Rein in die Leere 9

Jeden Morgen und jeden Abend um sieben, wenn ich mich für eine halbe Stunde auf ein Meditationskissen vor die weiß gestrichene Wand meiner Stadtschreiberwohnung setze, höre ich sie, die Wagen der Straßenbahnlinien 1,2,4, 8, 9 und 10. Wenn mein Geist sich mal wieder in Fantasien über eine Auferstehung meines gerade verstorbenen Katers Osman verliert oder von einer Stadtschreiberschaft ohne Corona träumt, dann sind sie es, die mich zurück in die Wirklichkeit holen: ohne Kater und mit Corona, auf dem nackten Boden der Tatsachen, der in meiner Stadtschreiberwohnung aus Holz ist. Andere Zen-Schüler mögen auf ihren Atem hören, ich höre auf die Wagen der Linien 1,2,4,8 und 9.

  Am Anfang habe ich immer gedacht, sie bögen um die Ecke, warum sonst sollten sie so ächzen und stöhnen. Dann habe ich von meiner gigantischen Dachterrasse aus gesehen, dass die Wagen sich immer dann anhören, als würden sie ächzen und stöhnen, wenn zwei Bahnen nebeneinander herfahren. Ich dachte auch, sie seien viel näher, in der Ernst-Reuter-Straße und nicht auf dem Breiten Weg. 

  Auch nachts, wenn ich nicht gleich einschlafen kann, schicken sie ihre akustischen Grüße herauf in meinen 9. Stock, und das erste, was ich höre, wenn ich morgens aufwache, ist ihr bronchiales Ächzen und Stöhnen. Sie sind die Taktmesser meiner Magdeburger Stadtschreiberschaft, der Soundtrack meiner Quarantäne. An ihnen zerschellen in schöner Regelmäßigkeit meine Träume von einem Ende der Pandemie. Wobei sie ja auch weiter fahren werden, wenn das alles vorbei ist.

  Warum ich meditiere, werde ich manchmal gefragt, wenn ich mich dazu hinreißen lasse, überhaupt zu erzählen, dass ich das tue. Man könne doch auch anders entspannen oder inneren Frieden finde, als immer nur auf eine Wand zu starren. Ich verstumme dann meistens, will nicht zu pathetisch werden und von der „großen Angelegenheit von Leben und Tod“ reden, wie das der große Zen-Meister Yoko Daishi getan hat. Lieber will ich das nächste Mal von den Wagen der Straßenbahnlinien 1,2,4,8 und 9 erzählen, wie sie den Breiten Weg in Magdeburg entlang fahren und dabei so ächzen und stöhnen, als hätten sie es mit den Bronchien. Denn um ihretwegen meditiere ich. Damit ich höre, was ich höre. Immer und immer wieder. 

  Inzwischen höre ich die Magdeburger Straßenbahnen sogar auch, wenn ich sie eigentlich gar nicht höre. Ihr Ächzen und Stöhnen ist zu einer Art Tinnitus geworden, ein Beleg dafür, dass meine Magdeburger Stadtschreiberschaft in Zeiten von Corona in einer Art Fiktion abzugleiten droht. Dagegen hilft nur eins. Schreiben. Schreiben und meditieren.

Titelseiten

20. Mai 2020

BND-Abhörpraxis verstößt gegen das Grundgesetz

titelt die seriöse FAZ gewohnt sachlich

Urteil gegen BND

die sonst auch schon mal spielerische SÜDDEUTSCHE

und sogar Springers WELT listet kurz und knapp auf

Was der BND nicht darf

Das allerdings weiß dafür die MAGDEBURGER VOLKSSTIMME genau

ganz oben rechts neben einem Foto vom Herrentag mit Deutschlandfahne

BND darf auch keine Ausländer abhören

Honi soit qui mal i pense

etwa

Nicht mal die

oder

Ja was darf der denn überhaupt

Wozu haben wir dann einen BND

und in diesen altvertrauten Tönen

Rein in die Leere 8

Vor ein paar Tagen war der Aufzug in dem Haus, in dem ich zur Zeit wohne, kaputt. Dachte ich jedenfalls. Denn wie ich kurz darauf in einem von einer Hausbewohnerin im wieder funktionierenden Aufzug an die Wand gehefteten Schreiben las, hatte offenbar jemand bloß alle Knöpfe gedrückt, ohne dann einzusteigen, und den Aufzug auf die Weise blockiert.

