Nellja Veremej: Ein unruhiger Tag und der Dorn im Fuß

Irgendwo auf einem benachbartem Dach wohnt ein Habicht, der manchmal auf Augenhöhe über meinem Turm kreist. An diesem Samstag ist viel mehr los im Himmel über Magdeburg. Das Stück Äther in meinem Fenster ist von Kondensstreifen quer und durch gezeichnet. Ab und zu eilt geschäftig ein Hubschrauber vorbei. In der Ferne schwebt ein Luftballon mit wackelnder Gondel voller Menschen. Auch unten ist viel los – heute empfängt der 1. FC Magdeburg den Karlsruher SC, Dritte Liga, Aufstiegskampf, lese ich in der Zeitung.
„Unsere Jungs haben richtig Druck. Die ganze Stadt hofft, dass wir aufsteigen“, sagt Maik Franz. Man hat sich wieder nach oben geackert, ehrlich gearbeitet. Franz, von 1998 bis 2001 Spieler beim FCM, zählt auf, was sich alles verändert hat. Stadion, Laufhalle, Jugendzentrum, drei Kunstrasenplätze, ein Internat mit zwölf Zimmern, „das ist alles neu (…)“. Stück für Stück habe sich der FCM weiterentwickelt. Dasselbe gilt für die Stadt, die einer einzigen Großbaustelle gleicht. Überall wird gebaut: Ob am Bahnhof oder an den Elbbrücken.
(Stimmt, mein Turm ist regelrecht von Baukränen umstellt!)
„Die Stadt lebt, sie ist besser als ihr Ruf“, sagt Franz. Wieder zählt er auf: „Domplatz, Stadion, Elbe, viel Grün. Magdeburg ist auch Studentenstadt. Man spürt: Es entwickelt sich hier überall etwas, das kann man vielleicht auch auf den Verein projizieren.“
Ich stimme zu und hoffe mit.

***
2-0 für Magdeburg! Irgendwo in der Ferne hallen durch Megafon verstärkte Ausrufe und tausende einzelne Stimmen der Freude. Von diesem Fest ist in meiner Otto-von-Guericke Straße nichts zu spüren. Nur kleine Grüppchen blau betuchter Männer und Frauen hier und da – Stolz in den Augen, Bier vor dem Mund, Röte im Kopf. Manche sind laut und offensiv, aber wir, die ohne Tücher, weichen ihnen aus – es ist heute ihr schöner Tag, obgleich auch dieser sich langsam zu Ende neigt.
Als ich einkaufen gehe, läuft im Allee Center ein junger Mann vor mir, er strahlt große Unruhe aus – als ob er eine dicke, knisternde Wolke um sich tragen würde. Sein Schritt ist nicht schnell, aber sehr energisch, seine Ellbogen leicht abgestellt – mit ihnen versucht er einige, die ihm entgegen kommen, zu rammen. Nicht alle, nur welche, die schwarze Haare haben und einen dunklen Teint. Er stellt sich kurz vor ihnen auf, sagt etwas Höhnisches und läuft weiter. Er strotzt regelrecht vor Kraft, mir scheint, sein überladener Kopf schießt kleine Stromfunken aus. Sein Kopf ist nicht kahl, aber sehr akkurat frisiert – Härchen zu Härchen, sie glänzen vor Gel. Oder Lack? Seine Haut ist glatt, wohltemperiert und sonnengebräunt. Frisches T-Shirt, knielange Hose. Seine Waden zieren grazile Tatoos, die Füße in teuren Nike Turnschuhen und schneeweißen Socken, wie aus der Werbung: „Nicht nur sauber, sondern rein“.
Meine Seele versucht, einen kleinen Ausflug in diese saubere Hülle zu machen – was treibt ihn? Was liegt ihm am Herzen? Wo drückt es ihn, den wohlgenährten, sauberen, gepflegten Menschen, Bürger eines der wohlhabendsten Länder der Welt? Kinn ausgestreckt, Brust hoch, wie eine Galionsfigur – fühlt er sich wie ein Ritter des Lichtes oder Otto mit Schwert oder Georg mit Speer?
Einmal rammt er einen älteren, dunkelhäutigen Herr, der in Begleitung seiner Familie die Allee entlang spaziert, dann einen Jüngeren, aber schmächtigen – dumm ist der wütende Mann nicht – er wählt sich passende Gegner, nicht stärker als er.
Es gibt viele Menschen um uns herum, die merken, dass es etwas nicht stimmt, aber er fuchtelt ja nur mit den Händen vor den fremden Gesichtern, ohne sie zu berühren. „Es ist noch nichts passiert“ – sage auch ich mir, und folge dem wütenden Mann, ich trete buchstäblich in seine Spuren, als ob ein kräftige Windzug mich in seiner Laufbahn fest halten würde.
Und plötzlich bleibe ich stehen, weil auch er stehen bleibt: endlich findet sein funkelndes Auge jemanden, der richtiggehend passt: einen schlecht gekleideten, schwarzen Mann mittleren Alters, der mit seinen breiten Kleidern tollpatschig wie Charlie Chaplin wirkt.
Ich stehe nun ganz nah, die hässlichen Wörter prallen auch in meine Ohrtrommel, aber ich kann mich nicht bewegen. Ohnehin verwirrt starrt der Schwarze angestrengt in das Gesicht des jungen weißen Mannes mit den tätowierten Oberarmen und Waden, und als dieser den Schwarzen weit weg schicken möchte und ich in die imaginäre Schusslinie seiner sauberen Zeigefinger gerate, stürze ich die Treppe ins Untergeschoss hinunter.
Ich bleibe kurz vor der Supermarktschwelle stehen – horche nach oben. Vom Erdgeschoss, da wo die fahrbare Treppe endet, dringt keine Tumult: „Es ist nichts passiert“, sage ich mir und gehe zu REWE rein.
„Es waren ja auch andere da oben. Hähnchenkeule oder Hähnchenbrust? Und außerdem ist er ja weiter gezogen. Harzer-käse ist besser, stinkt ein bisschen, dafür aber praktisch ohne Fett. Freilich kenne ich die beiden Männer nicht und meine Aussprache hätte ihn vielleicht zusätzlich gereizt. Was für Äpfel? Schließlich bin ich kein Petrus, und der Afrikaner ist kein Jesus.“
Anscheinend irre ich verdächtig lange durch die Supermarkt-Labyrinthe, denn irgendwann merke ich, dass mir der Wachmann in Schwarz wie ein schleichender Schatten folgt und mir gestohlen auf die Hände schaut. Nach oben auf die Erdoberfläche gestiegen, stelle ich fest, dass ich in der Tasche weder Käse noch Äpfel habe, nur eine Schachtel Pralinen, die mir flott und geschickt ohne Erlaubnis in den Mund springen, ohne dass ich es merkte. Als ich nach zehn Minuten mit dem Fahrstuhl in meinen Turm hinauf sause, ist die Schachtel leer und der Bauch voll .
Anfangs wollte ich dieses Ereignis nicht in meinen Blog nehmen, ich bin ja hier nicht, um die Stadt zu denunzieren – über einer Wiese schwebend wird die Fliege ein Stück Dreck im Auge behalten, und die Biene – Blumen. Jede Stadt hat reichlich von beidem, man muss nur suchen, denke ich am nächsten Morgen, unterwegs Richtung Elbe. Heute ist Fischmarkt am Hafen – ich habe auf diesen Tag gewartet und mir vor meinem inneren Auge reich bestückte Vitrinen und Theken mit silberschimmerndem Fisch ausgemalt.

