Nellja Veremej: PS

 

Seit dem unruhigen Tag ist etwas Zeit vergangen, und immer noch sitzt der Dorn in meinem Fuß – vielleicht war ich im Unrecht, als ich dem Vorfall mit dem Fussballfan so viel Aufmerksamkeit schenkte, und das, wo der Osten ohnehin unter Generalverdacht Fremdenfeindlchkeit in Erklärungsnot gedrängt wird? denke ich, die Elbe entlang gehend. Der Fluss, von Frühlingsblüten umhüllt, strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, die grünen Ufer sind von jungen Menschen umsäumt, die Hubbrücke ist mit Liebeserklärungen gepflastert – der hässliche Vorfall war nur eine Wolke, die einen Moment lang über die Stadt huschte – die Stadt, deren Schutzpatron der Heilige Mauritius, ein Schwarzer, ist.

Anscheinend gab es in der Weltanschauung von Otto dem Großen keinen Platz für Rassismus, „unser“ galt für ihn damals für alle Christen – die Teilung der Kirche war noch nicht vollzogen. Auch den am Rande des Dombezirkes lebenden Juden bot Otto seinen Schutz an. Und mit den Kalifaten gab es regen Handel und Ideenaustausch, noch hatten sich die Kreuzzüge nicht angebahnt, noch war die Plünderung Konstantinopels außer Sichtweite, noch hatte es keine Bartolomäusnacht gegeben – wies Otto der Große mit der Wahl des schwarzen Heiligen für seine Lieblingspfalz dem Reich eine Tür, welche die Geschichte Europas auf andere, sanftere Wege der Selbsterfindung hätte leiten können?

Durch den Alten Markt spazierend, kann man viel über Ottos Vorlieben erfahren – „Otto isst Geflügel“, „Otto kauft Fisch“, „Otto liebt Wurst“.

Mein Obolus zum Lied: „Ottos Herz ist groß“ – so groß, dass in ihm sogar zwei geliebte Frauen – eine verstorbene und eine lebende – Platz genug fanden.

 

Wie selbstbewusst und entschlossen sitzen die beiden Frauen – Editha und Adelheid – neben dem Kaiser: Kinn hochgereckt, Augen gen Himmel. Die Ottonen hatten keine Angst vor starken und klugen Frauen, und zeigten ihnen gegenüber öffentlich Respekt. 

Wären vielleicht die Hexenjagd-Orgien, die in der frühen Neuzeit in Europa wüteten, unter Otto dem Großen nicht möglich gewesen?

Man fragt sich, ob die angeblich „dunklen Jahre“ – wie wir herablassend das Zeitalter nennen, dem die Ottonen entspringen – diesen Ruf tatsächlich verdienen?

„Otto unser!“ – sage ich im Geiste, der Elbe entlang schreitend – schenk uns allen mehr Geduld und Hoffnung in den unruhigen Zeiten, wo kleine Orte von den Winden der Globalisierung leer gefegt werden und die Großstädte sich in Turm zu Babel verwandeln. Wo Kriminalchroniken immer öfter wie Kriegsberichte aussehen und Kriegsberichte wie Computerspiele vor unserem gleichgültigen Augen flimmern – Otto unser, gib uns Einsicht, Mut und Barmherzigkeit in den unruhigen neuen Zeiten!

Als ich von dem Elbe – Spaziergang nach Hause kam, funktionierte der Fahrstuhl nicht – der Himmel hatte die Maschinen kurz außer Kraft gesetzt, um mir die Wirkung meines Otto – Gebetes zu demonstrieren:

Seufzend gingen die Bewohner die Treppe hoch, nur eine vierköpfige Familie von Geflüchteten blieb ratlos unten stehen, da der ältere Sohn – etwa zwanzig und groß – im Rollstuhl saß. Drei junge Magdeburger – gute Turnschuhe, tätowierte Oberarme, akkurate Frisur – blieben auch im Flur stehen und nach kurzer Beratung legten sie ihre schon sonnengebräunten Hände an die Griffe des Rollstuhls: „Welcher Stock?“

 

 

 

