Weimar

Aus meinem Gedichtband Zeit ist eine Kugel

möchte ich hier das Gedicht über meine Heimatstadt hinzufügen

Weimar

Ich werde dich nicht los

du altes Weib

zerknautscht die Haut

wie deine Seele

Bis an den tiefsten Punkt der Erde

schleppst du mir deine Kiepe nach

schüttest über mich die Packen

mit den Worten und den Zahlen

Läutest deine Glocken

wie stumme Schreie von dem Berg

der dir in deine Seite sticht

und Schatten wirft in jedes Kinderbett

Im Anfang war das Wort

und nicht die Tat

so sind die Worte eher gestorben

liegen dicht beim Ginkgobaum, am Ahorn

unter deinen Pappeln und den Buchen

Die Gräber sind’s

wohin du meine Schritte ziehst

Zum Blitz, zur Gruft der großen Denker

Die Mauer überspring ich leicht

wie damals für den ersten Kuss

Der erste Kuss

der mich auf Goethes Pfaden traf

stumm mich zu machen

für den Augenblick

doch meinem Jetzt die Worte löste

dass ich dich lieben kann:

Du Stadt der Mütter

und der Mörder

die ich nicht los werd‘

wie die Gräber

Besuch im Schauspielhaus

29.April

Wenn es so etwas wie eine Regel gibt für mich hier in Magdeburg , so ist es, dass ich

mich möglichst früh, gleich nach dem Aufstehen an mein Romanmanuskript setze.

Nachmittags bin ich auf Entdeckungsreise mit dem Fahrrad und setze mich irgendwo an

die Elbe – gern auch auf eine Wiese- zum Überarbeiten und Korrigieren. Die Stellen, wo

man völlig ungestört sein kann, sind nicht schwer zu finden und- Dank meiner Mobilitätvom

Zentrum aus mit geringem Zeitaufwand zu erreichen, wobei die Wege am und über

den Fluss hinweg ja schon zum genießenden Ziel gehören.

Gern fotografiere ich auch. Dabei habe ich mich allerdings ertappt, dass ich, um das

perfekte Bild von alten Gemäuern haben zu wollen, Neubauten ausblendete, die im

Hintergrund auftauchen. Was für ein Schwachsinn, sagte ich mir, das ist nicht die

Realität! Wer hat schon heute zu Hause noch ein perfekt eingerichtetes Barock,-Rokoko

oder Biedermeierzimmer? Dabei gehe ich noch längst nicht soweit zurück, wie es die

Zeiten waren, in denen manche Mauern Magdeburgs entstanden und der Grundstein für

die Domanlage gelegt wurde.

Wir, unser Alltag, unsere Bedürfnisse haben sich verändert. Wir kleiden, bewegen und

Gebärden uns anders als in jenen Vorzeiten. Also sollten wir uns auch dazu bekennen,

dass sich unser Umfeld umgestaltet hat. Wer das Glück hat, einen Barockschrank zu

Hause zu besitzen, wird ihn nicht nur von Kerzenlicht beleuchten lassen. Auch der

Biedermeiersekretär verliert nichts von seiner Schönheit, wenn vor ihm ein Stuhl im

Bauhausstil steht. Zu Hause haben wir uns längst an den Mix gewöhnt, keiner will und

kann schließlich in einem Museum wohnen. Wieso sollten wir den selbstverständlich

gewachsenen „mix“ im Städtebild zu leugnen versuchen? Gerade in dem Brüchen liegt

doch der Reiz.

Manchmal habe ich aber auch den Eindruck, dass viele Magdeburger die Juwelen ihrer

Stadt nicht mehr sehen, durch all das Neue was daneben, dahinter oder davor gebaut

wurde und wird.

Der Blick für die Schönheiten der Stadt sollte dabei nicht verloren gehen, sondern sich

eher erweitern.

Ich habe den Gekreuzigten von Fritz Cremer fotografiert. Fritz Cremer, der mir, die ich in

Weimar aufgewachsen bin, schon von Kindheit an, durch sein Denkmal in Buchenwald

bekannt ist.

