Untitled

Zurückschauend sehe ich verschiedene vage Anzeichen einer anrückenden Katastrophe. Einmal bekam ich einen kleinen Stich ins Herz – hinter den Fenstern meiner Magdeburger Dachwohnung, die nach Osten schauen, sah ich die sinkende Sonne hängen, durch die runde Öffnung im Turm der Johannis-Kirche strahlend. Nein, nicht durch die Öffnung – allem Anschein nach war es nur die Uhr mit glattem Zifferblatt, worin sich die Sonnenscheibe verdoppelte, aber die Nachahmung war so perfekt, dass mir mulmig wurde – eine im Osten sinkende Sonne – das kann nichts Gutes bringen.

Ein andermal kündigte sich Unheil mit erschreckender Eindeutigkeit an – in einem Nachttraum lief ich stundenlang durch die fremde Stadt, in deren schmalen Steingassen mein dreizehnjähriger Sohn verschwunden war. Vergeblich schrie ich in die leeren Straßen hinein, und es wurde immer dunkler und die Angst um mein Kind drückte gegen meinen Brustkorb wie eine dutzende Meter dicke Wasserschicht. Aufgewacht hechelte ich wie ein gejagtes Tier und bald darauf geriet mein Kind ins Krankenhaus.

„Die Entscheidung ist noch nicht getroffen…“ – sagte der Arzt. „Wir wissen noch nicht, was die Schwellung ist – wenn es eine Entzündung, oder Zyste ist, bleiben Sie hier bei uns unten, wenn wir es mit unkontrolliertem Zellwachstum zu tun haben, werden sie in eine andere Station verlegt, oben, im letzten Stock“.

Wie sehr wünschte ich mir, hier unten zu bleiben, wo die Linden-Blüten direkt hinter dem Fenster im Wind wogten und betörenden Duft in das Zimmer hineintrieben! Aber dann mussten wir weg und nun sind wir hier auf der Station 30 ganz oben, im letzten Stock und jetzt, nach einigen Wochen wundern wir uns nicht mehr, dass es auch hier, an diesem exterritorialen Ort, der wie eine Raumstation über der Stadt schwebt, so etwas wie Alltag gibt.

In den ersten Tagen staunten wir nur und glaubten nicht wirklich zu dieser Welt zu gehören, in der Kinder in der Regel keine Haare auf dem Kopf haben, sondern zarten Flaum, der wie Heiligenschein gegen das Licht schimmert. Die Schritte der Kinder sind oft leise und bedacht, als ob sie nicht auf glattem Linoleum laufen, sondern auf dem ungeheuer dünnen Eis, und die Erwachsenen, die ihre Kinder auf diesem gefährlichen Wege begleiten, sind gebündelt und wach, wie an der Front, wo die Stille jede Sekunde platzen kann.

Es ist der sonderbarste Ort von allen, die ich je gesehen habe – ein kleines Paralleluniversum, in dem sich Menschen aus verschiedenen Schichten, Nationen und Konfessionen auf engstem Raum nie in die Quere kommen – wir alle haben uns im Kampf gegen den gemeinsamen Feind verbrüdert (wenn auch auf Zeit) und unsere Vorstellung von dem, was man Glück nennt, ist auch gleich – mit dem gesunden Kind weggehen und sich hier nie wieder blicken lassen.

Geld ist hier egal, und Alter und Geschlecht. Der Beruf zählt hier auch nicht, jedenfalls unter den Bewohnern. Hierarchien gelten nur für die, die hierher zur Arbeit kommen: die Schwester sind unsere Engel, die Ärzte – Erzengel, und die Oberärzte – Götter. Aber auch die Götter haben keine Antwort auf die Frage: Warum ausgerechnet mein Kind?

Oder ausgerechnet Robert, ein Heimkind, der in seinem jahrelangen Kampf gegen den Krebs auf sich allein gestellt ist und auf die Schutzengel und -engelinnen in den blauen Roben. „Na, wie hast du geschlafen, Robert“ – fragt die Schwester Eva, die vor seinem Bett steht.

„Beschissen“, sagt Robert und zeigt mit dem dünnen Finger auf Eva: „Und du hast einen Fleck an deiner Hose, da!“ Und als die Schwester besorgt hinunter schaut, blüht Robert vor Freude auf. „Reingefallen, reingefallen!“

Roberts unwitzige Witze sind nur unsichtbare Tentakel, mit denen er die Außenwelt testet, sie sind nach Wärme dürstende Antennen: Sein Humor gilt nur den Menschen, die Robert schätzt, Eva bekommt am meistens davon ab.

