Der französische Oberst und seine Liebste

11. Teil der Erinnerungen einer Ur-Ur-Ur-Großmutter – Der Frau Geheimen Justizrat Catharina Luise Caroline Kienitz, geb. Ransleben

Ich machte mich mit meines Mannes Zustimmung getrost auf den Weg, hatte beim schönsten Wetter, wodurch der Sommer von 1811 sich so sehr auszeichnete, eine sehr angenehme Reise und kam wohlbehalten in Berlin an. Mein Vater war entzückt über unsere Kinder und hatte wirklich eine große Vorliebe für sie. Im Herbst kam mein Mann, um mich abzuholen und mein Vater war sehr traurig, den Winter so allein zubringen zu sollen, da er sich so sehr an unsere Kinder gewöhnt hatte. Da erklärte die alte Meisner, die Haushälterin meines Vaters, wenn sie sich den Winter über nicht ausruhen könnte, so würde sie nicht bei meinem Vater bleiben. Mein Mann, meine Geschwister, wir alle waren ganz außer uns bei diesem Gedanken, denn wir waren überzeugt, dass kein Mensch meinen Vater so pflegen könnte und dass er durch Fremde schrecklich würde betrogen werden. Wir machten der alten Person alle nur möglichen Vorstellungen, mein Vater erbot sich, eine andere Küche anlegen zu wollen, weil die bis dahin bestehende im Souterrain war, aber vergebens; sie beharrte bei ihrem Entschluss und sagte, wenn sie das nicht erreichen könnte, so würde sie ganz wegziehen.

Was war nun zu machen? Da war guter Rat teuer. Da beschworen meine Geschwister meinen Mann, er möchte mich den Winter über in Berlin lassen. Wir wollten beide davon nichts hören und es war auch zuviel verlangt, dass mein Mann ohne Frau und Kinder den Winter zubringen sollte, aber mein Mann gab doch endlich den Bitten meines Vaters nach und ließ mich in Berlin. Für mich war es wahrlich keine angenehme Zeit, die Trennung von meinem Mann wurde mir sehr schwer und so liebevoll auch mein Vater in vieler Hinsicht gegen mich war, so beschränkte er mich doch sehr und ich durfte es mir nicht einfallen lassen, irgend eine Gesellschaft und wäre es auch bei meinen Geschwistern gewesen, zu besuchen, wenn er nicht gebeten war und als ich doch einmal den Bitten meiner Schwester Nanette nachgab und einen Abend bei ihnen zubrachte, wo nur junge Leute waren und viel musiziert wurde, hatte ich am anderen Morgen eine so unangenehme Scene mit meinem Vater, dass ich mich weit lieber ergab und gar nicht mehr allein ausging.

Noch einen Grund hatte mein Mann, um in einen längeren Aufenthalt in Berlin zu willigen. Die Wohnung, welche wir bis jetzt auf dem Königsplatz bewohnten, war uns, wie schon gesagt, zu klein, da es uns aber zu einer größren Wohnung an Möbeln fehlte, wir aber dazu kein Geld hatten, so diente mein längerer Aufenthalt in Berlin dazu, soviel zu ersparen, um uns noch mehr Möbel anzuschaffen. Mein Mann aber blieb bis Ostern mit H. Provensal zusammen.

Den Winter über hatte ich im Hause manche oft unangenehme Zerstreuung. Napoleon rüstete sich zu seinem Riesenzuge nach Russland und mein Vater hatte deshalb oft Einquartierung. Italiener und Spanier, alles musste mit. Einen französischen Oberst hatten wir längere Zeit, welcher sich kurz vor seinem Ausmarsch mit einem ganz jungen Mädchen aus Frankfurt a. M. verheiratet hatte. Dieser Oberst, Guerel war sein Name, erzählte mir mit Begeisterung von seiner jungen Frau. Er freute sich oft über meine kleine Luise und sagte, es sei allerdings eine Seltenheit, so wie sie blondes Haar und dunkle Augen zu haben, aber seine Frau sei eine noch größere Seltenheit, denn sie habe schwarzes Haar und die schönsten blauen Augen. Späterhin ließ Guerel seine Frau kommen, um sie mit nach Russland zu nehmen. Es war eine ganz junge unerfahrene Person und da sie gar keine Menschen in Berlin kannte, so gab ich den Bitten des Ehepaares nach, fuhr mit ihnen spazieren und besuchte auch mit ihnen das Theater. Der Oberst schaffte alle nur möglichen Vorräte an und belud einen ganzen Wagen damit, damit es seiner Frau in dem unwirtlichen Lande an nichts fehlen sollte, aber wer weiß, ob das arme junge Wesen nicht doch dort umgekommen ist. Ich bin dem Oberst späterhin im Jahre 1814 in Berlin begegnet, da ging er sehr mühsam und sah so entstellt und in sich gekehrt aus, dass er wahrscheinlich noch an den Folgen des schrecklichen Feldzuges litt.

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