Nellja Veremej: Ein unruhiger Tag und der Dorn im Fuß

Irgendwo auf einem benachbartem Dach wohnt ein Habicht, der manchmal auf Augenhöhe über meinem Turm kreist. An diesem Samstag ist viel mehr los im Himmel über Magdeburg. Das Stück Äther in meinem Fenster ist von Kondensstreifen quer und durch gezeichnet. Ab und zu eilt geschäftig ein Hubschrauber vorbei. In der Ferne schwebt ein Luftballon mit wackelnder Gondel voller Menschen. Auch unten ist viel los – heute empfängt der 1. FC Magdeburg den Karlsruher SC, Dritte Liga, Aufstiegskampf, lese ich in der Zeitung.
„Unsere Jungs haben richtig Druck. Die ganze Stadt hofft, dass wir aufsteigen“, sagt Maik Franz. Man hat sich wieder nach oben geackert, ehrlich gearbeitet. Franz, von 1998 bis 2001 Spieler beim FCM, zählt auf, was sich alles verändert hat. Stadion, Laufhalle, Jugendzentrum, drei Kunstrasenplätze, ein Internat mit zwölf Zimmern, „das ist alles neu (…)“. Stück für Stück habe sich der FCM weiterentwickelt. Dasselbe gilt für die Stadt, die einer einzigen Großbaustelle gleicht. Überall wird gebaut: Ob am Bahnhof oder an den Elbbrücken.
(Stimmt, mein Turm ist regelrecht von Baukränen umstellt!)
„Die Stadt lebt, sie ist besser als ihr Ruf“, sagt Franz. Wieder zählt er auf: „Domplatz, Stadion, Elbe, viel Grün. Magdeburg ist auch Studentenstadt. Man spürt: Es entwickelt sich hier überall etwas, das kann man vielleicht auch auf den Verein projizieren.“
Ich stimme zu und hoffe mit.