So weit, so gut. Ich verstehe die Empörung, den Ärger, schließlich ist es ein ziemlicher Kasten, in dem ich wohne, neun Stockwerke hoch, und wer die Stufen bis ganz nach oben laufen muss, so wie ich übrigens, dem kann das schon mal die Laune vermiesen. Aber muss man deswegen denjenigen, der das gemacht hat, gleich entmenschlichen und als „Knopfdrückersau“ bezeichnen, und das gleich zweimal? Muss man mit den Worten „Zusammen finden wir dich!“ zur Jagd auf den Übeltäter blasen? So geschehen nämlich im besagten, selbstverständlich anonym gehaltenen Schreiben, unter der seltsam steif anmutenden Überschrift „Missbrauch der Aufzugsanlagen zur Personenförderung“. Und was folgt als nächstes? Einkasernieren? An die Wand stellen und…?

Es ist in den letzten Jahren viel von der Verrohung der Sprache als Voraussetzung von Gewalt gesprochen wurden, und mir scheint, als liefere besagtes Schreiben ein furchterregend perfektes Beispiel dafür. Eine Mischung aus Amtsdeutsch und Primitivität, aus Bürokratie und Brutalität. (Klingelt da was?) Ein Neologismus zudem, „Knopfdrückersau“, der auch noch ausdrücklich in der Überschrift angekündigt wird, wenn auch in Klammern. So schwer es auch fällt, ich muss es noch einmal zitieren: „Achtung: Missbrauch der Aufzugsanlagen zur Personenförderung (Täter/in im folgenden als „Knopfdrückersau“ bezeichnet). 

Wer sowas schreibt, schreibt nicht im Affekt. Er kennt sich aus. Er kalkuliert. Würde er sonst seine Beschimpfungen in Anführungsstriche setzen? Wer sowas schreibt, weiß, was er tut.

Mich empört und ängstigt dergleichen mehr als die eigentliche Aktion, die hier beklagt wird. Früher hätte man gesagt: ein dummer Jungenstreich. Eine Unverschämtheit. Ich könnte mir auch vorstellen, so jemanden, wenn ich ihn auf frischer Tat ertappte, als Arschloch zu bezeichnen (ohne Anführungsstriche.) Aber „Knopfdrückersau“? Und „Zusammen finden wir dich“? 

Als ich gestern Abend mit dem Aufzug hochfuhr, habe ich „Knopfdrückersau“ auf dem Zettel durchgestrichen. Ein Stadtschreiber, der nicht schreibt, sondern durchstreicht. „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!“

