Der Magdeburger Meister (2)

 

Die Behauptung, Architektur sei in Stein gemeißelte Geschichte, trifft vorallem anderen auf unsere Kirchen und Dome zu – ihre Wände, Kanzeln, Kapitelle und Reliefs sind Seiten einer Chronik, die den Wandel unserer Wertvorstellungen darstellt, mit allen Tiefen und Hochflügen.

Auch der Magdeburger Dom birgt Sinnbilder fetter Jahre und der magerer, erbärmlicher. Langsam wie ein Korallenriff wuchs er durch die Zeitalter und er wächst immer noch, auch mit Werken moderner Meister. Heinrich Apel ist einer von ihnen.
Was für eine anspruchsvolle Aufgabenstellung für einen Künstler – sich mit den großen Meistern der Vergangenheit zu messen, ohne sie herauszufordern, sie stattdessen zu ergänzen, den Faden ihrer Gedanken aufzugreifen, ihr Geschichten fortzusetzen.
Schauen wir uns eine seiner Arbeit an, den Sockel des Osterleuchters.

 

 

Der Leuchter ist an sich eine antike Säule, eine Spolie, umgearbeitet in der Zeit der Romanik, 1964 kam der Sockel dazu.

In der kirchlichen Sprache symbolisiert der Osterleuchter den Sieg des Lichts über die Finsternis, kunsthistorisch gesehen ist er, eine dreifach potenzierte Spolie, ein Zauberstab, der mehrere Zeitalter und Zivilisationen durchdringt und verbindet.

Das Relief mit der Darstellung einer in sich verflochtenen Schlange, die sich in sich selbst verbeißt, ist perfekt an das Muster der alten Säule angepasst – für ein untrainiertes Auge wie meines war der Leuchter wie ein aus einem Stück gemeißeltes Meisterwerk. Erst später las ich nach, dass der Sockel vom Heinrich Apel ist.

Was sagt uns dieses steinerne Scheusal, das sich in den eigenen Leib beißt?

Ist es die ungeheure Midgardschlange, die unsere Welt umschlingt? Eine aztekische Federschlange, die Göttin des Windes, des Himmels und der Erde? Ist sie die heidnische zyklische Zeit oder christliche Sünde und Tod?

Um den Sockel von Heinrich Apel ergänzt ist die verwaiste antike Säule in meinen Augen das in Stein gemeißelte Sinnbild der Großen Zeit, jenes Stroms, dessen Ufer einst Plätze von Babylon waren, und dann von Jerusalem, Athen, Damaskus, Rom, Konstantinopel, Venedig und vieler anderer Städte. Der Strandgut dieses Flusses war der Nährboden unseres Glauben, unserer Tradition, Kultur und Kunst.

Das wussten die alten Meister, das weiß auch Heinrich Apel, der mit Symbolen vieler Traditionen arbeitet. Er greift oft zu Figuren der antiken, biblischen und vorchristlichen Mythologien – ein weitreichender geistiger Blick.

Gleichzeitig stellt er sich auch den Themen, die ihm die Gegenwart vorgibt. „Ich lebe ja jetzt schon im 21. Jahrhundert, und letztes Endes gibt die Gesellschaft die Themen vor“.

Denken wir nur an die Werkgruppe „Zeitreports“ – eine bewegende, eindringliche Chronik der unruhigen Wendezeiten, deren Zeuge er war.

„Nicht jede Situation, nicht jeder Gegenstand sind plastisch machbar“ – sagt Heinrich Apel und gießt Zeit, Materie und Raum in Bronze. Der Ensemble steht mitten in der Altstadt Magdeburgs und ist von Gebäuden aus unterschiedlichen Zeitaltern (das romanische Kloster Unserer Lieben Frauen bis hin zu sozialistischen Plattenbauten) – umgeben, was die Aussagekraft der Plastiken verstärkt. Wir spüren regelrecht das Klirren und Knirschen des Zeitrades, das die Menschen, die es antreiben und bewegen, zermalmt und zerstückelt.

 

Die von Heinrich Apel geschaffene Figuren sind verschmitzt, verträumt, verliebt, aber auch verloren, verängstigt oder verzweifelt im Angesichts der nahen Vernichtung, des tobenden Krieges.

 

 

Er war zehn Jahre alt, als seine Heimatstadt Magdeburg zerstört wurde. Das furchtbare Inferno war auch von seinem Heimatort Schwaneberg sichtbar. „Der nächtliche Himmel über der Stadt war taghell vom Feuerschein erleuchtet. Die Detonationen der Fliegerbomben machten aus einem blühenden Gemeinwesen eine Trümmerwüste. Der rote Ziegelstaub lag wie ein Leichentuch über der ganzen Landschaft. Der Krieg spielte sich nun an allen Fronten ab. Das „ICH“ wurde durch das Weltereignis in Frage gestellt“ – erinnert sich Heinrich Apel. Solche Bilder müssen für eine junge Seele erschütternd sein und sie haben Heinrich Apel als Künstler stark geprägt.

Der Krieg ist aus seinem künstlerischen Werdegang nicht wegzudenken, auch weil Heinrich Apel mehrere Jahrzehnte an der Wiederherstellung zerbombter Denkmäler gearbeitet hat, was für ihn, wie er sagte, eine „zweite Schule“ war. „Durch die Tätigkeit in der Denkmalpflege erfährt man natürlich sehr viele Handschriften. Magdeburg ist ja eine Hochburg der gotischen Plastik, genauso wie Bamberg oder Naumburg. Also ein Realismus, der den ersten Höhepunkt nach dem Jahr 1200 hier in Deutschland hatte“ – sagt Heinrich Apel der sich auch zum „Figürlichen“ bekennt:

„Ich bemühe mich, kommunikative, konkrete Plastiken zu schaffen. Ich glaube, dass darin mein Verhältnis mit meiner künstlerischen Handschrift zur Gesellschaft besteht.“ Mutige Worte in dem Zeitalter der Abstraktion, das von oben herab auf den Realismus schaut und wenn dieser auch noch aus dem Osten kommt, kommt das obligatorische „sozialistischer“ dazu – das ist dann doppelt abwertend gemeint. Als habe es nie einen antiken Realismus gegeben, und einen romanischen und einen gotischen. Van Gogh war ein Realist, Picasso auch, selbst Malevich, bevor er sein Quadrat zur Diskussion stellte. Und den magischen Realismus gibt es auch und immer noch, und dahin gehören für mich die Arbeiten von Heinrich Apel.

Denn ist es nicht wahrhaft magisch, wenn ein Stein zu Fleisch und Seele wird?


 

Unwiderstehlich war mein Wunsch, die runden Schultern zu streicheln, so warm und lebendig schien die Haut , weiß mit dunkel schimmernden Blutgefäßen.

Zu figürlich, zu realistisch, zu einfach mögen manchen die Arbeiten des Magdeburger Meisters erscheinen. Dazu kann man vielleicht sagen, dass auch dem großen florentinischen Meister Giotto di Bondone hielten manche vor, seine Darstellung des Hl. Franziskus sei zu natürlich geraten, zu realistisch. In meiner inneren Sammlung ordne ich Kunst nicht nach abstrakt oder figürlich. Meine Lieblingskünstler sind solche, die über die magische Kräfte verfügen, Materie – Farbe, Stein, Holz, Papier – zu beseelen.

Auf der Frage, wie seine Arbeit an einem Auftrag beginnt, antwortet Heinrich Apel so:

„Es fängt harmlos an. Ich nehme einen kleinen Zettel und zeichne eine Idee auf. Der Zettel wird dann größer, um etwas zu klären, dann stellt der nächste Schritt ein Gipsmodel dar, um eine Form räumlich zu fixieren. Und wenn es sich bewahrheitet, ist das der Startschuss für eine größere Arbeit (…) Man baut sich ein Draht- oder Stahlkorsett und rührt dann die entsprechende Gipsmenge an, über die verschiedenen Stufen der Arbeit, bis die Volumina stimmen, wobei die Materialien noch nicht angesprochen wurde. Ja, das ist ein weites Feld.“

Werden Kunstwerke gemacht oder werden sie geboren? Ich neige zur zweiten Variante der Antwort – ich glaube, ein Kunstwerk wächst wie eine Pflanze – man kann das Wachstum nicht durch mechanisches Ziehen erzwingen nur fördern. Der Versuch, die Phase der Reifung zu überspringen und mit Tricks und Einfällen um die Gunst der Zuschauer zu kämpfen, kann nur für sehr kurze Zeit funktionieren. Ohne Begabung lohnt es sich gar nicht erst anzufangen. Und wie für einen Setzling Wasser, Licht und Wärme nötig sind, so für ein Kunstwerk – Talent, Leidenschaft, langer Atem. Hier ist sie, die beseelte Materie selbst, anmutig und unschuldig. Großzügig und demütig lässt der Meister sie über menschliches Leiden und Tun triumphieren.

 

 

Einst vor vielen Jahren machte ich mich auf den Weg, um die Plastiken von dem Naumburger Meister zu sehen, dabei entdeckte ich für mich einen Anderen, den aus Magdeburg. Sein Name ist Heinrich Apel und an seine Ateliertür schriebt er. „Der Mensch hat eine Seele“.

