V Von vereinten Kochtöpfen und dem Wissen, dass wir alle voneinander lernen.

Wegen meines Dokumentarfilms »Arbeit statt Almosen«, der in Magdeburg bis 20. Juni im virtuellen Kinosaal des Moritzhofs läuft, trete ich mit Journalist*innen in Österreich sowie in Deutschland in Kontakt. Von einer von ihnen erhalte ich auf meine finalen ›Grüße aus Magdeburg‹ die erstaunliche Antwort, dass ihre »wunderbare Großmutter«, lange schon verstorben, aus Magdeburg stamme, ihre Mutter noch ebenda zur Welt gekommen sei, während sie als waschechte Oberösterreicherin lange schon in Linz lebe – sie hoffe, mich mit diesen Zeilen nicht allzu sehr mit Privatem belangt zu haben. So entschuldigte sie sich für die zwei, drei Erinnerungen an ihre Ahnin, die sie in ihrer e-Mail vermerkt hatte.

›Ganz im Gegenteil‹, lautete meine Antwort. Denn das interessiere mich … 

Ihre Zeilen waren mir Grund genug den wohlbekannte Spieß umzudrehen und ausnahmsweise sie um ein Interview zu bitten, der »wunderbaren Großmutter« wegen. Solch ein Zufall sollte doch wohl genutzt werden, nicht?

Überraschenderweise war sie dazu bereit. Wir vereinbarten ein online-Meeting, bei dem sie mir alsdann eine Stunde lang Einblicke in ihre Erinnerungen gewährte und auch Bildmaterial zur Verfügung stellte

Die Straße, in der ihre Großmutter Ingeborg einst lebte, die wisse sie heute nicht mehr mit Sicherheit zu benennen, aber selbst in den Jahren in Österreich sei Magdeburg immer als Sehnsuchtsort präsent geblieben: ein Synonym für eine wundervolle Kindheit und Jugend. Eine Turmspringerin und eine ausgezeichnete Schwimmerin sei Ingeborg gewesen, die gerne davon erzählte, wie sie in der Elbe den Schiffen nachgeschwommen sei. Erstaunlich sei dies, denn später, bei ihren Enkel*innen, dominierte eher die Sorge, ein Unglück könnte geschehen.

Ingeborgs Vater sei in der heute offenbar nicht mehr existenten Lessing-Apotheke tätig gewesen, ihre Mutter war Hausfrau. Das Wohnhaus der Familie habe sich durch eine ungemein angenehme und verlässliche Hausgemeinschaft ausgezeichnet; beinahe wie eine Großfamilie lebte man miteinander, half aus, wenn es not tat, und unterstützte die anderen, wie man auch selbst von ihnen Unterstützung erfuhr. Dieser soziale Zusammenhalt sei für Ingeborg sehr prägend gewesen, und wohl auch aufgrund dieser Erfahrung, habe sie Zeit ihres Lebens immer Menschen mit offenen Armen aufgenommen, sich um andere gekümmert, sich auf sie eingelassen.

Während ihrer letzten Jahre in Magdeburg, arbeitete sie, bereits eine junge Frau, in einem feinen Geschirrgeschäft am Breiten Weg, vor dem zweiten Weltkrieg der Prachtboulevard der Stadt. In diesem Laden war es Alltag, die Kundschaft in Handschuhen zu bedienen. Auch in späteren Jahren, habe Ingeborg immer wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt, war stets sehr adrett gekleidet – selbst in jenen schweren Zeiten nach Kriegsende, als sie kaum etwas besaß und die finanziellen Verhältnisse allgemein mehr als beengt waren. Da lebte sie bereits im Ausland, im oberösterreichischen Hausruckviertel, in Attnang-Puchheim, um genau zu sein. Darüber wie sie das Unrechtsregime der Nazis empfunden habe, ob sie dagegen, dafür oder indifferent eingestellt gewesen sei, darüber hatte sich Ingeborg ihrer Enkelin gegenüber nie geäußert – und ihre Enkelin niemals nachgefragt. Erst nach dem Tod der Großmutter trat diese Lücke zutage; wie unzählige andere auch, die nie als Frage ausgesprochen worden waren, um Antwort baten; und nun nie mehr gestellt werden konnten.

Weshalb es nicht zur Thematisierung dieses Kapitels der Geschichte gekommen sei? 

Das wisse sie nicht zu sagen, antwortet mir die Enkelin.

Auch ich schweige, denke an meine Großeltern – eine ähnliche Erfahrung. Während man miteinander lebt, ist der Alltag und das eigene Sein oftmals dominant. Sie bedingen, dass man vielmals Ereignissen und Gedanken nicht auf den Grund geht, zudem die Zeit, die im Noch der Zukunft zur Verfügung steht, endlos scheint. Zerrt einem der Tod jedoch einen geliebten Menschen von der Seite, ist das Bedauern, was alles nicht gesagt, gefragt, getan und erlebt wurde, auch Teil des Abschiedsprozesses: Die Zeit hat eben nie genügt!

Eines, so die Enkelin, wisse sie auf jeden Fall mit Sicherheit zu sagen: Der Fokus der Großmutter habe die Kriegsjahre über vor allem darauf gelegen zu überleben: Irgendwie lebendig aus all dem herauskommen, nennt es die Enkelin.

Eines Tages sei sie vor den Bomben in den Schutzkeller geflohen, gemeinsam mit ihrer Schwester und deren neugeborenem Baby. Als die Detonationen endlich abebbten, alles für dieses eine Mal wieder vorbei war, hielt die Schwester einen Leichnam im Arm …

Oft habe Ingeborg davon erzählt, wie die Stadt brannte. Durch die Straßen seien sie geirrt, ihre Mutter und sie, als die Kriegswirren sie voneinander trennten. Laut hätte sie den Namen der Mutter gerufen, in der Hoffnung, sie hierdurch wiederzufinden, allem Getöse einstürzender Häuser und Feuersbrünste zum Trotz. Mitten darin, wo nichts zu sehen war, nur Rauch und Hast und Ruinen, habe sie der Mutter antwortenden Ruf gehört: ›Ingeborg, Ingeborg!‹ So hätten sie einander – ausgebombt – wiedergefunden … Manchmal nahm sie später noch ein Photo zur Hand, auf dem nichts zu sehen war, außer ein Berg Schutt, wo zuvor das Wohnhaus gestanden hatte. 

Das Er- und Überleben des Krieges jedenfalls brachte Ingeborg zu einer Überzeugung, an der sie bis an ihr Lebensende festhielt: Nie wieder Krieg! Nie wieder dürfe es zu solchem Wahnsinn kommen! Das wünsche sie ihren Enkel*innen, dass sie derartige Zeiten niemals erleben müssen. 

Während ich diese Kolumne korrigiere, denke ich an das vergangene Wochenende: Ich verbrachte den Wahlsonntag mit Magdeburger Freund*innen. Im Hintergrund lief leise die Berichterstattung zur Landtagswahl, stündlich die Hochrechnungen. Und obgleich die Aktivitätsmöglichkeiten der diesjährigen Wahlkampagnen C-bedingt begrenzt waren, größere Partei-Veranstaltungen nicht wie gewohnt stattfanden, fiel das Blau auf, nicht bloß in der Bildgestaltung. Zwei Parteien im gleichen Farbton: Für Heimat und ›Wir‹. Samt und sonders ›Freiheit‹. Der in Wahrheit kein Boden bereitet wird, nicht nur weil diese ›Freiheit‹ schwammig bleibt, denn ihr soll auch gar kein Boden gewährt werden, schließlich hat man sowieso anderes im Sinn. Solches kann man recht deutlich auf diesen Plakaten lesen, studiert man sie, setzt man sie zueinander in Bezug: Jene ›Freiheit‹, die hier gemeint wird, bedeutet in Wirklichkeit Gefangenschaft im Irrsinn der erhobenen Hand.

Der Unfähigkeit zur Reflexion wird leider kein Ende gesetzt – ebenso wenig wie in all den anderen Nationen, die weiter und weiter nach rechts gleiten. Wir, in Österreich, können ja gleichfalls ein elendes Lied davon singen …

Man wolle, tönte man in Sachsen-Anhalt, stärkste Partei im Land werden. Nun, am Ende dieses Wahlsonntags stand fest, das gelang nicht. Aber ›beruhigend‹ würde ich es trotzdem keineswegs nennen, wenn jeder 5. das Außen im Extrem gewählt hat.

Die Stimmung meiner Magdeburger Freund*innen und meine eigene blieb und bleibt gedrückt; die Analyse, welche Jahrgänge sich für deren ewig-gestrige Botschaften, für deren Angsthetze begeistern, stimmt kaum optimistischer.  (Vgl.: https://www.tagesspiegel.de/wissen/maennlich-mittleren-alters-aus-der-mittelschicht-ein-politikforscher-erklaert-wer-die-afd-waehler-in-sachsen-anhalt-sind/27260078.html)

Nie wieder dieser Wahnsinn, war die Lehre der Generation, die den Zweiten Weltkrieg überlebte. Sie wussten, wovon sie sprachen. Und wir, ein Menschenleben später, sind drauf und dran, weltweit zu riskieren, dass zurückkehrt, wovon sie sprachen. Weil wir zu lahmarschig sind, zu sehr mit Alltagstrallala und -kleinkram beschäftigt, um uns um die entscheidenden Fragen zu kümmern. Ich nehme mich da selbst auch gar nicht aus … Zu matt und zu erschlagen oft, um tagtäglich diese Erde nicht zugrunde zu richten, um Widerstand zu leisten, um ein anderes Leben zu erdenken. Kommen wir jedoch nicht bald in die Gänge, dann dürfen wir uns wahrlich nicht wundern, wenn wir die Zukunft verspielen. Solche Reflexionen beherrschen das Gespräch, an jenem Sonntag. Eine mehr als bloß gedämpfte Stimmung macht sich breit, zieht sich in die nachfolgenden Tage …

Nie wieder solcher Wahnsinn, dem seien die nächste Generationen vor, die damit heranwuchsen. Erzählte Ingeborg ihrer Enkelin von den Kriegsjahren, so geschah dies stets ungemein fesselnd, weshalb ›der Krieg‹ für ihre Enkelin einst, als Kind, zu einer spannenden Geschichte wurde, die weit, weit zurück lag, vorerst unwirklich wie eine Erzählung aus dem Märchenbuch oder der Sagenwelt. Heute, als Erwachsene erklärt sie sich dieses Phänomen dadurch, dass es für Nachgeborene unbegreiflich sei, dass ein Mensch solche Schrecken erlebe. Schon gar nicht sei es zu begreifen, dass es die eigene Großmutter war, die solches überlebte, auch weil zwischen der Erzählung der 1940er-Jahre und jenem ›Jetzt‹ in den 1980er Jahren eine derartige Diskrepanz bestand, ein gänzlich anderer Alltag in anderer Welt, der sich einem zuhörenden Kind ohne Hintergrundwissen entzog.

Während der letzten Kriegsjahre verliebte sich Ingeborg. Eine Heirat in Kriegsarmut. Ein erstes Kind, eine Tochter. Doch der Mann stammte nicht aus Magdeburg, sondern aus heutigem Oberösterreich. Deshalb verließ Ingeborg am 21. Oktober 1946 die Stadt mit ihrer kleinen Tochter. Es war einer der letzten Züge, die noch Flüchtlinge transportierten. Bis zum 6. Dezember dauerte diese Fahrt, für die heute gerade mal sechs Stunden benötigt werden! Wiederholt wurden die Waggons auf Nebengleisen abgestellt, tagelang warteten die Menschen auf die Weiterfahrt. Kalt sei es gewesen, erzählte Ingeborg später, erschreckend kalt, und wie froh sei sie gewesen, dass ihre kleine Tochter, erst ein paar Monate alt, während dieser ewig nicht enden wollenden Fahrt so ungemein brav gewesen sei. Nicht auszudenken, wie schwierig dieses Unterwegssein sich hätte gestalten können, wäre die Kleine krank geworden oder hätte sie auch bloß den dicht gedrängten Waggon mit dauerhaftem Quängeln gefüllt …

Die ersten Jahre in der Fremde fielen Ingeborg nicht leicht – aus mehreren Gründen: Attnag-Puchheim war in den letzten Kriegstagen gleichfalls noch bombardiert worden, und wiewohl diese Erfahrung alle hätte einen können, trat eher das Gegenteil ein. Es schürte Konflikte. Als Deutsche weithin sprachlich erkennbar, schloss sich Ingeborg während jener ersten Zeit vor allem zwei ihrer Landsfrauen an, deren Bekanntschaft sie durch Zufall in Attnang-Puchheim machte und mit denen sie die Situation, neu in der Region und frisch verheiratet zu sein, ebenso teilte wie die Erfahrung eines ihr rau dünkenden Umgangstons an diesem neuen Wohnort. Hinzu kam, dass sie auch als Schwiegertochter offenbar nicht willkommen war, was den Neubeginn keineswegs leichter gemacht haben dürfte.

Der erste Unterschlupf des jungen Paares war eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung, in der es tagein, tagaus furchtbar kalt war. Alte Konservendosen dienten als Ersatz für Kochtöpfe – ein bitteres Erwachen für eine junge, gerade frisch verheiratete Frau mit einem kleinen Kind, so die Enkelin.

Zwei, drei Mal besuchte Ingeborg danach noch ihre Eltern in der DDR, doch habe es ihr jedes Mal das Herz gebrochen: Das Magdeburg, mit seiner tausendjährigen Geschichte, gab es nicht mehr, alles in Schutt und Asche. Wer darin lebt, sieht auch wie Neues entsteht. Wer jedoch nur für eine kurze Weile kommt, das ehedem gewohnte Bild noch immer konstant vor Augen, mit dem die Realität nicht mehr korrespondiert, den muss dies besonders schmerzen …

In späteren Jahren zog sie es daher vor, nicht zurückzukommen; postalisch aber blieb sie immer in Kontakt mit der alten Heimat, sandte Briefe und Pakete an Verwandte und Freunde, Strümpfe, Kaffee und was eben sonst noch benötigt wurde.