Hier steht nun eine Skulptur von ihm mit dem Rücken zur Elbe. Zugewandt ist sie der

erhaltenen bzw. wiedererrichteten Altstadt und den Gebäuden der Nachkriegszeit. Ernst

blickt der große weitgreifende Gekreuzigte von Fritz Cremer -aber auch trotzig! Das Kreuz

ist nur in unseren Köpfen. Inzwischen könnte er genauso gut auch die Arme sinken

lassen und loslegen, mitmachen …es ging ja weiter, ist weiter gegangen und es geht

weiter in dieser Stadt, …vorerst sind die Kreuzwege Geschichte …

Letzte Woche war ich erstmals, seit ich hier als Stadtschreiberin wohnen darf, in der

Studiobühne des Magdeburger Schauspiels. Ich sah eine Inszenierung von Alan

Ayckbourns Stück: „Ab Jetzt“, und war hingerissen !!! Ein Kleinod mit großartigen,

komödiantischen Schauspielern und einer feinen liebe,- und geschmackvollen

Regiehandschrift. Diese Aufführung wäre, dachte ich, würde sie so auf einer Berliner

Bühne stattfinden, dort zum Kult erhoben sein. Hier in Magdeburg aber war der Raum, in

dem die Zuschauer sich von drei Seiten um die Bühne herum platzieren konnten, nicht

einmal zur Hälfte besetzt…

Wissen die Magdeburger vielleicht gar nicht, was sie da für einen tollen Abend erleben

könnten; was für tolle Schauspieler in ihrem Theater engagiert sind? Es tat mir weh, vor

allem, weil ich beobachten konnte, mit welcher Leidenschaft, Genauigkeit und welch

herrlichem Humor die Schauspielkollegen ( -ich darf sie ja so nennen-) sich in ihre Rollen

gestürzt haben.

Ein Bedürfnis ist es mir, ein paar Namen zu nennen, die den Abend mitverantworten. Ich

kannte ( zu meiner Schande) bisher weder den Regisseur Stephan Thiel, noch die

wunderbaren Schauspielerinnen Marie Ulbricht und Anne Hoffmann. Auch Carmen

Steinert oder die beiden ebenso spiel-starken männlichen Schauspieler Ralph Opferkuch

und Marian Kindermann waren mir nicht persönlich bekannt. Christiane Hercher stattete

die Inszenierung aus — Alle haben sie da ein ‚kleines‘ Gesamt -Kunstwerk geschaffen

und so gilt ihnen mein Dank und meine Gratulation!!!!

Ich werde alles daran setzen, auch Freunde und Kollegen aus Berlin oder Halle nach

Magdeburg zu den nächsten beiden, -leider letzten Vorstellungen- zu locken.

Am 12. Mai und 2. Juni sollen diese „Ab jetzt“ – Vorstellungen im Studio des

Magdeburger Schauspiel in der Otto-von-Guericke-Straße stattfinden.

Magdeburger , kommt!!!!, lasst sie Euch nicht entgehen!

Näheres ist zu erfahren über :

https://www.theater-magdeburg.de/spielplan/schauspiel/sz-20172018/ab-jetzt/

„Magdeburger, erkennt Eure Schätze!“, möchte ich von meiner Terrasse in der Ottovon-

Guericke-Straße über die Stadt rufen.

 

Termine

7.05.2019 um 19:30 Uhr Lesung in der Stadtbibliothek Magdeburg und gemeinsames Gespräch zum Thema Europa, als Gesprächspartner stellt sich mein Mann Mathias Brenner zur Verfügung

 

15.05.2019 um 19 Uhr „Kunst Talk“ im Kunstmuseum Magdeburg

16.05.2019 um 17:00 Uhr Buchpremiere „Der Pascha von Magdeburg“ im Forum Gestaltung

09.06.2019 um 15:00 Uhr musikalisch-literarische Wandellesung innerhalb „Rendezvous im Garten“

20.06.2019 um 20:00 Uhr im Innenhof Forum Gestaltung: Premiere des Sommerstücks, Mitwirkung als Schauspielerin

 