Die Stadt ist am frühen Sonntagmorgen leer wie gefegt, aber am Fluss ist viel los: Alle eilen, wie ich zum Fischmarkt, auf dem es aber eigentlich kaum Fisch gibt. Ein paar geräucherte Aale in fahrbaren Vitrinen und Fischbrötchen. Sonst Würstchen auf Deutsch, Würstchen auf Polnisch, Gulasch, Soljanka, Geranien, Gartensträucher, tausendfach Socken und Unterhosen in wilden und zarten Farben, Taschen, Schuhe, Uhren – was dein Herz begehrt!

Hier in diesem farbenfrohen Parlament der Vielfalt, finde ich sogar mich in dreifacher Ausführung auf der Bank mitten im Bild sitzend.

Zwar wird hier auch das Böse feil geboten:

Aber das Gute überwiegt: zwei friedliche Männer vor einem Kranarm ( die Stadt, die einer einzigen Großbaustelle gleicht ) gesegnet.

Viele Verkäufer reden gebrochenes Deutsch, aber das scheint hier niemanden zu stören.

Es riecht nach Soljanka und geräuchertem Aal, die dunkelhäutigen Gemüsehändler bieten mit grollenden Stimmen ihre Angebote feil, jemand tritt auf meinen Fuß – aber es herrscht Frieden hier oder ein geschäftiges Nebeneinander, was eigentlich dasselbe ist.

Ich stehe mit meinem Fischbrötchen vor einem runden Tisch, daneben ein Trüppchen älterer Menschen, angeführt von einem Mann mit breiten Hosenträgern. „Magdeburg ist sehr schön, wir unterschätzen es oft“ – sagt er zu den Damen, die Eis essen und sie nicken. „Früher wollte man nach Mallorca oder sonst irgendwohin. Wozu? Der Harz ist so schön und so nah!“

Als mein Vater krank wurde, wollte er nicht nach Magdeburg, wollte in Halberstadt sterben, aber als er dann sah, wie nett es hier ist, war er glücklich. Mein Vater war ein angenehmer Mensch und pflegeleicht…“- sagt eine der Frauen.

Ja, übrigens, Ilse ist gestorben“ – meldet sich eine andere Frau und sie reden nun über Krankheit, Pflege und Tod, sachlich und nüchtern, und lecken dabei am Eis.

Die Stadt lebt, sie ist besser als ihr Ruf“, sagte Maik Franz der Zeitung und an diesem Morgen stimme ich ihm zu.