***
2-0 für Magdeburg! Irgendwo in der Ferne hallen durch Megafon verstärkte Ausrufe und tausende einzelne Stimmen der Freude. Von diesem Fest ist in meiner Otto-von-Guericke Straße nichts zu spüren. Nur kleine Grüppchen blau betuchter Männer und Frauen hier und da – Stolz in den Augen, Bier vor dem Mund, Röte im Kopf. Manche sind laut und offensiv, aber wir, die ohne Tücher, weichen ihnen aus – es ist heute ihr schöner Tag, obgleich auch dieser sich langsam zu Ende neigt.
Als ich einkaufen gehe, läuft im Allee Center ein junger Mann vor mir, er strahlt große Unruhe aus – als ob er eine dicke, knisternde Wolke um sich tragen würde. Sein Schritt ist nicht schnell, aber sehr energisch, seine Ellbogen leicht abgestellt – mit ihnen versucht er einige, die ihm entgegen kommen, zu rammen. Nicht alle, nur welche, die schwarze Haare haben und einen dunklen Teint. Er stellt sich kurz vor ihnen auf, sagt etwas Höhnisches und läuft weiter. Er strotzt regelrecht vor Kraft, mir scheint, sein überladener Kopf schießt kleine Stromfunken aus. Sein Kopf ist nicht kahl, aber sehr akkurat frisiert – Härchen zu Härchen, sie glänzen vor Gel. Oder Lack? Seine Haut ist glatt, wohltemperiert und sonnengebräunt. Frisches T-Shirt, knielange Hose. Seine Waden zieren grazile Tatoos, die Füße in teuren Nike Turnschuhen und schneeweißen Socken, wie aus der Werbung: „Nicht nur sauber, sondern rein“.
Meine Seele versucht, einen kleinen Ausflug in diese saubere Hülle zu machen – was treibt ihn? Was liegt ihm am Herzen? Wo drückt es ihn, den wohlgenährten, sauberen, gepflegten Menschen, Bürger eines der wohlhabendsten Länder der Welt? Kinn ausgestreckt, Brust hoch, wie eine Galionsfigur – fühlt er sich wie ein Ritter des Lichtes oder Otto mit Schwert oder Georg mit Speer?
Einmal rammt er einen älteren, dunkelhäutigen Herr, der in Begleitung seiner Familie die Allee entlang spaziert, dann einen Jüngeren, aber schmächtigen – dumm ist der wütende Mann nicht – er wählt sich passende Gegner, nicht stärker als er.
Es gibt viele Menschen um uns herum, die merken, dass es etwas nicht stimmt, aber er fuchtelt ja nur mit den Händen vor den fremden Gesichtern, ohne sie zu berühren. „Es ist noch nichts passiert“ – sage auch ich mir, und folge dem wütenden Mann, ich trete buchstäblich in seine Spuren, als ob ein kräftige Windzug mich in seiner Laufbahn fest halten würde.
Und plötzlich bleibe ich stehen, weil auch er stehen bleibt: endlich findet sein funkelndes Auge jemanden, der richtiggehend passt: einen schlecht gekleideten, schwarzen Mann mittleren Alters, der mit seinen breiten Kleidern tollpatschig wie Charlie Chaplin wirkt.
Ich stehe nun ganz nah, die hässlichen Wörter prallen auch in meine Ohrtrommel, aber ich kann mich nicht bewegen. Ohnehin verwirrt starrt der Schwarze angestrengt in das Gesicht des jungen weißen Mannes mit den tätowierten Oberarmen und Waden, und als dieser den Schwarzen weit weg schicken möchte und ich in die imaginäre Schusslinie seiner sauberen Zeigefinger gerate, stürze ich die Treppe ins Untergeschoss hinunter.
Ich bleibe kurz vor der Supermarktschwelle stehen – horche nach oben. Vom Erdgeschoss, da wo die fahrbare Treppe endet, dringt keine Tumult: „Es ist nichts passiert“, sage ich mir und gehe zu REWE rein.
„Es waren ja auch andere da oben. Hähnchenkeule oder Hähnchenbrust? Und außerdem ist er ja weiter gezogen. Harzer-käse ist besser, stinkt ein bisschen, dafür aber praktisch ohne Fett. Freilich kenne ich die beiden Männer nicht und meine Aussprache hätte ihn vielleicht zusätzlich gereizt. Was für Äpfel? Schließlich bin ich kein Petrus, und der Afrikaner ist kein Jesus.“
Anscheinend irre ich verdächtig lange durch die Supermarkt-Labyrinthe, denn irgendwann merke ich, dass mir der Wachmann in Schwarz wie ein schleichender Schatten folgt und mir gestohlen auf die Hände schaut. Nach oben auf die Erdoberfläche gestiegen, stelle ich fest, dass ich in der Tasche weder Käse noch Äpfel habe, nur eine Schachtel Pralinen, die mir flott und geschickt ohne Erlaubnis in den Mund springen, ohne dass ich es merkte. Als ich nach zehn Minuten mit dem Fahrstuhl in meinen Turm hinauf sause, ist die Schachtel leer und der Bauch voll .
Anfangs wollte ich dieses Ereignis nicht in meinen Blog nehmen, ich bin ja hier nicht, um die Stadt zu denunzieren – über einer Wiese schwebend wird die Fliege ein Stück Dreck im Auge behalten, und die Biene – Blumen. Jede Stadt hat reichlich von beidem, man muss nur suchen, denke ich am nächsten Morgen, unterwegs Richtung Elbe. Heute ist Fischmarkt am Hafen – ich habe auf diesen Tag gewartet und mir vor meinem inneren Auge reich bestückte Vitrinen und Theken mit silberschimmerndem Fisch ausgemalt.

Die Stadt ist am frühen Sonntagmorgen leer wie gefegt, aber am Fluss ist viel los: Alle eilen, wie ich zum Fischmarkt, auf dem es aber eigentlich kaum Fisch gibt. Ein paar geräucherte Aale in fahrbaren Vitrinen und Fischbrötchen. Sonst Würstchen auf Deutsch, Würstchen auf Polnisch, Gulasch, Soljanka, Geranien, Gartensträucher, tausendfach Socken und Unterhosen in wilden und zarten Farben, Taschen, Schuhe, Uhren – was dein Herz begehrt!

Hier in diesem farbenfrohen Parlament der Vielfalt, finde ich sogar mich in dreifacher Ausführung auf der Bank mitten im Bild sitzend.

Zwar wird hier auch das Böse feil geboten:

Aber das Gute überwiegt: zwei friedliche Männer vor einem Kranarm ( die Stadt, die einer einzigen Großbaustelle gleicht ) gesegnet.

