SPIELbericht / DIE TAUBE IN MEINER HAND KRÄHT UM GNADE / Hochschulklemmig

SPIELbericht

Bisschen wenig Zuschauer nach meinem Empfinden. Oder eben zu grosses Stadion? Heute alles tendenziell dichterisch. Schiller oder „Mister Eisenhart“ wie er im TV genannt wird, wieder dabei. Gegen Auerbach. Da denkt man sofort an Goethe und Auerbachs Keller. Zitat: Die Kraft ist schwach, allein die Lust ist groß. (Mephisto) Und es macht Lust auf mehr, dieses Spiel heute. Man spricht von Gewalt und Schuss. Ein Gewaltschuss führte zum eins zu null. Prima Abstaubertor, zack, schon steht es 2:0 nach nicht einmal zehn Minuten. Minutenschnitzel gibt es ja auch. Hier Minutenspitzentore. Und fast hätte Schiller zum dritten Tor eingeköpft. Ich hättes es ihm gegönnt. Geköpft ist auch ein mehrdeutiges Wort. Und dann der Elfer durch Hammann. Und fertig ist der Tagessieg.

Der Komiker Preil kommt aus Magdeburg. Wusste ich nicht. Der ist nach Berlin gezogen und hat dann losgelegt. Aber den Magdeburger in sich hat er dann auch abgelegt wien Lachsack.

Straße

Magdeburgisieren ist ein alter Begriff. Hat viel mit Sterben und Verwüsten zu tun. Leider.

Und hier mal etwas zu Tauben. Überschrift:

DIE TAUBE IN MEINER HAND KRÄHT UM GNADE

Bei aller Fürsorglichkeit und Kinderliebe ungeheuchelt ehrlich angefragt erwarten Sie von einer Krähe Schüchternheit gar duldende Güte aphatische Tage ohne Verrenkungen Verrücktheit schmerzende Existenz ohne Tollbehausung without zet be skrupellosen kecken Schiß auf die pseudistische Denkerstirn sadistische Schnabelhiebe in sonstige Unterlagen ausschließlich in Momenten absolutester Unpässlichkeit ätzendes Gelächter ich sage Ihnen mir sind tequilamexikanische Dummheiten durchaus vertraut ich kann den Torero vom Stierhorn gespießt in seiner Entsetzheit verstehen aber meinen Sie tatsächlich einem dunklen Bakuninbiest stünde gutes französisches Benehmen Tafelwasser und aristokratische Landweintische zu Gesicht und flachstes Geplärr über Homos Hotdogs Homer auf Pappmascheebällen und sonstigen heiteren Gallengalerein halten Sie es wirklich für möglich auch bloß vage anzunehmen einer Krähe bekäme Handeln gemäß der Alltagsnorm in absoluter stocktiefer Bierernsthaftigkeit gebuttert gebettet in stiller Altklugerei gewindelt gepudert beidäugig verklebtes Daseinsdulden von Pastekleister aus üppigster Verschwiegenheit gemodelt in die Fresse kann ich jedem mir von vornhinten rechtsobenzu Schlawenzler a la SIE SIND EIN TALENT ihre Visagen nehmen im gemütlichen Speck ihrer falschen Reden verkokeln denn im Ernst könnten Sie tatsächlich mit einem Vogel der so niemals Faxen heckt und lebenslänglich nicht über sämtliche Schlingelschlinge schlägt sich nie auch nur ansatzweise gehässig falsch hinterrücks abnorm laut inhuman asozial gebärdet oder laufend Schaukelpferde zersäbelt sich ins Verhältnis setzen ich proklamiere heftig WER AUS MEINER FANTASIELOSIGKEIT REICHTUM PRESST KANN SICH MEINER HULD SICHER SEIN und reiß jedem ein Ohr ab in das ich tobwüte: Kommen Sie sich nicht lächerlich so geradeheraus perpedo plemmi plemmi an der Seite einer solchen Antikrähe vor schrickt Sie wenigsten allein der pure Gedanke MIT EINEM STOCK VON RABEN den der versoffene Poe nie besungen sondern den er mehrfach zertreten hätte sich ad absurdum freundlich zuvorkommend nett ins galante Benehmen zu setzen wollen Sie eine Minute mit einem Bastard der nicht einmal beim Literaturpapst dazwischen zwitschert niemals ergo immer nicht in die trostlose Rede kraht auf Kritikerstühle und weiße Westen kleckert gegen DIE KUNST AN SICH meckert sein oder mit diesem Laffen eine gemeinsame Schlafkajüte teilen ich frage Sie nachdrücklichst regt so ein ersichtlicher Idiot Ihren Appetit an könnten Sie ihn sich als Komplizen Nachfahre verlässlichen Freund stummen Landesvater lümmelnden Ruhepol verstockten Koeffizienten denken würden Sie diesen beklemmenden Plumpling nähren säubern am kränklichen Bette pflegen hegen auf allen Wegen ins weichste Weich legen also was dann hören Sie auf mir den Bums aus der Ballerbüchse diesen grandiosen Vollfetzer DER SCHÜTZE IST ZU LOBEN GETREU DEM FEDERSTOBEN zu vermiesen und freuen Sie sich tierschutzgeseirefrei mit über den Blutfleck an der Wand der Gottseidank vom Blödi übrig blieb und mir ein 8. Mai 45 ist den ich seither väterlich in meinen Tageslauf einbeziehe Jessus ich hätte ja wohl auch den Flammenwerfer ne saftige Bombe in Anwendung bringen können Verstehen Sie für eine Fliege gibts die Fliegenklatsche für ein Rindvieh tuts die Koppelzaunschlinge auch