***

Eigentlich wollte ich diesmal über den Fluss schreiben, aber irgendwie schlich sich der böse Mann wider meinen Willen in den Blog hinein, und macht sich breit und drängt die Elbe weg. Und an dem Tag noch erlebe ich im Magdeburger Dom ein kleines Nachspiel zu der Geschichte: Als ich mich zu dem Figürchen am bronzenen Fuße des Erzbischofs Friedrich von Wettin neige,

glaube ich in der Gestalt des kleinen, vom richtigen Weg abgekommenen Sünders die Züge des jungen Fußballfans von gestern zu erkennen.

Und der Heilige Mauritius, der keine zehn Schritte entfernt am Sarg von Otto des Großen wacht, ist dem schwarzen, beleidigten Mann aus dem Allee Center wie aus dem Gesicht geschnitten.

 

 

 

Nellja Veremej: Unser täglich Buch

 

Es gibt Ecken in Magdeburg, von denen aus der majestätische Dom etwas fehl am Platz aussieht, ein paar Nummer zu edel, ein paar Nummer zu schön – so wie vom Busbahnhof aus zum Beispiel.

 

Mir wurde die Ehre zuteil, für die Stadt Magdeburg auf der Buchmesse zu lesen. Ich fahre nach Leipzig, der Morgen ist grau. Der Bus verspätetet sich, ich studiere den Reiseplan an der Glaswand: Košice, Poprad, Trenčin, Brno – unbekannte, poetische Namen – fremd und vertraut zugleich. Die kleinen und großen Orte sind Knoten in jenem dichten Kapillarengeflecht des Ostens, das die billigen Arbeiter und Arbeiterinnen in den Norden und Westen der Union pumpt. Diese Männer und Frauen sind in unseren Städten allgegenwärtig, aber fast immer unsichtbar – sie kochen, putzen, mauern, malern, kacheln durch Wände, Gerüstplanen und Bausperren von uns getrennt. Wenn die Wanderarbeiter zu ihren Alten und Kleinen nach Hause fahren, haben sie die Hände voller Geschenke – mehrere Männer laden Kisten und Taschen aus einem Transporter auf den Bahnsteig und rauchen. Als ihr Bus kommt, stopfen sie ihre Beute mit starken rauen Händen in das ohnehin volle Gepäckabteil. Im Land meiner Kindheit war der Proletarier mit seinen dunklen, starken Händen eine Kultfigur, jetzt ist er unsichtbar geworden, wählt schattige Straßenseiten, wenn er auf der Suche nach Arbeit durch Europa wandert. Der Wanderarbeiter kommt immer von Osten: und ich, eine Ostlerin, die sich mit leichter Tasche zur Buchmesse aufmacht, bekomme als Überläuferin etwas Gewissensstiche.

Niemand weiß, wo die Mitte Europa liegt, aber seine Peripherie kann nur im Osten liegen. Denn mit seinen anderen Flanken schaut Europa auf Meere und Ozeane und die Küstenorte sind dazu verdammt, wohlhabend, weitsichtig und weltoffen zu sein. Nach Osten hin erstreckt sich Europa mit gewaltigen Erdmassen, Binnenland verwandelt sich unmerklich in Hinterland – wo genau, kann niemand sagen.

***

Als unser Bus startet, fällt Schnee. In Leipzig schneit es auch. Der Tram ist voll, überwiegend mit kostümiertem jungem Volk. Nass und durchfroren drängen sich Drachen, Mikas und Badass Psychos zusammen. Das übergewichtige Eichhörnchen weiß nicht wohin mit dem prachtvollen hochgestellten Schwanz, die Fee mit verwelktem, nassem Tüllflügel und zerlaufener Schminke schimpft.

Aus der Ferne sieht die Messeanlage am Stadtrande wie eine Raumschiffstation aus – große Hallen – zusammengebunden durch gläserne Tunnel, eingebettet in ein weites, kahles Feld.

Gewaltige Menschenmengen wogen durch das riesige Foyer – die Ströme teilen sich, biegen ab und fließen durch die gläsernen Rohre weiter – ich segele den sicheren Hafen Stand Magdeburg an. 

 

Von dort dann weiter im Ozean umher.

Bei der Planung der Reise ist mir ein Fehler unterlaufen: ich habe die Abfahrt für halb neun abends gebucht, ohne zu wissen, dass die Messe ihre Pforten um sechs schließt. Ich werde zwei Mal in ein Café einkehren, sehr langsam durch die Hallen laufen, lange an Ständen stehen bleiben, um die Zeit tot zu schlagen.

Menschen sind unzählige hier, aber Bücher gibt es noch viel mehr. Selten fühlte ich mich so klein und überflüssig, wie bei diesem Besuch bei der Buchmesse. An meiner Berufung zweifelnd irre ich durch die Bücherlabyrinthe und beneide alle Köche, Lehrer, Maurer und Fliesenmeister der Welt, die nach dem Sinn ihrer Tätigkeit nicht zu fragen brauchen – der liegt auf der Hand, der wird von anderen Menschen täglich und dankbar in Anspruch genommen.