30.09.2019 Abschlusslesung im Literaturhaus

In Magdeburg seit über einem Monat…

Seit über einem Monat wohne ich nun schon im Stadtschreiber-Refugium dem Himmel über Magdeburg nah. Ich habe viel aufgesogen, bleibe im Prozess des Lernens. Auch meinen Platz habe ich gefunden, den ich mir, wenn es noch mal ein nächstes Leben für mich gäbe in Magdeburg, am Sarajevo Ufer wünschte. Dort, direkt an der Elbe gibt es ein noch brachliegendes Silo. Da ganz oben, möge man mir eine Wohnung ausbauen mit Blick über die Stadt sowieso und das gegenüberliegende nahe Ufer mit den Wiesen, die wegen der Hochwassergefahr nie bebaut werden dürfen. Aber nicht nur der Aus-Blick würde es mir antun, die Zukunft ist ja schon da. Sie passiert nebenan. Mit dem Fahrrad stand ich plötzlich davor, an der Elbe. Es ist immer der Fluss der mich zieht, schließlich habe ich auch meinen Roman: „Zerbrechliche Welten“, an dem ich hier schreibe, vom Fluss ausgehend verortet.

Hier nun tauchte eine Denkfabrik vor mir auf. Ich bin fasziniert! Eine Denkfabrik mit ganz viel Freiraum drumherum und dem Strom zum Meer… Besser gehts nicht!!! Ein erotischer Ort — für mich. Geist, Ringen um Schlüsse, Bewegung im Kopf —bleibt für mich das Faszinosum in unserem Leben. Mich hat es immer mehr zu den Menschen hingezogen, die es vorziehen, ihr Hirn zu gebrauchen, als in erster Linie Kraft auf die Pflege ihres Äußeren zu verwenden. Spannend ist das, was hinter einem Gesicht passiert, für mich weniger das, was sich auffällig macht, in die Augen springt … das könnte man auch für diese Stadt sagen. Fast täglich entdecke ich Neues , für mich neues, hinter dem was sich erst einmal als Augenfälliges präsentiert.

Gestern war ich zum Abschlusskonzert der Magdeburger Jazztage im Gesellschaftshaus . Ich durfte hautnah die Schlagzeuglegende Baby Sommer erleben, wie er mit seinen Freunden, den internationalen Jazz- Größen, Musik zauberte.

Wer das kann, so improvisieren, der muss sich nicht wegen Depressionen umbringen ,sage ich zu Baby Sommer danach , als er dabei ist sein Schlagzeug zu verpacken. Stimmt sagt er und lacht, sein junges, offenes Lachen. Er hat noch viel vor, mischt sich ein, das ist wunderbar. Wegen seiner Hymne für die Vielen, die in Dresden nicht im Focus der Medien und des Interesses stehen, wenn sie sich gegen die allmontäglichen Pegida-Aufmärsche positionieren, habe ich mir seine CD „LE PICCOLE COSE“ gekauft.

Am Morgen hatte ich die einmalige Nora Gomringer, begleitet von dem Leipziger Drumer Philipp Scholz , mit ihrem Programm „PENG PENG PENG“ erleben können.

Über vier Tage hinweg, haben es ein paar Visionäre, Kulturstreiter dieser Stadt, erneut geschafft, Magdeburg zum Mekka der Jazzmusik werden zu lassen. Dafür kamen die Künstler aus allen Teilen der Welt. Sicher hat man ihnen nicht annähernd das zahlen können, was ihr Können verdienen würde, aber etwas sehr schönes sagte Norbert Pohlmann etwa sinngemäß,- wir haben ihnen, diesen Koryphäen, die Tage versucht, so angenehm wie möglich zu machen, damit sie zurück gehen in ihre Städte , nach New York oder wohin auch immer und etwas mitnehmen von Magdeburg, – von seinem Glanz , er ist möglich …er findet statt… was ist das für eine Botschaft!