Das übliche Szenario bei geteilten Familien, mit einzelnen Mitgliedern im Westen, anderen im Osten, mir wohl vertraut in der polnischen, der kubanischen Variante, beobachtet auch an den ›Schatzis‹ im Kosovo (Siehe: »Kosovarische Korrekturen. Versuch über die Wahrheit.«). Es ist stets – für beide Seiten der geteilten Familien – eine komplexe Situation, die immer auch Konflikte und nicht zu lösende Verstrickungen mit sich bringt.

Nicht immer sei alles angekommen wie gedacht, erzählt mir die Enkelin, und dennoch habe ihre Großmutter Ingeborg daran festgehalten. In den späten 1970er Jahren seien manchmal auch Pakete aus der DDR gekommen, Bucheinbände aus Leder, eine Federschachtel, Puppenkleidung …

Wie das denn empfunden worden sei, frage ich. Diese Pakete aus der DDR?

Heute geniere sie sich manchmal, dass sie damals Geringschätzung empfand, für jene Präsente, doch habe man sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, und so sei es eben gewesen: eine Irritation, ein Nicht-Wissen, was anfangen, mit diesen eher altbackenen Geschenken, die man sich selbst wohl kaum ausgesucht hätte. Kinder können darin sehr hart sein, sagt sie und verstummt für eine Weile, bevor sie ergänzt: Einblicke in die politischen Zusammenhänge seien ihr damals noch verwehrt gewesen, viel zu verwirrend, das alles: Wie sollte man verstehen, dass neben der gewohnten und bekannten eigenen Welt noch eine weitere existiere? Mal davon abgesehen, dass ihr durchaus klar gewesen sei, auch als Kind schon, dass diese Verwandten und Freunde der Großmutter in ihrer Freiheit geknebelt waren – »und schaute man einmal ›falsch‹, hatte man nichts mehr zu lachen«, formuliert es die Enkelin.

Das Federpennal besitze sie heute noch, auch zwei Puppenpyjamas seien erhalten – und die Briefe. Vor allem die Briefe. Manchmal nehme sie diese zur Hand, und die Liebenswürdigkeit darin erstaune und berühre sie bis heute. Vielleicht, so sagt die Enkelin, sei dies ein Spezifikum der Menschen aus dem Osten: eine Liebenswürdigkeit, eine Aufrichtigkeit, eine gesunde Bescheidenheit auch; und vor allem: die Fähigkeit zum Zusammenhalt – natürlich könne man das nicht so pauschalieren, es gelte nicht für alle, aber es sei eine auffallende Tendenz. Darin hätten sie uns so manches voraus! Oder auch in der gepflegten Aussprache … Auf die hätte ihre Großmutter entschieden Wert gelegt, hätte sich sprachlich in all den Jahren in Oberösterreich nie an den anderen Ton angepasst, sondern den ihren beibehalten.

Eine Kunst, dieses Nein zur Vereinnahmung, nicht aufzugehen in dominanter Umgebung, sondern man selbst zu bleiben. Auch sprachlich.

Wie schwer das fällt, davon kann ich als österreichische Literatin ein Lied singen. Schon Karl Kraus schrieb, das Problem zwischen Deutschen und Österreichern sei die gemeinsame Sprache.

Ja, der andere Ton … er macht oft die Melodie, und an guten Tagen sammle ich die Varianten, bereichere mein Vokabular und mein Weltwissen um alle Nuancen, mögen sie aus Österreich, der Schweiz, aus Deutschland stammen; an schlechten Tagen habe ich die Nase voll und summe ein verärgertes Protestlied, gegen die oft zu Tage tretende Arroganz einer zahlenmäßigen Mehrheit, die nur aufgrund ihrer Menge zu dem Schluss kommt, dass ihre Sprachvariante nicht eine von drei existenten, lebendigen und gelebten Möglichkeiten der deutschen Hochsprache sein könne, sondern vielmehr: die einzig Wahre, die Korrekte, die Standardsprache! Weshalb alles andere zur Abweichung, zum Regelverstoß, zur Mundart erklärt wird. Aller Etymologie zum Trotz. Auf die wird einfach mal gepfiffen, ist ja nicht so wichtig, wenn die Mär doch schön klingt, nicht?

Das kann dann sogar sonderbar extremistische Tonlagen anstimmen, wie das Schreiben einer Hamburger Agentin, die ein Manuskript, dessen Inhalt in Österreich spielt, dessen Dialogtext von Österreicher*innen gesprochen wird, mit der Begründung ablehnte, vor einer Publikation müsse es ›ja erst einmal übersetzt werden‹, was das koste. Als ich mich – damals noch wahrlich naiv in Punkto Arroganz – ernsthaft erkundigte, in welche Sprache sie es denn zu übersetzen gedenke, um es einem Verlag anzubieten, wir sprächen doch von der hiesigen Verlagslandschaft, nicht wahr? Oder wolle sie es zeitgleich im fremdsprachigen Ausland platzieren? Da erhielt ich die obskure Antwort: Ins Deutsche.

Zum Totlachen. Wäre es nicht derart bedauerlich.

Das Drama beginnt aber nicht jenseits der Weißwurstgrenze, wie dieses Exempel einem suggerieren könnte! Das Drama beginnt bereits in Kärnten in den 1980er Jahren, als man sich der Anbiederung an deutsche Gäste wegen entschloss, ihnen in der Aktion einer Bäckerei »6 Brötchen« zu offerieren. Sie währt bis heute in Salzburg, wenn der Quark auf die Torte kommt, die nichts anderes als eine Topfentorte aus dem Sacher-Kochbuch ist. Das Problem bei alldem sind ja nicht bloß deutsche Deutsch Sprechende, das Problem sind vor allem auch die österreichischen Deutsch Sprechenden, die keineswegs in aller Ruhe ihre Semmel Semmel nennen, den Topfen kaltstellen und ihren Kasten souverän in ihren Wohnungen öffnen und schließen können, befinden sie sich südöstlich von Schärding/Passau; nördlich davon sollte es durchaus ein Schrank sein, wohnt die Protagonistin in Berlin oder Lübeck! Und ist sie nicht eine eben erst Zugezogene – aus Österreich. ›Duktus‹ nennt sich das im Roman – und im Alltag?

Statt ein entschiedenes Veto einzulegen, gegen sprachgeschichtliche Unwissenheit, statt einen Beitrag zur Weiterbildung der norddeutschen Sprachgenossinnen zu leisten, gefallen sich Österreicher*innen offenbar im Verschluckt-Werden durch die Mehrheit. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, wir hätten diesbezüglich einen kollektiven Minderwertigkeitskomplex: Mit Sicherheit ist alles korrekter, besser, wahrer nördlich der Weißwurstgrenze. Eine mir unverständliche Haltung, nicht nur weil sie jede Sprachhistorie ignoriert, sondern auch weil ich die Schönheit und den Reichtum der österreichischen Hochsprache und ihrer mundartlichen weiteren Sprachvarianten viel zu sehr schätze, um darauf in der Literatur verzichten zu wollen.

Eine solche Besonderheit ist zum Beispiel die sanfte Weite der Vokale, welche Nonchalance genießt und dieses Wohlgefühl auch gerne kolportiert, statt mit ausgefahrenen Ellenbogen einher zu poltern, und jeden zu puffen und zu knuffen, der zufällig des Weges kommt. Lauschen Sie Oskar Werner, wenn Sie mir nicht glauben, wie herrlich österreichisches Hochdeutsch klingen kann. Das begriff übrigens bereits meine Mutter. Kaum war der gute Herr Werner im Radio zu hören, wurde der Befehl erteilt: ›Still, Mädels, hört zu! Das ist Oskar Werner, der spricht!‹ Und standen »Das Narrenschiff« oder »Fahrenheit 451« am Fernseh-Programm führte kein anderer Film an diesen vorbei, was auch durchaus in meinem Sinn damals war.

Eine weitere Besonderheit ist der Spiegel der Geschichte, die sich in die österreichische Sprachvariante einschrieb und ihr aufgrund von ›tu felix Austria nube‹ (›du, glückliches Österreich, heirate‹) sagenhaften Sprachreichtum brachte. Österreichisches Deutsch wimmelt von ursprünglich böhmischen und jiddischen Wörtern, verweist ab und an auf das Ungarische, zwinkert dem Italienischen zu und karessiert das Französische. Wieso in aller Welt sollten wir darauf verzichten wollen? Schon mein Großvater steckte sein Portemonnaie ein, wenn er über das Trottoir zum Salon seines Bruders ging. Manchmal auch um ebenda, nach erfolgtem Haarschnitt, frappiert festzustellen, er habe – seiner Seel! – keine Moneten darin, was sein Bruder stets als Chuzpe wertete – na warte, dir werde ich es zeigen! Aber Großvaters ›Habe die Ehre!‹ war immer flinker als das Beiseite der Schere, des Kamms, der Bürste: Auf die Mischpoche war eben (kein) Verlass …

Die dritte Besonderheit aber, die dünkt mir einen tiefen Einblick in die österreichische Seele zu geben: Wir haben die Eigenheit, die Sprachschichten zu wechseln, uns da wie dort und überall zu bedienen, sodass in einem Satz in Hochdeutsch plötzlich ein umgangssprachliches Wort vorkommen darf oder in einem umgangssprachlichen Satz ein hochdeutscher Terminus hervorblitzt. Das aber hat keineswegs damit zu tun, dass wir in den Mund nehmen, was uns gerade einfällt, sondern weil jenes eine Wort – Fremdkörper hin oder her –, in jenem Satz just die gewünschte Nuancierung mit sich bringt, eine Betonung setzt, eine inhaltliche Akzentuierung vornimmt. 

Also, liebe Österreicher*innen, schreibt’s euch das hinter die Ohrwascheln, vergesst endlich das dumme Anbiedern, nehmt euch doch ein Beispiel an den Schweizer*innen und bedenkt: Wir hätten ansonsten den Ruf der gelassenen Großzügigkeit zu verlieren! Die Vertreter*innen der deutschen Sprachvariante sind nämlich durchaus ebenso lernfähig wie wir – es dauert bloß ein bisserl länger, wie nachfolgende Magdeburger Alltagsszene zeigt:

Zwei in einer Küche, eine ist damit beschäftigt ein spätes Mittagmahl zuzubereiten.

  • Soll ich dir helfen …?

(Mitten hinein gesprochen in das Rauschen des Wassers. Spülgeklapper.)

  • Magst vielleicht die Fisolen schneiden?
  • Die … Fi-?

(Suchender Blick, Ratlosigkeit.)

  • Na, die Fisolen … (Es dämmert, dass es sich nicht um ein akustisches Problem handelt. Ein bundesdeutsches Pendant mag nicht einfallen.) … dort im Sieb, die grünen Schoten, die neben dem Kasten. Sind schon gewaschen.
  • Ah. – Wie sagt ihr dazu? Fi-?
  • Fisolen. Und ihr?
  • Grüne Bohnen. Fisolen, eigentlich logisch, wie ›fagioli verdi‹ auf Italienisch … Und in Spanien?
  • … die Spanier*innen unterscheiden – ›frijoles‹ für die Bohnen an und für sich, ›judías verdes‹ für die grünen Schoten.
  • Und was sagen die Franzosen?
  • ›Haricots verts‹.
  • Hm. Nur den ›Kasten‹, den verstehe ich nicht.
  • ›Schrank‹ sagt ihr. Und wollen wir Erdäpfel dazu? Die gab es zwar gestern schon, aber …
  • Deutsche können täglich Erd-Äpfel essen.
  • Ösis auch. Beinahe.

(Langsam versteht man einander: Frohgemutes Werken für baldigen kulinarischen Genuss.)

  • Dann rühr ich schon mal den Rahm an. Moment. Den gibt es ja nicht, den Rahm. Bloß Schmand. Geht der auch? Kann man den – kochen?

(Zu diesem Zeitpunkt, unweigerlich: Irritation auf beiden Sprachseiten; wiewohl aus unterschiedlichen Gründen.)

Bevor ich nun aber in den Ruf der Dumas’schen Zeilenschinderei gerate, schließe ich diese Küchentür. Sollen die beiden diese Knochen doch allein abnagen, sie tun es sicherlich noch seitenweise. Außerdem schaut man doch keinem beim Essen auf den Mund, oder? 

Stattdessen sei deutschen Leser*innen das Abenteuer geraten, ihre Kenntnisse deutschsprachiger Sprachgeschichte und Sprache zu erweitern: Vermutlich fände sich mancher Reichtum auch für sie darin.

Nur ein Beispiel: Es ist wohl kaum einzusehen, weshalb ein Wort wie ›Jänner‹ (Erbwort zu mittelhochdeutsch ›jenner‹, entstanden aus vulgärlateinisch ›Iēnuārius‹, welches folgsam alle Lautwandelprozesse durchlief) weniger geeignet sein sollte, die Kälte des ersten Monats im Jahr einzufangen, als der gähnende ›Januar‹, der weitaus später, nämlich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auftauchte, und seither als alleiniger Herrscher einherschreiten mag …

Alle etymologischen Studien zum Trotz wissen wir aber nun noch immer nicht, was die erste Silbe in Magdeburg soll. Ich habe im Rahmen dieser Kolumne schon einmal darauf hingewiesen, dass  wer, aus dem Schriftbild kommend, sich über die Lautgestaltung dieses Ortsnamens wagt, einen Rüffel riskiert. Dieser trifft unweigerlich auch diejenige, die ganz naiv aus junger, wackerer Maid mit Siegeskranz im Stadtwappen den Schluss zieht, man habe es mit einer ›Magd‹ zu tun, weshalb die gute Frau im Anlaut-[a:] schön offen und lang tönt, je südlicher die Herkunft des Sprechenden ist, je stärker ausgeprägt die Weite des [– a: –]: Man möge ihnen die Unfähigkeit zur ›Mgd‹ lächelnd verzeihen und rufe sich in Erinnerung, der Rest der Welt übe sich noch in hiesiger Knappheit. Irgendwann werden sie es schon lernen …

Mir persönlich gefällt unter allen Bedeutungsvorschlägen zu diesem auffallenden Ortsnamen der augenzwinkernde Ansatz der Magdeburger Sprachwissenschaftlerin Ursula Föllner, die im »Magdeburger Lesebuch« schrieb:

»Bis zur endgültigen Enthüllung des wahren Ursprunges nehmen wir doch einfach an, Magdeburg war eine mächtige Hauptstadt, in der heidnische weibliche Wesen verehrt und geschützt wurden und die von einem Blütenmeer aus Kamillen umgeben war, in dem die Honigbienen fleißig umherflogen. Das ist doch eine wunderbare Vorstellung!«

Sic est! (So ist es!)

