Der Statue die Nase abschießen

13. und letzter Teil der Erinnerungen der Frau Geheimen Justizrat Catharina Luise Caroline Kienitz, geb.  Ransleben

Da ging es nun an ein Fürchten, es fehlte nicht viel, so hätten sich die Steinbach’schen Mädchen verkrochen und als dann endlich die Russen kamen und einer derselben  durch Zeichen zu verstehen gab, dass er an einem Sack eine Naht wollte zugenäht haben, das wollte sich kein Mädchen im Hause dazu verstehen, denn man hatte gesagt, wer einen Ring am Finger hätte, den nehmen die Russen weg und wenn er nicht gleich abginge, so hackten sie den Finger ab. Da ich das nicht glaubte, so ging ich hinter und nähte den Sack zu, der Russe stand dabei, sah lächelnd zu, ohne mich anzurühren, das machte dann allen meinen Hausgenossen Muth.

Einen Abend hatten wir noch eine eigene Scene mit den Russen. Ich hatte in der Schummerstunde gespielt und gesungen, was unsere Kinder, vorzüglich der kleine dreijährige Carl sehr liebt. Die Russen sind bekanntlich große Freunde der Musik und verlangten noch mehr zu hören. Ich hatte keine Ahnung davon, aber unsere Wirtinnen, welche in ihrer Wohnstube ein Piano und eine Guitarre hatten, brachten schnell beide Instrumente nach einer hinteren Kammer, öffneten dann den Russen, welche schon sehr ungeduldig waren, die Tür und versicherten, nicht spielen zu können. Die Russen, welche etwas angetrunken waren, forderten nun Musik mit Ungestüm. Die armen Mädchen waren außer sich vor Schreck. Zu allem Glück kam mein Mann und der Herr Steinbach darüber zu Hause und suchten die Soldaten zu beschwichtigen, welches ihnen hauptsächlich dadurch gelang, dass ihnen Kapuste (Sauerkohl), Bratwurst und Branntwein versprochen wurde. Unser Wirt führte die Leute nach einem nahem Wirtshaus und bewirtete sie reichlich, so wurde die Ruhe wieder hergestellt. Czernichef hatte die verschiedensten russischen Stämme unter seinem Corps, sogar Baschkiren waren dabei, welche nur mit Lanzen, Bogen und Pfeilen bewaffnet waren. Diese vergnügten sich mit einer Statue des Napoleon, welche auf einem Springbrunnen auf dem Königsplatz stand, die Nase abzuschießen. Nach wenigen Tagen verließ Czernichef Cassel wieder, nachdem er sich das wenige Geld, was in den Kassen war, hatte auszahlen lassen.

Der König kehrte von seiner vorgegebenen Jagd zurück, aber nur um einzupacken, was nur fortzubringen war. Es ging soweit, dass sogar die Mahagonitüren aus seinem Schlosse in der Bellevue Straße ausgehoben und mitgenommen wurden. Alle Franzosen folgten seinem Beispiel, machten zu Gelde, was sie nur irgend konnten und suchten es, um es besser fortzubringen, in Geld umzusetzen. Sie gaben 7 Rth. und mehr für einen Napoleon d’or. Die armen französischen Schauspieler boten einen lächerlichen Anblick dar. Die Frauenzimmer und Kinder waren mit ihren wenigen Habseligkeiten auf Wagen gepackt und die Männer gingen in allen nur möglichen Costümen hinterher. Die westphälischen Soldaten entledigten, soviel sie konnten ihrer Uniformen, zerbrachen die Schlösser an ihren Gewehren und warfen dieselben in irgend einen Graben oder über einen Zaun. Da wir vor dem Tore wohnten, so sahen wir sie truppenweise abziehen und auf unser Befragen, wo sie hingingen, sagten sie: Diese Nacht in den nächsten Wald und dann in die Heimat. Alle Hessen jubelten und erwarteten mit der größten Ungeduld ihren Kurfürsten, denn ihr Franzosenhaß war unbeschreiblich. Ich weiß mehrere, welche den König Jerome nie gesehen hatten, wenn sie ihn auf der Straße von ferne kommen sahen, traten sie so lange in ein Haus, bis er vorüber war. So rückte endlich der Tag heran, wo der Kurfürst einzog, die Freude war unendlich und ganz Cassel auf das glänzendste erleuchtet. Jeder suchte seine Freude auf seine wenn auch oft groteske Weise auszudrücken. So hatte unter anderem ein Bäcker ein Transparent an seinem Haus, welches seinen Backofen mit dem hellsten Feuer darstellte und er selbst mit einer großen Schaufel davor. Darunter stand: „ Wer das Haus Hessen nicht tuth lieben, dem tue ich in diesen Ofen schieben.“ Alle Soldaten suchten ihre Uniformen und Zöpfe wieder vor, da der Kurfürst die letzteren so sehr liebte. Und ein alter Soldat, welcher einen recht ehrwürdigen Zopf hatte, soll beim Einzug denselben an dem Türpfosten gezeigt haben mit den Worten: „Ih ha ihn noch (Ich habe ihn noch).“