Und ich sitze an meinem Roman und denke , man sollte sich auch in der Literatur mehr Jazz wagen, mit Formen, mit Zeiten spielen, warum nicht Übergreifen – auch in Genres,- von dem, was behauptet wird, nicht in einen Roman zu passen, sich doch erlauben einzuflechten… nur nicht langweilen, ist doch das einzige Gesetz, dem unser Schreiben unterliegen sollte , wenn es sich zur Kunst gehörig wünscht …

Ich bin dabei und knappere mir die Finger wund , so viele Eindrücke hier in Magdeburg und dann immer wieder auch die Latten ,die hoch liegen….

Antrittslesung im Forum Gestaltung am 13.03.2019

Magdeburg , die Stadt auf den zweiten und dritten Blick Täglich tauche ich mehr ein, werde überrascht von Ecken und Sichtachsen die sich mir auftun. Am 13.03.2019 reiste der Autor Wilhelm Bartsch aus Halle an, mich zu meiner Antrittslesung im Forum für Gestaltung vorzustellen. Auch so ein Ort, von dem ich vor meinem Hiersein nichts wusste. Der Gebäudekomplex wurde Anfang des letzten Jahrhunderts errichtet um Kunst zu lehren, entstehen zu lassen, zu ermöglichen. Auch wenn es seit 1963 die Kunstgewerbe und Handwerksschule nicht mehr als Lehranstalt gibt, so findet doch auch jetzt nach dem Engagement der heutigen Verantwortlichen in den Räumen Kunst und Kunstermöglichung statt. Letzte Woche schenkte mir der Hausherr- Norbert Pohlmann – einen ersten Einblick in die Räume und sein geschichtliches Wissen um den Bau und die Künstler, die sich mit ihren Werken und Biografien diesem Ort in Magdeburg verbunden haben. Es war eine lustmachende Führung, die für mich nur ein Anfang sein konnte, ein Einstieg in die Geschichte und Geschichten, die mir noch zu erzählen sind. Ich bin eingeladen und fühle mich auch eingeladen, immer wieder vorbei zu kommen, zu den Theater und Musikveranstaltungen, Lesungen und Ausstellungen. Am 28. März werde ich zur nächsten Vernissage ganz sicher dort sein und heute Abend , da „tagt“ die Mittwochsgesellschaft, eine wiederbelebte Tradition aus dem 18. Jahrhundert , ähnlich der Donnerstagsgesellschaft, die mir aus meiner Heimatstadt Weimar ein Begriff ist. Zentrum der heutigen soll die Lesung der neuen Stadtschreiberin sein … Auf gehts , ich muss noch Text einstreichen, damit ich nicht zu viel, zu lang lese, denn Wilhelm Bartsch hat ja auch einige Worte im Gepäck … Bin gespannt und freu mich auf den Abend

Angekommen

Nun bin ich da in oder besser über Magdeburg.
Man hat mir einen Raum noch einige Treppen über dem 9. Stock eines der Fünfzigerjahre – Turmbauten in der Otto- von Guericke Straße zur Verfügung gestellt mit faszinierenden und vor allem inspirierenden Blick. Da ich das Glück habe, dass zeitgleich mit dem Antritt meines Stadtschreiberamtes ein neues Büchlein von mir in die Welt gekommen ist, wurde gestern auf der Terrasse um diese Wohnung ein TV Beitrag gedreht.
„Doppelt verdientes Glück“ heißt der Band, der in der Edition Muschelkalk im Wartburg Verlag herausgekommen ist.
Glück !!!! Ja! Als Glück empfinde ich es selbstverständlich auch, hier sein und schreiben zu dürfen!!!! Glück – Magdeburg !
Gestern sagte ich zu der Reporterin Romy Gerke, die mich zum neuen Buch interviewte und anfangs versuchte, von hier oben ein Panoramabild ohne Krähne einzufangen : wir sind hier nicht in Heidelberg !!!! Gott sei Dank ! Hier ist noch Aufbruch, hier kommen wir noch mit Phantasie dazwischen, hier gibt es Lücken, in denen noch etwa entstehen kann !!! Entdecke die Möglichkeiten, auch Scheitern gehört dazu. Keine Angst davor! Nur das Fertige, das Endgültige Unumkehrbare macht Angst – denn da sind wir überflüssig, wir, die Phantasie und Kreativität brauchen um zu überleben. Gerade diese Krähne vor meinem Fenster stimmen mich hoffnungsfroh. Wahrscheinlich werde ich die einzige sein, die sie als Stadtschreiberin an jenen Stellen von hier oben aus beobachten kann. In sieben Monaten haben sie dort vielleicht längst ihr Werk beendet und wenn nicht Ende September, sicher aber zu Beginn der nächsten Amtszeit eines Stadtschreibers oder einer Stadtschreiberin.
Alles ist in Bewegung! Auch ich bin hier, nicht um mich auszuruhen, ein Schmuckkästchen zu betrachten, das schon immer als „fein“ zu finden galt. Von mir ist Bewegung gefordert, die Schmuckstücke dieser Stadt aufzuspüren oder bei deren Planung und Entstehung dabei zu sein. Das für mich Wichtigste habe ich schon vor Augen, diesen sich ständig wandelnden gigantischen Blick! Das ist Inspiration, Aufforderung zum Aufbruch in die Gedankenwelt, in die Welt meiner Protagonisten des Romans, den ich in den nächsten Monaten hier beendet haben will. Ich werde offen bleiben für alle Inspirationen, die auf mich einwirken und bin gespannt wie ein kleines Kind. Danke Magdeburg für Deine Möglichkeit !!!