IV Von Elefanten, Teufeln und dem hohen C: Oder bis es zur Resonanzkatastrophe kommt!

Stadtschreiberin zu sein, ist in diesen Zeiten eine Herausforderung auf mehreren Ebenen. Zufällige Begegnungen und Gespräche finden kaum statt, und wenn fallen sie knapper aus, tragen stets die Sorge in sich. Ja, der Babyelefant, den man uns in Österreich einbläute, sitzt tief: Halte Abstand, immer so viel, dass mindestens ein Elefantenkind zwischen dein Gegenüber und dich passt, sonst droht Gefahr, sonst bist du selber schuld, wenn … Und im Laufe der Wochen und Monate wuchs er, wurde größer, streckte selbst den Rüssel aus, zwei Meter-Abstand, mindestens, fast schon drei. Da gedeiht kein Recherchegespräch, ist das Gegenüber ein Mensch; und kein Baum, kein Haus, keine Skulptur, die mitten in der Landschaft stehen. Es lässt sich mit diesem Ungetüm an der Hand kein Dialog ›einfach so‹ mithören, und Windböen sowie Regentage erledigen den Rest. Museen oder andere Zufluchtsorte gegen die Unbill der Witterung sind – nach wenigen Tagen offener Türen – mehrheitlich wieder versperrt.

Spaziere ich durch die Straßen der Stadt, dünkt mir manchmal, die Magdeburger*innen seien sorgloser als ich. Oder bloß gelassener, weil sie kein fish-out-of-water sind? Womöglich sehen es die Magdeburger*innen deshalb entspannter, weil ihre Region so lange kaum betroffen war – gut möglich, nicht? Sie quetschen mir jedenfalls mit beiden Händen und freundlichem Lächeln den Babyelefanten bis er zur Gummibadeente. Oft genug habe ich die Maske zu urgieren, komme mir doof vor, wenn ich die Sessel auseinander rücke, sodass zwischen uns durchaus zwei Bücherregale, würdig einer Universitätsbibliothek, passen könnten.

Haben sie – verständlicherweise! – nach eineinhalb Jahren die Schnauze voller als ich, die ja die meisten Monate davon im Allein-Sein verbrachte, die Natur vor der Tür, meine seltenen, realen Kontakte begrenzt auf 3, 4 Menschen, die sich, ihres Berufes wegen, mehrfach die Woche testen lassen mussten, wodurch jeder Dialog so begann: ›Letzter Test heute Früh, bin negativ, wir können also unseren Spaziergang machen …‹, und die Füße stapfen los, über Kies und Wiesenweg …

Das aber kann man keine Fremden fragen!, sage ich am Telefon zu meiner Tochter. Unmöglich, die Erkundigung, wie ihr letztes Testergebnis laute und – vor allem – welches Datum es trage. In manchen Wochen bringe ich es in meiner anwachsenden Elefantensorge auf 6 Mal ›negativ‹, spotte meiner, kann mir dennoch nicht helfen, während sich gleichzeitig die Sehnsucht nach Nähe in die Träume schleicht. Stehe mancher Tage neben mir und frage mich, was da vor sich geht, in mir. Erlebe ich jetzt, was andere in urbanen Räumen in den ersten Monaten durchmachten? Ist es den Medien und ihren ewig geilen Schielen nach höheren Auflagen geschuldet? Dem stetigen Tropfen, dem die österreichische Regierung uns aussetzte, und der nun aushöhlt? Ist es die Dauer? Alles im Verein miteinander? Gerade die in meinem Land erfolgte Infantilisierung der Bürger*innen fördert erschreckend, dass sich der Teufel an die Wand  malt, und wer ihn nächtelang anstarrt, den sollte es nicht wundern, wenn einem der verfluchte Babyelefant seinen Rüssel irgendwann um den Hals schlingt und ordentlich würgt – mindestens einmal täglich. 

Sorgsam entfernen die wunderbar einfühlsamen Hände der Magdeburger Osteopathin meine Halswirbelsäule von ihrem Schmerz, rücken den Atlas dorthin, wo er gehört, nehmen mir etwas Last von den Schultern. Und der junge Apotheker lächelt mich an, als ich mich für den Kauf der nächsten Großpackung zur Befeuchtung der Mundhöhle wieder einmal bei ihm einfinde. »Hartnäckig«, sage ich. Und er: Vielleicht schlage mir diese Zeit aufs Gemüt, das gehe mittlerweile vielen so, die Nachfrage nach Halspastillen sei frappierend gestiegen, und er offeriert mir einige Päckchen einer weiteren befeuchtenden Lutschtablette als kostenfreie Probe, Geschmacksrichtung diese, doch vielleicht sei mir lieber jene, schiebt sie über den Tresen und: Alles Gute, das wünsche er mir. Und ich ihm.

Freundlich sind die Magdeburger*innen, liebenswürdig gar, tauen sie erst einmal auf. Dazu bedarf es manchmal einiger Minuten. Nein, es liegt wahrhaftig nicht an ihnen, dass mich die C-Keule während der letzten April-Tage regelrecht erschlägt, ich weiß.

Es liegt an mir; und daran, dass sich die Gespräche eingeengt haben. Als gäbe es nur ein einziges Thema für den Small Talk des Kennenlernens: Die Krise und wie sie mittlerweile nerve. Ich kann und will es nicht mehr hören. Sondern leben.

Selten wird hinzugefügt: Aber bald komme der Sommer, die Hitze werde helfen. 

Seltener: Und gut sei es, dass ein jeder, der einen Laden betreten wolle, um Druckerpapier oder Hemden zu kaufen, einen negativen Test vorweisen müsse. (Ja, da schaut ihr, liebe Ösis, was? Es dauerte zwar in dieser Stadt weitaus länger bis Tests und Teststraßen verfügbar waren, aber wenn, dann gründlich, sinnvoll, konsequent; statt Panikmache und ›eh alles freiwillig‹, während Fallzahlen steigen und steigen. Es mag einen manchmal nerven, wenn am Montag Schreibpapier nötig, der Mittwoch nach T-Shirts und der Freitag nach Kuverts verlangt, man vor Treffen obendrein auch noch Zuhause zwei Tests am Dienstag und Sonntag zu machen hat, doch sinnig scheint mir dieses System weitaus mehr statt ein schauen wir mal im ›Schau auf dich, schau auf mich‹-Helmi-Infantiliserungskram.)

Noch seltener als selten wird nicht gleich zu Beginn eines zufälligen Dialogs der C-Kram bemüht, sondern gänzlich anderes zur Sprache gebracht: Meine Sprechweise – woher ich denn sei? Ach Österreich, wirklich? Wie schön! Sie liebe dieses Land, sagt mir eine Verkäuferin, während sie meine Artikel zur Immunstärkung scannt. Ginge es nach ihr, hätte sie schon vor Jahren die Koffer gepackt, um in die Alpen zu ziehen, doch leider sei ihr Mann beruflich an Magdeburg gebunden. So warte man auf die Jahre der Rente … 

Noch weiß ich nicht, wohin dieser Dialog uns führen mag, bin ein bisschen peinlich berührt, weil ich mich wahrhaftig freue, dass da eine hinter dem Plexiglas verhangenen Tresen steht, Wunder und Schönheit der Bergwelt besingt. Ich stapfe in Gedanken die geliebte Rax hoch, denke an den Schneeberg und das Mariazellerland, welches ich ihr sogleich zur Erkundigung empfehle, Sommer wie Winter herrlich: Ja, lieber rede ich über das Erklimmen solcher Gipfel, denn über die C-Krisen. Wandere erzählend hinauf; und Skifahren, langlaufen – ich; laufen – sie. Berglaufen, um genau zu sein, darauf bereite sie sich nämlich derzeit gerade vor, habe absurderweise jedoch im Flachland zu trainieren, weil alles andere eben unmöglich sei: Wo solle sie denn in Magdeburg einen Berg herbekommen?

Stimmt. Ist ja flache Weite, wie im heimatlichen Weinviertel.

Ich denke an das ›Grüne Monster‹, auf das ich von meinem Schreibtisch aus täglich blicke. Ein Hügel, nichts als ein Hügel ist es, begrünt, und mit irgendeiner Technik bestückt, die manchmal im Abendlicht diesem grüne Rücken, der gut zu einem Nilpferd passen würde, eine strahlende Aura verleiht: als hätte das Monster einen Heiligenschein. Wer weiß zu sagen, was es ist und hängt die Definition seines Seins nicht immer vom Auge des Betrachtenden ab?

Noch habe ich es nicht erklommen, aber der Mai wird Sonnentage bringen, regenfrei. In wenigen Tagen, fährt die Verkäuferin fort,  hätte sie an den Start gehen sollen, beim Reißkofellauf in den Gailtaler Alpen, aber heute Früh habe sie die Nachricht erhalten: Er sei verschoben – schon sind wir wieder beim Thema. Ich verziehe unter meiner Maske das Gesicht, als bisse ich in den sauren Apfel: Schöne Bergwelt ade … Und dabei bleibt es auch – rundum in diesem Laden; bis ich ihn verlasse.

Verschoben, verschobener, am verschobensten, ja, seit C-Last ist ›verschieben‹ ein steigerbares Verb geworden: Verschoben wurde meine geplante Aktion zum Welttag des Buches am Alten Markt, weil durch Ordnungs- und Gesundheitsamt verboten. Es könnte ja sein, dass sich zufällig 99 Magdeburger*innen erpicht auf ein Buch, welches ihre Abende rettet zur Gruppe zusammenrottet … Meine Argumentation, Bücher seien Lebensmittel, die Distanz durch Bude und Seil zu wahren, finden sie nicht überzeugend. Verschobener ist der Kinostart meiner Doku »Arbeit statt Almosen« über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Künstler*innen, über den Wahnsinn in unserer Arbeitswelt, der lange schon vor C. begann: Wie kann es sein, dass der- oder diejenige, die etwas produziert, am wenigsten dafür bekommt? Sei es die Landwirtin, sei es die Künstlerin. Oder seien es diejenigen, die unsere Zukunft in Kitas und Grundschulen betreuen: die Kinder. Ist sie uns wahrlich weniger wert als ein Wertpapier, dessen Wichtigkeit sich nur in der Vereinbarung einer Druckerfarbe behauptet? Ist sie uns wahrhaftig weniger wert als das zweifelhafte Tun derjenigen, die Volksvertreter*innen sein sollten und tagtäglich darauf vergessen? 

Verschoben – lässt sich auch das Leben verschieben? Vertagen auf irgendwann? Und was macht das mit uns? Insbesondere mit denjenigen, die allein lebend in diese Zeit schlitterten? Wie sollen wir unser Bedürfnis nach Erkenntnis stillen: Das Ich begreift sich vor allem am Du. Wo endet Sorgsamkeit, wo beginnt Unvorsichtigkeit? Mehrfach erzählen mir Menschen in diesen ersten Mai-Tagen, wie sich ihr Traumleben verändert: Von Festen wird geträumt, von Ausstellungen und Konzerten, von Begegnungen und Grillabenden, vom Aufbrechen und andernorts Ankommen, und allen Träumenden ist gemein, dass sie eines wollen: leben. Und keine nächsten Absagen. Auch der Kinostart von »Arbeit statt Almosen« hat abgesagt zu werden, das »Telemann-Sommerfest«, »Rendezvous am Park«. Ich ziehe schwarze Striche durch meinen Kalender, er ist in Trauer; wie ich. Doch wenigsten kann man meine Doku nun im virtuellen Kino des Kulturvereins »Moritzhof« (https://moritzhof-magdeburg.de/arbeit/) sehen …

Von ›Virtuell‹ hat man mittlerweile auch die Nase voll … ich weiß. Was soll ich sagen: Außer, dass es nicht anders geht?

Wir wiederholen uns, in Gedanken, Worten und Werken – ist es unsere Schuld, dass wir diese ewige Wortwiederholung nicht mehr hören können? Nicht mehr hören wollen? In zahlreichen Arbeitssituationen ließen sich dafür vernünftige Lösungen finden, aber der Mensch existiert nicht um der Arbeit willen. Oder so sollte es zumindest nicht sein. Virtuell hilft jedoch im Menschlichen kaum weiter – vor allem nicht, wenn wir uns so schwer tun zu kommunizieren, was wir fühlen … Wie sollen wir nun lernen, mit diesem ewig gehegten Defizit, Menschen zu berühren, ohne sie händisch anzufassen? 

Am verschobensten aber ist meine Antrittslesung, sie wandert von Anfang März mit stetig müder werdenden Schritten Tag um Tag weiter ins Jahr. Zu gerne hätten Norbert Pohlmann vom »Forum Gestaltung« und ich sie mit einem Publikumsgespräch verbunden über die Bühne laufen lassen – warfen nach fast 8 Wochen online das sprichwörtliche Handtuch. Lieber wäre mir der Fehdehandschuh; würde er uns etwas nutzen. 

