Weimar

Aus meinem Gedichtband Zeit ist eine Kugel

möchte ich hier das Gedicht über meine Heimatstadt hinzufügen

Weimar

Ich werde dich nicht los

du altes Weib

zerknautscht die Haut

wie deine Seele

Bis an den tiefsten Punkt der Erde

schleppst du mir deine Kiepe nach

schüttest über mich die Packen

mit den Worten und den Zahlen

Läutest deine Glocken

wie stumme Schreie von dem Berg

der dir in deine Seite sticht

und Schatten wirft in jedes Kinderbett

Im Anfang war das Wort

und nicht die Tat

so sind die Worte eher gestorben

liegen dicht beim Ginkgobaum, am Ahorn

unter deinen Pappeln und den Buchen

Die Gräber sind’s

wohin du meine Schritte ziehst

Zum Blitz, zur Gruft der großen Denker

Die Mauer überspring ich leicht

wie damals für den ersten Kuss

Der erste Kuss

der mich auf Goethes Pfaden traf

stumm mich zu machen

für den Augenblick

doch meinem Jetzt die Worte löste

dass ich dich lieben kann:

Du Stadt der Mütter

und der Mörder

die ich nicht los werd‘

wie die Gräber

Besuch im Schauspielhaus

29.April

Wenn es so etwas wie eine Regel gibt für mich hier in Magdeburg , so ist es, dass ich

mich möglichst früh, gleich nach dem Aufstehen an mein Romanmanuskript setze.

Nachmittags bin ich auf Entdeckungsreise mit dem Fahrrad und setze mich irgendwo an

die Elbe – gern auch auf eine Wiese- zum Überarbeiten und Korrigieren. Die Stellen, wo

man völlig ungestört sein kann, sind nicht schwer zu finden und- Dank meiner Mobilitätvom

Zentrum aus mit geringem Zeitaufwand zu erreichen, wobei die Wege am und über

den Fluss hinweg ja schon zum genießenden Ziel gehören.

Gern fotografiere ich auch. Dabei habe ich mich allerdings ertappt, dass ich, um das

perfekte Bild von alten Gemäuern haben zu wollen, Neubauten ausblendete, die im

Hintergrund auftauchen. Was für ein Schwachsinn, sagte ich mir, das ist nicht die

Realität! Wer hat schon heute zu Hause noch ein perfekt eingerichtetes Barock,-Rokoko

oder Biedermeierzimmer? Dabei gehe ich noch längst nicht soweit zurück, wie es die

Zeiten waren, in denen manche Mauern Magdeburgs entstanden und der Grundstein für

die Domanlage gelegt wurde.

Wir, unser Alltag, unsere Bedürfnisse haben sich verändert. Wir kleiden, bewegen und

Gebärden uns anders als in jenen Vorzeiten. Also sollten wir uns auch dazu bekennen,

dass sich unser Umfeld umgestaltet hat. Wer das Glück hat, einen Barockschrank zu

Hause zu besitzen, wird ihn nicht nur von Kerzenlicht beleuchten lassen. Auch der

Biedermeiersekretär verliert nichts von seiner Schönheit, wenn vor ihm ein Stuhl im

Bauhausstil steht. Zu Hause haben wir uns längst an den Mix gewöhnt, keiner will und

kann schließlich in einem Museum wohnen. Wieso sollten wir den selbstverständlich

gewachsenen „mix“ im Städtebild zu leugnen versuchen? Gerade in dem Brüchen liegt

doch der Reiz.

Manchmal habe ich aber auch den Eindruck, dass viele Magdeburger die Juwelen ihrer

Stadt nicht mehr sehen, durch all das Neue was daneben, dahinter oder davor gebaut

wurde und wird.

Der Blick für die Schönheiten der Stadt sollte dabei nicht verloren gehen, sondern sich

eher erweitern.

Ich habe den Gekreuzigten von Fritz Cremer fotografiert. Fritz Cremer, der mir, die ich in

Weimar aufgewachsen bin, schon von Kindheit an, durch sein Denkmal in Buchenwald

bekannt ist.

