Der Magdeburger Meister (2)

 

Die Behauptung, Architektur sei in Stein gemeißelte Geschichte, trifft vorallem anderen auf unsere Kirchen und Dome zu – ihre Wände, Kanzeln, Kapitelle und Reliefs sind Seiten einer Chronik, die den Wandel unserer Wertvorstellungen darstellt, mit allen Tiefen und Hochflügen.

Auch der Magdeburger Dom birgt Sinnbilder fetter Jahre und der magerer, erbärmlicher. Langsam wie ein Korallenriff wuchs er durch die Zeitalter und er wächst immer noch, auch mit Werken moderner Meister. Heinrich Apel ist einer von ihnen.
Was für eine anspruchsvolle Aufgabenstellung für einen Künstler – sich mit den großen Meistern der Vergangenheit zu messen, ohne sie herauszufordern, sie stattdessen zu ergänzen, den Faden ihrer Gedanken aufzugreifen, ihr Geschichten fortzusetzen.
Schauen wir uns eine seiner Arbeit an, den Sockel des Osterleuchters.

 

 

Der Leuchter ist an sich eine antike Säule, eine Spolie, umgearbeitet in der Zeit der Romanik, 1964 kam der Sockel dazu.

In der kirchlichen Sprache symbolisiert der Osterleuchter den Sieg des Lichts über die Finsternis, kunsthistorisch gesehen ist er, eine dreifach potenzierte Spolie, ein Zauberstab, der mehrere Zeitalter und Zivilisationen durchdringt und verbindet.

Das Relief mit der Darstellung einer in sich verflochtenen Schlange, die sich in sich selbst verbeißt, ist perfekt an das Muster der alten Säule angepasst – für ein untrainiertes Auge wie meines war der Leuchter wie ein aus einem Stück gemeißeltes Meisterwerk. Erst später las ich nach, dass der Sockel vom Heinrich Apel ist.

Was sagt uns dieses steinerne Scheusal, das sich in den eigenen Leib beißt?

Ist es die ungeheure Midgardschlange, die unsere Welt umschlingt? Eine aztekische Federschlange, die Göttin des Windes, des Himmels und der Erde? Ist sie die heidnische zyklische Zeit oder christliche Sünde und Tod?

Um den Sockel von Heinrich Apel ergänzt ist die verwaiste antike Säule in meinen Augen das in Stein gemeißelte Sinnbild der Großen Zeit, jenes Stroms, dessen Ufer einst Plätze von Babylon waren, und dann von Jerusalem, Athen, Damaskus, Rom, Konstantinopel, Venedig und vieler anderer Städte. Der Strandgut dieses Flusses war der Nährboden unseres Glauben, unserer Tradition, Kultur und Kunst.

Das wussten die alten Meister, das weiß auch Heinrich Apel, der mit Symbolen vieler Traditionen arbeitet. Er greift oft zu Figuren der antiken, biblischen und vorchristlichen Mythologien – ein weitreichender geistiger Blick.

Gleichzeitig stellt er sich auch den Themen, die ihm die Gegenwart vorgibt. „Ich lebe ja jetzt schon im 21. Jahrhundert, und letztes Endes gibt die Gesellschaft die Themen vor“.

Denken wir nur an die Werkgruppe „Zeitreports“ – eine bewegende, eindringliche Chronik der unruhigen Wendezeiten, deren Zeuge er war.

„Nicht jede Situation, nicht jeder Gegenstand sind plastisch machbar“ – sagt Heinrich Apel und gießt Zeit, Materie und Raum in Bronze. Der Ensemble steht mitten in der Altstadt Magdeburgs und ist von Gebäuden aus unterschiedlichen Zeitaltern (das romanische Kloster Unserer Lieben Frauen bis hin zu sozialistischen Plattenbauten) – umgeben, was die Aussagekraft der Plastiken verstärkt. Wir spüren regelrecht das Klirren und Knirschen des Zeitrades, das die Menschen, die es antreiben und bewegen, zermalmt und zerstückelt.

 

Die von Heinrich Apel geschaffene Figuren sind verschmitzt, verträumt, verliebt, aber auch verloren, verängstigt oder verzweifelt im Angesichts der nahen Vernichtung, des tobenden Krieges.

 

 

Er war zehn Jahre alt, als seine Heimatstadt Magdeburg zerstört wurde. Das furchtbare Inferno war auch von seinem Heimatort Schwaneberg sichtbar. „Der nächtliche Himmel über der Stadt war taghell vom Feuerschein erleuchtet. Die Detonationen der Fliegerbomben machten aus einem blühenden Gemeinwesen eine Trümmerwüste. Der rote Ziegelstaub lag wie ein Leichentuch über der ganzen Landschaft. Der Krieg spielte sich nun an allen Fronten ab. Das „ICH“ wurde durch das Weltereignis in Frage gestellt“ – erinnert sich Heinrich Apel. Solche Bilder müssen für eine junge Seele erschütternd sein und sie haben Heinrich Apel als Künstler stark geprägt.