„Haben wir nicht abgemacht, dass du nicht mehr Scheiße sagst?“ – sie schüttelt mit dem Kopf.

„Ja. Haben wir.“ – gibt Robert zu. -„Aber der Zeh tut so scheißweh!“

„Dafür bin ich ja hier“ – die Schwester stellt eine Schüssel mit warmem Wasser vor sein Bett. Sie beugt sich über Roberts dünne, kränkelnde Füße und ich schaue weg, zum Fenster.

Alle Zimmer hier schauen nach Westen, der Himmel über Berlin ist seit Wochen klar, so können wir alle von oben ungehindert zuschauen, wie die Sonne langsam, fast unmerklich hinunter sinkt.

Dieses Himmelspektakel ist nur kleiner Trost für die Bewohner des Raumschiffs, die keinen anderen Traum haben, als so schnell wie möglich wieder unten, auf der Erde, mitten im unterbrochenen Alltag zu landen.

Die Behandlung besteht in der Regel aus mehreren Chemoblöcken, in den Lücken dazwischen geht man nach Hause, um sich wieder aufzupäppeln. Mit der Zeit bereitet einem die Wiederkehr auf Station eigentlich keinen Schrecken mehr, fühlt sich fast wie Heimkehr an. Hallo! Hallo! Ach, du bist ja auch da!

Hier ist man unter den Seinen, hier müssen unsere Kinder ihre kahlen Schädel nicht verstecken, hier beherrschen wir eine für die Außenwelt verschlüsselte Sprache: Zelltief, Neutrophilen, Daueraufklärung, Doxa, Browiak, MTX-Spiegel.

An dem Tag, als Robert entlassen wird, setzt er sich neben seine gepackten Siebensachen an den Tisch im Korridor und wartet, mit einem Blick wie auf der Lauer. Nicht zum Ausgang, sondern in die Tiefen der Station. Und als sich Eva im Korridor zeigt, strahlt sein Gesicht und er schreit:

– Du hast einen Fleck unter der Nase!

Eva verlangsamt den Schritt und Robert packt sie an den Handgelenken fest.

– Lass mich, Robert, ich muss arbeiten.

– Ich lasse dich nicht los.

Eva steht halb gebeugt vor Robert, der immer angespannter wirkt, er klammert sich immer fester an sie, seine dünnen Finger werden vor Anstrengung weiß, der Mund wird schmal, fast unsichtbar, die Augen böse.

Als aber Eva ihren Kopf noch tiefer neigt und mit dem Kinn über sein Ohr streichelt, birgt er sein Gesicht kurz in ihren Handflächen, küsst sie schnell und lässt sie gleich los.

Er schaut weg, um die leicht geröteten Augen zu verstecken, aber schon nach einer Minute ist er wieder der Alte, der sich hinter der Clownsmaske versteckt.

Als Robert weg ist, bleiben wir vor dem dämmernden Himmel hinterm Fenster eine Weile zu zweit, mein Sohn und ich. Wir sind inzwischen zuversichtlich, dass die Heilung kommt. Aber für einen Augenblick scheint mir plötzlich, dass nicht nur die Sonne langsam hinter dem schwarzen Dachgewirr verschwindet, sondern die ganze Stadt in die Dunkelheit mit hinabstürzt.

Im Gewächshaus

Die Glashallen waren von Gruson anscheinend nach und nach aneinander gebaut worden, wie der Palast von Knossos, in dessen Innerem man sich leicht verloren fühlt. Dass ich durch die Räume wie in einem Labyrinth herumirrte, merkte ich, als ich mich zum dritten Mal vor einer versperrten Tür befand.

Da hinter der verschlossenen Tür war die  Erde  von kleinen Kakteen und Palmen ubersät, die intakt und zufrieden aussahen, die großen Palmen hingegen, die mit ihren Kronen bis an die Decke reichten, machten keinen idyllischen Eindrück – die Schranken taten ihnen eindeutig weh und mir kam eine russische Erzählung in den Sinn, über das Schicksal einer stolzen Palme in einem Gewächshaus. Die Erzählung stammt aus der Feder eines wunderbaren russischen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts, W. Garschin, der sich 1880 als junger Mann das Leben nahm und hiermit auch des seiner Begabung ziemenden Weltruhms verlustig ging . W. Garschin schrieb Novellen und Märchen, die in ihrer Melancholie, Klugheit und Ironie nicht zu übertreffen sind.

