Nellja Veremej: Tiere schauen Menschen an

Über die Tatsache, dass das Museum um diese Zeit menschenleer war, wunderte ich mich kaum – es war ein warmer, sonnenheller Samstagnachmittag im Mai und das Grün draußen war so frisch und neu, dass die Mitarbeiter sich bei jeder Gelegenheit zur offenen Tür stahlen, um an dem schönen Tag zu schnuppern und flüchtige Blicke auf die Uhr zu werfen.
Es war nicht mein erster Besuch im Magdeburger Museum, diesmal ging ich gleich zu den Spinnen, die Sonderausstellung endete in den darauffolgenden Tagen.
Trotz vieler Lichtfluter und Lampen wirkten die fensterlosen Räume finster wie unterirdisch. Und da, wo aus der Türöffnung die Glut des Sonnentages in den Raum platzte, sahen die ausgestopfter Tiere noch toter aus als sie waren und es war schwer vorstellbar, dass zehn Meter weiter hinter den Mauern draußen eine schwarze, seidenglänzende Amsel nach sich krümmenden Würmchen in die Wiese pickt und aus der Erde saftige Stängel und Ranken sprießen.
In dem langen Saal mit der Spinnenausstellung gab es zwar Fenster, die allerdings waren zugezogen. Das Licht, das von draußen durch die schmalen Ritzen zwischen den Rollosstreifen hineindrang, schnitt die dunkle Luft in gleichmäßige Scheiben. Die Glaskästen mit den Spinnen standen auf akkurat gereihten, schwarzen Klötzen, was dem Raum eine sakrale Note verlieh – mir war, als ob ich in eine Gruft geraten wäre.


Die Spinnen hatten sich gut getarnt oder waren in ihre Höhlen gekrochen – die Kästen schienen unbewohnt, bis auf eine, wo gleich mehrere Tiere zu sehen waren: eine große haarige Vogelspinne und  zwei Grashüpfer, die dem Herren dieses Kastens als Futter dienen sollten. Das Futter hatte Augen und diese schauten mich an, angespannt und fragend.

Die Spinne ruhte, und die beiden Hüpfer bewegten sich sehr langsam, fast unmerklich. Einem von ihnen, auf dem Bild links, fehlte ein Hinterbein, und sein leichtes Hinken wirkte so menschlich, dass mir schien, er wird jetzt gleich tief und resigniert seufzen.

Ich ging durch das menschenleere Museum weiter und konnte den Gedanken an den einbeinigen Grashüpfer nicht los werden. Als Kinder haben wir ja auch Käfer und Kaulquappen in Marmeladengläsern gesammelt – ihr Anblick, wie sie verzweifelt um ihr Leben rangen, amüsierte uns.

In Nabokovs Roman „Die Gabe“ erzählt der Protagonist, wie er als Kind einen Spatz einfach so, aus Langeweile abschoss und ihm Vater, ein berühmter Naturforscher, der in seinen weiten Reisen unzählige Vögel getötet und präpariert hatte, diesen Spatz nie verzeihen konnte – wegen der „Langeweile“ als Beweggrund …

Auch der Heilige Georg, dem ich in einem anderen, der Kultur gewidmeten Saal begegnete, strahlte bodenlose Langeweile aus, während er seine Lanze in den Rachen des Drachen stieß.

So einen apathischen Georg hatte ich bisher noch nicht gesehen, ich blieb stehen.

Der Legende nach tötete Georg den Drachen, um die Königstochter zu retten, die Aktion sollte den mutigen Kampf gegen das Böse symbolisieren, aber irgendwie strahlte der Held keinen Mut und keine Entschlossenheit aus. Und während er so teilnahmslos seine Lanze in den Rachen des ihm zur Füße liegenden Bösen stieß, krümmte sich dieses vor Schmerzen, den dünnen Schwanz eingezogen, die vorderen Extremitäten seitlich ausgestreckt, resigniert und sich ergebend, wie am Kreuz.

Unsere Museen sind voller Bilder, wie Menschen mit Hingabe Tiere jagen, als hause in den von Pfeilen durchbohrten Löwen oder Ebern der Satan selbst. Auch wenn heute das blutige Grauen nicht als Kampf gegen das Böse zelebriert wird, quälen und erniedrigen wir Tiere milliardenfach, stellen dies aber nicht so gerne zur Schau wie früher.

Auch das wilde Tier hat kaum Möglichkeit sich vor uns zu verstecken – aus dem Flugzeug gesehen ist unser Kontinent ein riesiger Agrarkomplex, unterbrochen von einigen kleinen Hainen und Waldoasen, auf denen in der Regel ein Häuschen auf hohen Beinen steht, ein Jägerversteck. Gleichzeitig werden allein in Deutschland 18 Millionen Tonnen Lebensmittel pro Jahr weggeworfen – was heißt, wir plündern die Erde aus und vernichten Tiere  einfach so, aus Gier, sprich Langeweile.

In einem anderen Saal zog das Bild mein Blick auf sich:

Das Bild stammt von keinem berühmten Maler, es stellt keine prominenten Protagonisten dar, auch die anatomische Darstellung der Tiere ist fehlerhaft, wie das Schildchen erklärt, und dennoch konnte ich nachvollziehen, warum das Bild vom Museum erworben wurde: die Tiere agierten da nicht als Kulisse, drei Paare Augen schauten mich direkt an, es waren vollwertige Porträts, die den Tieren eine ungewöhnlich große Palette von Empfindungen zuschrieben: Die Füchse wurden offensichtlich mitten im Spiel nach einer sättigenden Mahlzeit erwischt und der Zuschauer konnte beobachten, wie sich die unbekümmerte Freude auflöst und in puren Schreck verwandelt – den Schreck der Begegnung mit Menschen.

Und weil sich in meinem Statdtschreiber-Dasein vieles wie bestellt reimt, geriet ich am darauffolgenden Abend in den Magdeburger Zoo, wo das Stück von Annett Gröschner gespielt wurde – Hennys erotisches Leben.

Angekündigt war die Veranstaltung als ein Mondscheinspaziergang durch den Zoo, der das tierische Liebesleben von Männchen und Weibchen in fremden Gehegen und heimischen Schlafzimmern beleuchtet – im direkten Sinne des Wortes. Geschickt und unbemerkt baute das kleine Team die Szenen im voraus auf und auf der nächsten Station tauchten die Darstellerinnen Nadja Gröschner und Ines Lacroix sehr effektvoll aus der von Quaken gesättigten Dunkelheit auf – mal auf der Brücke, mal im Affengehege, mal vor der kleinen improvisierten Bühne.

Musik, kecke Kostüme, Schauspiel, Gesang – an dem Abend wurden alle Register gezogen – der Abend mit Nadja Gröschner war wie immer erfrischend, unvorhersehbar, lustig – mit ihren Veranstaltungen haben sie und ihre MitstreiterInnen eine neue Kunstgattung ins Leben gerufen, die, so hoffe ich, in der Kulturgeschichte ihren Platz als typisch magdeburgisch finden wird.

Fast drei Stunden wanderten wir, drei Dutzend Besucher, durch den geheimnisvoll illuminierten, nächtlichen Magdeburger Zoo. Es ging um Liebe und um Sex, und es fehlte nicht an derben Witzen und auch an Wissenswertem aus der Geschichte des Magdeburger Zoos. Die aufeinander folgende Szenen waren bunt und vielfältig, mir fiel aber auf, dass die  alle Liebesgeschichten aus dem Tierreich in der Regel von Optimismus und Lebenslust strotzten, während die Monologe der manchmal glücklich, überwiegend aber unglücklich verliebten Menschen von tiefer, außerirdischer Melancholie durchtränkt waren; all diese Menschen  drehten sich um ihre eigene Achse im Kreis, in ihren Trieben, ihrem Selbstverwirklichungswahn und ihrer Liebessucht, wie in einem Käfig gefangen.

So wie die Schwanendame, alias die Tänzerin Pavlova, die  plötzlich im Gebüsch  in einem echten Käfig vor uns erschien und zu uns sprach,  und das grelle unruhige Licht war wie die Glut ihrer leidenden Seele – es war ein sehr imposanter Auftritt.


Aber am meisten beeindruckte mich ein Anblick, den wir im Vorbeieilen durchs Glas zufällig erhaschten – ein Löwenpaar im sauberen Gehege. Ruhig lagen die Ehegatten  da in ihrem Wohnzimmer und schauten uns, die sie hastig ablichteten, zu. Ihre Blicke waren ruhig und leicht abwertend, als wüssten die beiden viel mehr über uns als wir ihnen zutrauen konnten.

Nellja Veremej: Über Heimatliebe. Nathusius, Heine und das Sprossende Nelkenköpfchen

In den letzten Monaten bin ich oft auf die Spuren des Wirkens der Familie Nathusius gestoßen, in Magdeburg oder Halberstadt, nun habe ich beschlossen Haldensleben und Umgebung zu erkunden, die Orte, wo Johann Gottlob Nathusius vor zweihundert Jahren „den ersten Großkonzern auf deutschem Boden“ gründete.
Steingut-, Maschinen-, Ziegel-, Porzellanfabriken und vieles mehr lag im Umkreis des lebhaften Interesses dieses Mannes, keine Seltenheit für einen Sohn des wissensdurstigen und tatkräftigen Zeitalters der Aufklärung.

Die Erscheinung des Industrie-Pionieres, auf zeitgenössischen Porträts festgehalten, strahlt Neugier und Unternehmungslust aus:

Wacher, fragender Blick, in dem Skepsis, Humor und Intelligenz durchschimmern – ein markantes, unvergessliches Gesicht.

Dieser Mann, einst der reichste Bürger Magdeburgs, kaufte 1810 ein Anwesen in Althaldensleben, wo er Dutzende Unternehmen ins Leben rief und dem kleinen Ort zu Wohlstand und Ansehen verhalf. Ein französischer Reisende beteuerte, er habe nirgendwo erlebt, dass so viel verschiedene Geschägtszweige bei einem einzigen Besitzer vereinigt und so wohl verwaltet wurden.