So kommt es in dieser besonderen Zeit verstärkt zu Einzelgesprächen. Sie sind anders gestrickt, brauchen mehr Zeit. Gehen dafür rascher in die Tiefe. Bekanntschaften entwickeln sich weiter, Freundschaften keimen, Bezüge zu Menschen aus dieser Stadt entstehen, die ich bald schon nicht mehr missen möchte, auch weil sie Halt geben in haltloser Zeit! Mit meiner lieben Kollegin Regine Sondermann erkunde ich die Umgebung der Stadt, vertieft in ernste Dialoge, die sich durchaus sprunghaft gestalten, vom literarischen Feld zu Besonderheiten vor unserer Nase hopsen. Und als alle Köpfe sich auf der Straße wenden, weil sie mich mit einem Jodler aus ihrem Fenster im oberen Stockwerk begrüßt, damit ich nicht weiter die Haustüre verzweifelt suche, um sie mit einem Klingelton zum Spaziergang zu rufen, wünschte ich, ihr mit einem Juchizer zu antworten, bloß ist mir nicht nach Jauchzen. Damit kommt mir auch die Dramaturgin Elisabeth Gabriel, die zudem Teil eines a capella Jodl-Trios ist (www.jodlklub.de), welches uns Alpenländler*innen mit viel Humor auf die Schippe nehmen. Dürfen sie; und das nicht nur weil die Mädels alle österreichische Wurzeln haben, sondern weil sie es können, den Zuhörenden damit zum Lachen bringen. Und das ist gegenwärtig sowieso die beste aller Ideen!  

Nähe entsteht auch im wiederholten Bezug zu Gebäuden, übrigens. Bin gerne am »Moritzhof«, stelle mir sein c-freies Leben vor. Dieser Kulturverein bespielt einen 200 Jahre alten Bauernhof, der mich durchaus an mein Zuhause erinnert, selbst wenn der straßenseitige Gebäudeteil hier einstöckig ist und meiner nur die ebene Erde kennt. Im uneinsichtigen Innenhof erzählen die Biergartentische und -stühle, dass hier im Schatten alter Bäume Menschen einander trafen, vor oder nach dem Genuss eines Filmes, um sich auszutauschen, um miteinander zu sein: Das fehlt uns. Hinterlässt eine schmerzliche Wunde … Nicht zu kaufen, ist dies Miteinander. Nicht zu kaufen, so nennt sich auch eine derzeit gezeigte Ausstellung im »Forum Gestaltung«, eine der wenigen Innenraum-Präsentationen von Kunst, die derzeit gegen Voranmeldung geöffnet ist. »Not for sale« beginnt im ersten Stock, doch packt einen sogleich im Erdgeschoß die kräftig rote »Insel II« (Jens Elgner), die einen Fragen über Fragen an sie stellen lässt, weil man sie unbedingt berühren möchte, ihre Grate, ihre Senken, und sich die Frage stellt, wie sie sich anfühlen wird, aus welchem Material sie wohl geschaffen ist, wie sie tönen mag – und was geschähe, würde man sie dreist erklimmen? 

Um sich zu retten vielleicht?

An meiner Seite mein Gast meiner Gedanken, ich darf dafür die ihren durchwandern, und sie begeistert sich sogleich für »Zwei Berliner Kontrabässe« (Manfred Butzmann), ein Gemälde, das mich unter ihrem neu gefundenen Titel – »Zwei Nonnen von einem anderen Stern« – fröhlich auflachen lässt, denn dieser Titel ist derart treffend, dass wohl nur jemand mit Sinn für Kunst, für Musik und für den Irrwitz, der sich Leben nennt, solche eine Betitelung in sich finden kann. Mir, als Frau des geschriebenen Wortes, hat es außerdem das Ausstellungsobjekt Nummer 1 angetan, nicht des nüchtern beschreibenden Titels »Fragmente und Studien« wegen: In 80 nummerierten Umschlägen aus transparentem Papier sammelte die Künstlerin Johanna Bartl Gedanken, Wahrnehmungen, Studien, Abschriften, Skizzen. Einen »Schreib-Zeichnen-Prozess mit offenem Ausgang«, nennt sie dies. Mich erinnert es an meine Arbeitssammlungen zu allen Projekten, gefüllt mit Notizen, Reflexionen, Skizzen, Kritzeleien,  Recherchen, Bauplänen … Im Gegensatz zu ihren eleganten Umschlängen wandern meine, mit Faden gebunden, in alte Schachteln, ist ein Roman abgeschlossen, eine Erzählung veröffentlicht … 

Wir lassen den Blick schweifen, meine Begleitung und ich, und staunen über die Bereitschaft, zu Lebzeiten bereits solche Einblicke in das Denken zu gestatten. Und während ich neugierig nach einem ersten Umschlag greife, meine Nase hineinstecke, ist meine Begleitung etwas irritiert über mein Öffnen, mein Studieren. Erst im Verlassen des Raumes entdecken wir eine handschriftliche Notiz der Künstlerin, die am Pult neben der Tür aufliegt: Man möge gerne in diesen Reflexionen lesen.

Draußen stürmt der Regen – wir haben keine Eile, dafür eine ganze Ausstellung nur für uns …     

Ähnlich verhält es sich auch im Magdeburger Dom, in dem ich bereits jetzt öfters bin (als ich je im Wiener Steffl war), insbesondere den Kreuzgang liebe ich. Mittig das Grün, weitläufig genug, um Einblicke in das Himmelblau zu gestatten, das Rundum gewährt den Füßen ein Zur-Ruhe-Kommen im kreisenden Gehen, kaum jemand verirrt sich hierher. Ich habe noch eine gute Viertelstunde, bevor die mittägliche Andacht beginnt. Von Montag bis Freitag lädt der Dom nämlich um 12:00 Uhr aufgrund der Pandemie zu einem gedanklichen Input ein, um die inneren Abwehrkräfte zu steigern, um Menschen zu ermutigen. Nicht das C-Unwort steht dabei im Mittelpunkt, sondern all die relevanten Themen unserer Zeit, auf die wir gegenwärtig beinahe vergessen: An diesem Tag, an dem ich mich mit drei weiteren Menschen einfinde, ist es die dringende Notwendigkeit, rasch Schritte zum Schutz unserer Erde zu setzen. Der Hut brennt nämlich lichterloh. Von der Reflexion leitet der ältere Herr am Mikrophon zur Musik über – ein Werk der französischen Renaissance. Selbst wenn es aus der Konserve erklingt, die Akustik im Dom treibt mir die Tränen in die Augen. Wie wunderschön, einmal nicht das Blechern aus dem Computer zu vernehmen! Mir ist dieses Musikstück beinahe ein Konzert. Meine Güte, wie sehr ich das vermisse! Folge jedem Ton, lausche seinem Nachhall, könnte ewig sitzen und nur eines tun: hören.

Zu rasch ist mir diese knappe Pause im Wahnsinn vorbei. Als ich den Dom verlasse, denke ich: ›Genug von diesem Schmarren!‹, und kehre zurück zu meiner ursprünglichen Haltung: Ich verbiete dem Ce seinen Auftritt; wie in »Fragmente: Die Zeit danach«. Das Ce in all seinen Varianten kann mich mal! 

Hoffentlich bleibt es dabei!  

Was heilig ist

Während der folgenden Nachmittage marschiere ich beinahe täglich los, sei es an die Elbe, sei es durch die Stadt. Oft auch mit einzelnen Bewohner*innen, mit denen ich das Gespräch suche, um Magdeburg und die Magdeburger*innen kennenzulernen, ihre Sichtweise zu eruieren oder um mich mit ihnen über zukünftige mögliche gemeinsame Projekte auszutauschen und Ideen zu spinnen. Anders ist momentan kein Dialog möglich.

Der Vormittag also um zu schreiben, der Nachmittag für die Wahrnehmung, die Abende gehören der Lektüre, den Recherchenotizen, den Korrekturen. Außer es kommt etwas dazwischen – das Leben zum Beispiel. 

Was mich umtreibt, seit vergangenem Oktober schon und nun verstärkt, da ich diese Stadt durchstreife, ist die Frage nach dem Erinnern. Nein, ich meine nicht das Nicht-Vergessen einschneidender Ereignisse, die ganze Orte, Landstriche und Länder erfassten, sondern ich meine den rückwärts gewandten Blick des Individuums, der für mich seit jeher mit Lots Frau verbunden ist: Dieses entsetzte Erstarren über den Zusammenbruch, den Schutt, den man schaut, und im Erstarren sterben. 

Vielleicht weil mir diese Erzählung – in ihrer Angst – nahe geht, und mir das Scherbenstarren an und für sich unverständlich ist. Bevor ich auch nur einmal zurückschaue, blicke ich lieber nach vorne. Es ist das Pläne Schmieden einer Zukunft, welches mich am Leben und am Tun hält; mag sich diese Zukunft nun ereignen oder auch nicht, das dünkt mir irrelevant –  hätte ich vor einem Jahr noch in aller Ruhe gesagt. Derzeit, da die Absage schon Teil des Planens ist, fehlt sie mir, die Ruhe. Was, wenn diese Zukunft so fragil wird, dass sie kaum mehr fassbar ist, sie sich unserem Denken zu entziehen beginnt? Ab wann wankt dann der Boden derart gefährlich, dass sich in die Gegenwart dies Beben einschreibt, sodass jeder Schritt darüber schlingert? Als befände man sich an Deck eines Schiffes bei Seegang, unsicher, ob es je einen Hafen erreicht?

Solches Denken liegt momentan nahe. 

Halte ich mich deshalb fest – an Worten, an Orten? Und hier: der Marktplatz! Eine Birne für den Weg, eine für den Abend, und das Alte Rathaus zur vollen Stunde: Damit ich dort dem Carillonneur lauschen darf: 47 starre Bronzeglocken mit beweglichem Schlegel, die mit Drähten und Winkelhebel mit den ›Tasten‹ eines Stockenklaviers verbunden sind. Keine schwarz-weiß Klaviatur wie sie das Piano aufweist, sondern Holzstöcke, mittels derer die Melodien gespielt werden. Stehe am Platz und lausche, den Blick nach oben gewandt – als könnte ich sehen, was nur lesend zu erfahren ist: Der Glockenschmuck wurde geschaffen von Heinrich Apel, also von jenem Bildhauer, der diese Stadt so entscheidend mitprägte wie kein anderer seiner Kunst. Auf der größten Glocke steht ein Zitat des Autors Erich Weinert:

»Den Gedanken Licht, den Herzen Feuer, den Fäusten Kraft.«  

Weinert kennt hier offenbar jedermann. Mir war dieser Kollege bislang unbekannt. Man möge es mir nachsehen und der Historie zuschreiben. Dafür durfte ich mein Wissen im Literaturhaus Magdeburg erweitern, und den historischen Flyer zur »Gedenk- und Bildungsstätte Erich Weinert« mit leisem Lächeln studieren, aus dessen Silben der Zeitgeist seiner Entstehung um 1980 noch dampft: Ein schönes Dokument, auch wenn ich leise Zweifel habe, ob das »kampferfüllte Leben« wirklich diejenige Erzählung ist, die Literat*innen gerne über sich hören. Sehnen wir uns nicht viel mehr nach der Leichtigkeit sonnendurchfluteter Alleen – gerade weil wir oftmals dazu tendieren, das Leben und seine Angelegenheiten schwerer zu nehmen als andere? Oder wie es eine Magdeburgerin dieser Tage mir gegenüber formulierte: die erhöhte Sensibilität, die einen zur künstlerischen Arbeit befähigt, ist Segen und Fluch. Dem lässt sich nichts hinzufügen. Außer: Wer Weinert noch nicht kennt, der möge mal hineinblättern; oder sich die vertonten Varianten seiner (frühen) Gedichte anhören! Apropos Ohren: Sonntags, wenn die Stadt vormittags etwas weniger dröhnt, kann ich den Melodien des Carilloneurs zu den vollen Stunden sogar in meiner Gästewohnung lauschen. In sie mengt sich das Zwitschern der Vögel, die trotz der eisigen Winde im Verein mit Bäumen und Sträuchern davon erzählen wie grün diese Stadt in Bälde sein wird. Die Frühblüher aus ihren Gewächshauswänden schon nach draußen gebracht: Damit sie uns trotz aller Düsternis der Gegenwart in Erinnerung rufen, wie bunt das Leben sein kann. Dieser Erzählung bedürfen wir in diesem Jahr wohl dringender denn je.

Ja, das Erinnern … – Ist es, weil ich mich erzählerisch mit diesem Thema beschäftige, ist es, weil Magdeburg übervoll damit ist: Die Thematik begegnet mir an allen Orten und Ecken in dieser Stadt. Vom Alten Markt wandere ich in die Gasse rechterhand und um den Block – der Schriftzug »Rauchwaren« lockt mich. Kaum stehe ich im Laden, wächst mir aus dunklem Holz und Tabakduft die Erinnerung an meinen Großvater … und ein Kapitel der Erzählung! Nein, mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, man wird es bei der Abschlusslesung hören, es später in Buchform nachlesen können.

Kaum ist die Szene ins Notizbuch gekritzelt, stolpere ich über die nächste Erinnerungsstätte: die Johanniskirche. Wie so viele Orte in dieser Stadt war auch sie dem Erdboden gleich gemacht worden, in jenem Jänner 1945. Apels klagende Mutter, ein Baby, schützend unter ihrem gekrümmten Körper geborgen, erinnert ebenso daran wie seine abgemagerte Trümmerfrau mit ihrer brüchigen Schaufel daneben:

»[…] Drei Jungen hatte sie der Welt gegeben.

Sie ging auf Arbeit schaffte Brot herbei.

Denn ihre armen Jungen mussten leben.

Sie hungerte; es reichte nur für drei.

& als die Söhne endlich groß geworden,

Da holte sie der Staat zum Militär.

Dann rief er auf zum großen Völkermorden.

Sie gab sie als Kanonenfutter her. […]«,

schrieb Weinert zwar bereits 1932 unter dem Titel »Die Lumpensammlerin«, doch könnte es ebenso für den tausendjährigen Wahnsinn gelten.   