 

Der Magdeburger Meister (1)

 

„Der Mensch hat eine Seele“ hat er an seine Ateliertür geschrieben. Aber nicht nur die von ihm geschaffenen Menschen, auch die Sterne, Wolken, Engel, Tiere und Gräser sind beseelt – das verblüffte mich schon bei meiner ersten Begegnung mit einigen von ihnen vor vielen Jahren. Eines Tages hatte ich mich auf den Weg gemacht, um mir Werke des Naumburger Meisters anzuschauen, dabei entdeckte ich einen anderen, den aus Magdeburg, er heißt Heinrich Apel.
Zu den Stifterfiguren hinaufschauend lief ich durch den Naumburger Dom, den Kopf im Nacken, daher hätte ich die kleinen bronzenen Figuren, die den Handlauf der Treppe zum Ostchor schmücken, beinahe übersehen. Es waren Vögel, Schlangen, Eidechsen, Käfer, winzige Drachen und sogar eine lebendige Ranke – sie alle zogen den Handlauf empor zu dem Mann, der die Spitze des Eisengeländers krönte.
Es war der Hl. Franziskus, der vor den Vögeln predigte. Vor seinen Füßen saß eine bronzene Libelle, unten schloss die Prozession ein Pfau ab, dessen zusammengelegter Schweif ein perfekter Knauf war, der sich an die Handfläche anschmiegte.

Wie haben die Figuren die Jahrhunderte so gut überstanden? – staunte ich, fest davon überzeugt, dass die Figuren wie der Dom aus den Zeiten der Romanik stammten. Als ich aber erfuhr, dass es sich um Arbeiten eines modernen Künstlers handelt, staunte ich noch mehr und staune immer aufs Neue, wenn ich für mich neue Arbeiten von Heinrich Apel entdecke. Ich staune über seinen Mut, von dem aufdringlichen Kanon moderner prominenter Künstler abzuweichen: Tragik statt Hysterie, Humor statt Spott, Demut und Maß statt Hochmut und Hybris.

Unser heutiges Dasein ist von Veränderung, Bewegung und Beschleunigung besessen. Wenn es von allem so viel gibt, muss alles um Aufmerksamkeit kämpfen, um dann schnell zu verfallen, um den begrenzten Platz in den Köpfen und auf den Regalen zu räumen. Auch Kunst handelt aus einem sehr schlichten Impetus heraus: „Schau mich bitte an, ich zeige dir noch nie Dagewesenes“.
Verankert in der Konjunktur des Augenblickes, vom Ego des Künstlers überschattet, schauen diese Früchte des Einfalls herablassend auf die Vergangenheit und daher werden sie nie Teil der Zukunft sein – dachte ich mir, als ich mich einst in einem Museum vor einen aus menschlichen Fäkalien geformten Kopf verschlagen fand.
Zugegeben, es war eine starke Emotion und dieser Augenblick ist mir in Erinnerung geblieben, aber war das ein Kunstwerk, oder ein Kunststück, ohne Gebrauchsanweisung ungenießbar?

Die Begegnung mit den Werken von Heinrich Apel im Naumburger Dom versöhnte mich mit der zeitgenössischen Kunst. Seinen Franziskus schloss ich sofort in meine innere Sammlung ein und stellte ihn neben den Franziskus von Giotto di Bondone, dem Alten Großen Meister aus Florenz.

Giotto zeichnete auf Steinen Schafe, die er als Kind hütete, so meisterhaft, dass keiner – auch er selbst nicht – an seine außerordentlichen Begabung zweifelte. Auch Heinrich Apel wusste sofort, was seine Berufung war, als er am Tag der offenen Tür in die Kunsthochschule auf Burg Giebichenstein in Halle kam und sich umsah. Bald darauf folgen die Aufnahmeprüfungen und im Herbst 1953 begann sein Studium. Im ersten Jahr Reliefs, im zweiten Porträts oder baugebundene Kunst und dazu das regelmäßige Aktzeichnen – „das war das A und O, vergleichbar mit dem täglichen Üben eines Klavierspielers“, sagt Heinrich Appel in einem Interview. Wenn er über seine Jahre in der Kunsthochschule spricht, erwähnt er immer dankend die Namen seiner Lehrer und Kollegen, die für seinen Werdegang wichtig waren und ihre Arbeiten stellt Heinrich Apel neben die seinen.

 

Wenn man durch die Hallen von Schloss Hundisburg geht, spürt man die Verwandtschaft der Zunftbrüder, die der Welt eine Seele zumuten.

Glück im Unglück für den jungen Bildhauer war die Tatsache, dass die deutschen Städte damals noch in Ruinen lagen – die Wiederherstellung der beschädigten Baudenkmäler brauchte Talente. Noch während des Studiums machte Heinrich Apel Praktika in der Dombauhütte am Magdeburger Dom, wo sich auch seine ersten Arbeiten befinden. Nicht nur in Magdeburg, sondern auch die Dome in Quedlinburg, Halberstadt, Stendal und auch Dorfkirchen waren sein Aufgabengebiet. Manches Objekte mussten restauriert werden, die anderen – nach historischen Vorlagen wiederhergestellt und vieles – neu geschaffen: Wasserspeier, kirchliches Gerät, Türklinken.

Was für eine anspruchsvolle Aufgabenstellung für einen Künstler – sich mit den großen Meistern der Vergangenheit zu messen, ohne sie herauszufordern, sie stattdessen zu ergänzen, den Faden ihrer Gedanken aufzugreifen und ihr Erzählen  fortzusetzen.

 


Fortsetzung folgt…

Warten auf die Barbaren

 


 

Konstantinos Kavafis (1863-1933)

Warten auf die Barbaren

Worauf warten wir, versammelt auf dem Marktplatz?

Auf die Barbaren, die heute kommen.

Warum solche Untätigkeit im Senat?

Warum sitzen die Senatoren da, ohne Gesetze zu machen?

Weil die Barbaren heute kommen.

Welche Gesetze sollten die Senatoren jetzt machen?

Wenn die Barbaren kommen, werden diese Gesetze machen.

Warum ist unsere Kaiser so früh aufgestanden?

Warum sitzt er mit der Krone am größten Tor der Stadt?

Hoch auf seinem Thron?

Weil die Barbaren heute kommen

Und der Kaiser wartet, um ihren Führer

Zu empfangen. Er will ihm sogar eine Urkunde

Überreichen, worauf viele Titel

und Namen geschrieben sind.

Warum tragen unsere zwei Konsuln und die Prätoren

Heute ihre roten, bestickten Togen?

Warum tragen sie Armbänder mit so vielen Amethysten

Und Ringe mit funkelnden Smaragden?

Warum tragen sie heute die wertvollen Amtsstäbe,

Fein gemeißelt, mit Silber und Gold?

Weil die Barbaren heute erscheinen

Und solche Dinge blenden die Barbaren.

Warum kommen die besten Redner nicht, um wie üblich

Ihre Reden zu halten?

Weil die Barbaren heute erscheinen,

Und vor solcher Beredheit langweilen sie sich.

Warum plötzlich diese Unruhe und Verwirrung?

(Wie ernst diese Gesichter geworden sind.) Warum leeren

Sich die Straßen und Plätze so schnell, und

Warum gehen alle so nachdenklich nach Hause?

Weil die Nacht gekommen ist und die Barbaren doch nicht

Erschienen sind. Einige Leute sind von der Grenzen gekommen

Und haben berichtet, es gebe sie nicht mehr, die Barbaren.

Und nun. Was sollen wir ohne Barbaren tun?

Diese Menschen waren immerhin eine Lösung.

1904

Inspiriert durch dieses Gedicht, schrieb J.M. Coutzee 1980 den Roman „Warten auf die Barbaren“, eine exzellente Parabel, heute lehrhaft wie nie

 

Im Gewächshaus

Die Glashallen waren von Gruson anscheinend nach und nach aneinander gebaut worden, wie der Palast von Knossos, in dessen Innerem man sich leicht verloren fühlt. Dass ich durch die Räume wie in einem Labyrinth herumirrte, merkte ich, als ich mich zum dritten Mal vor einer versperrten Tür befand.

Da hinter der verschlossenen Tür war die  Erde  von kleinen Kakteen und Palmen ubersät, die intakt und zufrieden aussahen, die großen Palmen hingegen, die mit ihren Kronen bis an die Decke reichten, machten keinen idyllischen Eindrück – die Schranken taten ihnen eindeutig weh und mir kam eine russische Erzählung in den Sinn, über das Schicksal einer stolzen Palme in einem Gewächshaus. Die Erzählung stammt aus der Feder eines wunderbaren russischen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts, W. Garschin, der sich 1880 als junger Mann das Leben nahm und hiermit auch des seiner Begabung ziemenden Weltruhms verlustig ging . W. Garschin schrieb Novellen und Märchen, die in ihrer Melancholie, Klugheit und Ironie nicht zu übertreffen sind.