Rein in die Leere 7

Welcher Ort könnte leerer sein als ein russischer Soldatenfriedhof ein paar Tage nach dem 8. Mai 2020. So leicht wird man ihrer nicht mehr gedenken, der gefallenen russischen Soldaten, in Magdeburg nicht und anderswo auch nicht. Und so bin mal wieder der einzige, der zwischen Gräbern herumstreunt, an diesem trüben Montagnachmittag zwischen fünf und sechs Uhr.
Mein Großvater hätte hier liegen können, wenn seine Geschichte anders verlaufen wäre, wenn seine Mutter nach dem frühen Tod seines Vaters nicht wieder geheiratet hätte, einen deutschen Eisenbahner, beheimatet im westfälischen Soest. Er selber, mein Großvater, 1910 in Minsk geboren, wäre prädestiniert gewesen, gegen die Deutschen im Zweiten Weltkrieg zu kämpfen. Stattdessen hat er für sie gekämpft, gekämpft, na ja, er hatte es mit den Augen, und so konnte er die Front mit der Schreibstube vertauschen. Aber er versah ihn, wie auch immer, seinen Dienst am Vaterland, das nicht seines war, ganz im Gegenteil.
Mein Großvater war Jude, Enkel eines Rabbiners aus einem kleinen Ort südöstlich von Babrujsk an der Bjaresina. Das Dritte Reich hat er unter dem Damoklesschwert der Mischehe verbracht, die seine Mutter 1923 eingegangen war. Er hat nie darüber gesprochen.
Die Männer, denen auf den Grabsteinen gedacht wird, sind überwiegend jünger als mein Großvater. Majore, Offiziere, Leutnante, ums Leben gekommen „bei der Erfüllung der Dienstpflicht“, wie mir eine Freundin via WhatsApp übersetzt. Später lese ich, dass der Friedhof auch als Grabstätte für die Angehörigen der Sowjetarmee genutzt wurde, die während ihres Dienstes in der DDR verstarben.
Vor der zentrale Gedenktafel liegen Blumen und Kränze. Die Linke war hier, die Regionalgruppe „Aufstehen“ Magdeburg, Vertreter der Landesregierung. Ich komme mit leeren Händen. Schließlich war mein Besuch nicht geplant, ich wollte bloß ein bisschen spazieren gehen im Nordpark nach einem langen Tag am Schreibtisch, ich hatte ja keine Ahnung, dass sich dort der Ehrenfriedhof der gefallenen Sowjetkämpfer befindet. Aber was weiß man schon von tieferen Ahnungen. Ich hatte auch schon mal eine Autopanne in Remscheid-Lüttringhausen, und während ich darauf wartete, dass der gerissene Zahnriemen in einer Werkstatt ausgetauscht wurde, trank ich einen Kaffee in der Caféteria eines Krankenhauses. Wochen später erfuhr ich, dass es dasselbe Krankenhaus war, in dem mein anderer Großvater siebzig Jahre zuvor gestorben war.
Als ich wieder in den eigentlichen Park zurückkehren will, kommt doch noch jemand auf den Friedhof. Ein junges Pärchen. Die Frau im roten Mantel hat Blumen dabei. Ich will schon auf sie zugehen und sie in ein Gespräch verwickeln, da fällt mir ein, dass Abstand halten das Gebot der Stunde ist. Und der Einfall stoppt nicht nur meine Schritte, er lähmt auch meine Zunge. Dabei hätte ich zu gerne gewusst, wer sie sind und was sie, so jung noch, hierher führt. All die ungestellten Fragen, die nicht geführten Gespräche, die nicht stattgefundenen Begegnungen und die nicht geschriebenen Texte in Zeiten von Corona.
Im Park ist es dann wieder voller. Kinder enteilen ihren Eltern, Jogger drehen ihre Runden, Halbwüchsige brechen feixend alle Abstandsregeln. In Gedanken bin ich aber noch auf dem Friedhof, beziehungsweise bei dem Bild, das am Wochenende aus Moskau in alle Welt transportiert wurde: der einsame Putin im Regen an der Kremlmauer, in der Hand eine rote Rose. Es war das erste Mal, dass ich ihn irgendwie traurig sah, und ich fragte mich, ob es wegen der siebenundzwanzig Millionen toten russischen Soldaten war oder weil er so allein war, ausgerechnet an diesem Tag. Gestern hätte ich noch gesagt, wegen der Soldaten, jetzt, wo auch das junge Paar zum Ausgang geht und der Friedhof wieder genau so verlassen daliegt wie vor meinem Besuch, bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Rein in die Leere 6

Der 1. Mai ist kein Tag für Friedhofsbesuche. Wobei ich nicht wissen möchte, wie viele der Toten, die hier auf dem Buckauer Friedhof liegen, sich totgearbeitet haben, in der Stadt des Schwermaschinenbaus. Warum also ihnen nicht mal einen Besuch abstatten. Zu den Toten muss man ja auch nicht auf Abstand gehen in diesen Tagen.
Dabei fällt mir etwas ganz anderes auf, als ich meine erste Runde mit dem Fahrrad über den Friedhof drehe. Wie viel Platz hier ist. Als beherberge der Buckauer Friedhof weniger seine alten Toten, sondern warte vielmehr auf neue. Oder als hätten emsige Friedhofsgärtner vor Wochen schon mal Platz geschaffen für die zu erwartenden Corona-Toten. Wie zur Strafe für solche unseligen Gedanken fängt es auf einmal an zu regnen.
Ich bin nicht der einzige Besucher an diesem späten Nachmittag. Wobei ein junges Pärchen den Friedhof nur als Durchgangsstation zu gebrauchen scheint. Während eine Frau mitten im Regen die Blumen auf einem Grab gießt. So als würde sie dem Klima, das es nach Wochen endlich mal wieder regnen lässt, nicht so recht trauen.
Ich bin erstens katholisch und komme zweitens vom Land. Da sind Friedhöfe bisweilen eine wuchtige Angelegenheit, zumindest in Westfalen. Riesige Familiengrüfte mit blank polierten Doppelsteinen oder spaltrau gebrannten Felsen und den Namen von Toten über Generationen hinweg, von Frank und Anja über Herbert und Adelheid bis hin zu Friedrich-Wilhelm und Franziska. Dazu alle paar Meter ein kunstvoll geschnitzter Corpus, damit ja kein Zweifel entsteht, dass der Tod noch immer eine Sache der Kirche ist.
Der Buckauer Friedhof dagegen ist eine ziemlich unchristliche Angelegenheit. Die Grabsteine, die darauf hindeuten, dass hier gute Christenmenschen begraben liegen, sind längst verwittert, die Grüfte ungepflegt, ja wie aufgegeben; es dominieren die bunten Blumen auf den Urnengräbern. Dafür entdecke ich erfreulich wenige Stätten, auf denen die Angehörigen ihren Gefühlen in Form von Maskottchen, Spielzeug-Harley Davidsons für verstorbene Rocker oder Miniaturgitarren für jemanden, der zu Lebzeiten Mitglied einer Tanzcombo war, freien Lauf gelassen haben. Alles schon gesehen.
Ich drehe noch eine Runde, dann suche ich mir eine Bank, nehme mein Handy und schaue mir ein paar Fotos von meinem Kater an, der vor zwei Tagen vom Balkon meiner Istanbuler Wohnung gefallen und anschließend gestorben ist. Vielleicht ist das ja der tiefere Grund für meinen Friedhofsbesuch ausgerechnet am ersten Mai. Auch er hat ein Grab bekommen, auf einem der wenigen Grünstreifen in meinem Viertel. Und auf einmal fühle ich mich gefangen wie nie zuvor in diesen Corona-Zeiten, weit weg von dem Ort, an dem ich inzwischen zu Hause bin. Dabei ist er so trügerisch nah. Auf der Rückfahrt entdecke ich direkt neben dem Friedhof einen Sultan-Grill.