Beide Skulpturen, die Mutter ebenso wie die Trümmerfrau, flankieren das Eingangsportal zur Johanniskirche, welches aufgrund seiner Gestaltung allein schon zahlreiche Geschichten erzählt wie sonst kaum ein Tor. Eine soll hier stellvertretend für alle, die rund um das Zerbrechen kreisen, wiedergegeben werden, und zwar diejenige, die sich ebenda in folgenden Worten unter dem ›Mund, der Wahrheit spricht‹ gestaltet: »Wer aber aus der Vergangenheit nichts gelernt und weiter Hass und Zwietracht sät, den klagen wir an!« Zu Hass und Zwietracht wäre gegenwärtig wohl noch ›Profitgier‹ hinzuzufügen, die unsere Erde und Zukunft zerstört …   

Was nach den Bomben am 16. Jänner 1945 von der Johanniskirche noch stand, zerfiel über gut fünf Jahrzehnte langsam vor sich hin. Bis man sich irgendwann gegen das Konzept der Ruine als Mahnmal gegen den Krieg und für den Wiederaufbau der Kirche entschied: Doch nicht als sakraler Raum sollte das Bauwerk in Zukunft genutzt werden, sondern als Kulturstätte und Veranstaltungszentrum. Die »Luther was here«-Tafel, wenige Schritte neben den beiden Frauenskulpturen, scheint mir persönlich eine zu vernachlässigende Erzählung – verglichen mit derjenigen von Schuld und Scham, Zerstörung und  ›Auferstehung‹. Zu Letzterem, zur ›Auferstehung‹ im Diesseits, brauchen wir die Kunst nämlich nötiger denn je. Gerade gegenwärtig, da wir allerorts vor verschlossenen Türen stehen, erhält auch die Kunst, die uns im öffentlichen Raum umgibt, eine relevante Bedeutung. Magdeburg, so ist man versucht zu sagen, ist diesbezüglich ein Eldorado, entschied man sich doch in den 1990er-Jahren dafür, nicht nur den Charakter einer Stadt der Kunst zu forcieren, sondern obendrein diese zahlreich im öffentlichen Raum zu etablieren: Kunst für jedermann und jederfrau quasi. Ein ketzerischer Gedanke sei es, schreibe ich von der Heiligkeit der Kunst?

Diesen Einwand riskiere ich. Des Wortursprungs des Adjektivs ›heilig‹ wegen, denn darin verbirgt sich ›das Besondere, das Verehrungswürdige‹, welches einem heilsam begegnet. Da dies in meinen Augen so ist, schlage ich diese These gerne an jede Tür: »Kunst ist heilig! Ihre Freiheit unantastbar.«

Wenn uns die Kunst, die ja gleichbedeutend mit einem Nachdenken über unser Sein ist, einem Nachsinnen über seine Essenz, nicht mehr heilig dünkt, was dann? Und wenn gleichzeitig dem Konsum alle Türen offen stehen? Nein, es komme mir bitte niemand mehr mit der Aussage, dass in solchen Zeiten die Künstler*innen wenigstens in aller Ruhe arbeiten können! Man muss schon einen hohen Grad an Ignoranz aufweisen, alle Gegenwart ausblenden, um derzeit ›in Ruhe zu arbeiten‹. Mangelndes Echo sowie Zukunftsangst schlagen sich auf die Psyche: Es ist für Künstler*innen gegenwärtig ein Sein im luftleeren Raum. Und dennoch versuchen wir im Hochseilakt unserer Leben, den Rezipient*innen Halt zu geben. #allesdichtmachen als satirischer Aufschrei sorgt in Deutschland gerade für Debatten; auch weil man die ganze Kampagne kaum anders als unglücklich nennen kann. Wie aber der Dialog geführt wird – ›Diskurs‹ möchte ich dies Geplärr lieber nicht nennen –, beweist unwiderlegbar, wir brauchen Kunst und Kultur: dringend! Und Gesprächskultur wäre ein guter Anfang! Um von dort aus ein Kunstwerk, eine künstlerische Intervention mal zuerst zu befragen, nachzudenken, wohl auch unser Kompetenzen in der Satire zu vertiefen, statt den Modus Copy-Paste anzuwerfen und eimerweise Häme auszuschütten. Oder Menschen gar zu bedrohen.

Ulrike Guérot, Professorin für Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau Uni-Krems gegenüber dem Sender »Deutschlandfunk«: »›Die Kunst ist frei.‹ Das müsse erhalten bleiben. Die Künstler hätten auf die Hysterie im Diskurs um die Corona-Maßnahmen aufmerksam machen und auf gesellschaftliche Gefahren von Grundrechtseinschränkungen hinweisen wollen. ›Ich halte das für völlig legitim‹, betonte Guérot. ›Und wenn man jetzt sagt, wenn das von rechts vereinnahmt wird, dann darf das nicht sein, dann ist genau das das Problem unseres heutigen Diskurses, weil es gibt keinen Raum mehr für legitime Kritik.‹« (https://www.deutschlandfunk.de/debatte-um-allesdichtmachen-guerot-es-gibt-keinen-raum-mehr.694.de.html?dram:article_id=496222) Dem lässt sich höchstens noch hinzufügen, dass vielleicht ein anderes Genre als die Satire heiliger – im Sinne von ›heilsamer‹ – gewesen wäre. Ob auch ›sinnvoller‹, das scheint mir fraglich. Sicher ist: Wer nachdenkt, bedarf eines angstfreien Raumes, den nicht die Sorge um den nächsten Shitstorm begrenzt. Sonst wird alle Reflexion unmöglich.

Diese Maxime ist aber nicht gleichzusetzen mit einem Freibrief für Künstler*innen! Bitte mich in dieser Aussage nicht falsch zu verstehen. Ich bin absolut überzeugt, dass jede Künstler*in hinterfragen soll und für sich zu entscheiden hat, welche Grenzen sie oder er der eigenen Arbeit setzt. Die emotionale Befindlichkeit ›der Welt‹ kann in meinen Augen jedoch keine sein; die Freiheit der umgebenden Menschen hingegen sehr wohl, insbesondere im Hinblick auf Minderjährige. Oder um es exemplarisch zu sagen: Knausgårds Darstellung des Bettnässens seiner Kinder ist unethisch meines Erachtens, es steht ihm nicht zu, sein Kind dazu zu verdonnern, damit auf Dauer herumzulaufen. Kritik an politischen Verhältnissen, an Religionen, am Diskurs oder an der Politik etc. ist hingegen nicht bloß zulässig, sondern ich sehe in diesem Spiegel, den die Kunst unserer Gegenwart vorhält, auch eine der Daseinsberechtigungen und einen der Förderungsgründe von Kunst.

Ich denke an Sylvia Plath, die einst – am 12. Dezember 1958 – schrieb:

»Writing is a religious act: it is an ordering, a reforming, a relearning and reloving of people and the world as they are and as they might be. A shaping which does not pass away like a day of typing or a day of teaching. The writing lasts: it goes about on its own in the world. People read it: react to it as to a person, a philosophy, a religion, a flower: they like it, or do not. It helps them, or it does not. It feels to intensify living: you give more, probe, ask, look, learn, and shape this: you get more: monsters, answers, color and form, knowledge. You do it for itself first.« (The Unabridged Journals)

Ich bin also mit meinen ›ketzerischen‹ Gedanken über die Heiligkeit der Kunst in guter Gesellschaft. Auch für Sylvia Plath schloss sich daran die Reflexion an, wie mit diesen Dämonen und der Unsicherheit eines solchen Seins zu leben sei; doch schlimmer, schlimmer als all diese Unbill sei es, ohne das Erzählen zu leben, schließt sie, und während ich die Kirche einmal, zweimal umrunde, den kalten Winden trotze, bildet sich langsam aus all dem die erzählerische Gegenwart des nächsten Kapitels … Meinem Erschrecken über den gespenstisch Erhobenen geschuldet, der sich drohend aufzurichten scheint und mir an diesem Nebelnieseltag zu plötzlich auftaucht, sich beinahe dämonisch erhebt. Erst im näheren Betrachten und in seiner Benennung – »Gekreuzigter« – erkenne ich, was er meint und weswegen er wütet: Das bekannte Marterinstrument ›Kreuz‹ fehlt dieser Skulptur von Fritz Cremer nämlich, wodurch sie gänzlich anders wirkt als gewohnt. Oder um es mit Plath zu sagen: Kunst ist dazu da, durch Irritation eine neue Sichtweise zu gewinnen.

Umrunde ein drittes Mal diese ehemalige Kirche, staune über die Glocken, die am Boden ruhen, bewundere ihre reichen Verzierungen. 

Durchfroren wandere ich zurück in meine Gästewohnung, an Einkaufszentrum 1 und 2 vorbei, um bei Shopping Mall 3 die Straße zu queren.

Das war übrigens eine der ersten Erzählungen dieser Stadt, die ich frappiert wahrnahm: Dass mitten im Zentrum sich ein dem Konsum geweihtes Haus an das andere reiht. Wer soll ihre Existenz finanzieren? Offenbar gibt es hier deren genug.

Und wenn ich nun anmerke, dass sich gleich neben einem solchen Konsumtempel eine Tafel findet, die davon erzählt, dass hier einst eine Kirche stand – St. Ulrich –, so könnte man lesend daraus eine Kritik an den Verhältnissen schließen, doch nicht deshalb sei es notiert, sondern weil es auffällt! Städteplanerisch mag es sinnvoll sein, die Menschen zum Stillen ihrer Kauflust nicht einzig an die Ränder der Stadt zu schicken, sodass belastete Luft und zubetonierte Flächen vorprogrammiert sind, Hand in Hand mit einem Aussterben der Innenstadt, einem Leerstand der alten, kleinen Läden. Visuell sind wir Shopping Mails in Innenstädten jedoch kaum mehr gewohnt. 

Einer erzählte mir, die Magdeburger seien bezüglich des Einkaufens auch noch in einem anderen Punkt ein wenig eigen: Wenn ihnen ein Laden zusage, sie ihn seit Jahrzehnten schon kennen, dann bleiben sie ihm treu; umso mehr, wenn er sich in ihrem Kiez befindet. Der Juwelier, bei dem schon die eigenen Eltern einst die Eheringe gekauft hätten, der Optiker, zu dem man immer schon gegangen sei, die frequentiere man, bis Eindeutiges ganz entschieden dagegen spreche, denn nichts könne mehr taugen als das Altgewohnte und sowieso sei früher alles besser gewesen: Das sei die Magdeburger Form des Erinnerns, und er als echter Magdeburger durch und durch dürfe das sagen: Home is were the Dom is …

Nicht weil man religiös sei, nicht weil man sich diesem sakralen Raum so verbunden fühle, sondern weil er schlicht und ergreifend die Stadt mit seinen 101 Metern überrage, die Türme von überall zu sehen seien. Dass dem bis heute so ist, hat die Stadt der Tatsache zu verdanken, dass ein Bauvorhaben ›für verdienstvolle Arbeiter‹ der DDR für das Areal, auf dem heute ein Konsumtempel steht, nie umgesetzt wurde: Ein Wohnpalast mit allem Pipapo sollte errichtet werden. (Den Ösis unter den Leser*innen sei geflüstert, dass ›verdienstvoll‹ hier im Parteisinne und -gehorsam zu verstehen sei …)

Selbst wenn sich ein Magdeburger, eine Magdeburgerin entschlösse, Jahre auswärts zu leben, käme man zurück, sehe man den Turm des Doms, dann sei man Zuhause. Er lacht mich an, über seine Maske hinweg, streicht sich die Haare aus der Stirn: Das könne man als Ortsfremde wohl nur schwer verstehen, oder?

Der Dom – als Symbol für Heimat, Zuhause, Verbundenheit? Ja, sonderbar für eine Österreicherin. Betritt man ihn, kommt er einem protestantisch, bis sich die Apsis katholisch bildet, um an der Seite, im sogenannten Paradiesportal einen Dialog über Jahrhunderte zu führen: Dass man dort einst die Synagoga blind schuf, die gekrönte Ekklesia siegreich und triumphierend, stieß manchen (und aus heutiger Sicht verständlicherweise!) sauer auf. Dabei gestaltete sich das Nebeneinander der Religionen bis ins 13. Jahrhundert zwar nicht unkompliziert, doch ohne Pogrome, da Kaiser Otto der Große, der diese Stadt bis heute prägt, im Jahr 965 die am Rand des Dombezirks lebende mosaische Gemeinschaft ebenso wie die Kaufmannschaft allgemein unter den Schutz des Erzbischofs stellte. Einen Bund den Otto II. 973 erneuerte. Die ersten Erzbischöfe fühlten sich dem auch verpflichtet, und 1207 dankte Erzbischof Albrecht von Käfernburg bei seinem Einzug in Magdeburg den Ältesten nicht nur für ihren Willkommensgruß, er küsste auch eine der Thorarollen. Nach seinem Tod 1233 wandte sich jedoch das Blatt. Davon erzählen zuvor erwähnte Sandstein-Statuen Ekklesia und Synagoga, die 1240 errichtet wurden: Ekklesia thront stolz auf der Seite der klugen Jungfrauen, Synagoga hingegen demütig geneigt, die Gesetzestafeln drohen, ihr aus den Händen zu gleiten, auf der Seite der Törichten,deren Wehgeschrei trifft vernehmbar das Auge des Betrachtenden. Die lachenden Klugen aber kichern mir so dämlich, dass ich sie schon ihres Anblicks wegen dorthin wünsche, wo der Pfeffer wächst. Was hat sich der Skulpteur bloß dabei gedacht? Er hat wohl nie eine kluge Frau herzhaft lachen sehen, wenn er uns dies doofe, schadenfrohe  Gegrinse als ›glückselig‹ verkaufen will!