Die dramatische Geschichte, die in einem schmucken Gewächshaus spielt, heißt „Attalea prinzeps“, so der Name einer Palme, die höher und schöner als alle anderen Pflanzen war. Die Palme hatte Sehnsucht nach dem offenen blauen Himmel, nach dem Sonnenschein und nach dem frischen Wind ihrer Heimat. Und als eines Tages ein Besucher aus Brasilien sie mit ihrem wahren, nicht wissenschaftlichen Namen ansprach, wurde ihre Sehnsucht nach Freiheit unerträglich und sie begann, die anderen starken Bäume anzustacheln, sich gemeinsam anzustrengen und  in einem synchronen Wachstumsschub die Glasdecke zu sprengen, um die Kronen dem offenen blauen Himmel und der Sonne entgegenzustrecken. Die anderen Pflanzen aber wollten nicht mitmachen und warfen der Rebellin vor, sie gefährde Ruhe und Komfort, nur eine kleine Kletterpflanze an ihrem Fuße wollte der Palme auf dem gefährlichem Wege in die Freiheit folgen…

Die Attalea prinzeps begann zu kämpfen: sie bündelte ihre Kräfte, sie strengte sich enorm an und eines Tages konnte die Glasdecke ihrem Druck nicht mehr stand halten, sprangen die Sprossen und die stolze grüne Krone ragte über der zerstörten Decke. Es war Spätherbst, es regnete und schneite zugleich, der Wind war kalt, der Himmel dunkel und tief. So stand sie erschrocken, angewidert von dem Anblick der trostlosen Landschaft und des schmutziges Hinterhofes, bis ihr Todesurteil gefällt wurde. Die Palme wurde abgesägt weggetragen, zurück blieb nur auf dem Stumpf die zersägte und zerrissene Kletterpflanze, die der Gärtner einsammelte, zum Hinterhof brachte in die Ecke warf, wo die Palme Attalea prinzeps lag, im Schmutz und von Schnee überweht.

In meiner Jugend haben wir das Märchen als allegorische Darstellung der heranrückenden sozialen Unruhen im damaligen Russland gesehen, und meine Sympathien galten der stolzen Palme. Als junger Mensch war ich selbst bereit, für jeden Blödsinn auf die Barrikaden zu klettern – egal was – Hauptsache neu und Hauptsache anders, und zwar schnell – wir waren jung und stark, und dachten, die ganze Welt steht uns offen mit atlantischen Brisen und den Palmen von Mallorca.Und unsere Eltern und Großelten, die mit einem Fuß noch in den alten Zeiten steckten, die in den neuen kalten Winden froren und den geschützten Gewächshäusern nachtrauerten, waren uns egal – sie waren die kleine Kletterpflanze, die unserem Durst und unserer Ungeduld zum Opfer fielen.

Mit dem Alter wächst in mir Angst, ja Abscheu gegen Wachstum, Beschleunigung und Innovationen. In meinen Augen teilt sich die Menschheit in solche, die die Zukunft anbeten, und solche, die mit Begeisterung in die vergangenen Zeiten zurückschauen. Die ersten plädieren für Beschleunigung des sozialen und wirtschaftlichen Metabolismus, die zweiten – stehen für Verlangsamung, als ob sie die Entfernung von den mythischen Goldenen Zeitalter verzögern wollten…
Auch wenn meine Freundin Eva und der gesunde Menschenverstand mir oft vor Augen führen, dass die summierte Lebensqualität der heutigen Menschheit von Tag zu Tag nur besser wird und die Bilanz des Guten nicht zu Gunsten der vergangenen Zeiten ausfällt, flüstert mir eine leise und trotzige Stimme zu, dass unserer Wohlstand nur eine kurze Strecke auf dem Weg zu einem riesigen, noch nie da gewesenen Unheil ist.

 

Gruson und seine Gewächshäuser

Der Tag, an dem ich mich in die Gruson-Gewächshäuser aufgemacht habe, war trüb, der Himmel tief und der Wind böse. „Einsturzgefahr, einige Hallen sind heute zu. Kommen Sie an einem anderen Tag oder gehen Sie trotzdem rein ?“
Ich ging rein und warme stickige Luft hüllte sich um meinen Körper wie Plastikfolie – in manchen Räumen war es feucht, in anderen – trocken, aber überall sehr warm und schwül, mein Herz klopfte wie gefangen. Ich beschleunigte meine Schritte, eilte neugierig aus einer Glashalle in die andere. Merkwürdig, aber die unbekannten, fremdartigen Pflanzen faszinierten mich wenig – anstatt sie zu bewundern, versuchte mein Verstand sie einzuordnen, und wenn sie in keine vertraute Schublade passten, wirkten die Exoten abstoßend, so wie zum Beispiel die Annona muricata, auch: Sauersack, deren pickelige Frucht unappetitlich wie ein krankhafter Auswuchs aussah.