Rein die Leere 5

Da ist sie wieder, die Leere, diesmal nicht in Magdeburg, sondern in der Süddeutschen Zeitung, in einem Kommentar von Heribert Prantl unter der Überschrift „Lehre und Leere“.
Worum geht es? Vordergründig um den Tag des Internationalen Denkmals am 18. April. Da kann man sich ja schon mal Gedanken machen, wie man eines Tages der Corona- Krise gedenken werde. Wie ja derzeit überhaupt Geschichte beinahe in Echt-Zeit geschrieben wird, das große Narrativ zu Covid 19 mit minimalster Zeitverzögerung gleich mitgeliefert wird.
Prantl holt weit aus. Sehr weit. Er rückt die Corona-Krise in die Nähe von Menschheitserfahrungen des Exils, von Flucht und Vertreibung. So beginnt sein Kommentar im Jüdischen Museum in Berlin, und er endet mit einer Diskreditierung von Leere: „Das ist kein guter Zustand.“ Er zitiert Hölderlin mit dem Vers „In diesem Lande leben wir, wie Fremdlinge im eigenen Haus.“ Die Menschen werden als haltlos beschrieben, ängstlich, es fällt der Begriff der „Entheimatung“. Nur welche Menschen?
Es können nicht die sein, die tatsächlich im Exil sind, nicht im eigenen Land, die „Entheimatung“ nicht nur fühlen, sondern de facto keine mehr haben. Denn derer kann erst wieder gedacht werden, wenn die Menschen, die jetzt „Fremdlinge im eigenen Haus sind“, also in einem der reichsten Länder der Welt zum Beispiel, ihre Angst um das eigene Wohlergehen und das ihrer Familie verloren haben. Dann werde auch wieder „Sensibilität und Verständnis für Geflüchtete wachsen, für die Menschen also, die ihre Heimat verlassen haben und sich in Deutschland fühlen wie im Garten des Exils, im Irrgarten der Paragrafen – auf der Suche nach Tritt und Halt und Heimat.“
Was soll man dazu sagen? Wo es mir die Sprache verschlägt, lasse ich Prantl ein Denkmal bauen. Oder noch besser ein „Fühlmal“, wie er selber es vorschlägt. Denn wenn wir schon nicht heimatlos sind, dann sollen wir uns wenigsten so fühlen.
Das Problem ist nur – für Prantl, nicht für mich -, dass derzeit alles dicht ist, Mussen,“Denkmäler und Monumente…vorübergehend geschlossen.“ Und das ist, ich zitierte es schon, „kein guter Zustand. Das ist keine Lehre, sondern eine Leere.“
Dass die Leere aber selber eine Lehre sein könne, darauf kommt Prantl nicht. Dass man sie einfach mal stehen und wirken und selber zur Sprache kommen lassen könnte. Vielleicht würde sie uns ja etwas anderes zuflüstern als Hölderlin. Oder vielleicht würde sie auch gar nichts sagen, in würdevollem Schweigen ihren Raum verteidigen gegen all das Geraune und Herumdeuten, das in jedem Stillstand, Innehalten und Verschwinden sofort das Unerträgliche heraufbeschwört. Das wäre ein guter Zustand.