Auch der Engel, dessen Gesichtsausdruck als ›Magdeburger Lächeln‹ in die Kunstgeschichte eingeht, und der einem auf dem Weg um die Apsis zum Paradiesportal begegnet, hat in meinen Augen ein Lächeln der Häme auf dem Gesicht, wie er so neben Maria steht, deren Bauch sich schon wölbt, während sie noch davon plappert, dass sie doch sicher gar nicht schwanger sein könne, woher denn auch, hat sie doch noch nie … Der Engel aber scheint sich seines zu denken und grinst hämisch vor sich hin. Ja, zweideutig ist sein Gesichtsausdruck …

Was will es uns nun erzählen, wenn wir das als ›Magdeburger Lächeln‹ benennen? Dass man hier lieber über das Wissen schweigt und hämisch grinst – wirst es schon noch sehen, dass ich Recht habe? Ich weiß nicht. Deckt sich nicht mit meiner Wahrnehmung der Magdeburger*innen. 

Die Botschaft von Ekklesia und Synagoga hingegen ist klar:

Wer das Judentum herabsetzt, hat den Segen der Kirche. Damit begannen Jahrhunderte der Vertreibung. Die Pest war ein guter Vorwand (1349), jede Gelegenheit zum Schröpfen (1384, Erzbischof Albrecht III) und zum Schüren antisemitischer Ressentiments wurde genutzt (1492, ein Jude zu Pferd, das Tier scheut vor einem Mönch, der bei nächster Predigt wettert und damit Vertreibung in Gang setzt) – 1493 waren auch die letzten Magdeburger*innen jüdischen Glaubens aus dem Stadtgebiet verjagt – nachdem man sie zuvor gezwungen hatte, ihr Hab und Gut zu veräußern. Erzbischof Ernst von Sachsen gebührt die Schande dieser Tat. Damit nicht genug: Aus Judendorf (im Südwesten der Stadt, das Viertel heißt heute Sudenburg) wurde Mariendorf, die Synagoge eine Marienkapelle, die Gedenksteine vom Friedhof entfernt, zum Bauen verwendet. Und der Erzbischof ließ sich unrühmlich ein Grabmal errichten, vor den er sich einen siebenarmigen Leuchter, in Anlehnung an die Menorah, stellen ließ: Was einst der Leuchter der Bundeslade wird nun zum Symbol der sieben Gnadengaben des heiligen Geistes: Weisheit, Erkenntnis, Einsicht, Rat, Stärke, Frömmigkeit und Gottesfurcht. Wie zynisch. Zynisch genug? Mitnichten. Für eines der Kapitelle wurde obendrein ein ›besonderer Schmuck‹ erdacht, ein Spottbild: Das im Weltbild der Jüdinnen und Juden unreine Tier Schwein ist als Sau abgebildet, umringt von Jüdinnen und Juden, von denen einer sogar an ihren Zitzen saugt.

Die Historie der Verhöhnung, des Vertreibens und Mordens endet nicht damit wie wir alle wissen. Am 1. September 1934 sprang Sophie Masting, Frau eines Kaufmanns vom Nordturm des Domes in den Tod. Ihrer gedenkt heute einer der zahlreichen Stolpersteine in der Stadt. Und eine Inschrift, die aus dem »El male rachamim« zitiert: »So berge sie doch Du, Herr des Erbarmens, im Schutz Deiner Fittiche in Ewigkeit.« Weil wir versagt haben.

Rund 150 Stolpersteine mahnen in Magdeburg unser Erinnern ein, die hinter den Namen seienden Gesichter und Lebensgeschichten kann man im Alten Rathaus im Eike-von- Repgow-Saal (benannt nach dem Verfasser des »Sachsenspiegels«) nachlesen. Der Magdeburger Designer Ernst Albrecht Fiedler, einer der Initiatoren dieser und anderer Erinnerungsmahnungen, ließ mich nicht nur einen Blick in die dazugehörigen Mappen werfen, sondern sprach mit mir lange über die Thematik. 

Stolpersteine als Kunstwerk bringen uns bewusst aus dem Takt. Vielleicht stärker als das Denkmal der Alten Synagoge von Josef Bzdok, an welchem ich beinah vorbeilief auf der Suche nach ihm – ein Türrahmen, eingebrochen beinah, nur das Buch, auf dem er ruht, verhindert den Einsturz. Auf den Buchseiten des Kunstwerks wird erinnert – an »287 unschuldige Opfer«, nämlich die Kinder; und an andere »Magdeburger jüdischen Glaubens«, die dem Naziterror zum Opfer fielen. 

Und im Dom, im Paradiesportal: 

»Verschmähte Schwester Synagoge, vergib unsere todbringende Blindheit. Ohne Ende gilt Gottes Verheißung dir wie uns.« 

Dass man sich im Dom  für das mahnende Erinnern entschied, lieber auf ›Judensau‹ und Leuchter hinweist, statt diese zu entfernen oder verschämt zu verbergen, spricht für sich: Man setzt bewusst auf Wissensvermittlung, in Führungen, Flyern und Bodentafeln, um ein Bewusstsein zu schaffen, will den Bau einer neuen Synagoge – auch als Zeichen des Dialogs – fördern, statt Historie fürderhin unter den Teppich zu kehren.

Ich denke an die Ansammlungen der Konterfeis, die gegenwärtig Laternenmasten zu erweitern beginnen, Gesichter und Slogans stehen zur Wahl. Wie allerorts in Europa finde sich auch hier diejenigen, die nach wie vor und vorzugsweise ein Wir versus Die-da beschwören. Möge man die Lehren, die sich allerorts in dieser Stadt abbilden und die mahnend erinnern, beherzigen, wenn man das Kreuz auf dem Wahlzettel macht; und dies nicht nur hier, sondern auch anderswo!

›Schatzi‹, ich bin in Magdeburg

Am Schreibtisch bin ich Teetrinkerin aus Passion. Arbeiten, nachdenken, die Hände um eine Tasse Kräutertee gelegt, ein Schluck – und weiterschreiben, weil sich eine Idee bildete, aufstieg, aus dem duftenden Getränk. Was im Frühsommer im Kräutergarten des »Arthofs« geerntet wurde, getrocknet an den alten Dachbalken des Hauses, gerebelt in große Teedosen, die Mischungen zusammengestellt in den kleinen … Mitgebracht nach Magdeburg für die erste Zeit – der »Gute Morgen!«, »¡Concentrate! für den Schreibtisch und »Licht ab!«. Doch was diesem Haushalt-auf-Zeit, den ich bewohne, entscheidend fehlt, ist eine Teekanne. Kochtopf und Suppenschöpfer sind nicht wirklich ein schreibtischfreundlicher Ersatz, und Schwenk-Schütt noch weniger. So führt mich am ersten Tag nach der Quarantäne mein Weg in das nächstgelegene Einkaufszentrum: Es wird doch wohl einen Laden für Küchenutensilien darin geben!

Nicht nur das, sogar einen für Tee. Somit habe ich nach drei Minuten die Qual der Wahl zwischen dreißig Kannen:

Na, das kann dauern … 

Entscheidungen sind immer schwierig, und diese Kanne solle mich doch auf Jahre begleiten, an Magdeburg erinnern, an diesen Tag. Vorausgesetzt: Ich lasse sie nicht fallen, im Ganzen oder in Teilen – im Zerbrechen von Kannendeckeln bin ich nämlich ein Genie. Das schaffe ich in der Windeseile eines Monats. Weil ich als Körper im Raum der Küche stehe, in der Wahrheit des Inneren aber in einer anderen Zeit, in einem anderen Zimmer, mitten in einem Erzähluniversum: ein ganz anderer Mensch. Da fallen dann schon mal Deckel aus der Hand oder Tassenhenkel überstehen den Rand des Spülbeckens nicht. Dann werden Blumenvasen und -töpfe daraus, begrenzen die Kräuterbeete … 

Hier in diesem Laden gibt es große und kleine Kannen, farbenfrohe und edle, zweckmäßige und originelle, mit Tassen und ohne – Himmel, wie soll man da die Richtige finden? 

Über meine verzweifelt erhobenen Hände kommen die Besitzerin und ich ins Gespräch, das uns sehr rasch zu der Frage führt, was eine mit solcher Aussprahe zu dieser reiseunfreudigen Zeit just nach Magdeburg führe, wenn die Kanne danach wieder bis nach Österreich reisen solle, die Bahn überleben, irgendwann, im Herbst: Was bitte mache so eine wie ich im Besonderen und eine Stadtschreiberin im Allgemeinen? Hätte diesen Posten nicht lieber ›eine aus der Stadt‹ erhalten sollen? Bevor ich eine Entgegnung artikulieren kann, schiebt sie nach: Ich möge dies bitte nicht falsch verstehen, aber – eine von hier: Die kenne sich doch aus!

Stimmt. 

Wohingegen eine wie ich … 

… wie der Ochs vor dem Tor steht und keine Ahnung hat: Ja. Daran ändern auch vorherige Lesereisen nach Deutschland nichts, denn der Alltag im Hierleben ist eben etwas gänzlich Anderes als eine Lesetour. Auf der versucht man nicht zu eruieren, ob Altpapier und Karton in getrennte Container wollen, sucht nicht den Gelben Sack oder eine ebensolche Tonne, ja, weiß doch der Himmel, wohin das Plastik soll! Man verwirrt sich in der Kürze solcher Ortsaufenthalte auch nicht über fremde Türöffnungssysteme: In dieses wird mich freundlicherweise ein junger Herr einweisen, als ich mal wieder, Gemüse in der Schultertasche links, Obst in der Schultertasche rechts, am Rücken die Korrekturen, die ich zuvor im Park machte, an der Haustür werke: Linke Hand legt den Schlüsselbund auf den Knauf unter der Schnalle, schon läuft die Brille oberhalb der Maske an, rechte Hand dreht den Knauf und zieht an der Tür – bitte nicht zögern, sonst geht das ganze vermaledeite Sperrspiel von vorne los. Ich könnte dieses feinmotorische Wirrsal durchaus ein wenig einfacher haben, würde ich den Schlüssel auf dieses Feld mit den Rillen auf die Klingelleiste legen, sagt der Mann hinter mir – sinngemäß, und dass er sich ja nicht einmengen wolle, er meine es nur: gut. 

Und Recht hat er.

So wird ja aus dem Rechts-Links-Gemurks ein Kinderspiel, antworte ich, mich für mein Unwissenheit entschuldigend, woraufhin er sich für seine Einmischung entschuldigt – na, da treffen zwei Entschuldigungsfreudige aufeinander, im jungen Inder und in der Österreicherin!

Wer fremd ist, sich erst alle Systeme erarbeiten muss, der nimmt auch mehr wahr, weil er oder sie eben als Ochse vor dem Tor steht. Oder als Ochslein, denn mit breitschultrigem Riesenbau kann ich wohl nicht aufwarten. Sie oder er hat wenigstens  an und für sich die Chance, einen Blick von außen zu werfen, wird Begegnungen herausfordern, schon allein durch den Versuch der Orientierung, wird anders zugehen – auf den Ort, den sie nicht kennt, auf die Menschen, um dann darzustellen, was die Einwohner*innen bewegt, was in ihnen vorgeht, was das Besondere an dieser Stadt ist.

»So, so …«, sagt die Teeladenbesitzerin. 

Wie schwierig sich dies gegenwärtig gestalte, da einzig ein fortwährendes Tête-à-Tête im Spaziergang möglich sei, keine Gruppen, kaum Zufallsbegegnungen, selbst das im Vorbeigehen lauschende Ohr ist einschränkt; weil ewig der zum Halbstarken angewachsene Babyelefant zwischen Dir und Mir grüßt, wann bitte dürfen wir dem endlich die Luft rauslassen, damit wir wieder eine haben? Darüber schweige ich lieber.

»Aber wie wird denn so eine ausgewählt, eine Stadtschreiberin?«, fragt die Hüterin der Kannen samt ihrer Deckel.

Na, man reiche eine Bewerbung ein, diese werden einer Jury vorgelegt, und die entscheide sich dann eben für eine Person; dieses Mal halt für mich. 

Die Ladenbesitzerin nickt versonnen, hält plötzlich mitten im Nicken inne, strafft die Schultern: 

»Also: Was die Menschen bewegt«, wiederholt sie – »das ist doch derzeit vor allem eines, nicht?« 

Verstummt. Nickt nochmals. 

Fragend hebe ich die Augenbrauen. 

»Überleben!« 

In dem Wort steckt alles; und als habe es einen Damm gebrochen, beginnt sie zu erzählen, wie die Situation so sei, für die Kleinstunternehmer*innen, die Selbstständigen, die angewiesen sind auf ihr Einkommen und ohne Polster im Rücken an einer ersehnten Zukunft werken.

Was ihnen ja auch gegenwärtig möglich sei, fügt die Ladenbesitzerin hinzu: das Arbeiten. Sie dürften ja offen haben, ihre Ware verkaufen; und weil sie es dürfen, tun sie es auch, Unterstützung gäbe es folglich keine. So sehe das der Staat. Dass weitaus weniger Leute in die Läden kämen? Dass – wie in ihrem Fall – keine saisonalen Märkte zu Weihnachten und Ostern veranstaltet werden können, dieses Marktfahren aber ihr Haupteinkommen sei? Dafür könne der Staat nichts; in seinen Augen. Also was tun, nach einem Jahr ohne Marktgeschäft – und wer wisse schon zu sagen, ob es heuer einen Adventmarkt geben wird? 

Deshalb habe sie in diesen kleinen Laden hier, im Einkaufszentrum, als Ersatz angemietet, in die Regale und Aufsteller investiert, damit nicht alle Einkünfte ausfallen, aber das … sei kein Arbeiten. Es fühle sich nicht so an. ›Arbeiten‹, das bedeute für sie frühmorgens aus dem Bett, noch im Dunkeln los, am Marktplatz im Heute-hier,morgen-dort den Stand aufbauen; die Gemeinschaft mit den anderen Budenbesitzer*innen. Das Miteinander gehöre ebenso dazu wie die Witterung, die Kälte, deretwegen man eben am Stand darauf achte, sich ständig zu bewegen – das Standlerinnenleben verlange viel, auch körperlich, vor allem im Winter.