Allen diesen Jubel machten wir noch mit und dachten nun allen Ernstes daran, Cassel wieder zu verlassen, da der Kurfürst erklärt hatte, das er nur Hessen anstellen wolle, was ich ihm auch nicht einen Augenblick verdachte, so sehr wir dadurch für den ersten Moment auch litten. Das letzte Gehalt war gezahlt, aus dem Vaterlande hatten wir wieder gute Nachrichten und da unsere Mittel nur durch einen längeren Aufenthalt verringert wurden, so war es das beste, an unseren Rückzug zu denken. Ein Bekannter meines Mannes, der Kammer-D. Rabe, war gezwungen gewesen, sich eine Zeit lang in Cassel aufzuhalten, er benutzte die Abreise des preussischen Gesandten, um nach Berlin zurückzukehren. Er hatte seinen Wagen in Cassel gelassen und meinen Mann gebeten, ihm denselben bei Gelegenheit zu senden. Obgleich der Wagen nur zweisitzig war, so ließ mein Mann doch eine Vorrichtung darin machen, dass wir alle Platz darin fanden. Es wurden hinten zwei eiserne Stangen angemacht, welche oben durch eine dritte verbunden waren und über die Trommel reichte. Darunter wurde ein kleiner Sitz angebracht, worauf Auguste und Adolf Platz nehmen mussten. Im Fond saß ich mit dem Mädchen, welche den Carl auf dem Schoß hatte und Luise zwischen uns. Mein Mann, welcher nie Einschränkungen im Wagen geliebt hatte, zog es vor auf dem Bock zu sitzen. Unsere Möbel und Hausgerät mussten wir zum zweiten Mal im Stich lassen. Unsere Wirtsleute hatten die Wohnung noch nicht wieder vermietet und wenn sich kein Mieter fand, so mussten wir bis Ostern die Miete bezahlen, also konnten für den Augenblick unsere Sachen stehen bleiben.

So rückte der Tag unserer Abreise immer näher und ich nahm mit schwerem Herzen von unseren zahlreichen Freunden Abschied. Wir kehrten zwar ins Vaterland zurück und waren einer liebevollen Aufnahme bei meinem Vater gewiß, aber wir gingen einer ungewissen Zukunft entgegen, wer konnte uns sagen, wann mein lieber Mann wieder eine Anstellung erhielt. Ich sah es bei dieser Gelegenheit recht ein, wie fesselnd Wahlverwandtschaften werden können, denn einige Familien waren mir wirklich so lieb  wie Blutsverwandte geworden.

Endlich in den ersten Tagen des December 1813 fuhren wir ab. Das mildeste Wetter begünstigte unsere Fahrt. Da Magdeburg noch belagert wurde, mussten wir unseren Weg über Braunschweig nehmen und so kamen wir ohne Unfall bis Rathenow. Hier wollte man uns nicht weiter lassen, weil unser Paß nicht von einer preussischen Behörde visiert war, es sei denn, dass sich jemand fände, welcher uns anerkennen wollte. Wir hatten keinen Bekannten in der Stadt und Umgegend. Da fiel es meinem Manne ein, einen Boten an seinen Schwager den Amtsrath Cochius nach Dreetz zu schicken und ihn schriftlich zu bitten, sich unserer anzunehmen. Wir brachten einen langweiligen Tag in Rathenow zu, aber der andere war umso angenehmer, denn Cochius kam selbst uns abzuholen.

Nachdem wir noch 3 Tage sehr angenehm in Dreetz verlebt hatten, erreichten wir in den letzten Tagen des December Berlin, wo wir mit offnen Armen von meinem Vater aufgenommen wurden.

Hier enden meine Berufsreisen. Da mein Mann nach einigen Monaten als Kammergerichtsrat angestellt wurde, so blieb Berlin fortan unser Wohnort.

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