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Mache ja immer was. Diesen Text verdanke ich meiner Magdeburger Turmzeit:

Hochschulklemmig

Erst war ich ein Student an der Kunsthochschule Weißensee. Dann kam es zu einem Vorfall. Am letzten Tag einer vormilitärischen Übungsepisode verfiel ich der Idee, unsere Zivilklamotten überzuziehen und diese Uniform abzulegen, uns so zum Appell zu bewegen. Wir taten wie gewollt. Wer dann die Schubkarre schnappte, weiß ich nicht. Jedenfalls gab es sie. Und bald schon saß ich in ihr. Einer schob sie, zwei flankierten sie links und rechts. Auf den Appell zu. Ich denke, wir kamen gar nicht erst richtig an, von beiden Seiten stürmten Männer auf uns zu. Es gab ein Handgemenge um die Karre. Wir wurden zusammengemistet und waren am ersten Tag in der Kunstschule Mode. Wegen Schädigung des Ansehens wurden drei von der Schule geworfen, mir gab man ein halbes Jahr Bedenkzeit. Das geschah, weil es keine Männer in der Studiengruppe gab, ich nach Jahren der erste wieder einmal war. Offiziell hieß es, ich wär in der Schubkarre sitzend, passiv geblieben. Die Bewährungszeit überstand ich. Am fünften Mai, dem ersten Tag nach der Bewährung, gab ich beim Pförtner einen Umschlag ab, in ihm ein einziger Satz, der in etwa folgendes aussagte: Da ich mir ein Kunsthochschulstudium an der Kunsthochschule Berlin Weißensee anders vorstelle, ich die Kunsthochschule Weißensee nicht abschaffen kann, bleibt mir gar nichts weiter übrig, als mich als Student aus der Kunsthochschule Berlin Weißensee selbst zu entlassen. Das war es dann gewesen. Ich hatte zwölf Klassen absolviert, war bei der Fahne gewesen, hatte einen Studienplatz geschafft und war nun nach fast zwei Jahren erledigt. Der Text gefiel mir aber ganz gut. Ich nahm an, Talent zu haben und wollte nun lieber Schreiberling werden. Erst aber einmal in die Produktion. Also Fließbandwerk. Friedhof. Briefträger. Telegrammbote. Tischler. Kraftfahrer. Hausmeister. Mitropakellner. Rampenwart. Ich wollte die Arbeiterschaft kennen lernen. Ich wollte sie reden hören. Ich wollte wie Gratzik ein Schreiberling mit Kenntnis der Proletensprache werden. Ich versuchte mich in dieser Art auch manierlich. Aber da gab es um die Ecken jene Szene, mit Wohnzimmerlesungen und manchmal hörte man einen von ihnen im Westradio. Irgendwie hatte ich sie alle einmal gesehen. Den Kolbe, den Papenfuß, die Erb, den Döring, den Endler, Wagner, Hultenreich, die Schleime, den Anderson und einige mehr. Auch die andere Fraktion derer, die offiziell veröffentlichten, kannte ich zunehmender. Mich lockte die Szene. Ich war bald mit Endler ein wenig bekannt. Über seine Frau, die Judith und unsere Begegnungen am Spielplatz. Ich gab ihm ein paar meiner Texte. Mäßiger Erfolg. Mißerfolg. Wofür ich fünf Seiten bräuchte, reichten ihm drei Sätze aus, sagte Endler und ließ alle meine Zweifel im Grellen leuchten. Ja, ich war ein Versager, konnte nichts; zu blöd um in einer DDR-Zeitschrift zu erscheinen. Äußerlich aber wollte ich mir das nun ja nicht anmerken lassen. Und so gab es immer wieder Gespräche darüber, ob es wirklich wichtig wäre, Szenetyp zu sein oder man nicht lieber Individualist werden sollte, einer, der nicht offiziell und aber auch nicht inoffiziell ein Schreiberling wäre.
Ich ging Uwe Kolbe ein bissel auf den Nerv, in dem ich ihn bat, etwas für mich zu tun, nach ihm mit meiner Klemmmappe schnappte wie ein Krokodil. Die Förderung durch Rathenow war nicht mein Fall. Ich wollte wie Kolbe in der DDR erscheinen, nicht in Westzeitschriften. China wäre noch ein Ziel geworden. Ich kam nirgendwo an und unter, veröffentlichte in der Zeitung, selten zwar. Aber das war ja nichts. Anthologie? Du schaffst es ja nicht einmal in eine kirchliche Anthologie, lästerte meine Nachbarin Pauli, die einen Freund hatte, der das gemeistert hatte. Und hatte recht damit. Aber dann war da die Möglichkeit, sich einzuklinken. Es war wohl