Die Herzensangelegenheit des Universal – Unternehmers Nathusius aber war die Pflanzenkunde. „Jeder meiner Betriebe hat seinen eigenen Direktor, aber für meine Gärten bin ich selbst Leiter.“ – sagte er. Es wurde behauptet, Nathusius habe auf seinem Gute alle Pflanzen mit Namen gekannt – alle!

Diese Leidenschaft hat mich am meistens berührt – er, ein Demiurg eines großen Industriekonzerns, war bereit, vor jedem winzigen Halm zu knien und ihn beim Namen anzusprechen. Irgendwie kongruierte das mit der Tatsache, dass Nathusius, der seine wirtschaftlichen Interessen hart gegen Konkurrenten durchsetzte, viel Wert darauf legte, seine Arbeiter gerecht zu entlohnen und die Armut in seinem Wirkungskreis zu bekämpfen.

Als ich mich mit diesem Wissen an einem schönen Tag  nach Haldensleben aufmachte, malte ich mir im Geiste ein gemütliches, lebendiges Städtchen, mit prachtvollen Gärten und Blumenbeeten bestückt, aus, mit Windmühlen und rustikalen Schornsteinen vor einem blauen Horizont.

Aber der Ausblick vom Bahnsteig in Haldensleben bot nichts Besonderes.

Die Menschen, die mit mir den auf dem kleinen Bahnhof ausstiegen, zerstreuten sich momentan in alle Himmelsrichtungen, ja sie lösten sich regelrecht auf im klaren, von Frühlingssäften durchtränkten Äther.

Nichts bewegte sich, nur ein weiterer Regionalzug rollte vor meinen Augen davon, er hieß Katharina die Große, was ihn noch kleiner wirken ließ, als er war – dieses arme rote Zugwürmchen.

Ich machte mich auf ins Museum, wo ich meine Erkundigungen über Nathusius beginnen wollte. Die Straße war menschenleer, gesäumt von Arztpraxen, die größtenteils mit Orthopädie – und Seelenheilkunde zu tun hatten.

Hatte sich der Ort damals, in der goldenen Industriezeitalter so überanstrengt, dass er jetzt seine Ruhe nachholen musste?

Auf dem umzäunten Rasen einer großzügigen, allein stehenden Villa rollte ein Rasenmäher-Roboter auf und ab, jedes mal bevor er kehrtmachte, blieb er wie nachdenklich stehen und diese Geste verwandelte ihn in einen unheimlichen, käferartigen Homunkulus.

Ich musste die Straßenseite wechseln, um einen Passanten nach dem Weg zu fragen. „Museum!?“ – fragte der verschreckt wirkende Mann. -“Keine Ahnung!.“

Aber noch während ich mit ihm sprach, sah ich schon das Gesuchte, aber das Museum – das nette alte Eckhaus mit Hof – hatte gerade für eine Mittagspause bis 14 Uhr geschlossen. Das Plakat an de Tür verkündete für den Nachmittag die Veranstaltung „Salonkultur um Heinrich Heine und Karl Leberecht Immermann“.

Es sollte um die Beziehungen zwischen den beiden Dichter gehen und um eine mögliche Bekanntschaft zwischen den Familien Nathuisius und Heine, sowie um die Salonkultur damals und die Rezeption des großen Dichters in der DDR.

Nun beflügelt schritt ich leichten Herzens in die Stadt, die Mittagsstunden zu überbrücken.

Es gab viele sensationell alte Häuser im Zentrum und die Marienkirche mit einer schmucken Tür.Aber der Anblick entvölkerter Straßen ärgerte mich.

Stünde so ein Haus irgendwo in Berlin, würden vor ihm Hunderte Touristen herumschwärmen, und für sie würde man mehrere Cafés eröffnen und mehrere Kioske mit Postkarten oder Lesezeichen, geschmückt mit Inschriften von den Fachwerkfassaden wie dieser:

So irrte ich einige Zeit durch die verhexte Stadt – die wenigen Menschen, die ich traf, schauten zur Seite. Ich begegnete nur einer Bäckerei und einer Eisdiele auf meinem Wege, aber auch da bewegten sich die wenigen Gestalten wie unter tiefem Wasser. Um von diesem Mondsucht nicht angesteckt zu werden, beschloss ich, lieber in den kleinen Park einzukehren.

Kaum setzte ich mich auf die Bank, öffnete sich ein Fenster im Haus gegenüber und aus der Öffnung zeigten sich zwei Köpfe – ein alter Mann und eine alte Frau. Sie polsterten das Fensterbrett mit Kissen ab und fingen an, mit Seifenblasen zu spielen – kichernd pusteten sie abwechselnd in den Plastikring und lehnten sich noch weiter hinaus, um den Flug der bunt schimmernden Blasen zu verfolgen. Als das Döschen leer war, zogen sie sich mit ihren Kissen in das Zimmer zurück, und die Geste, mit der sie die Fensterflügel zuklappten und die Spitzgardinen wieder zuzogen, war wie im Kaspertheater, beim Ende der Vorstellung.

Auf dem Weg zurück ins Museum begegnete ich mitten auf der breiten Promenade einem Schmuckstück in Gestalt eines Thrones, seitlich mit diesem Bild geschmückt:

Ich grübelte lange, was das zu bedeuten habe, aber es gab niemand, den man fragen konnte.

Das Museum war schon offen, als ich kam. Die Vorbereitungen für den Salon waren in vollem Gange – in einem Raum stellten die Mitarbeiter das Buffet auf und in dem anderen deckten sie mit freudiger Geschäftigkeit etwa fünfzehn Tische für die Gäste und ich hatte das Gefühl, mitten in die Vorbereitung eines großen Familienfestes hineinzuplatzen.

In der Ausstellung im oberen Stock habe ich für mich nicht Neues über Nathusius und sein Wirken erfahren, dafür aber erwies sich der anschließende Salon als spannendes Erlebnis.

Die Gäste – artig gekleidete ältere Menschen mit wachen Augen – verkörperten für mich das, was man aus russischen Romanen als Kleinstadt – Intelligenzja kennt: Menschen, die für Aufklärung brennen und in ihrem Namen die kleinsten und entlegensten Brachen der Kulturlandschaft ihrer Heimat roden und pflügen..

Die Lesung (oder besser gesagt das Gespräch unter Gleichgesinnten) bestand aus mehreren Themenblöcken, die sich berührten in dem Zweeck, die großen Namen und Geschehnisse in den Dienst der Heimatkunde zu stellen. Eingangs wurde aus Geschichte des einstigen Haldenslebener Heine-Gymnasiums berichtet und darüber, wie kompliziert die Namensgebung damals vonstatten gegangen war, was zu einer Diskussion über Rezeption des großen Dichters in der DDR führte.

Im zweiten Teil war vom Schaffen Heines und Immermanns die Rede, über ihre Freundschaft und ihr Treffen in Magdeburg und darüber, dass der reiche Onkel von Heine mit Johann Gottlob Nathusius bekannt war und ihn schätzte. Eine Dame, deklamierte bei passender Gelegenheit Gedichte, was die Gäste zu wonnigem Lächeln brachte.

Und während ich den Vortragenden lauschte, sah ich im Geiste jene unsichtbaren Luftwurzeln, die das kleine Haldesleben mit der großen Geschichte verbanden und ihm einen würdigen Platz in der großen Welt sicherten, neben Hamburg, Berlin oder Magdeburg.

In den letzten drei Monaten habe ich auch einigen anderen schönen Abenden beigewohnt, vorbereitet und durchgeführt von Magdeburger Kunstschaffenden und Enthusiasten, die für die Stadt, ihre Geschichte, Kultur und ihr Image brennen und durch ihr Wirken den in Verruf geratenen Begriff Heimatliebe rehabilitieren und mit schönen geistreichen Dingen in Verbindung bringen.

Ich hatte nicht um Erlaubnis gebeten, Fotos machen zu dürfen, und knipste heimlich nur ein schiefes Bild:

Bevor ich das Museum verließ, kaufte ich ein Heft aus der Reihe „Jahresschrift der Museen des Ohrenkreises“, in dem es unter anderem auch um Nathusius geht – schließlich war ich ja seinetwegen hierher gekommen.

Im Zug zog ich das Heft (Jahrgang 1998) aus der Tasche, es öffnete sich eigenwillig auf einer Seite, in der ein improvisiertes Lesezeichen steckte – ein aus einer Postkarte herausgeschnittener Streifen.

Auf dem Lesezeichen waren mehrere bemalte Globen dargestellt, die Kehrseite des Streifens war mit einem handschriftlichen Text versehen, der kaum zu entziffern war. Auch die quer zueinander laufenden gedruckten Zeilen auf der Vorderseite waren wegen Verstümmelung unlesbar.

Die mit floralen Mustern bemalten Globen – dieses seltsame parallele Universum – passte gut zum Beitrag im Heft, gewidmet dem Sprossenden Nelkenköpfchen.

Eigentlich ein Sachtext, mit Daten und botanischen Termini gespickt, aber ich las ihn wie Poesie, denn der aufmerksame und zärtliche Blick des Forschers verwandelte die winzige unscheinbare Pflanze in ein wertvolles und seltsames Fabelwesen – braune, trockenhäutige Hochblatthülle um dem Köpchen, mit rosa gefärbten Kronblättern bestückt, so winzig, dass ihnen nur ein sehr geringer Schaueffekt ziemt. Die Blüte ist von 8 bis 13 Uhr geöffnet zwischen Juni und Oktober, und wenn es so weit ist, zeigen sich die Samen – aufgeflacht, feinwarzig gerillt und schwach geflügelt….

Hier ist sie, die bescheidene Schönheit:

Der Autor, Günter Brennenstuhl, ist, laut Google, immer noch im Dienst der heimischen Flora unterwegs, ein prominenter Pflanzenkenner, Publizist und Mitglied mehrerer Vereine. Ich habe auch mehrere Abbildungen gefunden und sein wacher, wie fragender Blick mit den hochgezogenen Brauen schien mir gut vertraut- er ähnelt dem Blick von Johann Gottlob Nathusius, der ebenfalls über die Gabe verfügte, die vergängliche und unscheinbare Natur als Abglanz der himmlischen Vollkommenheit zu schätzen und zu würdigen.