Der Magdeburger Meister (1)

„Der Mensch hat eine Seele“ hat er an seine Ateliertür geschrieben. Aber nicht nur die von ihm geschaffenen Menschen, auch die Sterne, Wolken, Engel, Tiere und Gräser sind beseelt – das verblüffte mich schon bei meiner ersten Begegnung mit einigen von ihnen vor vielen Jahren. Eines Tages hatte ich mich auf den Weg gemacht, um mir Werke des Naumburger Meisters anzuschauen, dabei entdeckte ich einen anderen, den aus Magdeburg, er heißt Heinrich Apel.
Zu den Stifterfiguren hinaufschauend lief ich durch den Naumburger Dom, den Kopf im Nacken, daher hätte ich die kleinen bronzenen Figuren, die den Handlauf der Treppe zum Ostchor schmücken, beinahe übersehen. Es waren Vögel, Schlangen, Eidechsen, Käfer, winzige Drachen und sogar eine lebendige Ranke – sie alle zogen den Handlauf empor zu dem Mann, der die Spitze des Eisengeländers krönte.
Es war der Hl. Franziskus, der vor den Vögeln predigte. Vor seinen Füßen saß eine bronzene Libelle, unten schloss die Prozession ein Pfau ab, dessen zusammengelegter Schweif ein perfekter Knauf war, der sich an die Handfläche anschmiegte.

Wie haben die Figuren die Jahrhunderte so gut überstanden? – staunte ich, fest davon überzeugt, dass die Figuren wie der Dom aus den Zeiten der Romanik stammten. Als ich aber erfuhr, dass es sich um Arbeiten eines modernen Künstlers handelt, staunte ich noch mehr und staune immer aufs Neue, wenn ich für mich neue Arbeiten von Heinrich Apel entdecke. Ich staune über seinen Mut, von dem aufdringlichen Kanon moderner prominenter Künstler abzuweichen: Tragik statt Hysterie, Humor statt Spott, Demut und Maß statt Hochmut und Hybris.

Unser heutiges Dasein ist von Veränderung, Bewegung und Beschleunigung besessen. Wenn es von allem so viel gibt, muss alles um Aufmerksamkeit kämpfen, um dann schnell zu verfallen, um den begrenzten Platz in den Köpfen und auf den Regalen zu räumen. Auch Kunst handelt aus einem sehr schlichten Impetus heraus: „Schau mich bitte an, ich zeige dir noch nie Dagewesenes“.
Verankert in der Konjunktur des Augenblickes, vom Ego des Künstlers überschattet, schauen diese Früchte des Einfalls herablassend auf die Vergangenheit und daher werden sie nie Teil der Zukunft sein – dachte ich mir, als ich mich einst in einem Museum vor einen aus menschlichen Fäkalien geformten Kopf verschlagen fand.
Zugegeben, es war eine starke Emotion und dieser Augenblick ist mir in Erinnerung geblieben, aber war das ein Kunstwerk, oder ein Kunststück, ohne Gebrauchsanweisung ungenießbar?