Die dramatische Geschichte, die in einem schmucken Gewächshaus spielt, heißt „Attalea prinzeps“, so der Name einer Palme, die höher und schöner als alle anderen Pflanzen war. Die Palme hatte Sehnsucht nach dem offenen blauen Himmel, nach dem Sonnenschein und nach dem frischen Wind ihrer Heimat. Und als eines Tages ein Besucher aus Brasilien sie mit ihrem wahren, nicht wissenschaftlichen Namen ansprach, wurde ihre Sehnsucht nach Freiheit unerträglich und sie begann, die anderen starken Bäume anzustacheln, sich gemeinsam anzustrengen und  in einem synchronen Wachstumsschub die Glasdecke zu sprengen, um die Kronen dem offenen blauen Himmel und der Sonne entgegenzustrecken. Die anderen Pflanzen aber wollten nicht mitmachen und warfen der Rebellin vor, sie gefährde Ruhe und Komfort, nur eine kleine Kletterpflanze an ihrem Fuße wollte der Palme auf dem gefährlichem Wege in die Freiheit folgen…

Die Attalea prinzeps begann zu kämpfen: sie bündelte ihre Kräfte, sie strengte sich enorm an und eines Tages konnte die Glasdecke ihrem Druck nicht mehr stand halten, sprangen die Sprossen und die stolze grüne Krone ragte über der zerstörten Decke. Es war Spätherbst, es regnete und schneite zugleich, der Wind war kalt, der Himmel dunkel und tief. So stand sie erschrocken, angewidert von dem Anblick der trostlosen Landschaft und des schmutziges Hinterhofes, bis ihr Todesurteil gefällt wurde. Die Palme wurde abgesägt weggetragen, zurück blieb nur auf dem Stumpf die zersägte und zerrissene Kletterpflanze, die der Gärtner einsammelte, zum Hinterhof brachte in die Ecke warf, wo die Palme Attalea prinzeps lag, im Schmutz und von Schnee überweht.

In meiner Jugend haben wir das Märchen als allegorische Darstellung der heranrückenden sozialen Unruhen im damaligen Russland gesehen, und meine Sympathien galten der stolzen Palme. Als junger Mensch war ich selbst bereit, für jeden Blödsinn auf die Barrikaden zu klettern – egal was – Hauptsache neu und Hauptsache anders, und zwar schnell – wir waren jung und stark, und dachten, die ganze Welt steht uns offen mit atlantischen Brisen und den Palmen von Mallorca.Und unsere Eltern und Großelten, die mit einem Fuß noch in den alten Zeiten steckten, die in den neuen kalten Winden froren und den geschützten Gewächshäusern nachtrauerten, waren uns egal – sie waren die kleine Kletterpflanze, die unserem Durst und unserer Ungeduld zum Opfer fielen.

Mit dem Alter wächst in mir Angst, ja Abscheu gegen Wachstum, Beschleunigung und Innovationen. In meinen Augen teilt sich die Menschheit in solche, die die Zukunft anbeten, und solche, die mit Begeisterung in die vergangenen Zeiten zurückschauen. Die ersten plädieren für Beschleunigung des sozialen und wirtschaftlichen Metabolismus, die zweiten – stehen für Verlangsamung, als ob sie die Entfernung von den mythischen Goldenen Zeitalter verzögern wollten…
Auch wenn meine Freundin Eva und der gesunde Menschenverstand mir oft vor Augen führen, dass die summierte Lebensqualität der heutigen Menschheit von Tag zu Tag nur besser wird und die Bilanz des Guten nicht zu Gunsten der vergangenen Zeiten ausfällt, flüstert mir eine leise und trotzige Stimme zu, dass unserer Wohlstand nur eine kurze Strecke auf dem Weg zu einem riesigen, noch nie da gewesenen Unheil ist.

 

Gruson und seine Gewächshäuser

Der Tag, an dem ich mich in die Gruson-Gewächshäuser aufgemacht habe, war trüb, der Himmel tief und der Wind böse. „Einsturzgefahr, einige Hallen sind heute zu. Kommen Sie an einem anderen Tag oder gehen Sie trotzdem rein ?“
Ich ging rein und warme stickige Luft hüllte sich um meinen Körper wie Plastikfolie – in manchen Räumen war es feucht, in anderen – trocken, aber überall sehr warm und schwül, mein Herz klopfte wie gefangen. Ich beschleunigte meine Schritte, eilte neugierig aus einer Glashalle in die andere. Merkwürdig, aber die unbekannten, fremdartigen Pflanzen faszinierten mich wenig – anstatt sie zu bewundern, versuchte mein Verstand sie einzuordnen, und wenn sie in keine vertraute Schublade passten, wirkten die Exoten abstoßend, so wie zum Beispiel die Annona muricata, auch: Sauersack, deren pickelige Frucht unappetitlich wie ein krankhafter Auswuchs aussah.



Am meisten sprachen mich die Gestaltformen an, die mit unseren Zimmerpflanzen verwandt sind, aber von den vertrauten, domestizierten Formen abweichen. So wie der Madeira-Storchschnabel , in dem man nur mit Mühe die Verwandtschaft mit unserer banalen Zimmer-Geranie erkennen kann. Sonst eher stämmig, grellfarbig und selbstgefällig auf einem Fensterbrett erschien die Geranie hier ganz anders – schlankgliedrig, strahlend, elegant, in ihrer urspünglichen, also wahren und vollkommenen Form, wie im Garten Eden.

Aber mit Ausnahme der strahlenden Geranium Maderensen wollten die Beeten, Oasen und Haine nicht unbekümmert und paradiesisch wirken. Hinter den Palmen und Kakteen schimmerten keine Sanddünen oder Meereskrusten, sondern weiß lackierte Heizkörper. Die Blätter und Zweige bewegten sich nicht, von bösen Böen, zarten Brisen und hungrigen Hummern und Bienen verschont – oder vernachlässigt? Auch die freilaufenden schmucken Straußwachteln erheiterten die anämischen Oasen wenig, da sie selbst geistesabwesend und etwas dement wirkten. Die Vögel scheuten uns wenige Besucher kaum, streunten desinteressiert zwischen den Farnen und Gräsern und es kostete einige Mühe, um den Blick der Wachtel einzufangen:

 

Die Wachteln trugen Ringe an den Waden, auch jede Pflanze war gezählt, katalogisiert und ausgewiesen, nichts wurde hier in der nachgeahmten Wildnis dem Zufall überlassen. Keine leichte Gotteshand hatte diese Oasen bestückt, sondern der Wille eines einzigen Menschen.
Diese Sammlung von Exoten hatte einst Gruson gehört – einem der berühmtesten Söhne Magdeburgs. Hermann August Jacques Gruson, geboren 1821, ein Nachfahre französischer Einwanderer, war ein talentierter Mechaniker und Ingenieur.
Seine Begabung entfaltete sich in einer Zeit, als sich über die deutschen Länder ein ergiebiger Sternschnuppenregen herausragender Erfinder ergoss – Bosch, Siemens, Junker und viele anderen talentierte junge Menschen mischten bei der Industrierevolution so heftig mit, dass ihre Namen zu Marken wurden, die in der ganzen Welt bekannt wurden und deutsche Qualität und Innovation verkörperten – bis in die jüngere Vergangenheit jedenfalls.

Gruson gründete 1855 bei Magdeburg die Maschinen -Fabrik und eine Schiffsbauwerkstatt mit Werft und Gießerei, deren Hartguss-Produkte bei Lokomotiv- und Panzerherstellern begehrt waren. Die Werke einwickelten sich prächtig, aber Grusons Begeisterung für seine Schienen und Maschinen scheint im Laufe des Lebens
zu geschwunden zu sein – 1886 wurde sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, bald darauf beendete er seine Mitarbeit im Vorstand der AG und schließlich verkaufte er seine Werke an Krupp. Nun konnte er sich gänzlich seiner naturwissenschaftlichen Studien widmen – seinen Exotischen Pflanzen und seinen Forschungen über Zodiakallichts, auch Tierkreislicht genannt.

Endlich vom Joch des alltäglichen Verpflichtungen befreit, veröffentlichte er das Buch “Im Reiche des Lichts“, es war die Frucht seiner dreißig Jahre langen Grübeleien über ein rätselhaftes Himmelphänomen, das auf der südlichen Halbkugel nach dem Sonnenuntergang manchmal, sehr selten und sporadisch zu beobachten ist.
In wissenschaftlichen Kreisen blieben seine astrologischen Studien weitgehend unbeachtet, was ihn offensichtlich schmerzte, aber nicht verwunderlich war – zu viel Leidenschaft, Pathos und Sehnsucht schwebte zwischen den Zeilen der Schriften des Laien- Astronomen und „erfahrenen Mechanikers“, wie der Autor selbst demütig von sich sagte.
Je mehr ich über Grusons Leben nachlas und in seinen Schriften blätterte, desto klarer wurde mir die Tatsache, dass er, der Mechaniker, Ingenieur, Unternehmer und Geheime Commerzienrath für die Öffentlichkeit, eigentlich ein geheimer Romantiker war und dass seine Studien eigentlich nicht der Wissenschaft galten, sondern seiner nach romantischen Fernen durstigen Seele.
Seiner protestantischen Ethik, seinem Ehrgeiz und Erfolg verpflichtet, hatte er, ein Familienvater und Unternehmer, sich nicht gefährliche Abenteuer und ausgedehnte Reisen gönnen können, und als Trost ließ er in seine Magdeburger Gewächshäuser Pflanzen aus fünf Kontinenten holen und am Feierabend, nach getaner Arbeit richtete er seinen wehmütigen Blick himmelwärts.
„Ein für die Eindrücke der Naturerscheinungen empfängliches Gemüth muss es wie eine heilige Weihe in seinem Innersten empfinden, wenn das Auge in stiller Nacht sich himmelwärts richtet und der Blick die unermessliche Reihe zahlloser leuchtender Gestirne durchschweift. „ – schreibt Gruson. – „ Abgelenkt von der aufreibenden und zerstreuenden Thätigkeit des Alltagslebens mit seinen wechselnden Bildern in unmittelbarster Nähe des Menschen, erhebt sich der Geist in freiem Gedankenfluge aus dem Gebiete des endlich begrenzten Raums zu den unbekannten Welten des Unendlichen und Unbegrenzten, für deren Grösse die irdischen Dinge keinen Maassstab mehr zu bieten scheinen“