Nellja Veremej: Am 9. Mai

Frieden denken, den Frieden schauen, oder Bilder und Begriffe eines Zauberwortes, so hieß die Vorlesung, der ich neulich im Magdeburger Forum Gestaltung beiwohnte. „Es liegt nahe, Frieden zunächst über die Abwesenheit von Krieg und Gewalt zu bestimmen. Wie aber sieht eine befriedete Welt aus?“ – die Frage, die Prof. Dr. Thomas Kater aus Leipzig in die Runde stellte, schärfte meinen Blick, als in den darauffolgenden Tagen durch die Stadt ging.
Welche Augenblicke des Stadtlebens könnten als „Frieden“ betitelt werden? – fragte ich mich und entschied mich schließlich für diesen Ausblick:

 

In letzter Zeit denke ich viel über Krieg und Frieden nach – ein Teil meiner Verwandtschaft wohnt in Kiew, ein anderer in Russland und ich in Deutschland, das fest entschlossen ist, die kleinen Völker im Osten vor den Russen zu schützen.
Wenn man täglich Zeitung liest, hat man ein Gefühl, wir sind allen Friedens überdrüssig und steuern gezielt auf die nächste Kriegsrunde zu.
Mir wurde bange, als ich las, die Bundeswehr wolle sich in diesem Jahr mit dreimal so viel Soldaten wie 2017 an Nato-Übungen im Baltikum zur Abschreckung Russlands beteiligen; die Manöver sollen „Flammender Donner“ oder „Eiserner Wolf“ heißen… – noch vor einigen Jahren hätten wir uns solche Zeitungsaufmacher nicht im Alptraum vorstellen können.

Russland seinerseits lässt am 9. Mai Iskanderraketen auf Lastwagen durch Kaliningrad rollen – „Die Bürger der Exklave sollen sehen und verstehen, dass die modernsten Waffentypen der russischen Armee zum Schutz der Region aufgestellt sind“ – so Itartass.
Daraufhin rügen die Deutschen den Altkanzler Schröder, der mit Putin öffentlich auftritt – mit Feinden redet man nicht, mit Feinden… ja, was macht man mit ihnen sonst?

Was ist heute von dem Elbe-Geist in Torgau übrig geblieben, der an die Menschen aller Nationen appellierte, ihre Differenzen mit friedlichen Mitteln zu lösen und für das gemeinsame Wohl der gesamten Menschheit zusammenzuarbeiten?

***

Am 9. Mai war ich dieses Jahr in Petersburg bei der Parade, auch hier Bilder, die mit dem Begriff „Frieden“ wenig kompatibel waren. Der Schlossplatz, wo vor den Tribünen mit den wichtigen Gästen Regimenter marschierten, war abgeriegelt, nur die Zuschauer in den ersten Reihen konnten die Parade mit bloßem Auge genießen und die anderen Abertausende wogten durch die Straßen und versuchten, einen Blick auf den Platz zu erhaschen. Die Menschen krochen auf Gesimsen und Bäumen empor, die Klügsten hatten Klappstühle oder gar Leitern mitgebracht, wir haben nur sehr wenig gesehen.

 

 

Nach der Parade blieben die Straßen im Zentrum voll – vor den weit aufgerissenen Augen zogen weitere Prozessionen vorüber. Erst rollten die Veteranen auf rustikalen Lastwagen aus den Vierziger Jahren, dann marschierte eine Kolonne mit den Porträts von Verwandten, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatten, vorbei. Viele Menschen trugen Militärschiffchen auf dem Kopf, der Stadtverkehr spielte verrückt, und die Aufregung stieg – irgendwann dachte ich, ich bin eine Statistin in einem Film über einen beginnenden Krieg und die Mobilisierung.
Danach hätte man alte Militärtechnik bewundern können, allerdings konnten wir auch hier nichts sehen – so viele wollten an die alten Panzer ran.

 

Fragt man jemanden nach der Natur dieser Begeisterung, kriegt man die Antwort, Russland sei von der NATO umzingelt, und diese Schlinge werde immer enger. Klingt genauso plausibel, wie die in Deutschland gängige Behauptung, dass die Russen nachdem sie sich die Krim geschnappt haben, im Begriff seien, in Riga einzumarschieren.
Als ich vor einer Woche auf dem Weg nach Petersburg in Riga Halt machte, hatte ich mir vorgenommen, mit der Stadt keinesfalls auf Russisch zu kommunizieren, wo doch die Lage so ernst ist.
Aber es stellte sich heraus, der böse Ivan hat Lettland schon längst erobert – kaum stotterte ich mein „I would like…“ in einem Café, bekam ich Antwort auf Russisch. Der Kunde hinter mir wurde genau so höflich auf Deutsch bedient, der nächste aus Lettisch – und so überall – im Bus, im Café, in der Drogerie, in Einkaufspassagen, in der Apotheke – wechselt man zwischen mehreren Sprachen. In den Mai-Tagen atmete Riga – zum Bersten voll mit Touristen aus Russland – sehr ruhig, wirkte freundlich und entspannt.

Und die Russen, die in ihren Maskerade-Schiffs – Mützchen auf die alten Panzer kriechen und auf den Westen schimpfen, fahren jedes Wochenende zum Einkaufen nach Finnland und schwärmen von dem kleinen Land, das kaum fünf Millionen Einwohner hat, so viel wie Petersburg.

Sind vielleicht die täglichen Meldungen über den drohenden Krieg im Baltikum nur heiße Luft, die Journalisten uns in die Köpfe pumpen? Dachte ich mir, durch Riga spazierend…

Bevor die beiden Weltkriege begannen, hatten die Medien Jahre im voraus schon Feindbilder in Umlauf gebracht und die Öffentlichkeit täglich damit gefüttert.
Im August 1914 jubelten präparierte Massen in ganz Europa vor Begeisterung, schwenkten mit Flaggen, zitterten vor Ungeduld – endlich dem kleinen Bruder zur Hilfe zu eilen oder tolldreisten Barbaren (Serben/Russen/Deutche/Österreicher) für ihre miesen Taten zur Rechenschaft zu ziehen.
Unter den wenigen, die kühlen Kopf und klaren Blick bewahren konnten, war Kafka, der am 2. August 1914 in seinem Tagebuch notierte:
„Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittags Schwimmschule“.
Ich habe die Kafka-Biographie von Rainer Stach verschlugen, in der schönen, spannenden Lektüre öffnet sich ein ganzer Kosmos „Mitteleuropa“ in Kafka und um ihn.
Mit jeder Seite spürt man, wie die Spannung in den europäischen Städten von Tag zur Tag wächst und angeheizt wird. Der durchschnittliche Österreicher, der nie einen Serben gesehen hat, beginnt, ihn zu hassen, während der durchschnittliche Russe, der das kleine Serbien nicht auf der Karte zeigen könnte, bereit ist, für die Serben in den Krieg zu ziehen – der Kontinent damals strotzte regelrecht vor Zorn, vor Ungeduld, vor Rechthaberei.

***
Ich bin sehr schnell müde geworden in dem 9. Mai-Spektakel in Sankt – Petersburg und war froh, als ich plötzlich eine Art Boje im Meer sah:

Fast alles war an dem Tag in der Stadt geschlossen, und ich wunderte mich, dass die Türen des Marmorpalastes offen waren.

 

Zwei uniformierte Wachmänner grüßten mich höflich und ich wanderte ganz allein durch die Ausstellung von Käthe Kollwitz und Ernst Barlach, zwei meiner Lieblingskünstler, die sich vor hundert Jahren mit Gedanken über Krieg und Frieden quälten.

 

 

 

 

Und, ja, von Magdeburg war auch die Rede:

„Die kenne ich doch, diese Plastik!“ wollte ich sagen, aber es gab niemanden im Zimmer außer mir. Die mit Marmor verkleideten Zimmerfluchten waren menschenleer.

Auch draußen wurde alles ruhiger. Ich ging über die Brücke auf die andere Seite, ich wollte meinen Blog unbedingt mit einem friedlichen Bild beenden, und ich fand es im Ausklang des unruhigen Tages mitten in der Stadt. Wer Frieden sucht, findet immer.

Nellja Veremej: In Buckau. Zum 1. Mai.

Wenn ich vom Magdeburger Ufer zur Elbe schaue, bietet ihr Äußeres nichts Außergewöhnliches, und ihre Parameter enthalten kaum Superlative: Von der Länge her belegt sie den achten Platz unter den europäischen Flüssen. Einmal aber schallte ihr Name durch die ganze Welt, und diese ihre Sternstunde fiel auf einen Tag, als ihre Ufer in Trümmern lagen: Am 25. April 1945 begegneten sich die Großmächte an der Elbe und die ganze Erde – mit immer noch stockendem Atem von den Schmerzen des Krieges– sah hin und horchte.

Der „Elbe Day“ heißt auf Russisch „Begegnung an der Elbe“, und da wo sich die beiden Kräfte begegneten und küssten, entstand kurz darauf Zwist – Magdeburg wurde beinahe entlang der Elbe entzwei gerissen zwischen dem Westen und dem Osten. Wer konnte, versuchte ans westlichen Ufer zu gelangen – die Furcht vor dem Osten war groß: Der Russe wird unsere Zungen an die Türe nageln, erzählte man den Kindern des geschlagenes Volkes.

Was haben die Magdeburger damals empfunden, als man im Sommer verkündete, dass die GANZE Stadt und die Umgebung darüber hinaus dem Osten zugeteilt wird? – frage ich mich heute, als ich die Elbe entlang laufe. Schreck? Resignation? Hoffnung? Oder Demütigung?

Von Magdeburg aus hatten die Ottonen ihren Siegeszug gen Osten verkündet – und nun kam der Osten hierher. Die stolze Industriestadt sollte ab jetzt in einem Verband und im Gleichschritt mit jenen Völker des Ostens laufen, auf die man davor im Dritten Reich so verächtlich hinabgeblickt hatte.

Zurückblickend empfinde ich großen Respekt vor den Leistungen der kleinen DDR, die so viele Entbehrungen und Härteprüfungen durchmachte. Christa Wolf schrieb einst, dass sie es waren, die DDR Bürger, die mit dem Gesicht zu den Völkern standen, denen Nazi-Deutschland so viel Gräuel angetan hatte.

