Im Gewächshaus

Die Glashallen waren von Gruson anscheinend nach und nach aneinander gebaut worden, wie der Palast von Knossos, in dessen Innerem man sich leicht verloren fühlt. Dass ich durch die Räume wie in einem Labyrinth herumirrte, merkte ich, als ich mich zum dritten Mal vor einer versperrten Tür befand.

Da hinter der verschlossenen Tür war die  Erde  von kleinen Kakteen und Palmen ubersät, die intakt und zufrieden aussahen, die großen Palmen hingegen, die mit ihren Kronen bis an die Decke reichten, machten keinen idyllischen Eindrück – die Schranken taten ihnen eindeutig weh und mir kam eine russische Erzählung in den Sinn, über das Schicksal einer stolzen Palme in einem Gewächshaus. Die Erzählung stammt aus der Feder eines wunderbaren russischen Schriftstellers des 19. Jahrhunderts, W. Garschin, der sich 1880 als junger Mann das Leben nahm und hiermit auch des seiner Begabung ziemenden Weltruhms verlustig ging . W. Garschin schrieb Novellen und Märchen, die in ihrer Melancholie, Klugheit und Ironie nicht zu übertreffen sind.

Die dramatische Geschichte, die in einem schmucken Gewächshaus spielt, heißt „Attalea prinzeps“, so der Name einer Palme, die höher und schöner als alle anderen Pflanzen war. Die Palme hatte Sehnsucht nach dem offenen blauen Himmel, nach dem Sonnenschein und nach dem frischen Wind ihrer Heimat. Und als eines Tages ein Besucher aus Brasilien sie mit ihrem wahren, nicht wissenschaftlichen Namen ansprach, wurde ihre Sehnsucht nach Freiheit unerträglich und sie begann, die anderen starken Bäume anzustacheln, sich gemeinsam anzustrengen und  in einem synchronen Wachstumsschub die Glasdecke zu sprengen, um die Kronen dem offenen blauen Himmel und der Sonne entgegenzustrecken. Die anderen Pflanzen aber wollten nicht mitmachen und warfen der Rebellin vor, sie gefährde Ruhe und Komfort, nur eine kleine Kletterpflanze an ihrem Fuße wollte der Palme auf dem gefährlichem Wege in die Freiheit folgen…

Die Attalea prinzeps begann zu kämpfen: sie bündelte ihre Kräfte, sie strengte sich enorm an und eines Tages konnte die Glasdecke ihrem Druck nicht mehr stand halten, sprangen die Sprossen und die stolze grüne Krone ragte über der zerstörten Decke. Es war Spätherbst, es regnete und schneite zugleich, der Wind war kalt, der Himmel dunkel und tief. So stand sie erschrocken, angewidert von dem Anblick der trostlosen Landschaft und des schmutziges Hinterhofes, bis ihr Todesurteil gefällt wurde. Die Palme wurde abgesägt weggetragen, zurück blieb nur auf dem Stumpf die zersägte und zerrissene Kletterpflanze, die der Gärtner einsammelte, zum Hinterhof brachte in die Ecke warf, wo die Palme Attalea prinzeps lag, im Schmutz und von Schnee überweht.

In meiner Jugend haben wir das Märchen als allegorische Darstellung der heranrückenden sozialen Unruhen im damaligen Russland gesehen, und meine Sympathien galten der stolzen Palme. Als junger Mensch war ich selbst bereit, für jeden Blödsinn auf die Barrikaden zu klettern – egal was – Hauptsache neu und Hauptsache anders, und zwar schnell – wir waren jung und stark, und dachten, die ganze Welt steht uns offen mit atlantischen Brisen und den Palmen von Mallorca.Und unsere Eltern und Großelten, die mit einem Fuß noch in den alten Zeiten steckten, die in den neuen kalten Winden froren und den geschützten Gewächshäusern nachtrauerten, waren uns egal – sie waren die kleine Kletterpflanze, die unserem Durst und unserer Ungeduld zum Opfer fielen.

Mit dem Alter wächst in mir Angst, ja Abscheu gegen Geschwindigkeit, Beschleunigung und Innovationen. In meinen Augen teilt sich die Menschheit in solche, die die Zukunft anbeten, und solche, die mit Begeisterung in die vergangenen Zeiten zurückschauen. Die ersten plädieren für Beschleunigung des sozialen und wirtschaftlichen Metabolismus, die zweiten – stehen für Verlangsamung, als ob sie die Entfernung von den mythischen Goldenen Zeitalter verzögern wollten…
Auch wenn meine Freundin Eva und der gesunde Menschenverstand mir oft vor Augen führen, dass die summierte Lebensqualität der heutigen Menschheit von Tag zu Tag nur besser wird und die Bilanz des Guten nicht zu Gunsten der vergangenen Zeiten ausfällt, flüstert mir eine leise und trotzige Stimme zu, dass unserer Wohlstand nur eine kurze Strecke auf dem Weg zu einem riesigen, noch nie da gewesenen Unheil ist.

 

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