Erst 1892, befreit von der „aufreibenden Tätigkeit“ an seinen Werken unternimmt er eine Reise nach Ägypten, um „Beobachtungen von Erscheinungen des Tierkreislichtes in einer südlichen Zone anzustellen“.
Aber zu kurz war die Reise, auf die er sein ganzes Leben gewartet hatte, und das mysteriöse Himmelsphänomen sah er nicht mit eigenen Augen, musste sich mit Bildern und Beschreibungen anderer Reisender begnügen, die mehr Glück gehabt hatten.
Neid und Wehmut schimmern zwischen den Zeilen, gewidmet den Beobachtungen seiner Brüder im Geiste, deren Leben eine ganze aufregende Reise gewesen war – solcher wie des rastlosen Universalgelehrten Alexander von Humboldt oder dey Ägyptologen Heinrich Brugsch…
Grusons Reise dagegen war ein Tropfen auf dem heißen Stein, so schien es mir jedenfalls, während ich in seinem Buch blätterte. Als ich den alten Band der Bibliothekarin zurückreichte, sah ich auf der Vorsatzseite in der linken unteren Ecke zwei Zeilen aus gewundenen schmucken Buchstaben einer unbekannten Sprache. „Die Bücher sind nach dem Krieg als Beute in die Sowjetunion gegangen – das könnte durchaus armenisch sein, oder georgisch – wer weiß?“ – sagte die Bibliothekarin und ich dachte, Gruson würde sich freuen, dass sein Buch tausende Kilometer weit, über hohe malerische Berge reiste und nach mehrere Jahren unversehrt heimkehrte.

Am 30. Januar 1895, nur drei Jahre nach seiner Ägypten-Reise, starb Hermann Gruson in seiner Heimatstadt und am 3. Februar lag „der sterbliche Theil des geheimen Commerzienraths“ in seinem Herrenhause aufgebahrt, wie die Presse mitteilte. Auf einem Tabouret lagen zahlreiche Orden des Verstorbenen, und um seinen Sarg tummelten sich seine exotischen Lieblinge – „Palmen aus dem sonnigen Süden, Farne aus den Urwäldern des Mississippi, seltene Gewächse aus den Cordilleren, dem Caplande, dem fernen Indien und Madagaskar“.

Lange blieb ich vor den Tafeln stehen, auf denen Grusons Lebenslauf und sein Vermächtnis den Gewächshausbesuchern präsentiert wurden. Die Außenwelt hinter den Sprossenwänden wurde immer düsterer, die trüben Sprossenwände und Decken hingen über den melancholischen Pflanzen wie ein Trauerschleier und die ganze Anlage, dieses Labyrint aus Glashallen und Irrwegen schien mir  nichts andres zu sein als ein Denkmal unerfüllter Träume und nicht betretener weiter Wege.

 

 

 

 

 

 

Nellja Veremej: Tiere schauen Menschen an

Über die Tatsache, dass das Museum um diese Zeit menschenleer war, wunderte ich mich kaum – es war ein warmer, sonnenheller Samstagnachmittag im Mai und das Grün draußen war so frisch und neu, dass die Mitarbeiter sich bei jeder Gelegenheit zur offenen Tür stahlen, um an dem schönen Tag zu schnuppern und flüchtige Blicke auf die Uhr zu werfen.
Es war nicht mein erster Besuch im Magdeburger Museum, diesmal ging ich gleich zu den Spinnen, die Sonderausstellung endete in den darauffolgenden Tagen.
Trotz vieler Lichtfluter und Lampen wirkten die fensterlosen Räume finster wie unterirdisch. Und da, wo aus der Türöffnung die Glut des Sonnentages in den Raum platzte, sahen die ausgestopfter Tiere noch toter aus als sie waren und es war schwer vorstellbar, dass zehn Meter weiter hinter den Mauern draußen eine schwarze, seidenglänzende Amsel nach sich krümmenden Würmchen in die Wiese pickt und aus der Erde saftige Stängel und Ranken sprießen.
In dem langen Saal mit der Spinnenausstellung gab es zwar Fenster, die allerdings waren zugezogen. Das Licht, das von draußen durch die schmalen Ritzen zwischen den Rollosstreifen hineindrang, schnitt die dunkle Luft in gleichmäßige Scheiben. Die Glaskästen mit den Spinnen standen auf akkurat gereihten, schwarzen Klötzen, was dem Raum eine sakrale Note verlieh – mir war, als ob ich in eine Gruft geraten wäre.


Die Spinnen hatten sich gut getarnt oder waren in ihre Höhlen gekrochen – die Kästen schienen unbewohnt, bis auf eine, wo gleich mehrere Tiere zu sehen waren: eine große haarige Vogelspinne und  zwei Grashüpfer, die dem Herren dieses Kastens als Futter dienen sollten. Das Futter hatte Augen und diese schauten mich an, angespannt und fragend.

Die Spinne ruhte, und die beiden Hüpfer bewegten sich sehr langsam, fast unmerklich. Einem von ihnen, auf dem Bild links, fehlte ein Hinterbein, und sein leichtes Hinken wirkte so menschlich, dass mir schien, er wird jetzt gleich tief und resigniert seufzen.

Ich ging durch das menschenleere Museum weiter und konnte den Gedanken an den einbeinigen Grashüpfer nicht los werden. Als Kinder haben wir ja auch Käfer und Kaulquappen in Marmeladengläsern gesammelt – ihr Anblick, wie sie verzweifelt um ihr Leben rangen, amüsierte uns.

In Nabokovs Roman „Die Gabe“ erzählt der Protagonist, wie er als Kind einen Spatz einfach so, aus Langeweile abschoss und ihm Vater, ein berühmter Naturforscher, der in seinen weiten Reisen unzählige Vögel getötet und präpariert hatte, diesen Spatz nie verzeihen konnte – wegen der „Langeweile“ als Beweggrund …

Auch der Heilige Georg, dem ich in einem anderen, der Kultur gewidmeten Saal begegnete, strahlte bodenlose Langeweile aus, während er seine Lanze in den Rachen des Drachen stieß.

So einen apathischen Georg hatte ich bisher noch nicht gesehen, ich blieb stehen.

Der Legende nach tötete Georg den Drachen, um die Königstochter zu retten, die Aktion sollte den mutigen Kampf gegen das Böse symbolisieren, aber irgendwie strahlte der Held keinen Mut und keine Entschlossenheit aus. Und während er so teilnahmslos seine Lanze in den Rachen des ihm zur Füße liegenden Bösen stieß, krümmte sich dieses vor Schmerzen, den dünnen Schwanz eingezogen, die vorderen Extremitäten seitlich ausgestreckt, resigniert und sich ergebend, wie am Kreuz.

Unsere Museen sind voller Bilder, wie Menschen mit Hingabe Tiere jagen, als hause in den von Pfeilen durchbohrten Löwen oder Ebern der Satan selbst. Auch wenn heute das blutige Grauen nicht als Kampf gegen das Böse zelebriert wird, quälen und erniedrigen wir Tiere milliardenfach, stellen dies aber nicht so gerne zur Schau wie früher.

Auch das wilde Tier hat kaum Möglichkeit sich vor uns zu verstecken – aus dem Flugzeug gesehen ist unser Kontinent ein riesiger Agrarkomplex, unterbrochen von einigen kleinen Hainen und Waldoasen, auf denen in der Regel ein Häuschen auf hohen Beinen steht, ein Jägerversteck. Gleichzeitig werden allein in Deutschland 18 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weggeworfen – was heißt, wir plündern die Erde aus und vernichten Tiere  einfach so, aus Gier, sprich Langeweile.

In einem anderen Saal zog das Bild mein Blick auf sich:

Das Bild stammt von keinem berühmten Maler, es stellt keine prominenten Protagonisten dar, auch die anatomische Darstellung der Tiere ist fehlerhaft, wie das Schildchen erklärt, und dennoch konnte ich nachvollziehen, warum das Bild vom Museum erworben wurde: die Tiere agierten da nicht als Kulisse, drei Paare Augen schauten mich direkt an, es waren vollwertige Porträts, die den Tieren eine ungewöhnlich große Palette von Empfindungen zuschrieben: Die Füchse wurden offensichtlich mitten im Spiel nach einer sättigenden Mahlzeit erwischt und der Zuschauer konnte beobachten, wie sich die unbekümmerte Freude auflöst und in puren Schreck verwandelt – den Schreck der Begegnung mit Menschen.