Fast 90.000 neue Titel werden pro Jahr bei uns im Lande gedruckt – was wird mit all den Bänden geschehen? Ein Paar Dutzend ausgezeichneter Bücher werden ihren Triumph feiern, und die restlichen Dutzende von tausend Titel werden verzweifelt nach Aufmerksamkeit schreien. Das meiste endet später im Ramsch, auf dem Müll.

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Es dauerte, bis das Buch, eine Erfindung des Orients, unseren Kontinent eroberte.

Die kleinen und einfachen Sachen notierte man bei uns auf Buchrinde, das große Wissen und die großen Empfindungen wurden in Sagen gespeichert, die Sagen gehörten allen. Reim sollte die Geschichten zusammenhalten – ginge ein Wort verloren, würde es der Erzähler und Zuhörer sofort bemerken.

In unseren nördlichen Breiten erzählte man an kalten, blauen Abenden gerne von Riesen , Trollen und Wölfen, die alle den Baum anbeteten – den gnädigen, den großzügigen, den allmächtigen. In seiner Toleranz unübertroffen, schützte und nährte er die Guten und die Bösen. Selbst den Würmern, die an seinem Fleisch nagten und dem Drachen, der sich in seinem Wurzelwerk einnistete und plünderte, war der Baum wohlwollend gegenüber. „Alles wird gut“ – raschelte es in seinem Blattwerk. „Solange ich für euch da bin, wird die Geschichte dauern.“

Der Segen wurde von Eichhörnchen ausgetragen, die zwischen dem Himmel, der Erde und der Unterwelt auf und ab pendelten.

Der Baum, seine Gnade und Ruhe und Größe – und sein Weitblick segnete die Welt. „Sch-sch-sch“ – flüsterte der Baum – „zähme deine Wut, deinen Zorn – es gibt kein Böse auf Ewigkeit, auch der Henker und Mörder und Dieb wird zu Staub, der das Wurzelwerk des ewigen Lebens füttert. Und nach dem Winter kommt immer Frühling…“

***

Und dann kam das Buch, und das Buch war die Bibel, und diese brachte neues Zeitalter mit sich. Die heilige Schrift verbreitete sich rasch, tauchte an entlegendsten Ecken des Kontinents auf – das Buch wurde zur Nadel und die Botschaft zum Faden, sie nähten den grünen Kontinent zusammen. Die Schneider waren lesekundige Mönche.

Die Kernbotschaft des Buches blieb lange unklar und diffus, und das Volk beobachtete die neue Mode mit Misstrauen: Wenn Jesus Gott war und ihm die Wiederauferstehung garantiert wurde, woraus sollte sein Opfer bestehen? Und wenn Jesus ein Mensch war, wie du und ich, wie sollte er mir Erlösung und ewiges Leben verheißen?

Die Sprache der Priester klang wirr und fremd, die neuen Geschichten spielten am Ende der Welt, in Wüsten und an Meeresküsten, die biblischen Orte und Helden trugen skurile Namen, auch die Tiere und Pflanzen, die im Buch der Bücher agierten, schienen mit dem Wald nicht das Geringste zu tun zu haben. Was soll man sich bitte schön unter einem Palmzweig vorstellen, oder einer Feige oder Löwen, wenn man nie welche gesehen hat?

Eingangs brachte die Bibel viel Verwirrung und Zweifel, die vagen und schlimmen Prophezeiungen machten die Botschaft nicht beliebter, aber das Buch selbst … Mit Silber und Gold beschlagen, von Edelsteinen schimmernd zog es die neugierigen Blicke auf sich – ein Schatz, vom Himmel gefallen, und die Hand langte nach ihm wie von allein.

 

***

Durch den Tunnel des kargen Daseins kriechen – von Kirchenfest zu Kirchenfest, und keine Garantie für ein gutes Leben danach – die in dem prachtvollen Buch verschlüsselte Ideologie des Verzichts etablierte sich in Europa erstaunlich schnell und verpflichtend. Aber da wo Dogma herrscht, lechzen die Lebewesen besonders stark nach Alternativen (Seit mein Mann bei sich eine Katzenallergie diagnostiziert hat und dem Kater den Zutritt in sein Zimmer verweigert, sitzt das Tier stundenlang an der Türschwelle und schreit, als ob da, hinter der Tür, das ultimative Glück auf sich warten ließe).

Selbst die Mönche, die in Skriptorien an der Vermehrung der Heiligen Schriften arbeiteten, wurden allmählich ihrer monotonen Arbeit überdrüssig und begannen zwischen den sakralen Zeilen oder auf den Rändern etwas Nützliches oder Romantisches zu kritzeln, oder beides, wie hier:

Auf dem unteren Rand einer Seite der apokryphen Visio St. Pauli schrieb ein Mönch ein Rezept für die Besprechung und Zähmung des Bienenschwarmes kopfüber auf und die Formel gilt als die älteste gereimte Dichtung in deutscher Sprache:

Kirst, imbi ist hûcze
Nû fliuc dû, vihu mînaz, hera
Fridu frôno in munt godes
gisunt heim zi comonne
Sizi, sizi, bîna
Inbôt dir sancte Maria
Hurolob ni habe dû
Zi holce ni flûc dû
Noh dû mir nindrinnês
Noh dû mir nintuuinnêst
Sizi vilu stillo
Uuirki godes uuillon

Christus, der Bienenschwarm ist ausgeflogen!