Die Begegnung mit den Werken von Heinrich Apel im Naumburger Dom versöhnte mich mit der zeitgenössischen Kunst. Seinen Franziskus schloss ich sofort in meine innere Sammlung ein und stellte ihn neben den Franziskus von Giotto di Bondone, dem Alten Großen Meister aus Florenz.

Giotto zeichnete auf Steinen Schafe, die er als Kind hütete, so meisterhaft, dass keiner – auch er selbst nicht – an seine außerordentlichen Begabung zweifelte. Auch Heinrich Apel wusste sofort, was seine Berufung war, als er am Tag der offenen Tür in die Kunsthochschule auf Burg Giebichenstein in Halle kam und sich umsah. Bald darauf folgen die Aufnahmeprüfungen und im Herbst 1953 begann sein Studium. Im ersten Jahr Reliefs, im zweiten Porträts oder baugebundene Kunst und dazu das regelmäßige Aktzeichnen – „das war das A und O, vergleichbar mit dem täglichen Üben eines Klavierspielers“, sagt Heinrich Appel in einem Interview. Wenn er über seine Jahre in der Kunsthochschule spricht, erwähnt er immer dankend die Namen seiner Lehrer und Kollegen, die für seinen Werdegang wichtig waren und ihre Arbeiten stellt Heinrich Apel neben die seinen.

Wenn man durch die Hallen von Schloss Hundisburg geht, spürt man die Verwandtschaft der Zunftbrüder, die der Welt eine Seele zumuten.

Glück im Unglück für den jungen Bildhauer war die Tatsache, dass die deutschen Städte damals noch in Ruinen lagen – die Wiederherstellung der beschädigten Baudenkmäler brauchte Talente. Noch während des Studiums machte Heinrich Apel Praktika in der Dombauhütte am Magdeburger Dom, wo sich auch seine ersten Arbeiten befinden. Nicht nur in Magdeburg, sondern auch die Dome in Quedlinburg, Halberstadt, Stendal und auch Dorfkirchen waren sein Aufgabengebiet. Manches Objekte mussten restauriert werden, die anderen – nach historischen Vorlagen wiederhergestellt und vieles – neu geschaffen: Wasserspeier, kirchliches Gerät, Türklinken.

Was für eine anspruchsvolle Aufgabenstellung für einen Künstler – sich mit den großen Meistern der Vergangenheit zu messen, ohne sie herauszufordern, sie stattdessen zu ergänzen, den Faden ihrer Gedanken aufzugreifen und ihr Erzählen  fortzusetzen.


Fortsetzung folgt…

Der Magdeburger Meister (2)

 

 

Die Behauptung, Architektur sei in Stein gemeißelte Geschichte, trifft vorallem anderen auf unsere Kirchen und Dome zu – ihre Wände, Kanzeln, Kapitelle und Reliefs sind Seiten einer Chronik, die den Wandel unserer Wertvorstellungen darstellt, mit allen Tiefen und Hochflügen.

Auch der Magdeburger Dom birgt Sinnbilder fetter Jahre und der magerer, erbärmlicher. Langsam wie ein Korallenriff wuchs er durch die Zeitalter und er wächst immer noch, auch mit Werken moderner Meister. Heinrich Apel ist einer von ihnen.
Was für eine anspruchsvolle Aufgabenstellung für einen Künstler – sich mit den großen Meistern der Vergangenheit zu messen, ohne sie herauszufordern, sie stattdessen zu ergänzen, den Faden ihrer Gedanken aufzugreifen, ihr Geschichten fortzusetzen.
Schauen wir uns eine seiner Arbeit an, den Sockel des Osterleuchters.

Der Leuchter ist an sich eine antike Säule, eine Spolie, umgearbeitet in der Zeit der Romanik, 1964 kam der Sockel dazu.