Und weil sich in meinem Statdtschreiber-Dasein vieles wie bestellt reimt, geriet ich am darauffolgenden Abend in den Magdeburger Zoo, wo das Stück von Annett Gröschner gespielt wurde – Hennys erotisches Leben.

Angekündigt war die Veranstaltung als ein Mondscheinspaziergang durch den Zoo, der das tierische Liebesleben von Männchen und Weibchen in fremden Gehegen und heimischen Schlafzimmern beleuchtet – im direkten Sinne des Wortes. Geschickt und unbemerkt baute das kleine Team die Szenen im voraus auf und auf der nächsten Station tauchten die Darstellerinnen Nadja Gröschner und Ines Lacroix sehr effektvoll aus der von Quaken gesättigten Dunkelheit auf – mal auf der Brücke, mal im Affengehege, mal vor der kleinen improvisierten Bühne.

Musik, kecke Kostüme, Schauspiel, Gesang – an dem Abend wurden alle Register gezogen – der Abend mit Nadja Gröschner war wie immer erfrischend, unvorhersehbar, lustig – mit ihren Veranstaltungen haben sie und ihre MitstreiterInnen eine neue Kunstgattung ins Leben gerufen, die, so hoffe ich, in der Kulturgeschichte ihren Platz als typisch magdeburgisch finden wird.

Fast drei Stunden wanderten wir, drei Dutzend Besucher, durch den geheimnisvoll illuminierten, nächtlichen Magdeburger Zoo. Es ging um Liebe und um Sex, und es fehlte nicht an derben Witzen und auch an Wissenswertem aus der Geschichte des Magdeburger Zoos. Die aufeinander folgende Szenen waren bunt und vielfältig, mir fiel aber auf, dass die  alle Liebesgeschichten aus dem Tierreich in der Regel von Optimismus und Lebenslust strotzten, während die Monologe der manchmal glücklich, überwiegend aber unglücklich verliebten Menschen von tiefer, außerirdischer Melancholie durchtränkt waren; all diese Menschen  drehten sich um ihre eigene Achse im Kreis, in ihren Trieben, ihrem Selbstverwirklichungswahn und ihrer Liebessucht, wie in einem Käfig gefangen.

So wie die Schwanendame, alias die Tänzerin Pavlova, die  plötzlich im Gebüsch  in einem echten Käfig vor uns erschien und zu uns sprach,  und das grelle unruhige Licht war wie die Glut ihrer leidenden Seele – es war ein sehr imposanter Auftritt.


Aber am meisten beeindruckte mich ein Anblick, den wir im Vorbeieilen durchs Glas zufällig erhaschten – ein Löwenpaar im sauberen Gehege. Ruhig lagen die Ehegatten  da in ihrem Wohnzimmer und schauten uns, die sie hastig ablichteten, zu. Ihre Blicke waren ruhig und leicht abwertend, als wüssten die beiden viel mehr über uns als wir ihnen zutrauen konnten.

Nellja Veremej: Über Heimatliebe. Nathusius, Heine und das Sprossende Nelkenköpfchen

In den letzten Monaten bin ich oft auf die Spuren des Wirkens der Familie Nathusius gestoßen, in Magdeburg oder Halberstadt, nun habe ich beschlossen Haldensleben und Umgebung zu erkunden, die Orte, wo Johann Gottlob Nathusius vor zweihundert Jahren „den ersten Großkonzern auf deutschem Boden“ gründete.
Steingut-, Maschinen-, Ziegel-, Porzellanfabriken und vieles mehr lag im Umkreis des lebhaften Interesses dieses Mannes, keine Seltenheit für einen Sohn des wissensdurstigen und tatkräftigen Zeitalters der Aufklärung.

Die Erscheinung des Industrie-Pionieres, auf zeitgenössischen Porträts festgehalten, strahlt Neugier und Unternehmungslust aus:

Wacher, fragender Blick, in dem Skepsis, Humor und Intelligenz durchschimmern – ein markantes, unvergessliches Gesicht.

Dieser Mann, einst der reichste Bürger Magdeburgs, kaufte 1810 ein Anwesen in Althaldensleben, wo er Dutzende Unternehmen ins Leben rief und dem kleinen Ort zu Wohlstand und Ansehen verhalf. Ein französischer Reisende beteuerte, er habe nirgendwo erlebt, dass so viel verschiedene Geschägtszweige bei einem einzigen Besitzer vereinigt und so wohl verwaltet wurden.

Die Herzensangelegenheit des Universal – Unternehmers Nathusius aber war die Pflanzenkunde. „Jeder meiner Betriebe hat seinen eigenen Direktor, aber für meine Gärten bin ich selbst Leiter.“ – sagte er. Es wurde behauptet, Nathusius habe auf seinem Gute alle Pflanzen mit Namen gekannt – alle!

Diese Leidenschaft hat mich am meistens berührt – er, ein Demiurg eines großen Industriekonzerns, war bereit, vor jedem winzigen Halm zu knien und ihn beim Namen anzusprechen. Irgendwie kongruierte das mit der Tatsache, dass Nathusius, der seine wirtschaftlichen Interessen hart gegen Konkurrenten durchsetzte, viel Wert darauf legte, seine Arbeiter gerecht zu entlohnen und die Armut in seinem Wirkungskreis zu bekämpfen.

Als ich mich mit diesem Wissen an einem schönen Tag  nach Haldensleben aufmachte, malte ich mir im Geiste ein gemütliches, lebendiges Städtchen, mit prachtvollen Gärten und Blumenbeeten bestückt, aus, mit Windmühlen und rustikalen Schornsteinen vor einem blauen Horizont.

Aber der Ausblick vom Bahnsteig in Haldensleben bot nichts Besonderes.

Die Menschen, die mit mir den auf dem kleinen Bahnhof ausstiegen, zerstreuten sich momentan in alle Himmelsrichtungen, ja sie lösten sich regelrecht auf im klaren, von Frühlingssäften durchtränkten Äther.

Nichts bewegte sich, nur ein weiterer Regionalzug rollte vor meinen Augen davon, er hieß Katharina die Große, was ihn noch kleiner wirken ließ, als er war – dieses arme rote Zugwürmchen.

Ich machte mich auf ins Museum, wo ich meine Erkundigungen über Nathusius beginnen wollte. Die Straße war menschenleer, gesäumt von Arztpraxen, die größtenteils mit Orthopädie – und Seelenheilkunde zu tun hatten.

Hatte sich der Ort damals, in der goldenen Industriezeitalter so überanstrengt, dass er jetzt seine Ruhe nachholen musste?

Auf dem umzäunten Rasen einer großzügigen, allein stehenden Villa rollte ein Rasenmäher-Roboter auf und ab, jedes mal bevor er kehrtmachte, blieb er wie nachdenklich stehen und diese Geste verwandelte ihn in einen unheimlichen, käferartigen Homunkulus.

Ich musste die Straßenseite wechseln, um einen Passanten nach dem Weg zu fragen. „Museum!?“ – fragte der verschreckt wirkende Mann. -“Keine Ahnung!.“

Aber noch während ich mit ihm sprach, sah ich schon das Gesuchte, aber das Museum – das nette alte Eckhaus mit Hof – hatte gerade für eine Mittagspause bis 14 Uhr geschlossen. Das Plakat an de Tür verkündete für den Nachmittag die Veranstaltung „Salonkultur um Heinrich Heine und Karl Leberecht Immermann“.

Es sollte um die Beziehungen zwischen den beiden Dichter gehen und um eine mögliche Bekanntschaft zwischen den Familien Nathuisius und Heine, sowie um die Salonkultur damals und die Rezeption des großen Dichters in der DDR.

Nun beflügelt schritt ich leichten Herzens in die Stadt, die Mittagsstunden zu überbrücken.

Es gab viele sensationell alte Häuser im Zentrum und die Marienkirche mit einer schmucken Tür.Aber der Anblick entvölkerter Straßen ärgerte mich.

Stünde so ein Haus irgendwo in Berlin, würden vor ihm Hunderte Touristen herumschwärmen, und für sie würde man mehrere Cafés eröffnen und mehrere Kioske mit Postkarten oder Lesezeichen, geschmückt mit Inschriften von den Fachwerkfassaden wie dieser:

So irrte ich einige Zeit durch die verhexte Stadt – die wenigen Menschen, die ich traf, schauten zur Seite. Ich begegnete nur einer Bäckerei und einer Eisdiele auf meinem Wege, aber auch da bewegten sich die wenigen Gestalten wie unter tiefem Wasser. Um von diesem Mondsucht nicht angesteckt zu werden, beschloss ich, lieber in den kleinen Park einzukehren.

Kaum setzte ich mich auf die Bank, öffnete sich ein Fenster im Haus gegenüber und aus der Öffnung zeigten sich zwei Köpfe – ein alter Mann und eine alte Frau. Sie polsterten das Fensterbrett mit Kissen ab und fingen an, mit Seifenblasen zu spielen – kichernd pusteten sie abwechselnd in den Plastikring und lehnten sich noch weiter hinaus, um den Flug der bunt schimmernden Blasen zu verfolgen. Als das Döschen leer war, zogen sie sich mit ihren Kissen in das Zimmer zurück, und die Geste, mit der sie die Fensterflügel zuklappten und die Spitzgardinen wieder zuzogen, war wie im Kaspertheater, beim Ende der Vorstellung.