die Idee von Dieter Kerschek. Er gackerte während er vorschlug, da einmal hinzugehen. Wir landeten in einem vollen Raum an. Die Leute standen, saßen auf dem Fußboden. Wir lümmelten uns gleich neben der Tür hin und lauschten den verschiedenen Vorträgen. Es gab ein paar Stühle, die wurden zum Reden und Vorlesen genutzt. Es ging um etwas, worum, wurde uns nicht recht klar. Wir gingen davon aus, daß es sich hier um eine Art Veranstaltung handelte, auf der wir uns irgendwann und irgendwie als Schreiberlinge vorstellen könnten. Ich war damals gerade dabei, den Kopf herauszustecken, wollte mich bekannt machen. Kerschek kannte ich als einen Schweriner, das meinte eine offizielle Plattform, die junge Schreibende zusammenrief und zu Veröffentlichungen behalf. Er wollte einfach nicht länger als Poeten-Seminarler gelten. Der Gedanke, hier einen kleinen Achtungserfolg zu erzielen, gefiel uns beiden sehr. Fünf, zehn Minuten, mehr nicht, die Aufmerksamkeit auf uns ziehen, mehr hatten wir nicht vor. Dazu kam es aber nicht. Ja, gut. Wir hätten aufstehen und uns in Szene setzen müssen, sahen aber keinen Grund, uns irgendwie bemerkbar zu machen. Es war uns alles zu theoretisch und zu wenig poetisch. Ich glaube, wir lachten häufig leise für uns hin. Unsere Klemmmappen ließen wir schön zugeschlagen. War schon interessant für uns, zu sehen, wer da alles gekommen war. Ein paar Leute kannten wir. Über die der eine nichts wußte, klärte der andere den Unwissenden auf. So bekamen wir durch uns selber ganz gut heraus, wer wer war. Und wen wir nicht kannten, über den versuchten wir bei unseren Nachbarn etwas zu erfahren. Aber auch das war weniger erträglich. Entweder wurden wir angezischt, weil der Nachbar zuhörte oder bekamen ein Achselzucken zur Antwort. Es wurde mächtig geraucht. Ich kann nicht einmal sagen, ob Kerschek mit mir rauchte oder es ihm auf den Keks ging. Wenn wir auch nicht dazu kamen, uns hier lesend zu betätigen, so war es schon gut genug, nicht mitzubekommen, worüber die Leute da damals so diskutierten. Ich darf ehrlich zugeben, daß wir beide keinen Zugang fanden, und echt nicht auf dem Laufenden waren. Und darum ging es wohl. Um irgendwelche Aktionen, die in der Luft lagen, endlich angegangen werden sollten, von denen wir keinen blassen Schimmer besaßen. Es ging darum, daß sich alle auf etwas Verbindendes festlegen wollten, was das Schwerste zu sein schien. Da es keine Getränke frei zu erwerben gab und wir uns auch nicht recht trauten, nach den Flaschen der anderen zu greifen, beschlossen wir den Zersammlungsraum wieder zu verlassen. Wir gingen ins Fengler herüber und stießen dort auf einige Typen, die gar nicht mehr in den Raum hereingekommen und deswegen wieder abgezogen sind. Ich fand richtig schön, daß eine damalige Mitstudentin von mir, mit der ich Jahre zuvor an der Weißenseer Kunsthochschule war, die gute Ute, hier mitmischte oder das Sagen hatte. Ich habe ja oft genug Schwierigkeiten gehabt, Elke Erb zu verstehen. Sie sagte hin und wieder etwas und mir ging es nicht viel anders als immer mit ihr. Ich hörte ihren Worten zu und verstand nichts. Wir lachten und lästerten ein bißchen, tranken Fenglerbier und hatten davor längst schon jeden Zersammlungswillen in uns getötet. Einerseits waren wir etwas angegärt, in Zukunft also weiter nichtrelevant genannt zu werden. Auf der anderen Seite befreite die Veranstaltung uns davon, weiter angestrengt darüber nachzudenken, ob wir nun zur Szene dazu gezählt werden wollten oder nicht. Niemals, sagten wir uns. Das ist einfach eine andere Sache. Da finden wir nicht recht hinein. Da müssen wir uns begnügen und zusehen, wie wir als Einzelkämpfer voran und ohne die anderen alle auskommen würden. Am Ende waren wir ordentlich angegangen und torkelten nach Hause. Zumindest darin waren wir den meisten Zersammelten dann doch noch ein wenig ähnlich geworden.

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