Am Ulrichplatz

Die alte Frau
mit dem kleinen Hund
auf dem Schoß

Rosa Schleife im Haar
hellbrauner Strampler
die Pfoten in gelben Stulpen

Ich zücke mein Handy
den Finger schon an der Kamera
bereit die beiden
den Followern zum Fraß vorzuwerfen

doch etwas
lässt mich zögern
irgendwie
ist es nicht die Zeit
für Hohn und Spott

Rein in die Leere 4

Es ist das erste Mal seit meinem Austritt aus der katholischen Kirche vor gut einem Jahr, dass ich wieder in einem Gotteshaus bin. Als Tourist. Oder besser gesagt: als Stadtschreiber. Man hat ja sonst nichts zu tun in diesen Zeiten. Beziehungsweise nichts, worüber man schreiben könnte. Das Innenleben mal außen vor gelassen.

  Ich wäre nie auf die Idee gekommen, die Magdeburger Bischofskathedrale Sankt Sebastian zu betreten, wenn ich nicht auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Frau gesehen hätte, die die Kirchentür aufriss. Ich dachte nämlich, die Brüder hätten dicht. Genauso wie Autohäuser, Erotikshops und H&M.

  In der letzten Bankreihe sitzen zwei Schwestern, von denen mich eine die ganze Zeit nicht aus den Augen lässt. Andacht sieht anders aus. Oder bin ich so ein Exot in diesen heiligen Räumen? Zumindest bin ich der einzige Mann. An einem Freitagnachmittag kurz vor halb fünf.

  Ich setze mich und lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Die weiße kahlen Wände und Kreuzgewölbe werden in ihrer Schroffheit von den sandsteinfarbenen Pfeilern und Bogen und den fast gelben Rippen abgemildert. Ich schaue nach oben, wo seltsame Pfeiler die vierjochige Halle stützen. Eine wohltuende Leere geht von dem hohen Langaus aus. Womit ich auch schon wieder beim Motto meiner Magdeburger Stadtschreiberschaft wäre: Rein in die Leere.

  In diese Leere kriechen aber schnell wieder die alten Gedanken. Ich muss an die Worte des neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz denken, Georg Bätzing, der kürzlich in der Ostermesse die Auffassung vertreten hat, die Corona-Krise sei ein Glücksfall der Geschichte. So viel Freundlichkeit und Humor habe er jedenfalls selten erlebt. Ob das Klaus Wowereit wohl auch so sieht, dessen Mann an Covid 19 gestorben ist? Oder all die anderen Angehörigen der inzwischen über 150 000 Opfer dieses Virus, von denen sich viele nicht mal von ihren Liebsten verabschieden konnten? Mir fällt auch ein Interview mit dem Münchner Erzbischof ein, von dem ich nur die Überschrift gelesen habe, sowas wie ‚Unsere Botschaft wird wieder gehört.‘ Aber es soll ja auch der bayerische Ministerpräsident in diesen Tagen Zustimmungswerte von über neunzig Prozent haben. Nein, diese Institution und ich werden so schnell keinen Frieden schließen, soviel ist klar nach nicht mal einer Viertelstunde auf der Holzbank von Sankt Sebastian. Da kann die Schwester noch so gucken.

  Pflichtschuldig spaziere ich ein wenig umher, scanne mit dem geübten Blick eines jahrzehntelangen Katholiken die Orgelempore, den Kreuzweg, die Fenster im Chorschluss mit ihren alt- und neutestamentarischen Motiven vom Sündenfall über die Geburt von Jesus Christus bis hin zu seinem Einzug in Jerusalem. Auf den beiden Fenstern der nördlichen Chorseite entdecke ich den Heiligen Liborius, Patron des Erzbistums Paderborn, aus dem ich ursprünglich stamme, und erinnere mich dunkel an so etwas wie eine Partnerschaft beider Bistümer. Ich gehe mal davon aus, dass es Zufall ist, sonst müsste ich noch ins Grübeln kommen.  Dann endlich, auf einem Fenster der Südseite, der Heilige Sebastian. War das nicht ein römischer Soldat, den man gleich zweimal ermordet hat, das erste Mal mit einem Pfeil, das zweite Mal mit einer Keule? So habe ich es zumindest als Kind in einem Heiligenlexikon gelesen. Ich frage mich, wann sein Namenstag ist. Meiner ist in wenigen Tagen, am 23. April. Sankt Georg.

   Bevor ich das Gotteshaus wieder verlasse, ziehe ich unter den immer noch bohrenden Blicken der Schwester aus einem Korb eine kleine Papierrolle. Draußen, in der milden Spätnachmittagssonne, befreie ich sie von dem Gummiband und lese den Spruch: „Man kann die Zeit nicht aufhalten, aber für die Liebe bleibt sie manchmal stehen.“ Das passt zur Osterbotschaft von Bischof Bätzing. Corona als Amors Pfeil, der die Zeit mitten ins Herz trifft, so dass sie stehen bleibt. Ich hatte schon meine Gründe, warum ich diesen Brüdern den Rücken gekehrt habe. Ich frage mich nur, warum es so lange gedauert hat.