Hier steht nun eine Skulptur von ihm mit dem Rücken zur Elbe. Zugewandt ist sie der

erhaltenen bzw. wiedererrichteten Altstadt und den Gebäuden der Nachkriegszeit. Ernst

blickt der große weitgreifende Gekreuzigte von Fritz Cremer -aber auch trotzig! Das Kreuz

ist nur in unseren Köpfen. Inzwischen könnte er genauso gut auch die Arme sinken

lassen und loslegen, mitmachen …es ging ja weiter, ist weiter gegangen und es geht

weiter in dieser Stadt, …vorerst sind die Kreuzwege Geschichte …

Letzte Woche war ich erstmals, seit ich hier als Stadtschreiberin wohnen darf, in der

Studiobühne des Magdeburger Schauspiels. Ich sah eine Inszenierung von Alan

Ayckbourns Stück: „Ab Jetzt“, und war hingerissen !!! Ein Kleinod mit großartigen,

komödiantischen Schauspielern und einer feinen liebe,- und geschmackvollen

Regiehandschrift. Diese Aufführung wäre, dachte ich, würde sie so auf einer Berliner

Bühne stattfinden, dort zum Kult erhoben sein. Hier in Magdeburg aber war der Raum, in

dem die Zuschauer sich von drei Seiten um die Bühne herum platzieren konnten, nicht

einmal zur Hälfte besetzt…

Wissen die Magdeburger vielleicht gar nicht, was sie da für einen tollen Abend erleben

könnten; was für tolle Schauspieler in ihrem Theater engagiert sind? Es tat mir weh, vor

allem, weil ich beobachten konnte, mit welcher Leidenschaft, Genauigkeit und welch

herrlichem Humor die Schauspielkollegen ( -ich darf sie ja so nennen-) sich in ihre Rollen

gestürzt haben.

Ein Bedürfnis ist es mir, ein paar Namen zu nennen, die den Abend mitverantworten. Ich

kannte ( zu meiner Schande) bisher weder den Regisseur Stephan Thiel, noch die

wunderbaren Schauspielerinnen Marie Ulbricht und Anne Hoffmann. Auch Carmen

Steinert oder die beiden ebenso spiel-starken männlichen Schauspieler Ralph Opferkuch

und Marian Kindermann waren mir nicht persönlich bekannt. Christiane Hercher stattete

die Inszenierung aus — Alle haben sie da ein ‚kleines‘ Gesamt -Kunstwerk geschaffen

und so gilt ihnen mein Dank und meine Gratulation!!!!

Ich werde alles daran setzen, auch Freunde und Kollegen aus Berlin oder Halle nach

Magdeburg zu den nächsten beiden, -leider letzten Vorstellungen- zu locken.

Am 12. Mai und 2. Juni sollen diese „Ab jetzt“ – Vorstellungen im Studio des

Magdeburger Schauspiel in der Otto-von-Guericke-Straße stattfinden.

Magdeburger , kommt!!!!, lasst sie Euch nicht entgehen!

Näheres ist zu erfahren über :

https://www.theater-magdeburg.de/spielplan/schauspiel/sz-20172018/ab-jetzt/

„Magdeburger, erkennt Eure Schätze!“, möchte ich von meiner Terrasse in der Ottovon-

Guericke-Straße über die Stadt rufen.

 

Termine

7.05.2019 um 19:30 Uhr Lesung in der Stadtbibliothek Magdeburg und gemeinsames Gespräch zum Thema Europa, als Gesprächspartner stellt sich mein Mann Mathias Brenner zur Verfügung

 

15.05.2019 um 19 Uhr „Kunst Talk“ im Kunstmuseum Magdeburg

16.05.2019 um 17:00 Uhr Buchpremiere „Der Pascha von Magdeburg“ im Forum Gestaltung

09.06.2019 um 15:00 Uhr musikalisch-literarische Wandellesung innerhalb „Rendezvous im Garten“

20.06.2019 um 20:00 Uhr im Innenhof Forum Gestaltung: Premiere des Sommerstücks, Mitwirkung als Schauspielerin

 

30.09.2019 Abschlusslesung im Literaturhaus

In Magdeburg seit über einem Monat…

Seit über einem Monat wohne ich nun schon im Stadtschreiber-Refugium dem Himmel über Magdeburg nah. Ich habe viel aufgesogen, bleibe im Prozess des Lernens. Auch meinen Platz habe ich gefunden, den ich mir, wenn es noch mal ein nächstes Leben für mich gäbe in Magdeburg, am Sarajevo Ufer wünschte. Dort, direkt an der Elbe gibt es ein noch brachliegendes Silo. Da ganz oben, möge man mir eine Wohnung ausbauen mit Blick über die Stadt sowieso und das gegenüberliegende nahe Ufer mit den Wiesen, die wegen der Hochwassergefahr nie bebaut werden dürfen. Aber nicht nur der Aus-Blick würde es mir antun, die Zukunft ist ja schon da. Sie passiert nebenan. Mit dem Fahrrad stand ich plötzlich davor, an der Elbe. Es ist immer der Fluss der mich zieht, schließlich habe ich auch meinen Roman: „Zerbrechliche Welten“, an dem ich hier schreibe, vom Fluss ausgehend verortet.