Anders als Westdeutschland zahlte die DDR Reparationen, auch in Fabriken. Etwa 3.000 ostdeutsche Betriebe wurden in die Sowjetunion abtransportiert, die Magdeburger Werke blieben. Es gibt Schätzungen, dass jeder Westdeutsche für die Kriegsschuld etwa 35 DM aufzuwenden hatte, und jeder Ostdeutsche – über 6.000.

***

Obgleich von einer einheitlichen und obligatorischen Ideologie durchdrungen und zusammengehalten, war der Ostblock keine homogene Erscheinung. Allein innerhalb der Sowjetunion gab es viele Gefälle, zwischen Stadt und Land, Süd und Nord, und wir alle waren damals jung, und die neue Welt reifte und alterte mit uns zusammen – so fällt die  Erinnerung an die „rote“ Zeit unterschiedlich aus.

Vor ein paar Jahren habe ich mit einer Freundin und ihrer Mutter, die aus Petersburg in Berlin zu Besuch war, die Ausstellung „Alltag in der DDR“ besucht. Die alte Dame, die ihr Leben lang in der Leningrader Motorenfabrik „Stromkraft“ gearbeitet hatte, erkannte ein Stück ihrer eigenen Vergangenheit in jenen Fotos, in denen es um den DDR – Arbeitsalltag ging. „Ja die Mensa! Wie bei uns! Und wir haben auch viele Ausflüge gemacht, damals waren wir noch alle zusammen, und jetzt sind viele meiner Kollegen tot. Und die Versammlungen. Und Theaterkarten haben wir kostenlos bekommen, es war so schön!“

„Das war nicht schön,“ sagte meine Freundin streng zu ihrer Mutter, „das war Diktatur!“, und diese nickte mit dem Kopf, bereitwillig wie eine gehorsame Schülerin, mit leichter Schuld, dass sie sich mit ihrem „schön“ zur Apologetin oder gar Komplizin der Unfreiheit gemacht hatte.

Ihrer Tochter zuliebe war die Mutter natürlich bereit, ihre Erinnerung zu revidieren, aber was bedeutete es damals, in einer großen Fabrik zu arbeiten? Das erste, was mir einfällt, ist die Tatsache, dass ich mit meinen dann 55 in diesem Jahr in Rente gegangen wäre. Alle meine Verwandten haben ihr Leben lang gearbeitet, der Großteil von ihnen in Fabriken. Arbeit war Pflicht, was natürlich lästig sein konnte, dafür aber waren die Arbeiter quasi unkündbar und wuchsen mit einer Körperseite mit ihren Betrieben zusammen, wie siamesische Zwillinge mit gemeinsamem Herzschlag.

Während ich darüber nachdachte, schickte mir der feinfühlige und hilfsbereite Magdeburger Himmel die Einladung, an einer Stadt- und Literaturführung durch die verlassenen Industrielandschaften der einstigen Grusonwerke, die in der DDR nach „Ernst Thälmann“ umbenannt wurden, teilzunehmen. Mehr als vierzigtausend Menschen arbeiteten hier damals, heute liegt das Gelände größtenteils brach.

Angeführt von der Schriftstellerin Annett Gröschner und der Stadthistorikerin Nadja Gröschner verbrachten wir, etwa ein Dutzend Menschen – zwei Stunden in Buckau, und machten dabei eine Reise durch hundert Jahre Magdeburgs. Wir haben die heruntergekommene Villa Grusons erkundet – des berühmtesten Magdeburger Unternehmers, der die Stadt zu einer Industriestadt machte, Kakteen liebte und den gestirnten Himmel anbetete.

Die einst von Industrie geprägten Areale, bestückt mit verlassenen wie auch renovierten und bewohnten Gebäuden – war bis auf uns menschenleer, und wirkte in den tiefen und schrägen Strahlen der sinkenden Sonne surreal.

Blieben wir stehen, tauchte aus dem Nicht ein schweigsamer Mann im blauen Arbeitskittel auf und bewirtete uns mit Getränken und Imbissen à la damals. Aufzählungen der damals existierenden Berufen klangen aus dem Munde von Annett Gröschner wie pure Poesie – in den langen und langwierigen Worten schien schweres rhythmisches Pochen zu hallen. Der Dichtung horchend bissen wir in Käsestullen. Dieser Spaziergang war eine der geistvollsten Führungen, die ich je besucht habe. Perfekt komponiert, eine kleine Buckauer Streichersymphonie, für das stillgelegte eiserne Herz Magdeburgs.

Unweit vom Technischen Museum zeigten sich die ersten Bewohner, Kinder, die in einem Hof spielten. Die schweren Türen gingen auf, drinnen nahmen uns weitere gute Geister in blauen Kitteln in Empfang – hier in den hohen Hallen zwischen monströsen Maschinen und Motoren las Annett Gröschner aus ihrem Manuskript. Während der ersten Station hörten wir ein Fragment über die Nachkriegskindheit im Magdeburger Knattergebirge.

Dann zogen wir weiter und platzierten unsere Bänke unter einem Kranarm mit dem Warnschild, dessen Inschrift die Autorin als Titel ihres Romans verwendet: „Unter schwebenden Lasten lauert der Tod“

Hier wurde über den Arbeitsalltag der Protagonistin erzählt, die auf einem Lastenkranwagen arbeitete. Stolz und Resignation mischten sich auf wunderbare Weise in den schroffen Worten, in denen die Frau über ihre Arbeit da oben im Himmel sprach. Im gleichen anteillosen Ton erzählte sie auch, wie einer der Kollegen, unglücklich verliebt, in das glühende Stahl sprang und, ganz standhafter Zinnsoldat, zu einem Metallklumpen einschmolz.

Von Lesestation zur Lesestation wanderten wir mit unseren Sitzbänken in der immer dichter werdenden Dämmerung wie im Zauberwald.

Unter den Zuhörer gab es auch Menschen, die in den gelesenen Texten ihr Leben wiedererkannten, das sah man ihren Gesichtern an und ihren Augen – oder bildete ich mir das nur ein?

Mich haben besonders die Szenen angesprochen, in denen die Kranfahrerin über ihr Leben im Himmel erzählt: die ganze Stadt liegt ihr zu Füßen und um ihre Ohren wehen Radiofrequenzen, die denen da unten untersagt sind. Wenn ihre Hände von den Hebeln frei sind, flickt sie die abgewetzte Kleidung ihrer fünf Kinder.

Die letzte Sitzung fand im Freien statt. Auf den Eisenschienen stand eine Plattform mit Maschinen und Geräten. Die dunklen Konturen, die sich im rasch dunkler werdenden Himmel abzeichneten, waren unscharf und undeutlich.

Gut zu sehen war ein kleiner Bagger, der neben einem zyklopischen, zwei Mann großen Holzfass noch schmächtiger wirkte als er war. Unter seinem Arm suchte eine verängstigte Schar Säulenpappeln Schutz, über der Brache stieg der Mond auf.

PS: Heute wird bei uns nicht mehr jeder zu harter Arbeit gezwungen, viele Maloche wird dem östlichen Nachbar überlassen: in Moskau klettern Tadschiken über die Baugerüste, in Polen Ukrainer, in Berlin ist jede Baustelle ein Turm zu Babel, die Schlachthäuser in ganz Deutschland sind bis zu 90 Prozent mit Bulgaren und Rumänen bestückt. Und irgendwo ganz weit im Osten, in Bangladesch und Umgebung, arbeiten kleine schwarzäugige Frauen Tag aus Tag ein für das Wohl von uns allen. Auch heute, am 1. Mai, dem Tag der internationalen Solidarität der Arbeitnehmer, sitzen sie mit gesenktem Kopf über ihren Maschinen und nähen Jogginghosen, Hemden und Kleider für uns alle, die wir hier den Ersten Mai feiern und mehr Gerechtigkeit fordern. Für uns, das versteht sich.

Nellja Veremej: PS

 

Seit dem unruhigen Tag ist etwas Zeit vergangen, und immer noch sitzt der Dorn in meinem Fuß – vielleicht war ich im Unrecht, als ich dem Vorfall mit dem Fussballfan so viel Aufmerksamkeit schenkte, und das, wo der Osten ohnehin unter Generalverdacht Fremdenfeindlchkeit in Erklärungsnot gedrängt wird? denke ich, die Elbe entlang gehend. Der Fluss, von Frühlingsblüten umhüllt, strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, die grünen Ufer sind von jungen Menschen umsäumt, die Hubbrücke ist mit Liebeserklärungen gepflastert – der hässliche Vorfall war nur eine Wolke, die einen Moment lang über die Stadt huschte – die Stadt, deren Schutzpatron der Heilige Mauritius, ein Schwarzer, ist.

Anscheinend gab es in der Weltanschauung von Otto dem Großen keinen Platz für Rassismus, „unser“ galt für ihn damals für alle Christen – die Teilung der Kirche war noch nicht vollzogen. Auch den am Rande des Dombezirkes lebenden Juden bot Otto seinen Schutz an. Und mit den Kalifaten gab es regen Handel und Ideenaustausch, noch hatten sich die Kreuzzüge nicht angebahnt, noch war die Plünderung Konstantinopels außer Sichtweite, noch hatte es keine Bartolomäusnacht gegeben – wies Otto der Große mit der Wahl des schwarzen Heiligen für seine Lieblingspfalz dem Reich eine Tür, welche die Geschichte Europas auf andere, sanftere Wege der Selbsterfindung hätte leiten können?

Durch den Alten Markt spazierend, kann man viel über Ottos Vorlieben erfahren – „Otto isst Geflügel“, „Otto kauft Fisch“, „Otto liebt Wurst“.

Mein Obolus zum Lied: „Ottos Herz ist groß“ – so groß, dass in ihm sogar zwei geliebte Frauen – eine verstorbene und eine lebende – Platz genug fanden.

 

Wie selbstbewusst und entschlossen sitzen die beiden Frauen – Editha und Adelheid – neben dem Kaiser: Kinn hochgereckt, Augen gen Himmel. Die Ottonen hatten keine Angst vor starken und klugen Frauen, und zeigten ihnen gegenüber öffentlich Respekt. 

Wären vielleicht die Hexenjagd-Orgien, die in der frühen Neuzeit in Europa wüteten, unter Otto dem Großen nicht möglich gewesen?