Rein in die Leere 3

Heute ist es endlich so weit: ich gehe nicht nur mehr länger in die Leere, ich laufe in sie. Nachdem ich drei Wochen auf der riesigen Dachterrasse meiner Stadtschreiberwohnung trainiert habe, ist es, noch dazu bei einer Außentemperatur von 15 Grad und einem strahlend blauen Himmel, endlich Zeit für einen Lauf unten in der Stadt. 

  Da meine Kondition gerade mal für zwanzig Minuten reicht plus weitere zehn Minuten nach einer Gehpause von drei Minuten, muss ich mir meine Strecke gut überlegen. Oder auch nicht. Und so laufe ich einfach los, nach rechts. 

  Wenn ich als Spaziergänger in diesen Tagen unterwegs bin, habe ich das Gefühl, die halbe Stadt läuft. Heute vormittag dauert es eine knappe Viertelstunde, bis mir im Geschwister-Scholl-Park die erste Läuferin entgegenkommt. Dort bin ich nämlich gelandet, nachdem ich am Ende der  Otto-von-Guericke-Straße zweimal links abgebogen bin. 

  Mein Handy habe ich in der Wohnung gelassen, nicht nur weil es unpraktisch ist, es entweder die ganze Zeit in der Hand zu halten oder es in der Rückentasche meines Läufersweaters hin und her wackeln zu spüren, sondern auch um mich nicht mit Musik berieseln zu lassen. Schließlich habe ich vorher noch in der Läufer-Bibel schlechthin geblättert, nämlich in dem Manifest des großen Langstreckenläufers unter den Schriftstellern, Haruki Murakami: „Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede.“ Und da heißt es in Kapitel 1, Seite 26, Vers 21f. „Ich laufe, um Leere zu erlangen.“

  Vielleicht kann ich einfach noch nicht lange genug laufen, denn bei mir will sich keine Leere einstellen, zumindest keine innere. Mein Herz ist voller Freude, dass ich überhaupt wieder laufe, mein Kopf ist manchmal schwer von Gedanken, was alles ich in dieser Stadt machen könnte, wenn es das Virus nicht geben würde, und auch in meinem Magen tummeln sich ein, zwei Toastbrote zu viel, schließlich ist Sonntag, und da kann das Frühstück schon mal etwas üppiger ausfallen. Und auch in der Außenwelt war es schon mal leerer in den letzten Tagen, in der Nähe der Handwerkskammer kommt mir eine vierköpfige Familie auf Fahrrädern entgegen, vor einem Imbiss tragen gleich drei Männer Kartons aus einem Wagen ins Innere, und auf den Bänken im Geschwister-Scholl-Park sitzen Pärchen in der Sonne. 

  Viel zu schnell sind die zwanzig Minuten rum, ich gehe also gemütlich zurück zum Haydnplatz, von wo aus ich dann wieder zurücklaufe in die Otto-von-Guericke-Straße. Klar, dass ich langsamer bin als auf dem Hinweg, auch die Arthrose im rechten Knie sendet verstärkte Signale, und ich wünschte mir jetzt doch einen Song, der mich den letzten Kilometer nach Hause trägt. Aber ich schaffe es auch so. 

  Oben gehe ich erst mal unter die Dusche, bevor ich meine Läufer-Bibel wieder aufschlage. Und siehe da, der Messias unter den Langstreckenläufern ist offenbar doch auch nur ein Menschensohn, jedenfalls bekennt er, dass auch durch seine Leere mitunter Gedanken ziehen, „…denn in den Herzen der Menschen kann es keine wahre Leere geben. Der menschliche Geist ist nicht stark genug, um ein echtes Vakuum zu halten, und auch nicht so konsequent.“ Amen.

Wo waren Sie, als das Sparwasser-Tor fiel?

Ich tue jetzt mal so, als hätte mich Elke Wittich vor zweiundzwanzig Jahren gefragt, wo ich war, als das Sparwasser-Tor fiel. Das hat sie nämlich mit Sepp Maier („Blöde Frage“), Günter Wallraff oder Hermann Kant getan und die Antworten zu einem kleinen Buch gebündelt, das ich vor zwei Wochen bei einem Trödler in der Nähe des Hasselbachplatzes gefunden habe.