Ich nicke – ja, natürlich hat das Budenleben der Aussteller*innen nichts gemein mit Ladenhocken. Ich war oft genug mit dabei, um das zu wissen, da mein ehemaliger Mitbewohner vier Jahre lang auf Märkte fuhr. So bot es sich an, ihn zu begleiten: Bücherkoffer auf die Budel. Wenn wir Künstler*innen schon unsere Haut zu Markte zu tragen haben, dann doch bitte wenigstens richtig; und verbunden mit Gesprächen am Stand, seien die neugierigen Nasen nun Leser*innen oder andere Marktfahrer*innen.

Den Zusammenhalt der Ausstellenden habe ich sehr zu schätzen gelernt während jener Jahre, diese kleine Wirtschaftswelt, in der man weiß, dass man einander Konkurrenz ist und das eigene Überleben trotzdem nur in Kollegialität funktionieren kann: Schließlich braucht ein jeder mal den Austritt, wird vom Hunger geplagt oder bedarf nötiger Informationen, denn es ist gut zu wissen, was dem Bio-Tom letzte Woche in der Bezirksstadt passiert sei … Während des Plausches geht der Warentausch von Stand zu Stand leichter, die Wollsocken für mich gegen das Buch für die Lebensgefährtin …

Irgendwann gewöhnen sich auch die Passant*innen daran, dass neben Bio-Gemüse und Schaf- oder Lama-Produkten, Bauernbrot, Holzspielzeug und Honig auch ein Bücherstand zur geistigen Nahversorgung angeboten wird … meine Güte, warum nicht? Keinem fällt dabei ein Zacken aus der Krone, ab und an auf dem Markt zu stehen! Und aus ihrem Perplex-Sein entstand oft ein Gespräch über das Nachtkästchen und was darauf liege, über Lektürevorlieben und Lebensträume …

Thomas Bernhard ist übrigens schuld daran. Er warf seinem Verleger Siegfried Unseld mal unwirsch an den Kopf,  was sei der denn für ein Verleger, wenn er in sage und schreibe drei Jahren nicht mehr als 1.800 Exemplare von der »Verstörung« verkaufe, diese Zahl sei ja alleine »[…] so absurd, daß das kein Mensch glaubt, wenn ich das sage.« Wäre er mit einem Rucksack voller Bücher losgezogen durch die Lande, hätte er in vier Wochen sicher mehr verkauft.

Vielleicht kann nicht ein jeder und eine jede nachvollziehen, weshalb ich über solche Aussagen herzlich lachen kann, die Verleger*innen wahrscheinlich eher nicht. Mein Bücherkoffer ist jedenfalls ein Resultat aus Lektüre, Gelächter und Lebenszufall; wie so oft in der Inspiration kommt eines zum anderen und fügt sich zu einem Dritten. 

Das Marktfahren, sagt die Hüterin der Teekannen und -mischungen, habe sie herausgefordert. Ja, durchaus. Doch nun, seit sie ganztags hier im Laden stehe, da habe sie plötzlich »einen Rücken«. 

Ich gucke verdutzt. 

»Ja, ja! Das können Sie mir schon glauben!«

Bevor ich noch erwähnen kann, dass ich nicht verstehe, was sie damit meine, schließlich habe sie ja wohl tagtäglich ›einen Rücken‹, fährt sie fort: Sie könne doch nicht stundenlang die Regale putzen. Oder tagtäglich alles von links nach rechts, von rechts nach links räumen, nur damit sie in Bewegung bliebe! Seit sie jedoch hinter der Ladentheke hocke und den ganzen Tag warte, tue ihr alles weh, jeder einzelne Knochen!

Nun erst verstehe ich, was sie meint!

Verschluckt man hier das Weh – ist das nur ihre persönliche Sprachform? Oder hat man in Magdeburg einen Rücken, einen Kopf, einen Nacken? So wie in dieser Stadt jede unbekannte Frau im öffentlichen Raum eine ›junge Frau‹ ist? Sie glauben mir nicht? Na dann, kommen Sie nach Magdeburg! Gehen Sie in eine Apotheke, und während man dort Ihre Kräuter mischt, treten Sie wartend beiseite, verharren, halb verdeckt, hinter einem Regal, schon werden Sie es hören: ›Ah da ist ja die junge Frau!‹

Beim ersten Mal schrieb ich es noch dem Wintermantel, der riesigen Kapuze, dem breiten Schal zu – was war denn schon zu sehen, außer einem paar Augen über einer Maske? Auf jeden Fall nicht die zahllosen weißen Haare, die mir das vergangene Jahr bescherte. Ich hätte diese Ansprache sicherlich vergessen, wäre ich nicht wenige Tage später auf Ingwersuche im Supermarkt neben zwei älteren Herren zu stehen gekommen, von denen der eine zur Eile drängte, während der andere ratlos von dem Einkaufszettel in seiner Hand zu den ausgebreiteten Äpfeln blickte: ›Die junge Frau, die kann uns sicher sagen, wie der Elstar schmeckt! Ist das ein guter Apfel?‹ … 

Ob der ältere Herr in österreichischer Ehrlichkeit in Magdeburgs ›Unbeholfenheit‹ gleichfalls ein ›jüngerer Herr‹ würde, das kann ich Ihnen nicht sagen, nur dass mir zwei eingefleischte Magdeburger die ›junge Frau‹ damit erklärten: Es sei eben eine gewisse, ja, Unbeholfenheit, im Dialog mit unbekannten Menschen. 

Freuen wird die Verjüngungskur den älteren Herren wohl genauso wie die ältere Frau, nicht wahr? Also, wenn Sie in reisemöglicher Zukunft mal Ihr weißes Haar und die Falten des Alters nerven, tun Sie sich selbst etwas Gutes: Stopfen Sie alles in einen Koffer und auf nach Magdeburg! Ich verspreche Ihnen: Es hilft!

Wegen des Rückens, sagt die Ladenbesitzerin, habe sie sich jedenfalls einen Hula-Hoop-Reifen gekauft. Weil sie dachte, dann können sie »im Kreisen ein bisschen was davon abbauen«, aber um die Wahrheit zu sagen: Genutzt habe der Hula-Hoop bislang nichts, rein gar nichts. Der Schmerz sei nach wie vor ständiger Begleiter. Dabei klinge das doch logisch, oder? So ein bisschen Kreisen, hinter der Budel, da sehe das ja keiner, und schon führt sie mir ihr imaginäres Hula-Hoop-Schwingen vor, ja, ja, ich solle ruhig lachen, und abwechselnd wischen wir uns die Lachtränen zwischen Brillen- und Maskenrand ab. Selbst haltloses Gelächter ist gegenwärtig ein komplexes Vergnügen.

Ihr Mann, der habe von Anfang an über ihre Idee gespottet habe, jetzt lache sie halt mit ihm, denn was tun, mit dem Reifen, der ewig nur hinunterfalle? 

Ich schlage ihr vor, sie könnte ihn ja unter einen Luster hängen und die Osterdekoration daran befestigen; für Weihnachten und ein paar Christbaumkugeln tauge der sicherlich auch.

Da erklärt mir die Ladenbesitzerin in typischer Magdeburger-Trockenheit, dass der Hula-Hoop-Reifen eh zu zerteilen sei und als Viertelkreis leicht im Kasten verstaut werden könne. 

»Na dann …«, antwortet mein wienerisch beeinflusstes Ich.

Und welche Teekanne nehme ich nun? Greife nach der ersten, die mir ins Auge stach, gleich als ich hereinkam, der Bordüre aus Lavendelblüten wegen.

Soll ich ihr sagen, dass ich glaube, dass die Sorge darin sitzt, im Rücken? Dass es nicht am plötzlichen Wegfallen der Umtriebigkeit liegt, sondern vielmehr am ewigen Kopf-hoch: Und noch ein bisserl lächeln, noch eine Idee gebären, noch immer Optimismus verströmen – weil es ja weitergehen muss, weil es halt immer weitergehen muss, weil es eben irgendwie immer weiter …? Während uns allen dieses Kopf-hoch die Kraft aus dem Leib frisst, ewig hungriges Etwas, das es ist?

Stelle die Kanne auf die Ladentheke, eine Tasse daneben, Nachmittags-Teemischungen. Versorgt.

»Sie haben meinen Tag gerettet«, sagt die Frau zu mir, während sie die Rechnung in die Kassa tippt. Und Sie den meinen, denke ich, in Erinnerung an unser Tränenlachen: Es tat schlicht gut und war jeden Cent wert.

Anderntags – ich stöbere durch einen kleinen Laden in einer Seitengasse – auf der Suche nach einem Geburtstagspräsent für meine Mutter, als die Tür mit viel Schwung aufgerissen wird, bevor ›eine junge Frau‹ (im Magdeburger Ton), völlig außer Puste hereinstürmt: »Bin ich froh! Danke, dass Sie offen haben! Ich brauche ganz dringend ein Geschenk, und bei Ihnen habe ich immer etwas gefunden …«

Mein Blick gleitet zur jungen Verkäuferin: Man muss nicht sehr genau schauen, um zu bemerken, dass sie diese Anrede und die damit verbundene Anerkennung ehrlich freut; nette Worte, spontan geäußert, die keinen etwas kosten und dennoch so viel wert sind. Mehr als der Schein, den die Kundin am Ende neben die Kassa legen wird. Ich frage mich, wieso kann es nicht immer so sein? Bedarf es dazu wahrlich einer Pandemie, dass wir einander mit ein paar freundlichen, wertschätzenden Sätzen gegenseitig den Tag erleichtern?

Offenbar: ja.

Ich setze meinen Weg fort, will die Buchhandlung »Fabularium« aufsuchen, um mit der Besitzerin eine Veranstaltung zu vereinbaren. Das »Fachgeschäft für wohlsortierte Buchstaben«, wie sich der Laden untertitelt, lässt mich schmunzeln. Ich erkundige mich, wie es ihr denn so gehe, in dieser für den Handel schwierigen Zeit – selbst wenn die deutschen Buchhandlungen kein Betretungsverbot erhalten hätten wie ihre österreichischen Kolleg*innen. Sie sei verblüfft und dankbar wie treu ihre Kund*innen in diesem Jahr waren; bewusst hätten sich viele gegen die Bestellung im Internet entschieden, weil der kleine Laden um die Ecke ihnen als Ort wichtig sei, sie ihnen – als Mensch – wichtig sei. Diese Wertschätzung zu erleben sei ungemein berührend, schenke auch ein wenig Leichtigkeit, und davon könnten wir derzeit ja wohl kaum genug bekommen, oder?

Es geht eben nicht nur um das wirtschaftliche Überleben, es geht auch um Zuspruch, Achtung, Wertschätzung. Gut möglich, dass den Rücken auch das schmerzt – ein neuer Ort, mitten in einer Shopping Mall, und kein Alle-Jahre-wieder, hier-auf-unserem-Weihnachtsmarkt: Wie schön, dass du da bist …!  

Während ich dies schreibe, die eine Hand um die Teetasse mit Lavendelblütenmuster gelegt, steigt langsam sich kringelnd Dampf auf: »Schatzi« heiße die Mischung, die sie mir empfehle, sie werde mir mit ihrem feinen Duft nach Orangenschalen gut tun, und die Erinnerung bringt mich zum Lächeln. Nehme einen Schluck: weiterschreiben …

FCM – Darmstadt 98

Wenn ich jetzt Corona habe, dann weiß ich wenigstens woher. Aus der MDCC-Arena, als Zuschauer des DFB-Pokalspiels FC Magdeburg gegen Darmstadt 98. Naiv wie alle Liebenden habe ich dem Sicherheitskonzept der DFL vertraut. Aber was nützen zwei neben einem gesperrte Sitze, wenn einem der Hintermann beim Torjubel beinahe in den Rücken springt oder der Vordermann bei einer vergebenen Torchance fast seinen Hals auf die Brust legt. Von den Gesängen, den Schiedsrichterschmähungen, den Pfiffen und dem ganzen Gegröhle ganz zu schweigen. Und wenn man dann noch zwei Nebenleute hat, deren Urlaubsbräune sich ganz offensichtlich nicht der altmärkischen Sonne verdankt, dann kann man sich nur noch in sein Schicksal ergeben. Wobei hie und da noch Protest aufscheint, so z. B. wenn man sich fragt, warum eigentlich die mindestens fünfzehn Meter von einem entfernt stehenden Sicherheits- oder Kameraleute Masken tragen, der Fan aber vom Stadionsprecher beinahe dazu aufgefordert wird, seine Maske am Sitzplatz abzulegen. Dafür muss man sie dann im Zwischenbereich, wo man die Abstände eigentlich selber bestimmen kann, wieder tragen. Und wieso bleibt eigentlich ein kompletter Sitzplatzblock leer?
Wenn ich in einer Woche noch immer keine Symptome habe, werde ich sagen: was für ein geiles Spiel! Das war es nämlich. Ein richtig gutes Pokalspiel, wofür der FCM ja seit seiner Gründung bekannt ist. Mit fünf Toren, zwei Latten- bzw. Pfostentreffern, einer gehörigen Portion gelber Karten, zwei sehr unterschiedlichen Halbzeiten und einer Verlängerung. Nur dass die Darmstädter das bessere Ende für sich hatten.
Aber für heute muss ich sagen: Vorsicht, Leute! Entweder es gibt Corona oder es gibt kein Corona. Wenn es aber Corona gibt, dann sind selbst 5000 Zuschauer in einem eigentlich 30 000 Zuschauer fassenden Stadion – zumindest wenn sie nur auf zwei Tribünen verteilt sind – zu viel.