Viele Verkäufer reden gebrochenes Deutsch, aber das scheint hier niemanden zu stören.

Es riecht nach Soljanka und geräuchertem Aal, die dunkelhäutigen Gemüsehändler bieten mit grollenden Stimmen ihre Angebote feil, jemand tritt auf meinen Fuß – aber es herrscht Frieden hier oder ein geschäftiges Nebeneinander, was eigentlich dasselbe ist.

Ich stehe mit meinem Fischbrötchen vor einem runden Tisch, daneben ein Trüppchen älterer Menschen, angeführt von einem Mann mit breiten Hosenträgern. „Magdeburg ist sehr schön, wir unterschätzen es oft“ – sagt er zu den Damen, die Eis essen und sie nicken. „Früher wollte man nach Mallorca oder sonst irgendwohin. Wozu? Der Harz ist so schön und so nah!“

Als mein Vater krank wurde, wollte er nicht nach Magdeburg, wollte in Halberstadt sterben, aber als er dann sah, wie nett es hier ist, war er glücklich. Mein Vater war ein angenehmer Mensch und pflegeleicht…“- sagt eine der Frauen.

Ja, übrigens, Ilse ist gestorben“ – meldet sich eine andere Frau und sie reden nun über Krankheit, Pflege und Tod, sachlich und nüchtern, und lecken dabei am Eis.

Die Stadt lebt, sie ist besser als ihr Ruf“, sagte Maik Franz der Zeitung und an diesem Morgen stimme ich ihm zu.

***

Eigentlich wollte ich diesmal über den Fluss schreiben, aber irgendwie schlich sich der böse Mann wider meinen Willen in den Blog hinein, und macht sich breit und drängt die Elbe weg. Und an dem Tag noch erlebe ich im Magdeburger Dom ein kleines Nachspiel zu der Geschichte: Als ich mich zu dem Figürchen am bronzenen Fuße des Erzbischofs Friedrich von Wettin neige,

glaube ich in der Gestalt des kleinen, vom richtigen Weg abgekommenen Sünders die Züge des jungen Fußballfans von gestern zu erkennen.

Und der Heilige Mauritius, der keine zehn Schritte entfernt am Sarg von Otto des Großen wacht, ist dem schwarzen, beleidigten Mann aus dem Allee Center wie aus dem Gesicht geschnitten.

 

 

 

Nellja Veremej: Unser täglich Buch

 

Es gibt Ecken in Magdeburg, von denen aus der majestätische Dom etwas fehl am Platz aussieht, ein paar Nummer zu groß, ein paar Nummer zu schön – so wie vom Busbahnhof aus zum Beispiel.

 

Mir wurde die Ehre zuteil, für die Stadt Magdeburg auf der Buchmesse zu lesen. Ich fahre nach Leipzig, der Morgen ist grau. Der Bus verspätetet sich, ich studiere den Reiseplan an der Glaswand: Košice, Poprad, Trenčin, Brno – unbekannte, poetische Namen – fremd und vertraut zugleich. Die kleinen und großen Orte sind Knoten in jenem dichten Kapillarengeflecht des Ostens, das die billigen Arbeiter und Arbeiterinnen in den Norden und Westen der Union pumpt. Diese Männer und Frauen sind in unseren Städten allgegenwärtig, aber fast immer unsichtbar – sie kochen, putzen, mauern, malern, kacheln durch Wände, Gerüstplanen und Bausperren von uns getrennt. Wenn die Wanderarbeiter zu ihren Alten und Kleinen nach Hause fahren, haben sie die Hände voller Geschenke – mehrere Männer laden Kisten und Taschen aus einem Transporter auf den Bahnsteig und rauchen. Als ihr Bus kommt, stopfen sie ihre Beute mit starken rauen Händen in das ohnehin volle Gepäckabteil. Im Land meiner Kindheit war der Proletarier mit seinen dunklen, starken Händen eine Kultfigur, jetzt ist er unsichtbar geworden, wählt schattige Straßenseiten, wenn er auf der Suche nach Arbeit durch Europa wandert. Der Wanderarbeiter kommt immer von Osten: und ich, eine Ostlerin, die sich mit leichter Tasche zur Buchmesse aufmacht, bekomme als Überläuferin etwas Gewissensstiche.