Nun fliege du mein Tierchen wieder her,

Um in göttlichem Frieden, im Schutz Gottes

Gesund heimzukommen.

Sitze, sitze Biene!

Das hat dir die Heilige Maria geboten:

Abschied solltest du nicht nehmen,

Zum Wald solltest du nicht fliegen,

Weder sollst du mir entwischen

Noch sollst du mir entweichen!

Sitze ganz stille:

So wirke Gottes Wille!

***

So bekam die mächtige Bibel allmählich tüchtig Konkurrenz.

Niedergeschrieben wurden Verse, Sprüche, Gerüchte, Heldentaten des eigenes Königs, Untaten der Nachbarfürsten. Dazu die Entstehungsgeschichte der Welt und ein paar Rezepte für Gifte mit Angaben zu optimalen Mischungen (eine Prise für die Maus, eine Schöpfe voll für ein Frauenzimmer). 

Und hier ist das erste Prosawerk und Rechtsbuch in deutscher Sprache, das ich im Magdeburger Kunsthistorischen Museum aufspürte.

Und hier ist das erste Prosawerk und Rechtsbuch in deutscher Sprache, das ich im Magdeburger Kunsthistorischen Museum aufspürte.

In die hermetische westeuropäische Welt sickerten Studien arabischer Gelehrten, antike Texte tauchten auf – und konnten Christen zum Denken, Zweifeln und Lachen verführen, galten als gefährlich und wurden am meisten begehrt.

Auch in meiner Jugend gab es verbotene, im Ausland gedruckte Bücher, die bekam man meistens nur für kurze Zeit, und wer so ein Buch oder Manuskript besaß, war mächtig wie Saruman.

***

Und dann kam Gutenberg, und die Bücher fingen an, sich rasant zu vermehren. Bald verblassten die Farben, auf ihren Mänteln trugen die Bände nun selten Gold oder Silber, immer öfter waren es gemeine, grobe Hände, die nach einem Buch griffen. Das Buch wurde zum Schlüssel der europäischen transnationalen Aufklärung – Voltaire machte mit seinen Büchern eine so steile Karriere, dass er mehrere Monarchen beraten und belehren durfte, Goethe hielt mit seinem „Faust“ dem neuen, nach Wissen, Tat und Grenzüberschreitung dürstenden Kontinent einen Zauberspiegel vor, in dem Warnungen für alle künftigen Katastrophen und Höhepunkte von Europa verschlüsselt sind, Tolstoj steckte mit seinen Werken Millionen Seelen mit radikaler Empathie für Mensch, Tier und Baum an…

Hier in den Messelabyrinthen will man glauben, dass die abertausendmal potenzierte Wirkung des Buches im Stande ist, unsere Welt wachzurütteln. Bücher, Bücher, Bücher – über Tod, Liebe, Ungerechtigkeit, Intrigen, die Abgründe der Pornographie, die Schönheit der Tiere und die Hässlichkeit des Krieges. Es gibt Bücher über Menschen auf der Flucht und über Menschen in Wut, über leckere Speisen, ferne Länder und die Verwurstung der Erde – alles ist gesagt, wir sind über alle Tief- und Höhepunkte unseres Denkens und Tuns aufgeklärt und wir sind gewarnt – und?

Um sieben, als die Hallen geräumt sind, fliegen kleine und große Papierschnipsel durch die großen Tunnel, die Wachmänner leiten die letzten einzelnen Besucher zum Ausgang. Der Bus kommt erst in zwei Stunden, ich versuche die Zeit bei MacDonalds zu vertreiben, aber als ich wieder draußen bin, fühle ich mich endgültig verloren: Es ist dunkel, die Haltestelle, an der man mich einsammeln soll, ist ein einsamer Pfosten im verschneiten Feld. Und wenn man mich hier vergessen hat? Ich bin ganz allein auf der Welt, die Erde ist weiß, der Himmel schwarz, die Sterne zwinkern kalt und gleichgültig über der Schneewüste im März.

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Einige auf der Messe gefeierte Titel habe ich mir bei der Magdeburger Buchhandlung in der grünen Zitadelle bestellt. Ohne Nacht gibt es keinen Tag – ich betrete den kleinen, mit Büchern umstellten Raum.

Ein kleines Gegengift gegen die nächtliche Leipziger Melancholie – kein unberechenbarer Bücherozean, sondern ein kleiner, gemütlicher Teich, mit Bäumchen und Pflanzen, von einer sorgsamen Fee gepflegt. Holzegale zwischen den Bogenfenstern, ein Sofa mit orientalischen Kissen – der Laden gleicht einer Schatzkiste, er ist schmuck und rund und sogar ein bisschen heilig, wie ein Osterei.