  Also: ich war bei meinem Opa in Soest. Der hatte nämlich schon damals einen Farbfernseher, während wir dreizehn Kilometer entfernt in einem kleinen Dorf namens Mellrich noch schwarz-weiß guckten. Zwar war dieses Spiel zumindest aus fußballerischer Sicht keine große Sache – „Warum wir heute gewinnen“, lautete die Schlagzeile der BILD-Zeitung an jenem 22. Juni 1974 -, aber dafür aus politischer. Doch was verstand ich schon von Politik? Ich wusste ja noch nicht mal, dass es zwei Deutschländer gab. Und das seit fast dreißig Jahren.

  „Da kannste mal sehen“, sagte mein Opa auf eine Art, die mich jedes einzelne der sechsundfünfzig Jahren, die zwischen uns lagen, spüren ließ. 

  Mein Opa war kein besonders großer Fußballfan, aber wenn WM war, und das auch noch im eigenen Land, dann guckte natürlich auch er. Aber war es wirklich sein eigenes Land? Anders konnte ich es mir nämlich nicht erklären, dass mein Opa sich nicht darüber ärgerte, dass hier die falsche Mannschaft gewann, zumindest aus meiner Sicht. Während ich mit dem Fuß aufstampfte, lehnte er sich genüsslich in seinem Sessel zurück, und da er das mit seinen über hundert Kilo tat, hob sich die Fußlehne ganz automatisch. Da lag mein Opa nun wie in der Badewanne, während mir der Fuß wehtat. So lernte ich früh, wie ungerecht der Fußballgott sein konnte.

  Am nächsten Tag verpetzte ich meinen Opa bei meinem Vater. Ich tat das auch, weil sich die beiden nicht leiden konnten und ich hoffte, dass mich mein Vater irgendwie an meinem Opa rächen würde. Und prompt ging er darauf ein. „Kein Wunder!“ schnaubte er, „dein Opa ist ja auch ein Sozi.“ Das war das zweitschlimmste Wort, mit dem mein Vater jemanden belegen konnte, schlimmer war nur noch „Kommunist“. Zwar verstand ich nicht genau, was ein Sozi oder ein Kommunist war, aber dass es was mit Politik zu tun hatte, war sogar jemandem klar, der nicht mal wusste, dass es zwei Deutschländer gab.   

  Ein Sozi war das Gegenteil von einem CDU-Wähler, und ein solcher war mein Vater. Was anderes kam überhaupt nicht in frage, schließlich waren wir katholisch und gingen jeden Sonntag in die Kirche, meine Mutter und mein großer Bruder sogar zweimal, morgens ins Hochamt und nachmittags zur Andacht. Komisch war nur, dass mein Opa das auch tat und trotzdem ein Sozi war. 

  Jetzt musste ich nur noch herausfinden, was ein Sozi mit dem anderen Deutschland zu tun hatte, also warum er sich nicht darüber ärgerte, wenn sein eigenes Deutschland gegen das andere Deutschland verlor, und das auch noch bei einer WM in seinem eigenen Deutschland.  Ich fand nämlich, das war erst recht ein Grund, sich zu ärgern, und zwar schwarz. Ich fand, das passte auch deswegen besonders gut, weil die CDU-Wähler nämlich von meinem Opa „die Schwatten“ genannt wurden, während umgekehrt die Sozis von den Schwatten „die Roten“ genannt wurden. Und genau an dieser Stelle brachte mein Vater das schlimmste Wort ins Spiel, also „Kommunist“. Das sei nämlich jeder, der in diesem anderen Deutschland lebte. Ich lernte also an diesem Tag, dass ein Sozi kurz davor war, ein Kommunist zu werden, und das erklärte so einiges. Zum Beispiel, warum mein Opa sich nicht geärgert hatte.

  Als nächstes versuchte ich dahinter zu kommen, warum mein Opa ein Sozi war. War er etwa ein Roter, weil mein Vater ein Schwatter war, so wie ich auch vor allem deswegen Dortmund-Fan war, weil mein Vater zu Schalke hielt? Mein Opa war nämlich nicht der einzige, der so seine Schwierigkeiten mit meinem Vater hatte. Während mein Vater so schwatt war, dass er wahrscheinlich als Schwatter geboren war. Was meinen Opa betraf, so meinte mein Vater, dass der deswegen ein Sozi wäre, weil er von „von drieben“ käme. 