Niemand weiß, wo die Mitte Europa liegt, aber seine Peripherie kann nur im Osten liegen. Denn mit seinen anderen Flanken schaut Europa auf Meere und Ozeane und die Küstenorte sind dazu verdammt, wohlhabend, weitsichtig und weltoffen zu sein. Nach Osten hin erstreckt sich Europa mit gewaltigen Erdmassen, Binnenland verwandelt sich unmerklich in Hinterland – wo genau, kann niemand sagen.

***

Als unser Bus startet, fällt Schnee. In Leipzig schneit es auch. Der Tram ist voll, überwiegend mit kostümiertem jungem Volk. Nass und durchfroren drängen sich Drachen, Mikas und Badass Psychos zusammen. Das übergewichtige Eichhörnchen weiß nicht wohin mit dem prachtvollen hochgestellten Schwanz, die Fee mit verwelktem, nassem Tüllflügel und zerlaufener Schminke schimpft.

Aus der Ferne sieht die Messeanlage am Stadtrande wie eine Raumschiffstation aus – große Hallen – zusammengebunden durch gläserne Tunnel, eingebettet in ein weites, kahles Feld.

Gewaltige Menschenmengen wogen durch das riesige Foyer – die Ströme teilen sich, biegen ab und fließen durch die gläsernen Rohre weiter – ich segele den sicheren Hafen Stand Magdeburg an. 

 

Von dort dann weiter im Ozean umher.

Bei der Planung der Reise ist mir ein Fehler unterlaufen: ich habe die Abfahrt für halb neun abends gebucht, ohne zu wissen, dass die Messe ihre Pforten um sechs schließt. Ich werde zwei Mal in ein Café einkehren, sehr langsam durch die Hallen laufen, lange an Ständen stehen bleiben, um die Zeit tot zu schlagen.

Menschen sind unzählige hier, aber Bücher gibt es noch viel mehr. Selten fühlte ich mich so klein und überflüssig, wie bei diesem Besuch bei der Buchmesse. An meiner Berufung zweifelnd irre ich durch die Bücherlabyrinthe und beneide alle Köche, Lehrer, Maurer und Fliesenmeister der Welt, die nach dem Sinn ihrer Tätigkeit nicht zu fragen brauchen – der liegt auf der Hand, der wird von anderen Menschen täglich und dankbar in Anspruch genommen.

Fast 90.000 neue Titel werden pro Jahr bei uns im Lande gedruckt – was wird mit all den Bänden geschehen? Ein Paar Dutzend ausgezeichneter Bücher werden ihren Triumph feiern, und die restlichen Dutzende von tausend Titel werden verzweifelt nach Aufmerksamkeit schreien. Das meiste endet später im Ramsch, auf dem Müll.

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Es dauerte, bis das Buch, eine Erfindung des Orients, unseren Kontinent eroberte.

Die kleinen und einfachen Sachen notierte man bei uns auf Buchrinde, das große Wissen und die großen Empfindungen wurden in Sagen gespeichert, die Sagen gehörten allen. Reim sollte die Geschichten zusammenhalten – ginge ein Wort verloren, würde es der Erzähler und Zuhörer sofort bemerken.

In unseren nördlichen Breiten erzählte man an kalten, blauen Abenden gerne von Riesen , Trollen und Wölfen, die alle den Baum anbeteten – den gnädigen, den großzügigen, den allmächtigen. In seiner Toleranz unübertroffen, schützte und nährte er die Guten und die Bösen. Selbst den Würmern, die an seinem Fleisch nagten und dem Drachen, der sich in seinem Wurzelwerk einnistete und plünderte, war der Baum wohlwollend gegenüber. „Alles wird gut“ – raschelte es in seinem Blattwerk. „Solange ich für euch da bin, wird die Geschichte dauern.“

Der Segen wurde von Eichhörnchen ausgetragen, die zwischen dem Himmel, der Erde und der Unterwelt auf und ab pendelten.