Man fragt sich, ob die angeblich „dunklen Jahre“ – wie wir herablassend das Zeitalter nennen, dem die Ottonen entspringen – diesen Ruf tatsächlich verdienen?

„Otto unser!“ – sage ich im Geiste, der Elbe entlang schreitend – schenk uns allen mehr Geduld und Hoffnung in den unruhigen Zeiten, wo kleine Orte von den Winden der Globalisierung leer gefegt werden und die Großstädte sich in Turm zu Babel verwandeln. Wo Kriminalchroniken immer öfter wie Kriegsberichte aussehen und Kriegsberichte wie Computerspiele vor unserem gleichgültigen Augen flimmern – Otto unser, gib uns Einsicht, Mut und Barmherzigkeit in den unruhigen neuen Zeiten!

Als ich von dem Elbe – Spaziergang nach Hause kam, funktionierte der Fahrstuhl nicht – der Himmel hatte die Maschinen kurz außer Kraft gesetzt, um mir die Wirkung meines Otto – Gebetes zu demonstrieren:

Seufzend gingen die Bewohner die Treppe hoch, nur eine vierköpfige Familie von Geflüchteten blieb ratlos unten stehen, da der ältere Sohn – etwa zwanzig und groß – im Rollstuhl saß. Drei junge Magdeburger – gute Turnschuhe, tätowierte Oberarme, akkurate Frisur – blieben auch im Flur stehen und nach kurzer Beratung legten sie ihre schon sonnengebräunten Hände an die Griffe des Rollstuhls: „Welcher Stock?“

 

 

 

Nellja Veremej: Ein unruhiger Tag und der Dorn im Fuß

Irgendwo auf einem benachbartem Dach wohnt ein Habicht, der manchmal auf Augenhöhe über meinem Turm kreist. An diesem Samstag ist viel mehr los im Himmel über Magdeburg. Das Stück Äther in meinem Fenster ist von Kondensstreifen quer und durch gezeichnet. Ab und zu eilt geschäftig ein Hubschrauber vorbei. In der Ferne schwebt ein Luftballon mit wackelnder Gondel voller Menschen. Auch unten ist viel los – heute empfängt der 1. FC Magdeburg den Karlsruher SC, Dritte Liga, Aufstiegskampf, lese ich in der Zeitung.
„Unsere Jungs haben richtig Druck. Die ganze Stadt hofft, dass wir aufsteigen“, sagt Maik Franz. Man hat sich wieder nach oben geackert, ehrlich gearbeitet. Franz, von 1998 bis 2001 Spieler beim FCM, zählt auf, was sich alles verändert hat. Stadion, Laufhalle, Jugendzentrum, drei Kunstrasenplätze, ein Internat mit zwölf Zimmern, „das ist alles neu (…)“. Stück für Stück habe sich der FCM weiterentwickelt. Dasselbe gilt für die Stadt, die einer einzigen Großbaustelle gleicht. Überall wird gebaut: Ob am Bahnhof oder an den Elbbrücken.
(Stimmt, mein Turm ist regelrecht von Baukränen umstellt!)
„Die Stadt lebt, sie ist besser als ihr Ruf“, sagt Franz. Wieder zählt er auf: „Domplatz, Stadion, Elbe, viel Grün. Magdeburg ist auch Studentenstadt. Man spürt: Es entwickelt sich hier überall etwas, das kann man vielleicht auch auf den Verein projizieren.“
Ich stimme zu und hoffe mit.

***
2-0 für Magdeburg! Irgendwo in der Ferne hallen durch Megafon verstärkte Ausrufe und tausende einzelne Stimmen der Freude. Von diesem Fest ist in meiner Otto-von-Guericke Straße nichts zu spüren. Nur kleine Grüppchen blau betuchter Männer und Frauen hier und da – Stolz in den Augen, Bier vor dem Mund, Röte im Kopf. Manche sind laut und offensiv, aber wir, die ohne Tücher, weichen ihnen aus – es ist heute ihr schöner Tag, obgleich auch dieser sich langsam zu Ende neigt.
Als ich einkaufen gehe, läuft im Allee Center ein junger Mann vor mir, er strahlt große Unruhe aus – als ob er eine dicke, knisternde Wolke um sich tragen würde. Sein Schritt ist nicht schnell, aber sehr energisch, seine Ellbogen leicht abgestellt – mit ihnen versucht er einige, die ihm entgegen kommen, zu rammen. Nicht alle, nur welche, die schwarze Haare haben und einen dunklen Teint. Er stellt sich kurz vor ihnen auf, sagt etwas Höhnisches und läuft weiter. Er strotzt regelrecht vor Kraft, mir scheint, sein überladener Kopf schießt kleine Stromfunken aus. Sein Kopf ist nicht kahl, aber sehr akkurat frisiert – Härchen zu Härchen, sie glänzen vor Gel. Oder Lack? Seine Haut ist glatt, wohltemperiert und sonnengebräunt. Frisches T-Shirt, knielange Hose. Seine Waden zieren grazile Tatoos, die Füße in teuren Nike Turnschuhen und schneeweißen Socken, wie aus der Werbung: „Nicht nur sauber, sondern rein“.
Meine Seele versucht, einen kleinen Ausflug in diese saubere Hülle zu machen – was treibt ihn? Was liegt ihm am Herzen? Wo drückt es ihn, den wohlgenährten, sauberen, gepflegten Menschen, Bürger eines der wohlhabendsten Länder der Welt? Kinn ausgestreckt, Brust hoch, wie eine Galionsfigur – fühlt er sich wie ein Ritter des Lichtes oder Otto mit Schwert oder Georg mit Speer?
Einmal rammt er einen älteren, dunkelhäutigen Herr, der in Begleitung seiner Familie die Allee entlang spaziert, dann einen Jüngeren, aber schmächtigen – dumm ist der wütende Mann nicht – er wählt sich passende Gegner, nicht stärker als er.
Es gibt viele Menschen um uns herum, die merken, dass es etwas nicht stimmt, aber er fuchtelt ja nur mit den Händen vor den fremden Gesichtern, ohne sie zu berühren. „Es ist noch nichts passiert“ – sage auch ich mir, und folge dem wütenden Mann, ich trete buchstäblich in seine Spuren, als ob ein kräftige Windzug mich in seiner Laufbahn fest halten würde.
Und plötzlich bleibe ich stehen, weil auch er stehen bleibt: endlich findet sein funkelndes Auge jemanden, der richtiggehend passt: einen schlecht gekleideten, schwarzen Mann mittleren Alters, der mit seinen breiten Kleidern tollpatschig wie Charlie Chaplin wirkt.
Ich stehe nun ganz nah, die hässlichen Wörter prallen auch in meine Ohrtrommel, aber ich kann mich nicht bewegen. Ohnehin verwirrt starrt der Schwarze angestrengt in das Gesicht des jungen weißen Mannes mit den tätowierten Oberarmen und Waden, und als dieser den Schwarzen weit weg schicken möchte und ich in die imaginäre Schusslinie seiner sauberen Zeigefinger gerate, stürze ich die Treppe ins Untergeschoss hinunter.
Ich bleibe kurz vor der Supermarktschwelle stehen – horche nach oben. Vom Erdgeschoss, da wo die fahrbare Treppe endet, dringt keine Tumult: „Es ist nichts passiert“, sage ich mir und gehe zu REWE rein.
„Es waren ja auch andere da oben. Hähnchenkeule oder Hähnchenbrust? Und außerdem ist er ja weiter gezogen. Harzer-käse ist besser, stinkt ein bisschen, dafür aber praktisch ohne Fett. Freilich kenne ich die beiden Männer nicht und meine Aussprache hätte ihn vielleicht zusätzlich gereizt. Was für Äpfel? Schließlich bin ich kein Petrus, und der Afrikaner ist kein Jesus.“
Anscheinend irre ich verdächtig lange durch die Supermarkt-Labyrinthe, denn irgendwann merke ich, dass mir der Wachmann in Schwarz wie ein schleichender Schatten folgt und mir gestohlen auf die Hände schaut. Nach oben auf die Erdoberfläche gestiegen, stelle ich fest, dass ich in der Tasche weder Käse noch Äpfel habe, nur eine Schachtel Pralinen, die mir flott und geschickt ohne Erlaubnis in den Mund springen, ohne dass ich es merkte. Als ich nach zehn Minuten mit dem Fahrstuhl in meinen Turm hinauf sause, ist die Schachtel leer und der Bauch voll .
Anfangs wollte ich dieses Ereignis nicht in meinen Blog nehmen, ich bin ja hier nicht, um die Stadt zu denunzieren – über einer Wiese schwebend wird die Fliege ein Stück Dreck im Auge behalten, und die Biene – Blumen. Jede Stadt hat reichlich von beidem, man muss nur suchen, denke ich am nächsten Morgen, unterwegs Richtung Elbe. Heute ist Fischmarkt am Hafen – ich habe auf diesen Tag gewartet und mir vor meinem inneren Auge reich bestückte Vitrinen und Theken mit silberschimmerndem Fisch ausgemalt.

Die Stadt ist am frühen Sonntagmorgen leer wie gefegt, aber am Fluss ist viel los: Alle eilen, wie ich zum Fischmarkt, auf dem es aber eigentlich kaum Fisch gibt. Ein paar geräucherte Aale in fahrbaren Vitrinen und Fischbrötchen. Sonst Würstchen auf Deutsch, Würstchen auf Polnisch, Gulasch, Soljanka, Geranien, Gartensträucher, tausendfach Socken und Unterhosen in wilden und zarten Farben, Taschen, Schuhe, Uhren – was dein Herz begehrt!

Hier in diesem farbenfrohen Parlament der Vielfalt, finde ich sogar mich in dreifacher Ausführung auf der Bank mitten im Bild sitzend.

Zwar wird hier auch das Böse feil geboten:

Aber das Gute überwiegt: zwei friedliche Männer vor einem Kranarm ( die Stadt, die einer einzigen Großbaustelle gleicht ) gesegnet.

Viele Verkäufer reden gebrochenes Deutsch, aber das scheint hier niemanden zu stören.