Der Krieg ist aus seinem künstlerischen Werdegang nicht wegzudenken, auch weil Heinrich Apel mehrere Jahrzehnte an der Wiederherstellung zerbombter Denkmäler gearbeitet hat, was für ihn, wie er sagte, eine „zweite Schule“ war. „Durch die Tätigkeit in der Denkmalpflege erfährt man natürlich sehr viele Handschriften. Magdeburg ist ja eine Hochburg der gotischen Plastik, genauso wie Bamberg oder Naumburg. Also ein Realismus, der den ersten Höhepunkt nach dem Jahr 1200 hier in Deutschland hatte“ – sagt Heinrich Apel der sich auch zum „Figürlichen“ bekennt:

„Ich bemühe mich, kommunikative, konkrete Plastiken zu schaffen. Ich glaube, dass darin mein Verhältnis mit meiner künstlerischen Handschrift zur Gesellschaft besteht.“ Mutige Worte in dem Zeitalter der Abstraktion, das von oben herab auf den Realismus schaut und wenn dieser auch noch aus dem Osten kommt, kommt das obligatorische „sozialistischer“ dazu – das ist dann doppelt abwertend gemeint. Als habe es nie einen antiken Realismus gegeben, und einen romanischen und einen gotischen. Van Gogh war ein Realist, Picasso auch, selbst Malevich, bevor er sein Quadrat zur Diskussion stellte. Und den magischen Realismus gibt es auch und immer noch, und dahin gehören für mich die Arbeiten von Heinrich Apel.

Denn ist es nicht wahrhaft magisch, wenn ein Stein zu Fleisch und Seele wird?


 

Unwiderstehlich war mein Wunsch, die runden Schultern zu streicheln, so warm und lebendig schien die Haut , weiß mit dunkel schimmernden Blutgefäßen.

Zu figürlich, zu realistisch, zu einfach mögen manchen die Arbeiten des Magdeburger Meisters erscheinen. Dazu kann man vielleicht sagen, dass auch dem großen florentinischen Meister Giotto di Bondone hielten manche vor, seine Darstellung des Hl. Franziskus sei zu natürlich geraten, zu realistisch. In meiner inneren Sammlung ordne ich Kunst nicht nach abstrakt oder figürlich. Meine Lieblingskünstler sind solche, die über die magische Kräfte verfügen, Materie – Farbe, Stein, Holz, Papier – zu beseelen.

Auf der Frage, wie seine Arbeit an einem Auftrag beginnt, antwortet Heinrich Apel so:

„Es fängt harmlos an. Ich nehme einen kleinen Zettel und zeichne eine Idee auf. Der Zettel wird dann größer, um etwas zu klären, dann stellt der nächste Schritt ein Gipsmodel dar, um eine Form räumlich zu fixieren. Und wenn es sich bewahrheitet, ist das der Startschuss für eine größere Arbeit (…) Man baut sich ein Draht- oder Stahlkorsett und rührt dann die entsprechende Gipsmenge an, über die verschiedenen Stufen der Arbeit, bis die Volumina stimmen, wobei die Materialien noch nicht angesprochen wurde. Ja, das ist ein weites Feld.“

Werden Kunstwerke gemacht oder werden sie geboren? Ich neige zur zweiten Variante der Antwort – ich glaube, ein Kunstwerk wächst wie eine Pflanze – man kann das Wachstum nicht durch mechanisches Ziehen erzwingen nur fördern. Der Versuch, die Phase der Reifung zu überspringen und mit Tricks und Einfällen um die Gunst der Zuschauer zu kämpfen, kann nur für sehr kurze Zeit funktionieren. Ohne Begabung lohnt es sich gar nicht erst anzufangen. Und wie für einen Setzling Wasser, Licht und Wärme nötig sind, so für ein Kunstwerk – Talent, Leidenschaft, langer Atem. Hier ist sie, die beseelte Materie selbst, anmutig und unschuldig. Großzügig und demütig lässt der Meister sie über menschliches Leiden und Tun triumphieren.

 

 

Einst vor vielen Jahren machte ich mich auf den Weg, um die Plastiken von dem Naumburger Meister zu sehen, dabei entdeckte ich für mich einen Anderen, den aus Magdeburg. Sein Name ist Heinrich Apel und an seine Ateliertür schriebt er. „Der Mensch hat eine Seele“.

 

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