Auf dem Weg zurück ins Museum begegnete ich mitten auf der breiten Promenade einem Schmuckstück in Gestalt eines Thrones, seitlich mit diesem Bild geschmückt:

Ich grübelte lange, was das zu bedeuten habe, aber es gab niemand, den man fragen konnte.

Das Museum war schon offen, als ich kam. Die Vorbereitungen für den Salon waren in vollem Gange – in einem Raum stellten die Mitarbeiter das Buffet auf und in dem anderen deckten sie mit freudiger Geschäftigkeit etwa fünfzehn Tische für die Gäste und ich hatte das Gefühl, mitten in die Vorbereitung eines großen Familienfestes hineinzuplatzen.

In der Ausstellung im oberen Stock habe ich für mich nicht Neues über Nathusius und sein Wirken erfahren, dafür aber erwies sich der anschließende Salon als spannendes Erlebnis.

Die Gäste – artig gekleidete ältere Menschen mit wachen Augen – verkörperten für mich das, was man aus russischen Romanen als Kleinstadt – Intelligenzja kennt: Menschen, die für Aufklärung brennen und in ihrem Namen die kleinsten und entlegensten Brachen der Kulturlandschaft ihrer Heimat roden und pflügen..

Die Lesung (oder besser gesagt das Gespräch unter Gleichgesinnten) bestand aus mehreren Themenblöcken, die sich berührten in dem Zweeck, die großen Namen und Geschehnisse in den Dienst der Heimatkunde zu stellen. Eingangs wurde aus Geschichte des einstigen Haldenslebener Heine-Gymnasiums berichtet und darüber, wie kompliziert die Namensgebung damals vonstatten gegangen war, was zu einer Diskussion über Rezeption des großen Dichters in der DDR führte.

Im zweiten Teil war vom Schaffen Heines und Immermanns die Rede, über ihre Freundschaft und ihr Treffen in Magdeburg und darüber, dass der reiche Onkel von Heine mit Johann Gottlob Nathusius bekannt war und ihn schätzte. Eine Dame, deklamierte bei passender Gelegenheit Gedichte, was die Gäste zu wonnigem Lächeln brachte.

Und während ich den Vortragenden lauschte, sah ich im Geiste jene unsichtbaren Luftwurzeln, die das kleine Haldesleben mit der großen Geschichte verbanden und ihm einen würdigen Platz in der großen Welt sicherten, neben Hamburg, Berlin oder Magdeburg.

In den letzten drei Monaten habe ich auch einigen anderen schönen Abenden beigewohnt, vorbereitet und durchgeführt von Magdeburger Kunstschaffenden und Enthusiasten, die für die Stadt, ihre Geschichte, Kultur und ihr Image brennen und durch ihr Wirken den in Verruf geratenen Begriff Heimatliebe rehabilitieren und mit schönen geistreichen Dingen in Verbindung bringen.

Ich hatte nicht um Erlaubnis gebeten, Fotos machen zu dürfen, und knipste heimlich nur ein schiefes Bild:

Bevor ich das Museum verließ, kaufte ich ein Heft aus der Reihe „Jahresschrift der Museen des Ohrenkreises“, in dem es unter anderem auch um Nathusius geht – schließlich war ich ja seinetwegen hierher gekommen.

Im Zug zog ich das Heft (Jahrgang 1998) aus der Tasche, es öffnete sich eigenwillig auf einer Seite, in der ein improvisiertes Lesezeichen steckte – ein aus einer Postkarte herausgeschnittener Streifen.

Auf dem Lesezeichen waren mehrere bemalte Globen dargestellt, die Kehrseite des Streifens war mit einem handschriftlichen Text versehen, der kaum zu entziffern war. Auch die quer zueinander laufenden gedruckten Zeilen auf der Vorderseite waren wegen Verstümmelung unlesbar.

Die mit floralen Mustern bemalten Globen – dieses seltsame parallele Universum – passte gut zum Beitrag im Heft, gewidmet dem Sprossenden Nelkenköpfchen.

Eigentlich ein Sachtext, mit Daten und botanischen Termini gespickt, aber ich las ihn wie Poesie, denn der aufmerksame und zärtliche Blick des Forschers verwandelte die winzige unscheinbare Pflanze in ein wertvolles und seltsames Fabelwesen – braune, trockenhäutige Hochblatthülle um dem Köpchen, mit rosa gefärbten Kronblättern bestückt, so winzig, dass ihnen nur ein sehr geringer Schaueffekt ziemt. Die Blüte ist von 8 bis 13 Uhr geöffnet zwischen Juni und Oktober, und wenn es so weit ist, zeigen sich die Samen – aufgeflacht, feinwarzig gerillt und schwach geflügelt….

Hier ist sie, die bescheidene Schönheit:

Der Autor, Günter Brennenstuhl, ist, laut Google, immer noch im Dienst der heimischen Flora unterwegs, ein prominenter Pflanzenkenner, Publizist und Mitglied mehrerer Vereine. Ich habe auch mehrere Abbildungen gefunden und sein wacher, wie fragender Blick mit den hochgezogenen Brauen schien mir gut vertraut- er ähnelt dem Blick von Johann Gottlob Nathusius, der ebenfalls über die Gabe verfügte, die vergängliche und unscheinbare Natur als Abglanz der himmlischen Vollkommenheit zu schätzen und zu würdigen.

Nellja Veremej: Am 9. Mai

Frieden denken, den Frieden schauen, oder Bilder und Begriffe eines Zauberwortes, so hieß die Vorlesung, der ich neulich im Magdeburger Forum Gestaltung beiwohnte. „Es liegt nahe, Frieden zunächst über die Abwesenheit von Krieg und Gewalt zu bestimmen. Wie aber sieht eine befriedete Welt aus?“ – die Frage, die Prof. Dr. Thomas Kater aus Leipzig in die Runde stellte, schärfte meinen Blick, als in den darauffolgenden Tagen durch die Stadt ging.
Welche Augenblicke des Stadtlebens könnten als „Frieden“ betitelt werden? – fragte ich mich und entschied mich schließlich für diesen Ausblick:

 

In letzter Zeit denke ich viel über Krieg und Frieden nach – ein Teil meiner Verwandtschaft wohnt in Kiew, ein anderer in Russland und ich in Deutschland, das fest entschlossen ist, die kleinen Völker im Osten vor den Russen zu schützen.
Wenn man täglich Zeitung liest, hat man ein Gefühl, wir sind allen Friedens überdrüssig und steuern gezielt auf die nächste Kriegsrunde zu.
Mir wurde bange, als ich las, die Bundeswehr wolle sich in diesem Jahr mit dreimal so viel Soldaten wie 2017 an Nato-Übungen im Baltikum zur Abschreckung Russlands beteiligen; die Manöver sollen „Flammender Donner“ oder „Eiserner Wolf“ heißen… – noch vor einigen Jahren hätten wir uns solche Zeitungsaufmacher nicht im Alptraum vorstellen können.

Russland seinerseits lässt am 9. Mai Iskanderraketen auf Lastwagen durch Kaliningrad rollen – „Die Bürger der Exklave sollen sehen und verstehen, dass die modernsten Waffentypen der russischen Armee zum Schutz der Region aufgestellt sind“ – so Itartass.
Daraufhin rügen die Deutschen den Altkanzler Schröder, der mit Putin öffentlich auftritt – mit Feinden redet man nicht, mit Feinden… ja, was macht man mit ihnen sonst?

Was ist heute von dem Elbe-Geist in Torgau übrig geblieben, der an die Menschen aller Nationen appellierte, ihre Differenzen mit friedlichen Mitteln zu lösen und für das gemeinsame Wohl der gesamten Menschheit zusammenzuarbeiten?

***

Am 9. Mai war ich dieses Jahr in Petersburg bei der Parade, auch hier Bilder, die mit dem Begriff „Frieden“ wenig kompatibel waren. Der Schlossplatz, wo vor den Tribünen mit den wichtigen Gästen Regimenter marschierten, war abgeriegelt, nur die Zuschauer in den ersten Reihen konnten die Parade mit bloßem Auge genießen und die anderen Abertausende wogten durch die Straßen und versuchten, einen Blick auf den Platz zu erhaschen. Die Menschen krochen auf Gesimsen und Bäumen empor, die Klügsten hatten Klappstühle oder gar Leitern mitgebracht, wir haben nur sehr wenig gesehen.

 

 

Nach der Parade blieben die Straßen im Zentrum voll – vor den weit aufgerissenen Augen zogen weitere Prozessionen vorüber. Erst rollten die Veteranen auf rustikalen Lastwagen aus den Vierziger Jahren, dann marschierte eine Kolonne mit den Porträts von Verwandten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten, vorbei. Viele Menschen trugen Militärschiffchen auf dem Kopf, der Stadtverkehr spielte verrückt, und die Aufregung stieg – irgendwann dachte ich, ich bin eine Statistin in einem Film über einen beginnenden Krieg und die Mobilisierung.
Danach hätte man alte Militärtechnik bewundern können, allerdings konnten wir auch hier nichts sehen – so viele wollten an die alten Panzer ran.