Wie gesagt, es gibt auch Ecken in Magdeburg, von denen aus der majestätische Dom geheimnisvoll aussieht und schmuck, nicht zu groß, nicht zu klein, genau richtig.

Nellja Veremej: Kleine Eiszeit in Magdeburg oder Alle Wege führen ins Paradies

Es wird einfach nicht wärmer, Magdeburg friert. Die raren Menschen laufen schnell, bis an die Nase in dichten Schals vermummt. Das, was man sich unter dem Wort „Straßenleben“ vorstellt, verlagert sich in die verschachtelten Labyrinthe der Einkaufszentren.
Eine Allee, sagt Wikipedia, ist eine auf beiden Seiten von Bäumen begrenzte Straße oder Weg. Das trifft auf unser Allee Center nicht ganz zu, denn hier sind die Wege von beiden Seiten von Läden begrenzt. Da wo an den Kreuzungen das Jungvolk schwärmt, ist die Luft zum Schneiden dick von unsichtbaren, von Hormonen getriebenen Energie – und Magnetschwingungen.
Die Alten flanieren artig die Alleen entlang, bleiben vor Schaufenstern stehen, beraten sich leise, ob man dies und jenes nicht doch brauche. Ich studiere die Konditoreivitrine. Es riecht gut hier, es ist warm und hell und es gibt Palmen und Brunnen. Der Winter in diesem Paralleluniversum ist heiß, und der Sommer – kühl. Hier ist alles bis ins Kleinste optimiert, wie im Paradies. Oder wie in einem Gewächshaus, wohin wir gelockt und wo wir verwöhnt, präpariert und betäubt werden und ganz unmerklich ausgenommen.
Solche überdachten Labyrinthe erobern unseren Planeten, sie breiten sich unaufhaltsam aus wie eine ansteckende Flechte und sie verstümmeln unsere Innenstädte.

***
Der Frost gibt auch in der zweiten Woche nicht nach, und dennoch schicke ich mich zu einer Stadtführung, in der stillen Hoffnung, dass niemand anderes es wagt und ich mit reinem Gewissen zurück in die warmen Alleen flüchten kann. „Aber die Führung findet statt, auch wenn sonst keiner mehr kommt, außerdem kommt immer jemand“ – die Frau im Touristenzentrum war zuversichtlich, und sie hat Recht behalten. Um Elf starten wir – ein siebenköpfiges Trüppchen der Tapferen und Wissbegierigen – die Stadt Magdeburg zu erkunden.
Immer suchen wir in den fremden Städten als erstes nach Superlativ- und Komparativ- Formeln – wir messen das Fremde mit dem, was wir kennen, Goethes Ausspruch, etwas anders formuliert.
Mir schmeichelt, dass Magdeburg – meine Heimatstadt auf Zeit – viel älter ist als alle anderen Orte, wo ich davor zu Hause war.
Karl der Große hat mit Sicherheit nichts von Leningrad oder Novi Sad gehört und selbst von Berlin hatte er keine Ahnung, von Magdeburg schon – denke ich mit Genugtuung.
Noch eine kleine Überraschung – ich habe mir die Stadt wegen ihres Namens und Wappens als einstiges Revier einer gnädigen, einflussreichen Magda gedacht, nun erfahren wir, dass Magdeburg einst „magadoburg“ war, was in der damaligen Sprache so etwas wie „Großburg“, bedeutete, „Mega – Burg“ sozusagen, und Magda hat damit nichts zu tun.
„Können Sie es noch aushalten, geht es noch? “ fragt die Stadtführerin, als wir auf der Brücke Halt machen, um den Ausblick auf den Turm an der Elbe zu genießen, jenen Turm, durch den einst,
an einem Maitag 1631, die Katastrophe in die belagerte Stadt einsickerte.
Es ist klirrend kalt, aber wir schütteln tapfer die Köpfe. „Es geht!“
„Und Sie?“ – die Stadtführerin schaut zu einem alten Mann, dessen Gesicht rot und lila ist, wie ein Truthahnbart, weshalb seine Augen unnatürlich blau, hell und klar wirken, wie Aquamarine, oder Eis -Klümpchen.
„Er kann noch“ – sagt seine Frau zu uns und schaut streng zu ihrem Mann: „Es geht dir gut, nicht wahr?“
„Ja.“ – er nickt und an der Nasenspitze wabert ein Tropfen.
Dieser Tropfen – klar und durchsichtig – macht mich unruhig, ich kann nicht aufhören, zu warten, bis er sich von der Nase trennt, er hypnotisiert mich regelrecht. Ich senke den Blick.
Atmungsaktive Trekkingkleidung, Rucksäcke, solides Schuhwerk – adrettes Ansehen, nur die Schuhe des Mannes sind falsch rum angezogen – der Mann hat Entenfüße. Sonst sitzt alles und stimmt alles: die beiden Rentner (weit über siebzig) sind erfahrene und wissbegierige Touristen.