Es riecht nach Soljanka und geräuchertem Aal, die dunkelhäutigen Gemüsehändler bieten mit grollenden Stimmen ihre Angebote feil, jemand tritt auf meinen Fuß – aber es herrscht Frieden hier oder ein geschäftiges Nebeneinander, was eigentlich dasselbe ist.

Ich stehe mit meinem Fischbrötchen vor einem runden Tisch, daneben ein Trüppchen älterer Menschen, angeführt von einem Mann mit breiten Hosenträgern. „Magdeburg ist sehr schön, wir unterschätzen es oft“ – sagt er zu den Damen, die Eis essen und sie nicken. „Früher wollte man nach Mallorca oder sonst irgendwohin. Wozu? Der Harz ist so schön und so nah!“

Als mein Vater krank wurde, wollte er nicht nach Magdeburg, wollte in Halberstadt sterben, aber als er dann sah, wie nett es hier ist, war er glücklich. Mein Vater war ein angenehmer Mensch und pflegeleicht…“- sagt eine der Frauen.

Ja, übrigens, Ilse ist gestorben“ – meldet sich eine andere Frau und sie reden nun über Krankheit, Pflege und Tod, sachlich und nüchtern, und lecken dabei am Eis.

Die Stadt lebt, sie ist besser als ihr Ruf“, sagte Maik Franz der Zeitung und an diesem Morgen stimme ich ihm zu.

***

Eigentlich wollte ich diesmal über den Fluss schreiben, aber irgendwie schlich sich der böse Mann wider meinen Willen in den Blog hinein, und macht sich breit und drängt die Elbe weg. Und an dem Tag noch erlebe ich im Magdeburger Dom ein kleines Nachspiel zu der Geschichte: Als ich mich zu dem Figürchen am bronzenen Fuße des Erzbischofs Friedrich von Wettin neige,

glaube ich in der Gestalt des kleinen, vom richtigen Weg abgekommenen Sünders die Züge des jungen Fußballfans von gestern zu erkennen.

Und der Heilige Mauritius, der keine zehn Schritte entfernt am Sarg von Otto des Großen wacht, ist dem schwarzen, beleidigten Mann aus dem Allee Center wie aus dem Gesicht geschnitten.

 

 

 

Nellja Veremej: Unser täglich Buch

 

Es gibt Ecken in Magdeburg, von denen aus der majestätische Dom etwas fehl am Platz aussieht, ein paar Nummer zu edel, ein paar Nummer zu schön – so wie vom Busbahnhof aus zum Beispiel.

 

Mir wurde die Ehre zuteil, für die Stadt Magdeburg auf der Buchmesse zu lesen. Ich fahre nach Leipzig, der Morgen ist grau. Der Bus verspätetet sich, ich studiere den Reiseplan an der Glaswand: Košice, Poprad, Trenčin, Brno – unbekannte, poetische Namen – fremd und vertraut zugleich. Die kleinen und großen Orte sind Knoten in jenem dichten Kapillarengeflecht des Ostens, das die billigen Arbeiter und Arbeiterinnen in den Norden und Westen der Union pumpt. Diese Männer und Frauen sind in unseren Städten allgegenwärtig, aber fast immer unsichtbar – sie kochen, putzen, mauern, malern, kacheln durch Wände, Gerüstplanen und Bausperren von uns getrennt. Wenn die Wanderarbeiter zu ihren Alten und Kleinen nach Hause fahren, haben sie die Hände voller Geschenke – mehrere Männer laden Kisten und Taschen aus einem Transporter auf den Bahnsteig und rauchen. Als ihr Bus kommt, stopfen sie ihre Beute mit starken rauen Händen in das ohnehin volle Gepäckabteil. Im Land meiner Kindheit war der Proletarier mit seinen dunklen, starken Händen eine Kultfigur, jetzt ist er unsichtbar geworden, wählt schattige Straßenseiten, wenn er auf der Suche nach Arbeit durch Europa wandert. Der Wanderarbeiter kommt immer von Osten: und ich, eine Ostlerin, die sich mit leichter Tasche zur Buchmesse aufmacht, bekomme als Überläuferin etwas Gewissensstiche.

Niemand weiß, wo die Mitte Europa liegt, aber seine Peripherie kann nur im Osten liegen. Denn mit seinen anderen Flanken schaut Europa auf Meere und Ozeane und die Küstenorte sind dazu verdammt, wohlhabend, weitsichtig und weltoffen zu sein. Nach Osten hin erstreckt sich Europa mit gewaltigen Erdmassen, Binnenland verwandelt sich unmerklich in Hinterland – wo genau, kann niemand sagen.

***

Als unser Bus startet, fällt Schnee. In Leipzig schneit es auch. Der Tram ist voll, überwiegend mit kostümiertem jungem Volk. Nass und durchfroren drängen sich Drachen, Mikas und Badass Psychos zusammen. Das übergewichtige Eichhörnchen weiß nicht wohin mit dem prachtvollen hochgestellten Schwanz, die Fee mit verwelktem, nassem Tüllflügel und zerlaufener Schminke schimpft.

Aus der Ferne sieht die Messeanlage am Stadtrande wie eine Raumschiffstation aus – große Hallen – zusammengebunden durch gläserne Tunnel, eingebettet in ein weites, kahles Feld.

Gewaltige Menschenmengen wogen durch das riesige Foyer – die Ströme teilen sich, biegen ab und fließen durch die gläsernen Rohre weiter – ich segele den sicheren Hafen Stand Magdeburg an. 

 

Von dort dann weiter im Ozean umher.

Bei der Planung der Reise ist mir ein Fehler unterlaufen: ich habe die Abfahrt für halb neun abends gebucht, ohne zu wissen, dass die Messe ihre Pforten um sechs schließt. Ich werde zwei Mal in ein Café einkehren, sehr langsam durch die Hallen laufen, lange an Ständen stehen bleiben, um die Zeit tot zu schlagen.

Menschen sind unzählige hier, aber Bücher gibt es noch viel mehr. Selten fühlte ich mich so klein und überflüssig, wie bei diesem Besuch bei der Buchmesse. An meiner Berufung zweifelnd irre ich durch die Bücherlabyrinthe und beneide alle Köche, Lehrer, Maurer und Fliesenmeister der Welt, die nach dem Sinn ihrer Tätigkeit nicht zu fragen brauchen – der liegt auf der Hand, der wird von anderen Menschen täglich und dankbar in Anspruch genommen.

Fast 90.000 neue Titel werden pro Jahr bei uns im Lande gedruckt – was wird mit all den Bänden geschehen? Ein Paar Dutzend ausgezeichneter Bücher werden ihren Triumph feiern, und die restlichen Dutzende von tausend Titel werden verzweifelt nach Aufmerksamkeit schreien. Das meiste endet später im Ramsch, auf dem Müll.

***

Es dauerte, bis das Buch, eine Erfindung des Orients, unseren Kontinent eroberte.

Die kleinen und einfachen Sachen notierte man bei uns auf Buchrinde, das große Wissen und die großen Empfindungen wurden in Sagen gespeichert, die Sagen gehörten allen. Reim sollte die Geschichten zusammenhalten – ginge ein Wort verloren, würde es der Erzähler und Zuhörer sofort bemerken.

In unseren nördlichen Breiten erzählte man an kalten, blauen Abenden gerne von Riesen , Trollen und Wölfen, die alle den Baum anbeteten – den gnädigen, den großzügigen, den allmächtigen. In seiner Toleranz unübertroffen, schützte und nährte er die Guten und die Bösen. Selbst den Würmern, die an seinem Fleisch nagten und dem Drachen, der sich in seinem Wurzelwerk einnistete und plünderte, war der Baum wohlwollend gegenüber. „Alles wird gut“ – raschelte es in seinem Blattwerk. „Solange ich für euch da bin, wird die Geschichte dauern.“

Der Segen wurde von Eichhörnchen ausgetragen, die zwischen dem Himmel, der Erde und der Unterwelt auf und ab pendelten.

Der Baum, seine Gnade und Ruhe und Größe – und sein Weitblick segnete die Welt. „Sch-sch-sch“ – flüsterte der Baum – „zähme deine Wut, deinen Zorn – es gibt kein Böse auf Ewigkeit, auch der Henker und Mörder und Dieb wird zu Staub, der das Wurzelwerk des ewigen Lebens füttert. Und nach dem Winter kommt immer Frühling…“

***

Und dann kam das Buch, und das Buch war die Bibel, und diese brachte neues Zeitalter mit sich. Die heilige Schrift verbreitete sich rasch, tauchte an entlegendsten Ecken des Kontinents auf – das Buch wurde zur Nadel und die Botschaft zum Faden, sie nähten den grünen Kontinent zusammen. Die Schneider waren lesekundige Mönche.

Die Kernbotschaft des Buches blieb lange unklar und diffus, und das Volk beobachtete die neue Mode mit Misstrauen: Wenn Jesus Gott war und ihm die Wiederauferstehung garantiert wurde, woraus sollte sein Opfer bestehen? Und wenn Jesus ein Mensch war, wie du und ich, wie sollte er mir Erlösung und ewiges Leben verheißen?

Die Sprache der Priester klang wirr und fremd, die neuen Geschichten spielten am Ende der Welt, in Wüsten und an Meeresküsten, die biblischen Orte und Helden trugen skurile Namen, auch die Tiere und Pflanzen, die im Buch der Bücher agierten, schienen mit dem Wald nicht das Geringste zu tun zu haben. Was soll man sich bitte schön unter einem Palmzweig vorstellen, oder einer Feige oder Löwen, wenn man nie welche gesehen hat?

Eingangs brachte die Bibel viel Verwirrung und Zweifel, die vagen und schlimmen Prophezeiungen machten die Botschaft nicht beliebter, aber das Buch selbst … Mit Silber und Gold beschlagen, von Edelsteinen schimmernd zog es die neugierigen Blicke auf sich – ein Schatz, vom Himmel gefallen, und die Hand langte nach ihm wie von allein.