  An dem „von drieben“ hatte ich lange zu knacken. Es klang wie aus dem Mund von Onkel Michael, der eigentlich Gerhard mit Vornamen hieß und gar nicht mein richtiger Onkel war, sondern so eine Art Hausmeister bei uns. Jedenfalls machte er all das wieder heile, was mein Vater beziehungsweise meine Geschwister und ich kaputt gemacht hatten, weil mein Vater, wie Onkel Michael meinte, zwei linke Hände hätte. Onkel Michael sagte zum Beispiel auch nicht Teufel, sondern „Deiwel“. Oder „kraalen“ statt schreien. Oder „Plins nicht!“ statt Heul nicht! Onkel Michael war nämlich auch „von drieben“. Aber wieso sprach dann mein Opa nicht so? Hatte mein Vater mich etwa wieder angelogen, so wie kurz vor Weihnachten, als er meinte, ich würde eine Carrera-Bahn kriegen, aber dann war es doch nur ein Matchbox-Auto gewesen?

  Ich traute mich nicht, meinen Opa zu fragen, ob er „von drieben“ sei. Wahrscheinlich weil ich ahnte, dass es etwas Unheimliches war. Oder besser gesagt: etwas ganz Heimliches. So heimlich, dass man erst gar nicht darüber sprach.

  So dauerte es auch noch viele Jahre, fast zwanzig, bis ich erfahren sollte, von wie weit „drieben“ mein Opa tatsächlich kam. Er kam von so weit „drieben“, dass man dort nicht „Deiwel“, sondern „d’yavol“ sagte, wenn man den Teufel meinte. Oder „krig“ statt schreien. Mein Opa kam nämlich gar nicht aus Soest, wie wir immer gedacht hatten, sondern aus Minsk. Aus der Sowjetunion also, die bei uns zu Hause mit einem besonders scharfen S ausgesprochen wurde, das hatte mein Vater von dem Moderator des „ZDF-Magazin(s)“, der wahrscheinlich noch schwatter war als er. Und die Sowjetunion hatte sich noch nicht mal für die WM 74 qualifiziert. Da hatte es also nahe gelegen, dass mein Opa damals den kleinen Bruder der großen Sowjetunion unterstützt hatte, nämlich die DDR, das andere Deutschland also. Das hätte sogar ich verstanden, wenn man es mir damals erklärt hätte, auch wenn ich ja sonst nichts von Politik verstanden hatte.

  Damals verstand ich aber auch noch etwas anderes nicht, und das passierte genau zweieinhalb Wochen später. Da spielte nämlich unser eigenes Deutschland gegen Holland im Finale. Und diesmal schien sich mein Opa zu ärgern, während ich mich freute. Zwar stieß er nicht mit dem Fuß auf und ich lehnte mich auch nicht im Sessel zurück, klar, in dem saß ja auch mein Opa, aber es war auch so deutlich zu sehen, dass für meinen Opa diesmal die falsche Mannschaft gewonnen hatte. Aber was hatte mein Opa mit den Holländern zu tun? Waren die etwa auch alle Sozis oder Kommunisten oder was? 

  Wieder verpetzte ich meinen Opa bei meinem Vater, doch der sagte diesmal nur: „Frag deine Mutter.“ Schließlich war sie die Tochter meines Opas, also wenn es jemand wissen musste, dann jawohl sie. Aber meine Mutter sagte gar nichts. Allerdings schwieg sie auf eine Weise, dass sie doch etwas sagte. Und das klang so wie: Frag das nie wieder! 

  Und so habe ich auch nie wieder gefragt, weder meine Eltern noch sonst irgend jemanden, und am allerwenigsten meinen Opa selber. Auch später nicht, als ich längst wusste, warum ich ihn nicht fragen durfte. Denn mein Opa kam nicht nur aus Minsk, er war auch noch Jude. Und darüber sprach er nicht, zu niemandem, nicht mal zu meiner Mutter, die durfte es sogar gar nicht wissen und hätte es wohl auch nie gewusst, wenn sie nicht eine Schwester gehabt hätte, die sich eines Tage hatte scheiden lassen und dann einen Mann geheiratet hatte, der sich für Ahnenforschung interessierte.

  Ich weiß, ich bin längst vom Thema abgekommen, der Frage, wo ich war, als das Sparwasser-Tor fiel. Aber es zeigt eben, dass das Sparwasser-Tor nicht irgendein Tor war, am allerwenigsten vielleicht ein Fußball-Tor. Für mich ist es noch immer ein Einfallstor in meine Familiengeschichte, die ein Teil der deutschen Geschichte ist. Und nun bin in Magdeburg, ausgerechnet, der Stadt, in der Sparwasser damals gespielt hat. Wie könnte ich also umhin, über ihn zu schreiben. Über ihn und meinen Opa und mich. Wohin die Reise gehen wird, weiß ich noch nicht so genau. Das heißt, ich weiß es, ich weiß vielmehr noch nicht, wie. Ob mit dem Zug, einem Ballon oder wie man sonst vom Westen in den Osten kam, damals in den Siebzigern. Von Soest nach Magdeburg.