 

Fragt man jemanden nach der Natur dieser Begeisterung, kriegt man die Antwort, Russland sei von der NATO umzingelt, und diese Schlinge werde immer enger. Klingt genauso plausibel, wie die in Deutschland gängige Behauptung, dass die Russen nachdem sie sich die Krim geschnappt haben, im Begriff seien, in Riga einzumarschieren.
Als ich vor einer Woche auf dem Weg nach Petersburg in Riga Halt machte, hatte ich mir vorgenommen, mit der Stadt keinesfalls auf Russisch zu kommunizieren, wo doch die Lage so ernst ist.
Aber es stellte sich heraus, der böse Ivan hat Lettland schon längst erobert – kaum stotterte ich mein „I would like…“ in einem Café, bekam ich Antwort auf Russisch. Der Kunde hinter mir wurde genau so höflich auf Deutsch bedient, der nächste aus Lettisch – und so überall – im Bus, im Café, in der Drogerie, in Einkaufspassagen, in der Apotheke – wechselt man zwischen mehreren Sprachen. In den Mai-Tagen atmete Riga – zum Bersten voll mit Touristen aus Russland – sehr ruhig, wirkte freundlich und entspannt.

Und die Russen, die in ihren Maskerade-Schiffs – Mützchen auf die alten Panzer kriechen und auf den Westen schimpfen, fahren jedes Wochenende zum Einkaufen nach Finnland und schwärmen von dem kleinen Land, das kaum fünf Millionen Einwohner hat, so viel wie Petersburg.

Sind vielleicht die täglichen Meldungen über den drohenden Krieg im Baltikum nur heiße Luft, die Journalisten uns in die Köpfe pumpen? Dachte ich mir, durch Riga spazierend…

Bevor die beiden Weltkriege begannen, hatten die Medien Jahre im voraus schon Feindbilder in Umlauf gebracht und die Öffentlichkeit täglich damit gefüttert.
Im August 1914 jubelten präparierte Massen in ganz Europa vor Begeisterung, schwenkten mit Flaggen, zitterten vor Ungeduld – endlich dem kleinen Bruder zur Hilfe zu eilen oder tolldreisten Barbaren (Serben/Russen/Deutche/Österreicher) für ihre miesen Taten zur Rechenschaft zu ziehen.
Unter den wenigen, die kühlen Kopf und klaren Blick bewahren konnten, war Kafka, der am 2. August 1914 in seinem Tagebuch notierte:
„Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittags Schwimmschule“.
Ich habe die Kafka-Biographie von Rainer Stach verschlugen, in der schönen, spannenden Lektüre öffnet sich ein ganzer Kosmos „Mitteleuropa“ in Kafka und um ihn.
Mit jeder Seite spürt man, wie die Spannung in den europäischen Städten von Tag zur Tag wächst und angeheizt wird. Der durchschnittliche Österreicher, der nie einen Serben gesehen hat, beginnt, ihn zu hassen, während der durchschnittliche Russe, der das kleine Serbien nicht auf der Karte zeigen könnte, bereit ist, für die Serben in den Krieg zu ziehen – der Kontinent damals strotzte regelrecht vor Zorn, vor Ungeduld, vor Rechthaberei.

***
Ich bin sehr schnell müde geworden in dem 9. Mai-Spektakel in Sankt – Petersburg und war froh, als ich plötzlich eine Art Boje im Meer sah:

Fast alles war an dem Tag in der Stadt geschlossen, und ich wunderte mich, dass die Türen des Marmorpalastes offen waren.

 

Zwei uniformierte Wachmänner grüßten mich höflich und ich wanderte ganz allein durch die Ausstellung von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach, zwei meiner Lieblingskünstler, die sich vor hundert Jahren mit Gedanken über Krieg und Frieden quälten.

 

 

 

 

Und, ja, von Magdeburg war auch die Rede:

„Die kenne ich doch, diese Plastik!“ wollte ich sagen, aber es gab niemanden im Zimmer außer mir. Die mit Marmor verkleideten Zimmerfluchten waren menschenleer.

Auch draußen wurde alles ruhiger. Ich ging über die Brücke auf die andere Seite, ich wollte meinen Blog unbedingt mit einem friedlichen Bild beenden, und ich fand es im Ausklang des unruhigen Tages mitten in der Stadt. Wer Frieden sucht, findet immer.

Nellja Veremej: In Buckau. Zum 1. Mai.

Wenn ich vom Magdeburger Ufer zur Elbe schaue, bietet ihr Äußeres nichts Außergewöhnliches, und ihre Parameter enthalten kaum Superlative: Von der Länge her belegt sie den achten Platz unter den europäischen Flüssen. Einmal aber schallte ihr Name durch die ganze Welt, und diese ihre Sternstunde fiel auf einen Tag, als ihre Ufer in Trümmern lagen: Am 25. April 1945 begegneten sich die Großmächte an der Elbe und die ganze Erde – mit immer noch stockendem Atem von den Schmerzen des Krieges– sah hin und horchte.

Der „Elbe Day“ heißt auf Russisch „Begegnung an der Elbe“, und da wo sich die beiden Kräfte begegneten und küssten, entstand kurz darauf Zwist – Magdeburg wurde beinahe entlang der Elbe entzwei gerissen zwischen dem Westen und dem Osten. Wer konnte, versuchte ans westlichen Ufer zu gelangen – die Furcht vor dem Osten war groß: Der Russe wird unsere Zungen an die Türe nageln, erzählte man den Kindern des geschlagenes Volkes.

Was haben die Magdeburger damals empfunden, als man im Sommer verkündete, dass die GANZE Stadt und die Umgebung darüber hinaus dem Osten zugeteilt wird? – frage ich mich heute, als ich die Elbe entlang laufe. Schreck? Resignation? Hoffnung? Oder Demütigung?

Von Magdeburg aus hatten die Ottonen ihren Siegeszug gen Osten verkündet – und nun kam der Osten hierher. Die stolze Industriestadt sollte ab jetzt in einem Verband und im Gleichschritt mit jenen Völker des Ostens laufen, auf die man davor im Dritten Reich so verächtlich hinabgeblickt hatte.

Zurückblickend empfinde ich großen Respekt vor den Leistungen der kleinen DDR, die so viele Entbehrungen und Härteprüfungen durchmachte. Christa Wolf schrieb einst, dass sie es waren, die DDR Bürger, die mit dem Gesicht zu den Völkern standen, denen Nazi-Deutschland so viel Gräuel angetan hatte.

Anders als Westdeutschland zahlte die DDR Reparationen, auch in Fabriken. Etwa 3.000 ostdeutsche Betriebe wurden in die Sowjetunion abtransportiert, die Magdeburger Werke blieben. Es gibt Schätzungen, dass jeder Westdeutsche für die Kriegsschuld etwa 35 DM aufzuwenden hatte, und jeder Ostdeutsche – über 6.000.

***

Obgleich von einer einheitlichen und obligatorischen Ideologie durchdrungen und zusammengehalten, war der Ostblock keine homogene Erscheinung. Allein innerhalb der Sowjetunion gab es viele Gefälle, zwischen Stadt und Land, Süd und Nord, und wir alle waren damals jung, und die neue Welt reifte und alterte mit uns zusammen – so fällt die  Erinnerung an die „rote“ Zeit unterschiedlich aus.

Vor ein paar Jahren habe ich mit einer Freundin und ihrer Mutter, die aus Petersburg in Berlin zu Besuch war, die Ausstellung „Alltag in der DDR“ besucht. Die alte Dame, die ihr Leben lang in der Leningrader Motorenfabrik „Stromkraft“ gearbeitet hatte, erkannte ein Stück ihrer eigenen Vergangenheit in jenen Fotos, in denen es um den DDR – Arbeitsalltag ging. „Ja die Mensa! Wie bei uns! Und wir haben auch viele Ausflüge gemacht, damals waren wir noch alle zusammen, und jetzt sind viele meiner Kollegen tot. Und die Versammlungen. Und Theaterkarten haben wir kostenlos bekommen, es war so schön!“

„Das war nicht schön,“ sagte meine Freundin streng zu ihrer Mutter, „das war Diktatur!“, und diese nickte mit dem Kopf, bereitwillig wie eine gehorsame Schülerin, mit leichter Schuld, dass sie sich mit ihrem „schön“ zur Apologetin oder gar Komplizin der Unfreiheit gemacht hatte.

Ihrer Tochter zuliebe war die Mutter natürlich bereit, ihre Erinnerung zu revidieren, aber was bedeutete es damals, in einer großen Fabrik zu arbeiten? Das erste, was mir einfällt, ist die Tatsache, dass ich mit meinen dann 55 in diesem Jahr in Rente gegangen wäre. Alle meine Verwandten haben ihr Leben lang gearbeitet, der Großteil von ihnen in Fabriken. Arbeit war Pflicht, was natürlich lästig sein konnte, dafür aber waren die Arbeiter quasi unkündbar und wuchsen mit einer Körperseite mit ihren Betrieben zusammen, wie siamesische Zwillinge mit gemeinsamem Herzschlag.