In der kirchlichen Sprache symbolisiert der Osterleuchter den Sieg des Lichts über die Finsternis, kunsthistorisch gesehen ist er, eine dreifach potenzierte Spolie, ein Zauberstab, der mehrere Zeitalter und Zivilisationen durchdringt und verbindet.

Das Relief mit der Darstellung einer in sich verflochtenen Schlange, die sich in sich selbst verbeißt, ist perfekt an das Muster der alten Säule angepasst – für ein untrainiertes Auge wie meines war der Leuchter wie ein aus einem Stück gemeißeltes Meisterwerk. Erst später las ich nach, dass der Sockel vom Heinrich Apel ist.

Was sagt uns dieses steinerne Scheusal, das sich in den eigenen Leib beißt?

Ist es die ungeheure Midgardschlange, die unsere Welt umschlingt? Eine aztekische Federschlange, die Göttin des Windes, des Himmels und der Erde? Ist sie die heidnische zyklische Zeit oder christliche Sünde und Tod?

Um den Sockel von Heinrich Apel ergänzt ist die verwaiste antike Säule in meinen Augen das in Stein gemeißelte Sinnbild der Großen Zeit, jenes Stroms, dessen Ufer einst Plätze von Babylon waren, und dann von Jerusalem, Athen, Damaskus, Rom, Konstantinopel, Venedig und vieler anderer Städte. Der Strandgut dieses Flusses war der Nährboden unseres Glauben, unserer Tradition, Kultur und Kunst.

Das wussten die alten Meister, das weiß auch Heinrich Apel, der mit Symbolen vieler Traditionen arbeitet. Er greift oft zu Figuren der antiken, biblischen und vorchristlichen Mythologien – ein weitreichender geistiger Blick.

Gleichzeitig stellt er sich auch den Themen, die ihm die Gegenwart vorgibt. „Ich lebe ja jetzt schon im 21. Jahrhundert, und letztes Endes gibt die Gesellschaft die Themen vor“.

Denken wir nur an die Werkgruppe „Zeitreports“ – eine bewegende, eindringliche Chronik der unruhigen Wendezeiten, deren Zeuge er war.

„Nicht jede Situation, nicht jeder Gegenstand sind plastisch machbar“ – sagt Heinrich Apel und gießt Zeit, Materie und Raum in Bronze. Der Ensemble steht mitten in der Altstadt Magdeburgs und ist von Gebäuden aus unterschiedlichen Zeitaltern (das romanische Kloster Unserer Lieben Frauen bis hin zu sozialistischen Plattenbauten) – umgeben, was die Aussagekraft der Plastiken verstärkt. Wir spüren regelrecht das Klirren und Knirschen des Zeitrades, das die Menschen, die es antreiben und bewegen, zermalmt und zerstückelt.

Die von Heinrich Apel geschaffene Figuren sind verschmitzt, verträumt, verliebt, aber auch verloren, verängstigt oder verzweifelt im Angesichts der nahen Vernichtung, des tobenden Krieges.

Er war zehn Jahre alt, als seine Heimatstadt Magdeburg zerstört wurde. Das furchtbare Inferno war auch von seinem Heimatort Schwaneberg sichtbar. „Der nächtliche Himmel über der Stadt war taghell vom Feuerschein erleuchtet. Die Detonationen der Fliegerbomben machten aus einem blühenden Gemeinwesen eine Trümmerwüste. Der rote Ziegelstaub lag wie ein Leichentuch über der ganzen Landschaft. Der Krieg spielte sich nun an allen Fronten ab. Das „ICH“ wurde durch das Weltereignis in Frage gestellt“ – erinnert sich Heinrich Apel. Solche Bilder müssen für eine junge Seele erschütternd sein und sie haben Heinrich Apel als Künstler stark geprägt.