„Wir haben viel gesehen! Jedes Wochenende ein Ausflug in eine andere Stadt“, sagt sie stolz.
Nichts, keine Entenschuhe gehen mich an, sage ich mir, hör lieber zu, wie kaiserliche Soldaten in die Stadt eindringen und der erste Untergang Magdeburgs beginnt – was nicht verbrannt wird, wird geplündert, wer dem Feuer entkommt, wird geschlachtet, geschunden oder vergewaltigt. Die schöne Handelsstadt an der Elbe wird vernichtet. Der 20. Mai 1631 ist der blutigste Tag in der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, ein trauriger Magdeburger Superlativ.
„Diese Stadt, so zuvor an Reichtum, Stärke, Kaufmannschaft und anderer Nahrung der berühmtesten eine gewesen ist, ist innerhalb 10 Stunden so erbärmlich ruiniert, ihr Gedächtnis erloschen, der Reichtum zerschmolzen und auf den Grund ausgebrannt, dass manch Übergebliebener die Stätte, da sein Haus gestanden nicht zu finden weiß“- schrieb ein Chronist.
Ein Tag, der seinen Shakespeare noch nicht gefunden hat, oder seinen Homer. Ich erhebe meine neue Heimatstadt in meinem Geiste auf ein Podium neben Troja, Jerusalem oder Jericho, und mitten in diese erhabene Vision drängt sich immer wieder der Wunsch, dem alten Mann mit der blauen Nase ein Taschentuch zu reichen und ihn auf die Entenfüße hinzuweisen.
Daher verpasse ich einiges, als wir in der warmen Johanniskirche über Luther reden, wie er 1524 Magdeburg besuchte und bekehrte. Wir stehen im Kreis, alle Blicke sind auf die sitzende Schönheit aus Stein gerichtet, die in der Ecke sitzt – sie soll aus Worms stammen, aber warum sie hier ist – verpasse ich – auch bei dieser Geschichte bin ich nur mit einem halben Ohr dabei, beim Kloster unserer Lieben Frauen – mit einem Viertel, meine Gedanken sind anderswo.
Spüren seine Füße die Verwechselung nicht, weil sie vielleicht taub vor Frost sind?
Diese Entenfüße sind eine Kleinigkeit, die langsam Oberhand über mich gewinnt – wie ein zarter Mückenstich – wenn man sich nicht kratzen darf, kann man an nichts anderes denken. Der imaginäre Juckreiz verschwindet auch nicht, als wir uns vor dem Magdeburger Dom verabschiedet haben und vor Frost schlotternd in entgegengesetzte Himmelsrichtungen flüchten.

Als ich am Nachmittag wieder das Haus verlasse, sehe ich die beiden alten Touristen zum Bahnhof eilen – sie haben mich auch erkannt und winken mir zu. Ich schaue verstohlen nach unten – es ist alles in Ordnung mit den Schuhen und ich entgegne den Gruß aus vollem Herzen, und schreite – froh und erleichtert – in das City Carré hinein.
Ich kenne niemand, der nicht auf die Carrés, Arkaden und Alleen schimpft, und niemand, der sie meidet.

Nellja Veremej: Wo Kafka drauf steht, ist auch Harras drin.

Mein neues Zuhause in Magdeburg ist nicht zu übersehen – ich wohne in einem der Moskauer Türme, ganz oben auf dem Dach. Mit dem Fahrstuhl zur letzten Etage, und dann noch höher zu Fuß – noch ein Treppenmarsch, eine neue Tür in das Unbekannte, nur den passenden Schlüssel finden…Hinter der letzten Eisentür liegt ein großes Foyer, eine Art Vorraum für zwei Gästewohnungen. Meine ist unauffällig, die Tür der Nachbarwohnung gegenüber ist mit einem mannsgroßen Kafka-Porträt in Pechschwarz verziert.

Die schwarze Figur an der Tür ist allgegenwärtig – wenn ich das Foyer betrete oder meine Wohnung verlasse – sie springt ins Auge. Und wenn ich aus meinem Spion hinausschaue, verwandelt sich mein Vis-a -Vis in einen schwarzen Fluchtpunkt und wird zum Herzstück der kalten leeren Außenwelt – die ersten Märztage sind klirrend kalt.

Immer, wenn ein vages Geräusch von außen in meine Wohnung durchdringt, laufe ich zur Tür und schaue hinaus – jemand da?

Aber im Foyer ist nur mein gespenstischer Nachbar zu sehen – seine Ohren sind spitz und sein Blick angestrengt, forschend, fast fordernd.

Was sehe ich noch? Fahles Licht, ein totes mehrstämmiges Bäumchen im Topf, eine leere Sektflasche, eine gepolsterte Sitzecke und den Ausgang zur großzügigen Dachterrasse, welche die kleinen Gästewohnungen rundherum umströmt und verbindet.

Die Außenwände in meinem Zimmer sind aus Glas – ich bin hier allen Winden ausgeliefert und den Blicken meiner unbekannten Nachbarn, aber ich klage nicht. Ich klage nicht, schließlich kann ich aus meinem Glaskasten einen Panoramablick auf Magdeburg mit seinen Türmen genießen, schmuck wie eine Postkarte.

