Abstand gehen in diesen Tagen.
Dabei fällt mir etwas ganz anderes auf, als ich meine erste Runde mit dem Fahrrad über den Friedhof drehe. Wie viel Platz hier ist. Als beherberge der Buckauer Friedhof weniger seine alten Toten, sondern warte vielmehr auf neue. Oder als hätten emsige Friedhofsgärtner vor Wochen schon mal Platz geschaffen für die zu erwartenden Corona-Toten. Wie zur Strafe für solche unseligen Gedanken fängt es auf einmal an zu regnen.
Ich bin nicht der einzige Besucher an diesem späten Nachmittag. Wobei ein junges Pärchen den Friedhof nur als Durchgangsstation zu gebrauchen scheint. Während eine Frau mitten im Regen die Blumen auf einem Grab gießt. So als würde sie dem Klima, das es nach Wochen endlich mal wieder regnen lässt, nicht so recht trauen.
Ich bin erstens katholisch und komme zweitens vom Land. Da sind Friedhöfe bisweilen eine wuchtige Angelegenheit, zumindest in Westfalen. Riesige Familiengrüfte mit blank polierten Doppelsteinen oder spaltrau gebrannten Felsen und den Namen von Toten über Generationen hinweg, von Frank und Anja über Herbert und Adelheid bis hin zu Friedrich-Wilhelm und Franziska. Dazu alle paar Meter ein kunstvoll geschnitzter Corpus, damit ja kein Zweifel entsteht, dass der Tod noch immer eine Sache der Kirche ist.
Der Buckauer Friedhof dagegen ist eine ziemlich unchristliche Angelegenheit. Die Grabsteine, die darauf hindeuten, dass hier gute Christenmenschen begraben liegen, sind längst verwittert, die Grüfte ungepflegt, ja wie aufgegeben; es dominieren die bunten Blumen auf den Urnengräbern. Dafür entdecke ich erfreulich wenige Stätten, auf denen die Angehörigen ihren Gefühlen in Form von Maskottchen, Spielzeug-Harley Davidsons für verstorbene Rocker oder Miniaturgitarren für jemanden, der zu Lebzeiten Mitglied einer Tanzcombo war, freien Lauf gelassen haben. Alles schon gesehen.
Ich drehe noch eine Runde, dann suche ich mir eine Bank, nehme mein Handy und schaue mir ein paar Fotos von meinem Kater an, der vor zwei Tagen vom Balkon meiner Istanbuler Wohnung gefallen und anschließend gestorben ist. Vielleicht ist das ja der tiefere Grund für meinen Friedhofsbesuch ausgerechnet am ersten Mai. Auch er hat ein Grab bekommen, auf einem der wenigen Grünstreifen in meinem Viertel. Und auf einmal fühle ich mich gefangen wie nie zuvor in diesen Corona-Zeiten, weit weg von dem Ort, an dem ich inzwischen zu Hause bin. Dabei ist er so trügerisch nah. Auf der Rückfahrt entdecke ich direkt neben dem Friedhof einen Sultan-Grill.