Der Baum, seine Gnade und Ruhe und Größe – und sein Weitblick segnete die Welt. „Sch-sch-sch“ – flüsterte der Baum – „zähme deine Wut, deinen Zorn – es gibt kein Böse auf Ewigkeit, auch der Henker und Mörder und Dieb wird zu Staub, der das Wurzelwerk des ewigen Lebens füttert. Und nach dem Winter kommt immer Frühling…“

***

Und dann kam das Buch, und das Buch war die Bibel, und diese brachte neues Zeitalter mit sich. Die heilige Schrift verbreitete sich rasch, tauchte an entlegendsten Ecken des Kontinents auf – das Buch wurde zur Nadel und die Botschaft zum Faden, sie nähten den grünen Kontinent zusammen. Die Schneider waren lesekundige Mönche.

Die Kernbotschaft des Buches blieb lange unklar und diffus, und das Volk beobachtete die neue Mode mit Misstrauen: Wenn Jesus Gott war und ihm die Wiederauferstehung garantiert wurde, woraus sollte sein Opfer bestehen? Und wenn Jesus ein Mensch war, wie du und ich, wie sollte er mir Erlösung und ewiges Leben verheißen?

Die Sprache der Priester klang wirr und fremd, die neuen Geschichten spielten am Ende der Welt, in Wüsten und an Meeresküsten, die biblischen Orte und Helden trugen skurile Namen, auch die Tiere und Pflanzen, die im Buch der Bücher agierten, schienen mit dem Wald nicht das Geringste zu tun zu haben. Was soll man sich bitte schön unter einem Palmzweig vorstellen, oder einer Feige oder Löwen, wenn man nie welche gesehen hat?

Eingangs brachte die Bibel viel Verwirrung und Zweifel, die vagen und schlimmen Prophezeiungen machten die Botschaft nicht beliebter, aber das Buch selbst … Mit Silber und Gold beschlagen, von Edelsteinen schimmernd zog es die neugierigen Blicke auf sich – ein Schatz, vom Himmel gefallen, und die Hand langte nach ihm wie von allein.

 

***

Durch den Tunnel des kargen Daseins kriechen – von Kirchenfest zu Kirchenfest, und keine Garantie für ein gutes Leben danach – die in dem prachtvollen Buch verschlüsselte Ideologie des Verzichts etablierte sich in Europa erstaunlich schnell und verpflichtend. Aber da wo Dogma herrscht, lechzen die Lebewesen besonders stark nach Alternativen (Seit mein Mann bei sich eine Katzenallergie diagnostiziert hat und dem Kater den Zutritt in sein Zimmer verweigert, sitzt das Tier stundenlang an der Türschwelle und schreit, als ob da, hinter der Tür, das ultimative Glück auf sich warten ließe).

Selbst die Mönche, die in Skriptorien an der Vermehrung der Heiligen Schriften arbeiteten, wurden allmählich ihrer monotonen Arbeit überdrüssig und begannen zwischen den sakralen Zeilen oder auf den Rändern etwas Nützliches oder Romantisches zu kritzeln, oder beides, wie hier:

Auf dem unteren Rand einer Seite der apokryphen Visio St. Pauli schrieb ein Mönch ein Rezept für die Besprechung und Zähmung des Bienenschwarmes kopfüber auf und die Formel gilt als die älteste gereimte Dichtung in deutscher Sprache:

Kirst, imbi ist hûcze
Nû fliuc dû, vihu mînaz, hera
Fridu frôno in munt godes
gisunt heim zi comonne
Sizi, sizi, bîna
Inbôt dir sancte Maria
Hurolob ni habe dû
Zi holce ni flûc dû
Noh dû mir nindrinnês
Noh dû mir nintuuinnêst
Sizi vilu stillo
Uuirki godes uuillon

Christus, der Bienenschwarm ist ausgeflogen!

Nun fliege du mein Tierchen wieder her,

Um in göttlichem Frieden, im Schutz Gottes

Gesund heimzukommen.

Sitze, sitze Biene!

Das hat dir die Heilige Maria geboten:

Abschied solltest du nicht nehmen,

Zum Wald solltest du nicht fliegen,

Weder sollst du mir entwischen

Noch sollst du mir entweichen!

Sitze ganz stille:

So wirke Gottes Wille!

***

So bekam die mächtige Bibel allmählich tüchtig Konkurrenz.