Während ich darüber nachdachte, schickte mir der feinfühlige und hilfsbereite Magdeburger Himmel die Einladung, an einer Stadt- und Literaturführung durch die verlassenen Industrielandschaften der einstigen Grusonwerke, die in der DDR nach „Ernst Thälmann“ umbenannt wurden, teilzunehmen. Mehr als vierzigtausend Menschen arbeiteten hier damals, heute liegt das Gelände größtenteils brach.

Angeführt von der Schriftstellerin Annett Gröschner und der Stadthistorikerin Nadja Gröschner verbrachten wir, etwa ein Dutzend Menschen – zwei Stunden in Buckau, und machten dabei eine Reise durch hundert Jahre Magdeburgs. Wir haben die heruntergekommene Villa Grusons erkundet – des berühmtesten Magdeburger Unternehmers, der die Stadt zu einer Industriestadt machte, Kakteen liebte und den gestirnten Himmel anbetete.

Die einst von Industrie geprägten Areale, bestückt mit verlassenen wie auch renovierten und bewohnten Gebäuden – war bis auf uns menschenleer, und wirkte in den tiefen und schrägen Strahlen der sinkenden Sonne surreal.

Blieben wir stehen, tauchte aus dem Nicht ein schweigsamer Mann im blauen Arbeitskittel auf und bewirtete uns mit Getränken und Imbissen à la damals. Aufzählungen der damals existierenden Berufen klangen aus dem Munde von Annett Gröschner wie pure Poesie – in den langen und langwierigen Worten schien schweres rhythmisches Pochen zu hallen. Der Dichtung horchend bissen wir in Käsestullen. Dieser Spaziergang war eine der geistvollsten Führungen, die ich je besucht habe. Perfekt komponiert, eine kleine Buckauer Streichersymphonie, für das stillgelegte eiserne Herz Magdeburgs.

Unweit vom Technischen Museum zeigten sich die ersten Bewohner, Kinder, die in einem Hof spielten. Die schweren Türen gingen auf, drinnen nahmen uns weitere gute Geister in blauen Kitteln in Empfang – hier in den hohen Hallen zwischen monströsen Maschinen und Motoren las Annett Gröschner aus ihrem Manuskript. Während der ersten Station hörten wir ein Fragment über die Nachkriegskindheit im Magdeburger Knattergebirge.

Dann zogen wir weiter und platzierten unsere Bänke unter einem Kranarm mit dem Warnschild, dessen Inschrift die Autorin als Titel ihres Romans verwendet: „Unter schwebenden Lasten lauert der Tod“

Hier wurde über den Arbeitsalltag der Protagonistin erzählt, die auf einem Lastenkranwagen arbeitete. Stolz und Resignation mischten sich auf wunderbare Weise in den schroffen Worten, in denen die Frau über ihre Arbeit da oben im Himmel sprach. Im gleichen anteillosen Ton erzählte sie auch, wie einer der Kollegen, unglücklich verliebt, in das glühende Stahl sprang und, ganz standhafter Zinnsoldat, zu einem Metallklumpen einschmolz.

Von Lesestation zur Lesestation wanderten wir mit unseren Sitzbänken in der immer dichter werdenden Dämmerung wie im Zauberwald.

Unter den Zuhörer gab es auch Menschen, die in den gelesenen Texten ihr Leben wiedererkannten, das sah man ihren Gesichtern an und ihren Augen – oder bildete ich mir das nur ein?

Mich haben besonders die Szenen angesprochen, in denen die Kranfahrerin über ihr Leben im Himmel erzählt: die ganze Stadt liegt ihr zu Füßen und um ihre Ohren wehen Radiofrequenzen, die denen da unten untersagt sind. Wenn ihre Hände von den Hebeln frei sind, flickt sie die abgewetzte Kleidung ihrer fünf Kinder.

Die letzte Sitzung fand im Freien statt. Auf den Eisenschienen stand eine Plattform mit Maschinen und Geräten. Die dunklen Konturen, die sich im rasch dunkler werdenden Himmel abzeichneten, waren unscharf und undeutlich.

Gut zu sehen war ein kleiner Bagger, der neben einem zyklopischen, zwei Mann großen Holzfass noch schmächtiger wirkte als er war. Unter seinem Arm suchte eine verängstigte Schar Säulenpappeln Schutz, über der Brache stieg der Mond auf.

PS: Heute wird bei uns nicht mehr jeder zu harter Arbeit gezwungen, viele Maloche wird dem östlichen Nachbar überlassen: in Moskau klettern Tadschiken über die Baugerüste, in Polen Ukrainer, in Berlin ist jede Baustelle ein Turm zu Babel, die Schlachthäuser in ganz Deutschland sind bis zu 90 Prozent mit Bulgaren und Rumänen bestückt. Und irgendwo ganz weit im Osten, in Bangladesch und Umgebung, arbeiten kleine schwarzäugige Frauen Tag aus Tag ein für das Wohl von uns allen. Auch heute, am 1. Mai, dem Tag der internationalen Solidarität der Arbeitnehmer, sitzen sie mit gesenktem Kopf über ihren Maschinen und nähen Jogginghosen, Hemden und Kleider für uns alle, die wir hier den Ersten Mai feiern und mehr Gerechtigkeit fordern. Für uns, das versteht sich.

Nellja Veremej: PS

 

Seit dem unruhigen Tag ist etwas Zeit vergangen, und immer noch sitzt der Dorn in meinem Fuß – vielleicht war ich im Unrecht, als ich dem Vorfall mit dem Fussballfan so viel Aufmerksamkeit schenkte, und das, wo der Osten ohnehin unter Generalverdacht Fremdenfeindlchkeit in Erklärungsnot gedrängt wird? denke ich, die Elbe entlang gehend. Der Fluss, von Frühlingsblüten umhüllt, strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, die grünen Ufer sind von jungen Menschen umsäumt, die Hubbrücke ist mit Liebeserklärungen gepflastert – der hässliche Vorfall war nur eine Wolke, die einen Moment lang über die Stadt huschte – die Stadt, deren Schutzpatron der Heilige Mauritius, ein Schwarzer, ist.

Anscheinend gab es in der Weltanschauung von Otto dem Großen keinen Platz für Rassismus, „unser“ galt für ihn damals für alle Christen – die Teilung der Kirche war noch nicht vollzogen. Auch den am Rande des Dombezirkes lebenden Juden bot Otto seinen Schutz an. Und mit den Kalifaten gab es regen Handel und Ideenaustausch, noch hatten sich die Kreuzzüge nicht angebahnt, noch war die Plünderung Konstantinopels außer Sichtweite, noch hatte es keine Bartolomäusnacht gegeben – wies Otto der Große mit der Wahl des schwarzen Heiligen für seine Lieblingspfalz dem Reich eine Tür, welche die Geschichte Europas auf andere, sanftere Wege der Selbsterfindung hätte leiten können?

Durch den Alten Markt spazierend, kann man viel über Ottos Vorlieben erfahren – „Otto isst Geflügel“, „Otto kauft Fisch“, „Otto liebt Wurst“.

Mein Obolus zum Lied: „Ottos Herz ist groß“ – so groß, dass in ihm sogar zwei geliebte Frauen – eine verstorbene und eine lebende – Platz genug fanden.

 

Wie selbstbewusst und entschlossen sitzen die beiden Frauen – Editha und Adelheid – neben dem Kaiser: Kinn hochgereckt, Augen gen Himmel. Die Ottonen hatten keine Angst vor starken und klugen Frauen, und zeigten ihnen gegenüber öffentlich Respekt. 

Wären vielleicht die Hexenjagd-Orgien, die in der frühen Neuzeit in Europa wüteten, unter Otto dem Großen nicht möglich gewesen?

Man fragt sich, ob die angeblich „dunklen Jahre“ – wie wir herablassend das Zeitalter nennen, dem die Ottonen entspringen – diesen Ruf tatsächlich verdienen?

„Otto unser!“ – sage ich im Geiste, der Elbe entlang schreitend – schenk uns allen mehr Geduld und Hoffnung in den unruhigen Zeiten, wo kleine Orte von den Winden der Globalisierung leer gefegt werden und die Großstädte sich in Turm zu Babel verwandeln. Wo Kriminalchroniken immer öfter wie Kriegsberichte aussehen und Kriegsberichte wie Computerspiele vor unserem gleichgültigen Augen flimmern – Otto unser, gib uns Einsicht, Mut und Barmherzigkeit in den unruhigen neuen Zeiten!

Als ich von dem Elbe – Spaziergang nach Hause kam, funktionierte der Fahrstuhl nicht – der Himmel hatte die Maschinen kurz außer Kraft gesetzt, um mir die Wirkung meines Otto – Gebetes zu demonstrieren:

Seufzend gingen die Bewohner die Treppe hoch, nur eine vierköpfige Familie von Geflüchteten blieb ratlos unten stehen, da der ältere Sohn – etwa zwanzig und groß – im Rollstuhl saß. Drei junge Magdeburger – gute Turnschuhe, tätowierte Oberarme, akkurate Frisur – blieben auch im Flur stehen und nach kurzer Beratung legten sie ihre schon sonnengebräunten Hände an die Griffe des Rollstuhls: „Welcher Stock?“