 

***

Durch den Tunnel des kargen Daseins kriechen – von Kirchenfest zu Kirchenfest, und keine Garantie für ein gutes Leben danach – die in dem prachtvollen Buch verschlüsselte Ideologie des Verzichts etablierte sich in Europa erstaunlich schnell und verpflichtend. Aber da wo Dogma herrscht, lechzen die Lebewesen besonders stark nach Alternativen (Seit mein Mann bei sich eine Katzenallergie diagnostiziert hat und dem Kater den Zutritt in sein Zimmer verweigert, sitzt das Tier stundenlang an der Türschwelle und schreit, als ob da, hinter der Tür, das ultimative Glück auf sich warten ließe).

Selbst die Mönche, die in Skriptorien an der Vermehrung der Heiligen Schriften arbeiteten, wurden allmählich ihrer monotonen Arbeit überdrüssig und begannen zwischen den sakralen Zeilen oder auf den Rändern etwas Nützliches oder Romantisches zu kritzeln, oder beides, wie hier:

Auf dem unteren Rand einer Seite der apokryphen Visio St. Pauli schrieb ein Mönch ein Rezept für die Besprechung und Zähmung des Bienenschwarmes kopfüber auf und die Formel gilt als die älteste gereimte Dichtung in deutscher Sprache:

Kirst, imbi ist hûcze
Nû fliuc dû, vihu mînaz, hera
Fridu frôno in munt godes
gisunt heim zi comonne
Sizi, sizi, bîna
Inbôt dir sancte Maria
Hurolob ni habe dû
Zi holce ni flûc dû
Noh dû mir nindrinnês
Noh dû mir nintuuinnêst
Sizi vilu stillo
Uuirki godes uuillon

Christus, der Bienenschwarm ist ausgeflogen!

Nun fliege du mein Tierchen wieder her,

Um in göttlichem Frieden, im Schutz Gottes

Gesund heimzukommen.

Sitze, sitze Biene!

Das hat dir die Heilige Maria geboten:

Abschied solltest du nicht nehmen,

Zum Wald solltest du nicht fliegen,

Weder sollst du mir entwischen

Noch sollst du mir entweichen!

Sitze ganz stille:

So wirke Gottes Wille!

***

So bekam die mächtige Bibel allmählich tüchtig Konkurrenz.

Niedergeschrieben wurden Verse, Sprüche, Gerüchte, Heldentaten des eigenes Königs, Untaten der Nachbarfürsten. Dazu die Entstehungsgeschichte der Welt und ein paar Rezepte für Gifte mit Angaben zu optimalen Mischungen (eine Prise für die Maus, eine Schöpfe voll für ein Frauenzimmer). 

Und hier ist das erste Prosawerk und Rechtsbuch in deutscher Sprache, das ich im Magdeburger Kunsthistorischen Museum aufspürte.

Und hier ist das erste Prosawerk und Rechtsbuch in deutscher Sprache, das ich im Magdeburger Kunsthistorischen Museum aufspürte.

In die hermetische westeuropäische Welt sickerten Studien arabischer Gelehrten, antike Texte tauchten auf – und konnten Christen zum Denken, Zweifeln und Lachen verführen, galten als gefährlich und wurden am meisten begehrt.

Auch in meiner Jugend gab es verbotene, im Ausland gedruckte Bücher, die bekam man meistens nur für kurze Zeit, und wer so ein Buch oder Manuskript besaß, war mächtig wie Saruman.

***

Und dann kam Gutenberg, und die Bücher fingen an, sich rasant zu vermehren. Bald verblassten die Farben, auf ihren Mänteln trugen die Bände nun selten Gold oder Silber, immer öfter waren es gemeine, grobe Hände, die nach einem Buch griffen. Das Buch wurde zum Schlüssel der europäischen transnationalen Aufklärung – Voltaire machte mit seinen Büchern eine so steile Karriere, dass er mehrere Monarchen beraten und belehren durfte, Goethe hielt mit seinem „Faust“ dem neuen, nach Wissen, Tat und Grenzüberschreitung dürstenden Kontinent einen Zauberspiegel vor, in dem Warnungen für alle künftigen Katastrophen und Höhepunkte von Europa verschlüsselt sind, Tolstoj steckte mit seinen Werken Millionen Seelen mit radikaler Empathie für Mensch, Tier und Baum an…

Hier in den Messelabyrinthen will man glauben, dass die abertausendmal potenzierte Wirkung des Buches im Stande ist, unsere Welt wachzurütteln. Bücher, Bücher, Bücher – über Tod, Liebe, Ungerechtigkeit, Intrigen, die Abgründe der Pornographie, die Schönheit der Tiere und die Hässlichkeit des Krieges. Es gibt Bücher über Menschen auf der Flucht und über Menschen in Wut, über leckere Speisen, ferne Länder und die Verwurstung der Erde – alles ist gesagt, wir sind über alle Tief- und Höhepunkte unseres Denkens und Tuns aufgeklärt und wir sind gewarnt – und?

Um sieben, als die Hallen geräumt sind, fliegen kleine und große Papierschnipsel durch die großen Tunnel, die Wachmänner leiten die letzten einzelnen Besucher zum Ausgang. Der Bus kommt erst in zwei Stunden, ich versuche die Zeit bei MacDonalds zu vertreiben, aber als ich wieder draußen bin, fühle ich mich endgültig verloren: Es ist dunkel, die Haltestelle, an der man mich einsammeln soll, ist ein einsamer Pfosten im verschneiten Feld. Und wenn man mich hier vergessen hat? Ich bin ganz allein auf der Welt, die Erde ist weiß, der Himmel schwarz, die Sterne zwinkern kalt und gleichgültig über der Schneewüste im März.

***

Einige auf der Messe gefeierte Titel habe ich mir bei der Magdeburger Buchhandlung in der grünen Zitadelle bestellt. Ohne Nacht gibt es keinen Tag – ich betrete den kleinen, mit Büchern umstellten Raum.

Ein kleines Gegengift gegen die nächtliche Leipziger Melancholie – kein unberechenbarer Bücherozean, sondern ein kleiner, gemütlicher Teich, mit Bäumchen und Pflanzen, von einer sorgsamen Fee gepflegt. Holzegale zwischen den Bogenfenstern, ein Sofa mit orientalischen Kissen – der Laden gleicht einer Schatzkiste, er ist schmuck und rund und sogar ein bisschen heilig, wie ein Osterei.

Wie gesagt, es gibt auch Ecken in Magdeburg, von denen aus der majestätische Dom geheimnisvoll aussieht und schmuck, nicht zu groß, nicht zu klein, genau richtig.

Nellja Veremej: Kleine Eiszeit in Magdeburg oder Alle Wege führen ins Paradies

Es wird einfach nicht wärmer, Magdeburg friert. Die raren Menschen laufen schnell, bis an die Nase in dichten Schals vermummt. Das, was man sich unter dem Wort „Straßenleben“ vorstellt, verlagert sich in die verschachtelten Labyrinthe der Einkaufszentren.
Eine Allee, sagt Wikipedia, ist eine auf beiden Seiten von Bäumen begrenzte Straße oder Weg. Das trifft auf unser Allee Center nicht ganz zu, denn hier sind die Wege von beiden Seiten von Läden begrenzt. Da wo an den Kreuzungen das Jungvolk schwärmt, ist die Luft zum Schneiden dick von unsichtbaren, von Hormonen getriebenen Energie – und Magnetschwingungen.
Die Alten flanieren artig die Alleen entlang, bleiben vor Schaufenstern stehen, beraten sich leise, ob man dies und jenes nicht doch brauche. Ich studiere die Konditoreivitrine. Es riecht gut hier, es ist warm und hell und es gibt Palmen und Brunnen. Der Winter in diesem Paralleluniversum ist heiß, und der Sommer – kühl. Hier ist alles bis ins Kleinste optimiert, wie im Paradies. Oder wie in einem Gewächshaus, wohin wir gelockt und wo wir verwöhnt, präpariert und betäubt werden und ganz unmerklich ausgenommen.
Solche überdachten Labyrinthe erobern unseren Planeten, sie breiten sich unaufhaltsam aus wie eine ansteckende Flechte und sie verstümmeln unsere Innenstädte.

***
Der Frost gibt auch in der zweiten Woche nicht nach, und dennoch schicke ich mich zu einer Stadtführung, in der stillen Hoffnung, dass niemand anderes es wagt und ich mit reinem Gewissen zurück in die warmen Alleen flüchten kann. „Aber die Führung findet statt, auch wenn sonst keiner mehr kommt, außerdem kommt immer jemand“ – die Frau im Touristenzentrum war zuversichtlich, und sie hat Recht behalten. Um Elf starten wir – ein siebenköpfiges Trüppchen der Tapferen und Wissbegierigen – die Stadt Magdeburg zu erkunden.
Immer suchen wir in den fremden Städten als erstes nach Superlativ- und Komparativ- Formeln – wir messen das Fremde mit dem, was wir kennen, Goethes Ausspruch, etwas anders formuliert.
Mir schmeichelt, dass Magdeburg – meine Heimatstadt auf Zeit – viel älter ist als alle anderen Orte, wo ich davor zu Hause war.
Karl der Große hat mit Sicherheit nichts von Leningrad oder Novi Sad gehört und selbst von Berlin hatte er keine Ahnung, von Magdeburg schon – denke ich mit Genugtuung.
Noch eine kleine Überraschung – ich habe mir die Stadt wegen ihres Namens und Wappens als einstiges Revier einer gnädigen, einflussreichen Magda gedacht, nun erfahren wir, dass Magdeburg einst „magadoburg“ war, was in der damaligen Sprache so etwas wie „Großburg“, bedeutete, „Mega – Burg“ sozusagen, und Magda hat damit nichts zu tun.
„Können Sie es noch aushalten, geht es noch? “ fragt die Stadtführerin, als wir auf der Brücke Halt machen, um den Ausblick auf den Turm an der Elbe zu genießen, jenen Turm, durch den einst,
an einem Maitag 1631, die Katastrophe in die belagerte Stadt einsickerte.
Es ist klirrend kalt, aber wir schütteln tapfer die Köpfe. „Es geht!“
„Und Sie?“ – die Stadtführerin schaut zu einem alten Mann, dessen Gesicht rot und lila ist, wie ein Truthahnbart, weshalb seine Augen unnatürlich blau, hell und klar wirken, wie Aquamarine, oder Eis -Klümpchen.
„Er kann noch“ – sagt seine Frau zu uns und schaut streng zu ihrem Mann: „Es geht dir gut, nicht wahr?“
„Ja.“ – er nickt und an der Nasenspitze wabert ein Tropfen.
Dieser Tropfen – klar und durchsichtig – macht mich unruhig, ich kann nicht aufhören, zu warten, bis er sich von der Nase trennt, er hypnotisiert mich regelrecht. Ich senke den Blick.
Atmungsaktive Trekkingkleidung, Rucksäcke, solides Schuhwerk – adrettes Ansehen, nur die Schuhe des Mannes sind falsch rum angezogen – der Mann hat Entenfüße. Sonst sitzt alles und stimmt alles: die beiden Rentner (weit über siebzig) sind erfahrene und wissbegierige Touristen.