Es schneite in der Nacht und die Terrasse ist nun mit flauschigem, frischem Schnee bedeckt.

Die Versuchung, entlang der weißen, antik wirkenden Balustrade auf dem Dach herum zu flanieren ist groß, aber die Angst, ungebeten in den durchsichtigen Alltag meiner Nachbarn zu brechen ist größer. Ich lasse es lieber.

Aber wenn mein Nachbar nicht so ängstlich ist wie ich, kann er jederzeit vor meinem Schreibtisch erscheinen, einen ausgestreckten Arm von mir entfernt. In der Dunkelheit hinter den Jalousien unsichtbar, kann er meinen Telefongesprächen lauschen, wenn ich durchs beleuchtete Zimmer auf und ab laufe, mit der Hörmuschel am Ohr. Oder er könnte mir in den Rücken blicken, wie ich mich in meiner winzigen Kochecke mühe, wie ich esse und wie ich schlafe.

Ich schließe die Augen mit Unbehagen, und plötzlich fällt mir der Name ein, der Name dessen, der mich unentwegt beobachtet und ausspäht – er heißt Harras und er kommt aus einem Buch.

Das war einer der ersten literarischen Texte, die ich im Original auf Deutsch las, es ist eine Ewigkeit, ein Zeitalter her:

 

Franz Kafka, beim Bau der Chinesischen Mauer. Gustav Kiepenheuer, Leipzig und Weimar, DDR. Der dünne Band in solidem Leinenmantel befindet sich immer unweit von meinem Schreibtisch, er hat ein Ehrenplatz in meinem kleinen Gefolge von Büchern, denen ich einst Treue geschworen habe.

Als ich heute das alte Buch in die Hand nehme, schlägt die Erinnerung eine lange Seilbrücke über mehr als ein viertel Jahrhundert zurück – sie nimmt ihren Lauf in Petersburg auf, wo ich mich mit Bleischrift und Wörterbuch über dem Büchlein mühte und führt via Berlin nach Magdeburg, wo mich Kafka nun selbst empfängt.

Ich knipse das Licht aus und werde unsichtbar. Der Wind pfeift und heult über den mit Raureif bedeckten Dächern. Die Stadt schläft, und ich horche noch in die Stille. Das erste, was ich morgen tue – denke ich vor dem Einschlafen, ich gieße das Bäumchen im Foyer – vielleicht ist es gar nicht tot, sondern nur ausgetrocknet. Und danach klingele ich bei Harras. Und wenn er nicht antwortet, gehe ich über den frischen Schnee entlang der Balustrade einmal auf dem Dach herum.

 

 

 

Steuben Parade

Steuben-Parade

Es wäre so schön, den Magdeburger CSD in Steubenparade umzubenennen – nach dem international berühmtesten Magdeburger General Friedrich Wilhelm von Steuben (nein, Otto v. Guericke kennt niemand). Der hat zwar schon eine Parade, jeden September auf der fifth Avenue in New York, wird dort aber nicht wegen seines LGBT Lebensstils gewürdigt und auch dieser Teil des Steubenschen Lebens hätte Erinnerung verdient.

9

Das asian-cook-art-Aquarium

Gedämpfte Brauntöne, abgerundete Ecken, contemporary design, die unvermeidbare Buddhastatue, Orchideen natürlich.

Am Mittagstisch: Arbeitskollegen, Kostüm, Krawatte und Anzug, anthrazit, weiß, graublau, Geschäftsgespräche, daneben einträchtig durch die Scheibe den Vorbeieilenden hinterher blickende Rentnerpärchen.

Zwischen vierzehn Uhr dreißig und siebzehn Uhr: Ruhe. Die Bedienungen falten Servietten, wischen Tresen, fegen mit den Handflächen einzelne Krümel von den Sitzpolstern. Spülhilfen rauchen an der Hintertür. Die Küche atmet tief ein vor dem nächsten Mise en place. Die Straßenbahn nach Cracau fährt vorbei und vielleicht würden alle gerne ein C gegen ein K tauschen und einsteigen. Vielleicht auch nicht, um fünf werden die Teelichter angezündet.

Abends: Freundinnen, Jubiläen und Geburtstage im ersten Stock. Unten Dates an Zweiertischen, in der Regel sitzt Sie mit dem Rücken zur Scheibe. Handtaschen neben den Stuhlbeinen, in denen sie meistens, kaum sind sie einen Moment alleine, mit langen Armen ihre runden Spiegel suchen, nachsehen, ob sie in Ordnung sind.

Am schönsten ist das asian-cook-art-Aquarium sowieso morgens. Wenn die Hauswand dahinter Sonne reflektiert und Reinigungskräfte in pastellfarbenen T-Shirts schweigend Staub wischen.

In der Mitte des ersten Stocks verläuft eine unsichtbare Grenze. Die langen Kanten der Servietten auf den Tellern zeigen in der einen Raumhälfte nach Norden, in der anderen nach Süden. Die weißen Dreiecke sehen im Dämmerlicht aus wie die Segel zweier Flotten, die lautlos und gleichmäßig aufeinander zuhalten.

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