Hier nun tauchte eine Denkfabrik vor mir auf. Ich bin fasziniert! Eine Denkfabrik mit ganz viel Freiraum drumherum und dem Strom zum Meer… Besser gehts nicht!!! Ein erotischer Ort — für mich. Geist, Ringen um Schlüsse, Bewegung im Kopf —bleibt für mich das Faszinosum in unserem Leben. Mich hat es immer mehr zu den Menschen hingezogen, die es vorziehen, ihr Hirn zu gebrauchen, als in erster Linie Kraft auf die Pflege ihres Äußeren zu verwenden. Spannend ist das, was hinter einem Gesicht passiert, für mich weniger das, was sich auffällig macht, in die Augen springt … das könnte man auch für diese Stadt sagen. Fast täglich entdecke ich Neues , für mich neues, hinter dem was sich erst einmal als Augenfälliges präsentiert.

Gestern war ich zum Abschlusskonzert der Magdeburger Jazztage im Gesellschaftshaus . Ich durfte hautnah die Schlagzeuglegende Baby Sommer erleben, wie er mit seinen Freunden, den internationalen Jazz- Größen, Musik zauberte.

Wer das kann, so improvisieren, der muss sich nicht wegen Depressionen umbringen ,sage ich zu Baby Sommer danach , als er dabei ist sein Schlagzeug zu verpacken. Stimmt sagt er und lacht, sein junges, offenes Lachen. Er hat noch viel vor, mischt sich ein, das ist wunderbar. Wegen seiner Hymne für die Vielen, die in Dresden nicht im Focus der Medien und des Interesses stehen, wenn sie sich gegen die allmontäglichen Pegida-Aufmärsche positionieren, habe ich mir seine CD „LE PICCOLE COSE“ gekauft.

Am Morgen hatte ich die einmalige Nora Gomringer, begleitet von dem Leipziger Drumer Philipp Scholz , mit ihrem Programm „PENG PENG PENG“ erleben können.

Über vier Tage hinweg, haben es ein paar Visionäre, Kulturstreiter dieser Stadt, erneut geschafft, Magdeburg zum Mekka der Jazzmusik werden zu lassen. Dafür kamen die Künstler aus allen Teilen der Welt. Sicher hat man ihnen nicht annähernd das zahlen können, was ihr Können verdienen würde, aber etwas sehr schönes sagte Norbert Pohlmann etwa sinngemäß,- wir haben ihnen, diesen Koryphäen, die Tage versucht, so angenehm wie möglich zu machen, damit sie zurück gehen in ihre Städte , nach New York oder wohin auch immer und etwas mitnehmen von Magdeburg, – von seinem Glanz , er ist möglich …er findet statt… was ist das für eine Botschaft!

Und ich sitze an meinem Roman und denke , man sollte sich auch in der Literatur mehr Jazz wagen, mit Formen, mit Zeiten spielen, warum nicht Übergreifen – auch in Genres,- von dem, was behauptet wird, nicht in einen Roman zu passen, sich doch erlauben einzuflechten… nur nicht langweilen, ist doch das einzige Gesetz, dem unser Schreiben unterliegen sollte , wenn es sich zur Kunst gehörig wünscht …

Ich bin dabei und knappere mir die Finger wund , so viele Eindrücke hier in Magdeburg und dann immer wieder auch die Latten ,die hoch liegen….