Am meisten sprachen mich die Gestaltformen an, die mit unseren Zimmerpflanzen verwandt sind, aber von den vertrauten, domestizierten Formen abweichen. So wie der Madeira-Storchschnabel , in dem man nur mit Mühe die Verwandtschaft mit unserer banalen Zimmer-Geranie erkennen kann. Sonst eher stämmig, grellfarbig und selbstgefällig auf einem Fensterbrett erschien die Geranie hier ganz anders – schlankgliedrig, strahlend, elegant, in ihrer urspünglichen, also wahren und vollkommenen Form, wie im Garten Eden.

Aber mit Ausnahme der strahlenden Geranium Maderensen wollten die Beeten, Oasen und Haine nicht unbekümmert und paradiesisch wirken. Hinter den Palmen und Kakteen schimmerten keine Sanddünen oder Meereskrusten, sondern weiß lackierte Heizkörper. Die Blätter und Zweige bewegten sich nicht, von bösen Böen, zarten Brisen und hungrigen Hummern und Bienen verschont – oder vernachlässigt? Auch die freilaufenden schmucken Straußwachteln erheiterten die anämischen Oasen wenig, da sie selbst geistesabwesend und etwas dement wirkten. Die Vögel scheuten uns wenige Besucher kaum, streunten desinteressiert zwischen den Farnen und Gräsern und es kostete einige Mühe, um den Blick der Wachtel einzufangen:

 

Die Wachteln trugen Ringe an den Waden, auch jede Pflanze war gezählt, katalogisiert und ausgewiesen, nichts wurde hier in der nachgeahmten Wildnis dem Zufall überlassen. Keine leichte Gotteshand hatte diese Oasen bestückt, sondern der Wille eines einzigen Menschen.
Diese Sammlung von Exoten hatte einst Gruson gehört – einem der berühmtesten Söhne Magdeburgs. Hermann August Jacques Gruson, geboren 1821, ein Nachfahre französischer Einwanderer, war ein talentierter Mechaniker und Ingenieur.
Seine Begabung entfaltete sich in einer Zeit, als sich über die deutschen Länder ein ergiebiger Sternschnuppenregen herausragender Erfinder ergoss – Bosch, Siemens, Junker und viele anderen talentierte junge Menschen mischten bei der Industrierevolution so heftig mit, dass ihre Namen zu Marken wurden, die in der ganzen Welt bekannt wurden und deutsche Qualität und Innovation verkörperten – bis in die jüngere Vergangenheit jedenfalls.

Gruson gründete 1855 bei Magdeburg die Maschinen -Fabrik und eine Schiffsbauwerkstatt mit Werft und Gießerei, deren Hartguss-Produkte bei Lokomotiv- und Panzerherstellern begehrt waren. Die Werke einwickelten sich prächtig, aber Grusons Begeisterung für seine Schienen und Maschinen scheint im Laufe des Lebens
zu geschwunden zu sein – 1886 wurde sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt, bald darauf beendete er seine Mitarbeit im Vorstand der AG und schließlich verkaufte er seine Werke an Krupp. Nun konnte er sich gänzlich seiner naturwissenschaftlichen Studien widmen – seinen Exotischen Pflanzen und seinen Forschungen über Zodiakallichts, auch Tierkreislicht genannt.