Der Krieg ist aus seinem künstlerischen Werdegang nicht wegzudenken, auch weil Heinrich Apel mehrere Jahrzehnte an der Wiederherstellung zerbombter Denkmäler gearbeitet hat, was für ihn, wie er sagte, eine „zweite Schule“ war. „Durch die Tätigkeit in der Denkmalpflege erfährt man natürlich sehr viele Handschriften. Magdeburg ist ja eine Hochburg der gotischen Plastik, genauso wie Bamberg oder Naumburg. Also ein Realismus, der den ersten Höhepunkt nach dem Jahr 1200 hier in Deutschland hatte“ – sagt Heinrich Apel der sich auch zum „Figürlichen“ bekennt:

„Ich bemühe mich, kommunikative, konkrete Plastiken zu schaffen. Ich glaube, dass darin mein Verhältnis mit meiner künstlerischen Handschrift zur Gesellschaft besteht.“ Mutige Worte in dem Zeitalter der Abstraktion, das von oben herab auf den Realismus schaut und wenn dieser auch noch aus dem Osten kommt, kommt das obligatorische „sozialistischer“ dazu – das ist dann doppelt abwertend gemeint. Als habe es nie einen antiken Realismus gegeben, und einen romanischen und einen gotischen. Van Gogh war ein Realist, Picasso auch, selbst Malevich, bevor er sein Quadrat zur Diskussion stellte. Und den magischen Realismus gibt es auch und immer noch, und dahin gehören für mich die Arbeiten von Heinrich Apel.

Denn ist es nicht wahrhaft magisch, wenn ein Stein zu Fleisch und Seele wird?


Unwiderstehlich war mein Wunsch, die runden Schultern zu streicheln, so warm und lebendig schien die Haut , weiß mit dunkel schimmernden Blutgefäßen.

Zu figürlich, zu realistisch, zu einfach mögen manchen die Arbeiten des Magdeburger Meisters erscheinen. Dazu kann man vielleicht sagen, dass auch dem großen florentinischen Meister Giotto di Bondone hielten manche vor, seine Darstellung des Hl. Franziskus sei zu natürlich geraten, zu realistisch. In meiner inneren Sammlung ordne ich Kunst nicht nach abstrakt oder figürlich. Meine Lieblingskünstler sind solche, die über die magische Kräfte verfügen, Materie – Farbe, Stein, Holz, Papier – zu beseelen.

Auf der Frage, wie seine Arbeit an einem Auftrag beginnt, antwortet Heinrich Apel so:

„Es fängt harmlos an. Ich nehme einen kleinen Zettel und zeichne eine Idee auf. Der Zettel wird dann größer, um etwas zu klären, dann stellt der nächste Schritt ein Gipsmodel dar, um eine Form räumlich zu fixieren. Und wenn es sich bewahrheitet, ist das der Startschuss für eine größere Arbeit (…) Man baut sich ein Draht- oder Stahlkorsett und rührt dann die entsprechende Gipsmenge an, über die verschiedenen Stufen der Arbeit, bis die Volumina stimmen, wobei die Materialien noch nicht angesprochen wurde. Ja, das ist ein weites Feld.“

Werden Kunstwerke gemacht oder werden sie geboren? Ich neige zur zweiten Variante der Antwort – ich glaube, ein Kunstwerk wächst wie eine Pflanze – man kann das Wachstum nicht durch mechanisches Ziehen erzwingen nur fördern. Der Versuch, die Phase der Reifung zu überspringen und mit Tricks und Einfällen um die Gunst der Zuschauer zu kämpfen, kann nur für sehr kurze Zeit funktionieren. Ohne Begabung lohnt es sich gar nicht erst anzufangen. Und wie für einen Setzling Wasser, Licht und Wärme nötig sind, so für ein Kunstwerk – Talent, Leidenschaft, langer Atem, liebender Blick, der  Materie – Holz, Stein, Metall – beleben und beseelen  kann.

 

 

Hier ist sie, die beseelte Materie selbst, anmutig und unschuldig. Großzügig und demütig lässt der Meister sie über menschliches Leiden und Tun triumphieren.

Einst vor vielen Jahren machte ich mich auf den Weg, um die Plastiken von dem Naumburger Meister zu sehen, dabei entdeckte ich für mich einen Anderen, den aus Magdeburg. Sein Name ist Heinrich Apel und an seine Ateliertür schriebt er. „Der Mensch hat eine Seele“.