Antrittslesung im Forum Gestaltung am 13.03.2019

Magdeburg , die Stadt auf den zweiten und dritten Blick Täglich tauche ich mehr ein, werde überrascht von Ecken und Sichtachsen die sich mir auftun. Am 13.03.2019 reiste der Autor Wilhelm Bartsch aus Halle an, mich zu meiner Antrittslesung im Forum für Gestaltung vorzustellen. Auch so ein Ort, von dem ich vor meinem Hiersein nichts wusste. Der Gebäudekomplex wurde Anfang des letzten Jahrhunderts errichtet um Kunst zu lehren, entstehen zu lassen, zu ermöglichen. Auch wenn es seit 1963 die Kunstgewerbe und Handwerksschule nicht mehr als Lehranstalt gibt, so findet doch auch jetzt nach dem Engagement der heutigen Verantwortlichen in den Räumen Kunst und Kunstermöglichung statt. Letzte Woche schenkte mir der Hausherr- Norbert Pohlmann – einen ersten Einblick in die Räume und sein geschichtliches Wissen um den Bau und die Künstler, die sich mit ihren Werken und Biografien diesem Ort in Magdeburg verbunden haben. Es war eine lustmachende Führung, die für mich nur ein Anfang sein konnte, ein Einstieg in die Geschichte und Geschichten, die mir noch zu erzählen sind. Ich bin eingeladen und fühle mich auch eingeladen, immer wieder vorbei zu kommen, zu den Theater und Musikveranstaltungen, Lesungen und Ausstellungen. Am 28. März werde ich zur nächsten Vernissage ganz sicher dort sein und heute Abend , da „tagt“ die Mittwochsgesellschaft, eine wiederbelebte Tradition aus dem 18. Jahrhundert , ähnlich der Donnerstagsgesellschaft, die mir aus meiner Heimatstadt Weimar ein Begriff ist. Zentrum der heutigen soll die Lesung der neuen Stadtschreiberin sein … Auf gehts , ich muss noch Text einstreichen, damit ich nicht zu viel, zu lang lese, denn Wilhelm Bartsch hat ja auch einige Worte im Gepäck … Bin gespannt und freu mich auf den Abend

Angekommen

Nun bin ich da in oder besser über Magdeburg.
Man hat mir einen Raum noch einige Treppen über dem 9. Stock eines der Fünfzigerjahre – Turmbauten in der Otto- von Guericke Straße zur Verfügung gestellt mit faszinierenden und vor allem inspirierenden Blick. Da ich das Glück habe, dass zeitgleich mit dem Antritt meines Stadtschreiberamtes ein neues Büchlein von mir in die Welt gekommen ist, wurde gestern auf der Terrasse um diese Wohnung ein TV Beitrag gedreht.
„Doppelt verdientes Glück“ heißt der Band, der in der Edition Muschelkalk im Wartburg Verlag herausgekommen ist.
Glück !!!! Ja! Als Glück empfinde ich es selbstverständlich auch, hier sein und schreiben zu dürfen!!!! Glück – Magdeburg !
Gestern sagte ich zu der Reporterin Romy Gerke, die mich zum neuen Buch interviewte und anfangs versuchte, von hier oben ein Panoramabild ohne Krähne einzufangen : wir sind hier nicht in Heidelberg !!!! Gott sei Dank ! Hier ist noch Aufbruch, hier kommen wir noch mit Phantasie dazwischen, hier gibt es Lücken, in denen noch etwa entstehen kann !!! Entdecke die Möglichkeiten, auch Scheitern gehört dazu. Keine Angst davor! Nur das Fertige, das Endgültige Unumkehrbare macht Angst – denn da sind wir überflüssig, wir, die Phantasie und Kreativität brauchen um zu überleben. Gerade diese Krähne vor meinem Fenster stimmen mich hoffnungsfroh. Wahrscheinlich werde ich die einzige sein, die sie als Stadtschreiberin an jenen Stellen von hier oben aus beobachten kann. In sieben Monaten haben sie dort vielleicht längst ihr Werk beendet und wenn nicht Ende September, sicher aber zu Beginn der nächsten Amtszeit eines Stadtschreibers oder einer Stadtschreiberin.
Alles ist in Bewegung! Auch ich bin hier, nicht um mich auszuruhen, ein Schmuckkästchen zu betrachten, das schon immer als „fein“ zu finden galt. Von mir ist Bewegung gefordert, die Schmuckstücke dieser Stadt aufzuspüren oder bei deren Planung und Entstehung dabei zu sein. Das für mich Wichtigste habe ich schon vor Augen, diesen sich ständig wandelnden gigantischen Blick! Das ist Inspiration, Aufforderung zum Aufbruch in die Gedankenwelt, in die Welt meiner Protagonisten des Romans, den ich in den nächsten Monaten hier beendet haben will. Ich werde offen bleiben für alle Inspirationen, die auf mich einwirken und bin gespannt wie ein kleines Kind. Danke Magdeburg für Deine Möglichkeit !!!