Endlich vom Joch des alltäglichen Verpflichtungen befreit, veröffentlichte er das Buch “Im Reiche des Lichts“, es war die Frucht seiner dreißig Jahre langen Grübeleien über ein rätselhaftes Himmelphänomen, das auf der südlichen Halbkugel nach dem Sonnenuntergang manchmal, sehr selten und sporadisch zu beobachten ist.
In wissenschaftlichen Kreisen blieben seine astrologischen Studien weitgehend unbeachtet, was ihn offensichtlich schmerzte, aber nicht verwunderlich war – zu viel Leidenschaft, Pathos und Sehnsucht schwebte zwischen den Zeilen der Schriften des Laien- Astronomen und „erfahrenen Mechanikers“, wie der Autor selbst demütig von sich sagte.
Je mehr ich über Grusons Leben nachlas und in seinen Schriften blätterte, desto klarer wurde mir die Tatsache, dass er, der Mechaniker, Ingenieur, Unternehmer und Geheime Commerzienrath für die Öffentlichkeit, eigentlich ein geheimer Romantiker war und dass seine Studien eigentlich nicht der Wissenschaft galten, sondern seiner nach romantischen Fernen durstigen Seele.
Seiner protestantischen Ethik, seinem Ehrgeiz und Erfolg verpflichtet, hatte er, ein Familienvater und Unternehmer, sich nicht gefährliche Abenteuer und ausgedehnte Reisen gönnen können, und als Trost ließ er in seine Magdeburger Gewächshäuser Pflanzen aus fünf Kontinenten holen und am Feierabend, nach getaner Arbeit richtete er seinen wehmütigen Blick himmelwärts.
„Ein für die Eindrücke der Naturerscheinungen empfängliches Gemüth muss es wie eine heilige Weihe in seinem Innersten empfinden, wenn das Auge in stiller Nacht sich himmelwärts richtet und der Blick die unermessliche Reihe zahlloser leuchtender Gestirne durchschweift. „ – schreibt Gruson. – „ Abgelenkt von der aufreibenden und zerstreuenden Thätigkeit des Alltagslebens mit seinen wechselnden Bildern in unmittelbarster Nähe des Menschen, erhebt sich der Geist in freiem Gedankenfluge aus dem Gebiete des endlich begrenzten Raums zu den unbekannten Welten des Unendlichen und Unbegrenzten, für deren Grösse die irdischen Dinge keinen Maassstab mehr zu bieten scheinen“

Erst 1892, befreit von der „aufreibenden Tätigkeit“ an seinen Werken unternimmt er eine Reise nach Ägypten, um „Beobachtungen von Erscheinungen des Tierkreislichtes in einer südlichen Zone anzustellen“.
Aber zu kurz war die Reise, auf die er sein ganzes Leben gewartet hatte, und das mysteriöse Himmelsphänomen sah er nicht mit eigenen Augen, musste sich mit Bildern und Beschreibungen anderer Reisender begnügen, die mehr Glück gehabt hatten.
Neid und Wehmut schimmern zwischen den Zeilen, gewidmet den Beobachtungen seiner Brüder im Geiste, deren Leben eine ganze aufregende Reise gewesen war – solcher wie des rastlosen Universalgelehrten Alexander von Humboldt oder dey Ägyptologen Heinrich Brugsch…
Grusons Reise dagegen war ein Tropfen auf dem heißen Stein, so schien es mir jedenfalls, während ich in seinem Buch blätterte. Als ich den alten Band der Bibliothekarin zurückreichte, sah ich auf der Vorsatzseite in der linken unteren Ecke zwei Zeilen aus gewundenen schmucken Buchstaben einer unbekannten Sprache. „Die Bücher sind nach dem Krieg als Beute in die Sowjetunion gegangen – das könnte durchaus armenisch sein, oder georgisch – wer weiß?“ – sagte die Bibliothekarin und ich dachte, Gruson würde sich freuen, dass sein Buch tausende Kilometer weit, über hohe malerische Berge reiste und nach mehrere Jahren unversehrt heimkehrte.

Am 30. Januar 1895, nur drei Jahre nach seiner Ägypten-Reise, starb Hermann Gruson in seiner Heimatstadt und am 3. Februar lag „der sterbliche Theil des geheimen Commerzienraths“ in seinem Herrenhause aufgebahrt, wie die Presse mitteilte. Auf einem Tabouret lagen zahlreiche Orden des Verstorbenen, und um seinen Sarg tummelten sich seine exotischen Lieblinge – „Palmen aus dem sonnigen Süden, Farne aus den Urwäldern des Mississippi, seltene Gewächse aus den Cordilleren, dem Caplande, dem fernen Indien und Madagaskar“.

Lange blieb ich vor den Tafeln stehen, auf denen Grusons Lebenslauf und sein Vermächtnis den Gewächshausbesuchern präsentiert wurden. Die Außenwelt hinter den Sprossenwänden wurde immer düsterer, die trüben Sprossenwände und Decken hingen über den melancholischen Pflanzen wie ein Trauerschleier und die ganze Anlage, dieses Labyrint aus Glashallen und Irrwegen schien mir  nichts andres zu sein als ein Denkmal unerfüllter Träume und nicht betretener weiter Wege.