P.S. Als ich mir auf dem Rückweg in einem Spätkauf ein Bier hole und von einem Kunden aufgrund meines blau-weißen Schals angesprochen werde, bekomme ich als Antwort auf meine Bedenken zu hören: „Ach was, Magdeburg ist doch fast coronafrei. Wenn da nicht die Sinti und Roma gewesen wären…“

Über Kunst

Deutlicher kann man es nicht ausdrücken: „Erst Autogramme, dann Kunst.“ Und plakativer schon gar nicht, nämlich auf der Titelseite, groß und in Farbe. Da lächelt der Barde fröhlich ein paar Zentimeter an der Kamera vorbei. Nein, nicht Jürgen Drews schon wieder. So einfallslos ist die Magdeburger Volksstimme dann doch nicht. Diesmal ist es Roberto Blanco. Und der war sogar in der Stadt. Warum? Weil dort gerade die Kunstmesse eröffnet hat. Street Urban Pop Art aus München, Bildende Kunst aus Kärnten, Grafiken aus Dresden. Wen lädt man sich zur Eröffnung einer solchen Ausstellung ein? Robert Blanco. Logisch, oder?
Ich will mehr darüber wissen und schlage die Kulturseite auf. „Neues Programm der Magdeburger Zwickmühle rechnet mit der Corona-Pandemie ab“. „Kunstsammler Erich Marx gestorben.“ Wie jetzt? Der Schlager aus dem Feuilleton vertrieben? Hat sich da offenbar jemand beschwert? Nicht ganz. „Trauer um Gründer von Kool&The Gang“. Wobei – das ist ja Funk, kein Schlager. Geblieben sind aber die halbseitigen Anzeigen. Und da hat man diesmal immerhin einen kulturellen Akzent gesetzt. Nicht nur „Urlaub an der Nordsee“ oder „Silvester in Südmähren“ – auch eine 4tägiges Busreise zu den Störtebeker Festspielen wird angeboten. Aber wo zum Teufel finde ich Robert Blanco wieder?
Auf Seite 15, in der Beilage „Magdeburger Lokalanzeiger“. Zwischen Meldungen über Jugendliche, die sich gegenseitig Bluetooth-Boxen klauen und ein gemeinsames Abbaden von Mensch und Hund im Carl-Miller-Bad. Dafür aber umso spektakulärer. Im roten Sakko, mit ausgestreckter Hand, das Mikrophon vor dem Mund erstrahlt er über ein Viertel der Seite. Unten rechts schaut eine „Nachwuchskünstlerin“ aus München, die Alltagskleidung aus Holz erarbeitet, ernst in die Kamera.
Aber damit noch nicht genug. In einem dem Artikel beigefügten Kommentar wird der Auftritt Roberto Blancos bei der diesjährigen Kunstmesse als „Kluger Schachzug“ bewertet. Ja, es wird sogar die Behauptung aufgestellt, dass sich die unterschiedlichen Genres, also „Der Puppenspieler von Mexico“ und die Lichtkunst von Franz Betz aus Hannover etwa „durchaus beflügeln können“. Wobei den Künstler*innen immerhin attestiert wird, „geschluckt“ zu haben, als sie „davon hörte(n), wer die Messe eröffnen soll“. Aber wären denn sonst so viele Menschen zur Eröffnung gekommen? Und die Schlussfolgerung, die man daraus zieht, liegt auf der Hand: „Solche Anknüpfungspunkte sollte es viel öfter geben, wenn es um Kunst und Kultur geht.“ Also demnächst Heino zur Eröffnung der Magdeburger Literaturwochen. Die Wildecker Herzbuben bei der Verleihung des Telemann-Preises. Und wenn Magdeburg dann am 28. Oktober den Zuschlag als „Kulturhauptstadt Europas 2025“ erhält, dann bitte auch mit dem „König von Mallorca“ als „Publikumsmagnet“. Am besten auf einer riesigen Bühne im City Carré.

Über Kultur

Dass Jürgen Drews keinen gelifteten Po hat, erfährt man wo? Auf der Kulturseite der Magdeburger Volksstimme. Dort schenkt man Jürgen Drews ohnehin große Aufmerksamkeit. Schließlich hat der „König von Mallorca“ – wer es noch nicht wusste, diesen Beinamen verdankt der Barde keinem Geringeren als Thomas Gottschalk – soeben seine Memoiren veröffentlicht, unter dem Titel „Es war alles am besten“. Das muss natürlich gebührend besprochen werden, gleich auf einer halben Seite. Ganz im Gegensatz zu anderen Neuerscheinungen dieses Spätsommers, „Herzfaden“ von Thomas Hettche etwa, „Ein Mann der Kunst“ von Kristof Magnusson oder „1000 Serpetinen Angst“ von Olivia Wenzel. Da passt es doch wunderbar ins Bild, dass die Volksstimme den anderen Teil der Kulturseite für Anzeigen freigegeben hat. Fulminan – Der Beauty-Drink für reife Haut. Oder Deseo nehmen mein Mann und ich ein. Ich zur Luststeigerung, er als Erektionsunterstützung. Es wirkt! (Jutta und Heiner D.) Wer so für sich sorgt, der muss sich auch seinen Po nicht liften lassen.

Marienstift

Im Rahmen der Recherchen für mein Theaterstück „Sparwasser“ – ich bin gerade da, wo der Junge aus Westfalen, der sein Idol in der DDR treffen will, in einem Jugendpionierlager am Arendsee eine Blinddarmentzündung bekommt und dringend operiert werden muss -, bin ich auf das Marienstift gestoßen. Ein katholisches Krankenhaus in Magdeburg, das es schon zu DDR-Zeit gegeben hat, da zuckt ein ehemaliger Messdiener und Bruder eines Paderborner Domprälaten natürlich zusammen. Da ich gerade nicht in Magdeburg bin, muss erst einmal Wikipedia herhalten. „Obwohl von staatlicher Seite offiziell Einrichtungen der Kirchen abgelehnt wurden, war das Haus als Krankenhaus, welches zu dieser Zeit lediglich über die Fachgebiete Chirurgie und Innere Medizin verfügte, auch bei Funktionären der SED beliebt, wenn es um die eigene Behandlung ging.“ Klar, Hauptsache gesund, und wenn es von Gottes Gnaden ist, da machen auch die hartgesottensten Kommunisten keine Ausnahme. In meinem Stück drehe ich es so, dass der Junge erst im Krankenhaus „Gustav Ricker“ operiert werden soll, die Mutter, der es ohnehin am liebsten wäre, ihr Sohn würde im Westen operiert, wofür aber keine Zeit bleibt, dann aber dafür sorgt, dass er wenigstens in einem katholischen Krankenhaus unters Messer kommt. Ob sowas überhaupt realistisch ist? Egal, es handelt sich hier um ein Theaterstück, wichtig ist nur, dass die Namen stimmen. Und dass man aus einem Kriegslazararett keine Promiklinik macht.

  Das mit dem Kriegslazarett habe ich vom MDR, der mal einen Beitrag über die Krankenhäuser in der DDR gemacht hat. „Die Nadeln unserer Spritzen wurden zum Scherenschleifer gebracht, und der hat die neu angeschliffen, manuell! Und das tat natürlich furchtbar weh, damit Blut gezogen zu bekommen.“ – mit diesen Worten wird der ehemalige ökonomische Direktor eines Kreiskrankenhauses im thüringischen Mühlhausen zitiert. 

  Anders dagegen sah es, dem MDR zufolge, in den konfessionellen Krankenhäusern aus. Immerhin 72 davon soll es in der DDR gegeben haben, darunter das katholische Marienstift in Magdeburg, wo vor Gott alle gleich waren, Atheisten wie Tiefgläubige, jedenfalls sei kein Hilfesuchender abgewiesen worden, so ein ehemaliger Chirurg.

  Erinnert sich noch jemand an den Fall einer 25jährigen Frau aus Köln, die Ende 2012 nach einer Vergewaltigung von gleich zwei katholisches Krankenhäusern abgewiesen wurde, weil man dort befürchtete, ihr die Pille danach“ verabreichen zu müssen, was sich mit den katholischen Werten nicht vereinbaren lasse? 2015 hat der Humanistische Verband Deutschlands eine Studie in Auftrag gegeben, die die Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in diesem Land untersuchen sollte. Einen breiten Raum nimmt dabei das Gesundheitswesen ein. „Konfessionsfreie und nichtreligiöse Bürgerinnen erhalten nicht in allen Einrichtungen des öffentlichen und privaten Gesundheitssystems den gleichen Umfang an Leistungen“, heißt es da. Das betrifft offenbar nicht nur Untersuchungen wie in dem Fall der 25jährigen Frau aus Köln, sondern auch psychologische Hilfestellungen im Falle einer schweren Erkrankung, also das, was vor allem die katholische Kirche als „Seelsorge“ bezeichnet. 

  All das mögen Einzelfälle sein und von einer strukturellen Benachteiligung nichtreligiöser Menschen in Deutschland zu sprechen, steht mir nicht zu, zumal sich das auch nicht unbedingt mit meiner persönlichen Erfahrung deckt, war ich in meinem Leben doch schon beides, religiös und nichtreligiös. Aber ich weiß schon, warum ich meinen kleinen Helden im Jahre 1974 ins Magdeburger Marienstift schicke. Es soll ihm schließlich geholfen werden.

Back to the roots

Dies sind die ersten Zeilen meines Stadtschreiberblogs, die ich nicht in Magdeburg schreibe. Sondern dort, wo alles begann. Na ja, nicht ganz. Der genau Ort ist eine Etage tiefer, in meinem alten Zimmer, das heute von meinem Vater genutzt wird. Dort, wo vor mehr als vierzig Jahren der Schreibtisch stand, an dem meine ersten Texte entstanden sind, thront heute sein Sekretär; wo sich einst meine Bücher stauten, hat er sein Nervennahrungsdepot aus Katjes, Studentenfutter und Toffifee. Und wo einmal Charles Bukowski mit einer Bierflasche in der Hand an der Wand hing, lächelt einem heute meine Mutter entgegen, die überhaupt keinen Alkohol trinkt.

  Doch auch von hier oben, dem früheren Zimmer meiner Schwester, wo ich jetzt sitze und schreibe, hat man einen Blick auf den Sportplatz der DJK Spielvereinigung Mellrich, meinem Heimatverein. Von hier beziehungsweise meinem alten Zimmer eine Etage tiefer  aus habe ich an manchen Sonntagen, wenn ich mal wieder was ausgefressen hatte und nicht auf den Sportplatz durfte, die Spiele der ersten Herrenmannschaft kommentiert. Meine ersten – sagen wir mal etwas gewagt: künstlerischen Verlautbarungen. Meine Vorbilder waren Jochen Hageleit, Armin Hauffe, Werner Hansch und Heribert Faßbender, die ich allesamt aus der von Kurt Brumme moderierten WDR-2-Sendung „Sport und Musik“ kannte. Rundfunkreporter also, keine Schriftsteller. Bis ich mich traute, über Fußball zu schreiben, das dauerte. Mindestens zwanzig Jahre. Da las ich dann „Fever Pitch“ von Nick Hornby und dachte: Das darf man? Im Namen der Literatur über Fußball schreiben?

  Man durfte noch nicht, zumindest nicht in Deutschland. „Damit können Sie vielleicht in Kolumbien oder einem anderen südamerikanischen Land reüssieren“, schrieb mir ein Lektor eines großen deutschen Theaterverlags zurück, nachdem ich ihm mein Stück „Golden foul“ geschickt hatte, in dem es um einen der legendärsten Platzverweise der Fußballgeschichte ging: den von David Beckham im WM-Achtelfinale 1998 gegen Argentinien, als er den heutigen Trainer von Atlético Madrid, Diego Simone, in die Wade trat und Englands Hoffnungen auf einen zweiten WM-Titel nach 1966 zerschellten. Und der große Tankred Dorst ließ den kleinen Jörg Menke-Peitzmeyer kurz darauf nicht an der Göttinger Dramatikerwerkstatt teilnehmen, weil er genau dieses Thema nicht „gewichtig“ genug fand. 

  Die Zeiten änderten sich erst, als Deutschland den Zuschlag für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 bekam. Plötzlich wollten alle Theater was zum Thema Fußball machen. Und ich konnte liefern, aus der prallgefüllten Schublade, ein Stück nach dem andern, über Abstiegskämpfe, Fußballfans und Nachwuchsspieler. Bis hin zu einem Spieler des FC. Magdeburg, der am 22. Juni 1974 um 21:04 im Hamburger Volksparkstadion Fußballgeschichte schrieb: Jürgen Sparwasser.

  Der Kreis schließt sich also. Ich sitze an meinem Geburtsort als Schriftsteller – ein Wort, mit dem ich übrigens noch immer so meine Schwierigkeiten habe – und schreibe über Fußball. Über Sparwasser. Beziehungsweise über einen kleinen Jungen, der den großen Sparwasser kennenlernen möchte. Dieser kleine Junge bin ich und bin ich auch nicht, wie das eben so ist in der Literatur: noch die wildeste Phantasie wurzelt im wahren Leben. Zumindest die Plattform, die Startbahn teilen wir, der kleine Junge und ich. Sie ist genau hier. Beziehungsweise eine Etage tiefer. Mit dem Blick auf den Sportplatz.

Heute vor 46 Jahren

Um ein Haar hätte ich vergessen, welcher Tag heute ist. Und was heute vor genau sechsundvierzig Jahren um 21 Uhr 03 im Hamburger Volksparkstadion passiert ist. Muss ich noch mehr sagen? Ich kann auch gar nicht mehr sagen. Wo ich um diese Zeit war, steht schon an anderer Stelle in diesem Blog. Ich war der Zeit voraus, zumindest während meiner Magdeburger Stadtschreiberschaft. Und so denke ich an den Mann, für den sich an diesem Tag mehr verändert hat als für die beiden deutschen Staaten. Oder will jemand ernsthaft behaupten, der 22. Juni 1974 habe eine Wende in der Beziehung der beiden deutschen Staaten eingeleitet? Letztlich ist dieser Tag nur eine Fußnote in den Geschichtsbüchern. Aber es wäre nicht das erste Mal, dass das, was der Geschichte nur eine Fußnote wert ist, für andere Schicksal geworden ist. „Wenn man auf meinen Grabstein eines Tages nur ‚Hamburg 74‘ schreibt, weiß jeder, wer darunter liegt“, hat der Mann gesagt, für den sich an diesem Tag sein ganzes Leben verändert hat. Möge es ihm gut gehen, an diesem und an allen anderen Tagen.