„Wir haben viel gesehen! Jedes Wochenende ein Ausflug in eine andere Stadt“, sagt sie stolz.
Nichts, keine Entenschuhe gehen mich an, sage ich mir, hör lieber zu, wie kaiserliche Soldaten in die Stadt eindringen und der erste Untergang Magdeburgs beginnt – was nicht verbrannt wird, wird geplündert, wer dem Feuer entkommt, wird geschlachtet, geschunden oder vergewaltigt. Die schöne Handelsstadt an der Elbe wird vernichtet. Der 20. Mai 1631 ist der blutigste Tag in der Geschichte des Dreißigjährigen Krieges, ein trauriger Magdeburger Superlativ.
„Diese Stadt, so zuvor an Reichtum, Stärke, Kaufmannschaft und anderer Nahrung der berühmtesten eine gewesen ist, ist innerhalb 10 Stunden so erbärmlich ruiniert, ihr Gedächtnis erloschen, der Reichtum zerschmolzen und auf den Grund ausgebrannt, dass manch Übergebliebener die Stätte, da sein Haus gestanden nicht zu finden weiß“- schrieb ein Chronist.
Ein Tag, der seinen Shakespeare noch nicht gefunden hat, oder seinen Homer. Ich erhebe meine neue Heimatstadt in meinem Geiste auf ein Podium neben Troja, Jerusalem oder Jericho, und mitten in diese erhabene Vision drängt sich immer wieder der Wunsch, dem alten Mann mit der blauen Nase ein Taschentuch zu reichen und ihn auf die Entenfüße hinzuweisen.
Daher verpasse ich einiges, als wir in der warmen Johanniskirche über Luther reden, wie er 1524 Magdeburg besuchte und bekehrte. Wir stehen im Kreis, alle Blicke sind auf die sitzende Schönheit aus Stein gerichtet, die in der Ecke sitzt – sie soll aus Worms stammen, aber warum sie hier ist – verpasse ich – auch bei dieser Geschichte bin ich nur mit einem halben Ohr dabei, beim Kloster unserer Lieben Frauen – mit einem Viertel, meine Gedanken sind anderswo.
Spüren seine Füße die Verwechselung nicht, weil sie vielleicht taub vor Frost sind?
Diese Entenfüße sind eine Kleinigkeit, die langsam Oberhand über mich gewinnt – wie ein zarter Mückenstich – wenn man sich nicht kratzen darf, kann man an nichts anderes denken. Der imaginäre Juckreiz verschwindet auch nicht, als wir uns vor dem Magdeburger Dom verabschiedet haben und vor Frost schlotternd in entgegengesetzte Himmelsrichtungen flüchten.

Als ich am Nachmittag wieder das Haus verlasse, sehe ich die beiden alten Touristen zum Bahnhof eilen – sie haben mich auch erkannt und winken mir zu. Ich schaue verstohlen nach unten – es ist alles in Ordnung mit den Schuhen und ich entgegne den Gruß aus vollem Herzen, und schreite – froh und erleichtert – in das City Carré hinein.
Ich kenne niemand, der nicht auf die Carrés, Arkaden und Alleen schimpft, und niemand, der sie meidet.

Nellja Veremej: Wo Kafka drauf steht, ist auch Harras drin.

Mein neues Zuhause in Magdeburg ist nicht zu übersehen – ich wohne in einem der Moskauer Türme, ganz oben auf dem Dach. Mit dem Fahrstuhl zur letzten Etage, und dann noch höher zu Fuß – noch ein Treppenmarsch, eine neue Tür in das Unbekannte, nur den passenden Schlüssel finden…Hinter der letzten Eisentür liegt ein großes Foyer, eine Art Vorraum für zwei Gästewohnungen. Meine ist unauffällig, die Tür der Nachbarwohnung gegenüber ist mit einem mannsgroßen Kafka-Porträt in Pechschwarz verziert.

Die schwarze Figur an der Tür ist allgegenwärtig – wenn ich das Foyer betrete oder meine Wohnung verlasse – sie springt ins Auge. Und wenn ich aus meinem Spion hinausschaue, verwandelt sich mein Vis-a -Vis in einen schwarzen Fluchtpunkt und wird zum Herzstück der kalten leeren Außenwelt – die ersten Märztage sind klirrend kalt.

Immer, wenn ein vages Geräusch von außen in meine Wohnung durchdringt, laufe ich zur Tür und schaue hinaus – jemand da?

Aber im Foyer ist nur mein gespenstischer Nachbar zu sehen – seine Ohren sind spitz und sein Blick angestrengt, forschend, fast fordernd.

Was sehe ich noch? Fahles Licht, ein totes mehrstämmiges Bäumchen im Topf, eine leere Sektflasche, eine gepolsterte Sitzecke und den Ausgang zur großzügigen Dachterrasse, welche die kleinen Gästewohnungen rundherum umströmt und verbindet.

Die Außenwände in meinem Zimmer sind aus Glas – ich bin hier allen Winden ausgeliefert und den Blicken meiner unbekannten Nachbarn, aber ich klage nicht. Ich klage nicht, schließlich kann ich aus meinem Glaskasten einen Panoramablick auf Magdeburg mit seinen Türmen genießen, schmuck wie eine Postkarte.

Es schneite in der Nacht und die Terrasse ist nun mit flauschigem, frischem Schnee bedeckt.

Die Versuchung, entlang der weißen, antik wirkenden Balustrade auf dem Dach herum zu flanieren ist groß, aber die Angst, ungebeten in den durchsichtigen Alltag meiner Nachbarn zu brechen ist größer. Ich lasse es lieber.

Aber wenn mein Nachbar nicht so ängstlich ist wie ich, kann er jederzeit vor meinem Schreibtisch erscheinen, einen ausgestreckten Arm von mir entfernt. In der Dunkelheit hinter den Jalousien unsichtbar, kann er meinen Telefongesprächen lauschen, wenn ich durchs beleuchtete Zimmer auf und ab laufe, mit der Hörmuschel am Ohr. Oder er könnte mir in den Rücken blicken, wie ich mich in meiner winzigen Kochecke mühe, wie ich esse und wie ich schlafe.

Ich schließe die Augen mit Unbehagen, und plötzlich fällt mir der Name ein, der Name dessen, der mich unentwegt beobachtet und ausspäht – er heißt Harras und er kommt aus einem Buch.

Das war einer der ersten literarischen Texte, die ich im Original auf Deutsch las, es ist eine Ewigkeit, ein Zeitalter her:

 

Franz Kafka, beim Bau der Chinesischen Mauer. Gustav Kiepenheuer, Leipzig und Weimar, DDR. Der dünne Band in solidem Leinenmantel befindet sich immer unweit von meinem Schreibtisch, er hat ein Ehrenplatz in meinem kleinen Gefolge von Büchern, denen ich einst Treue geschworen habe.

Als ich heute das alte Buch in die Hand nehme, schlägt die Erinnerung eine lange Seilbrücke über mehr als ein viertel Jahrhundert zurück – sie nimmt ihren Lauf in Petersburg auf, wo ich mich mit Bleischrift und Wörterbuch über dem Büchlein mühte und führt via Berlin nach Magdeburg, wo mich Kafka nun selbst empfängt.

Ich knipse das Licht aus und werde unsichtbar. Der Wind pfeift und heult über den mit Raureif bedeckten Dächern. Die Stadt schläft, und ich horche noch in die Stille. Das erste, was ich morgen tue – denke ich vor dem Einschlafen, ich gieße das Bäumchen im Foyer – vielleicht ist es gar nicht tot, sondern nur ausgetrocknet. Und danach klingele ich bei Harras. Und wenn er nicht antwortet, gehe ich über den frischen Schnee entlang der Balustrade einmal auf dem Dach herum.

 

 

 

Veranstaltungshinweis: Stadtschreiberin Magdeburgs 2017 in der Neuen Mittwochs-Gesellschaft

Mittwoch, 15. März 2017, 19.30 Uhr im Forum Gestaltung

Inger-Maria Mahlke ist in diesem Jahr Magdeburgs Stadtschreiberin. Nun stellt sie sich im Rahmen der Neuen Mittwochsgesellschaft in Lesung und Gespräch mit Norbert Pohlmann dem Magdeburger Publikum vor.
1977 in Hamburg geboren, wuchs Inger-Maria Mahlke in Lübeck auf. Sie studierte Rechtswissenschaften an der FU Berlin, wo sie auch am Lehrstuhl für Kriminologie arbeitete. Sie war Teilnehmerin verschiedener Autorenwerkstätten (u.a. 2005 mit Herta Müller, 2009 des Literarischen Colloquiums Berlin) und gewann im Jahr 2009 den 17. open mike. Für ihren Debütroman “Silberfischchen” erhielt sie den 2010 zum ersten Mal vergebenen Klaus-Michael-Kühne-Preis des Harbour Front Literaturfestivals („Die Jury ist sich einig, dass Inger-Maria Mahlke ein nahezu perfektes Prosawerk gelungen ist.“). 2012 nahm sie am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil und bekam für einen Auszug aus ihrem zweiten Roman „Rechnung offen“, der 2013 erschien, den Ernst-Willner-Sonder-Preis zugesprochen. Der dritte Roman “Wie ihr wollt“ stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2015.
Inger-Maria Mahlke lebt in Berlin. Und ab dem 1. März bis 30. September 2017 als Stadtschreiberin auch in Magdeburg. Das Forum Gestaltung sagt herzlich willkommen.
In Kooperation mit der Landeshauptstadt Magdeburg.

Veranstaltungs-Link