Niedergeschrieben wurden Verse, Sprüche, Gerüchte, Heldentaten des eigenes Königs, Untaten der Nachbarfürsten. Dazu die Entstehungsgeschichte der Welt und ein paar Rezepte für Gifte mit Angaben zu optimalen Mischungen (eine Prise für die Maus, eine Schöpfe voll für ein Frauenzimmer). In die hermetische westeuropäische Welt sickerten Studien arabischer Gelehrten, antike Texte tauchten auf – und konnten Christen zum Denken, Zweifeln und Lachen verführen, galten als gefährlich und wurden am meisten begehrt.

In dem berühmten Roman von Umberto Eco dreht sich alles um so einen Band – das „Zweite Buch der Poetik“ von Aristoteles. Um das verbotene Buch anfassen zu dürfen, waren die Mönche bereit zu morden, zu verraten, zu lügen. Auch in meiner Jugend gab es verbotene, im Ausland gedruckte Bücher, die bekam man meistens nur für kurze Zeit, und wer so ein Buch oder Manuskript besaß, war mächtig wie Saruman.

***

Und dann kam Gutenberg, und die Bücher fingen an, sich rasant zu vermehren. Bald verblassten die Farben, auf ihren Mänteln trugen die Bände nun selten Gold oder Silber, immer öfter waren es gemeine, grobe Hände, die nach einem Buch griffen. Das Buch wurde zum Schlüssel der europäischen transnationalen Aufklärung – Voltaire machte mit seinen Büchern eine so steile Karriere, dass er mehrere Monarchen beraten und belehren durfte, Goethe hielt mit seinem „Faust“ dem neuen, nach Wissen, Tat und Grenzüberschreitung dürstenden Kontinent einen Zauberspiegel vor, in dem Warnungen für alle künftigen Katastrophen und Höhepunkte von Europa verschlüsselt sind, Tolstoj steckte mit seinen Werken Millionen Seelen mit radikaler Empathie für Mensch, Tier und Baum an…

Hier in den Messelabyrinthen will man glauben, dass die abertausendmal potenzierte Wirkung des Buches im Stande ist, unsere Welt wachzurütteln. Bücher, Bücher, Bücher – über Tod, Liebe, Ungerechtigkeit, Intrigen, die Abgründe der Pornographie, die Schönheit der Tiere und die Hässlichkeit des Krieges. Es gibt Bücher über Menschen auf der Flucht und über Menschen in Wut, über leckere Speisen, ferne Länder und die Verwurstung der Erde – alles ist gesagt, wir sind über alle Tief- und Höhepunkte unseres Denkens und Tuns aufgeklärt und wir sind gewarnt – und?

Um sieben, als die Hallen geräumt sind, fliegen kleine und große Papierschnipsel durch die großen Tunnel, die Wachmänner leiten die letzten einzelnen Besucher zum Ausgang. Der Bus kommt erst in zwei Stunden, ich versuche die Zeit bei MacDonalds zu vertreiben, aber als ich wieder draußen bin, fühle ich mich endgültig verloren: Es ist dunkel, die Haltestelle, an der man mich einsammeln soll, ist ein einsamer Pfosten im verschneiten Feld. Und wenn man mich hier vergessen hat? Ich bin ganz allein auf der Welt, die Erde ist weiß, der Himmel schwarz, die Sterne zwinkern kalt und gleichgültig über der Schneewüste im März.

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Einige auf der Messe gefeierte Titel habe ich mir bei der Magdeburger Buchhandlung in der grünen Zitadelle bestellt. Ohne Nacht gibt es keinen Tag – ich betrete den kleinen, mit Büchern umstellten Raum.

Ein kleines Gegengift gegen die nächtliche Leipziger Melancholie – kein unberechenbarer Bücherozean, sondern ein kleiner, gemütlicher Teich, mit Bäumchen und Pflanzen, von einer sorgsamen Fee gepflegt. Holzegale zwischen den Bogenfenstern, ein Sofa mit orientalischen Kissen – der Laden gleicht einer Schatzkiste, er ist schmuck und rund und sogar ein bisschen heilig, wie ein Osterei.

Wie gesagt, es gibt auch Ecken in Magdeburg, von denen aus der majestätische Dom geheimnisvoll aussieht und schmuck, nicht zu groß, nicht zu klein, genau richtig.