Zeitungen durften nicht mehr herein

12. Teil der Erinnerungen der Frau Geheimen Justizrat Catharina Luise Caroline Kienitz, geb. Ransleben

Im April des Jahres 1812 kehrte ich zu meinem lieben Mann zurück und wir feierten ein fröhliches Wiedersehen. Mein Mann hatte eine Wohnung vor dem Thor in der Wilhelmshöhe, damals Napoleonshöhe genannt, gemietet, wo es mir recht wohl gefiel. Der schreckliche kalte Winter von 12 zu 13, welcher für die französische Armee so verhängnisvoll war, zeigte auch uns die Schattenseite unserer Wohnung, sie war durch den Flur getrennt und deshalb kaum zu erheizen. Deshalb haben wir zu Ostern 13 einige Häuser weiter nach dem Hause des Hofrath Steinbach, in der bel Etage eine wirklich schöne Wohnung bezogen, wobei ein entzückend schöner Garten war, einem kleinen Landgut zu vergleichen, denn er war 23 Morgen groß und wir konnten ihn wie den unsrigen genießen. Der Herr Steinbach hatte zwei erwachsene Töchter, mit denen wir in der größten Eintracht lebten. Hinten im Garten hatte unser Wirt uns ein Stück Land, vielleicht einen ½ Morgen groß zu unserer Benutzung überlassen, welches wir, nachdem es umgegraben war, ganz allein bebauten. Es hatte eine wirklich romantische Lage, von zwei Seiten war es von Felsen umschlossen und von der dritten hatten wir eine entzückende Aussicht nach dem schönen Wilhelmshöhe, dessen berühmte Fontänen wir von dort aus konnten springen sehen. Ich kann wohl sagen, dass ich die angenehmsten Tage meines Lebens dort zugebracht habe. Wie oft habe ich damals zu meinem Mann gesagt: „Es kann so lange Zeit nicht bleiben“, denn es blieb uns fast nichts zu wünschen übrig. Unsere lieben Kinder waren gesund, gediehen vortrefflich und Luise lernte bei mir mit der größten Leichtigkeit das wenige, was sie bis dahin zu lernen brauchte und wir lebten in den angenehmsten geselligen Verhältnissen. Nie wird diese schöne Zeit meinem Gedächtnis entschwinden und sollte ich noch so alt werden. Nur der Gedanken an unser bedrücktes Vaterland trübte mitunter unseren Frohsinn.

So rückte die Zeit immer näher, wo das Schicksal Preussens entschieden werden sollte. Die große Niederlage der Franzosen in Russland erfuhren wir nur sehr unvollkommen, denn fremde Zeitungen durften nicht mehr herein und so wurde uns nur bekannt, was die Franzosen für gut fanden, uns wissen zu lassen. Der Herbst nahte sich und endlich war die große Völkerschlacht bei Leipzig, auch das erfuhren wir nur unvollkommen, denn Briefe aus der Heimat gelangten nicht mehr zu uns. Wir waren oft in Verzweiflung, was noch werden sollte, denn kurz vor der Schlacht bei Leipzig hieß es in Cassel, die Franzosen stünden vor Berlin und der König von Westphalen habe in seinem Schlosse auf einer großen Karte die künftigen Grenzen seines Reiches gezeichnet und Berlin als seine Residenz genannt.

Eines Abends war ich in einer Gesellschaft, kurz nach dem 18. Oktober und sehr niedergeschlagen, ob der traurigen Lage meines Vaterlandes. Da trat ein junger Mann zu mir, welcher immer vertraute Botschaften ausschickte, um etwas zu erfahren und dieser sagte mir, er habe einen Brief erhalten, wo ihm gemeldet würde, der Prozess wäre in allen Punkten gewonnen, das bedeutete aber nur, dass die Preussen gesiegt hätten und ich könne mich also gewiss beruhigen.

Wir hatten in unserem kleinen Garten eine ziemliche Menge Kartoffeln gelegt, konnten aber keinen Menschen bekommen, um dieselben aufzunehmen, weil ein jeder sich beeilte, seine eigenen Feldfrüchte einzubringen, in dem man vermutete, der Feind nahe sich. Diese Nachricht wurde dadurch bestätigt, dass der König von Westphalen Cassel verlassen hätte. Da wir aber nun sehr wünschten, unsere Kartoffeln benützen zu können, so beschlossen wir selbst unsere Kartoffeln auszubuddeln. Die Kinder hatten einen kleinen Wagen, darauf wurden die Kartoffeln geladen und die älteren Kinder mussten dieselben nach unserer Wohnung fahren.

Als wir eines Tages damit beschäftigt waren, schien es mir, als wenn ich in der Ferne aus einem Walde heraus Waffen blinken sähe. Mein Mann ging sogleich nach Hause, um ein Fernglas zu holen. Als er damit zurückkehrte, sah er durch dasselbe die Russen in großer Menge aus dem Walde herauskommen. Wir eilten nun sogleich nach Hause, um die Nachricht unseren Hausgenossen mitzuteilen. In der Stadt mochte man schon Nachrichten von dem Erscheinen dieser Gäste haben, aber vor dem Tore hatte sich noch nichts davon verbreitet und so machte unsere Mitteilung unseren lieben Wirtinnen einen großen Schreck. Der Hofrat Steinbach, unser Wirt, war verreist und so war mein Mann das einzige männliche Wesen im Hause. Unsere lieben Wirtinnen waren nicht wenig erschrocken, und es wurde Rat gepflogen, ob es ratsam wäre, etwas zu verbergen oder nicht. Die Meinungen waren sehr geteilt, doch siegte endlich die weibliche Furchtsamkeit und es wurden Verstecke für einiges Silberzeug und Geld gesucht. So ging der Tag unter bangen Erwartungen hin, ohne dass wir bestimmte Nachrichten von der Stadt erhielten. Mein Mann wäre gern hingegangen, aber er gab unseren Wünschen (das heißt der Steinbach’schen Mädchen und der meinigen) nach und blieb bei uns. So kam die Nacht heran, es hieß die Russen wären noch nicht in Cassel, sondern bivaquierten vor der Stadt. Dennoch wagte keiner zu Bett zu gehen.

Es war gerade Pflaumenzeit und unsere Wirtinnen beschlossen, die Nacht damit zuzubringen, Pflaumen auszusteinen, um Mus davon zu kochen, obgleich Sophie, die älteste Steinbach, seufzend sagte, dasselbe würde wohl für die Russen gekocht werden. Mein Mann legte sich ab und zu nieder, denn er teilte nicht unsere große Furcht, aber Sophie (Amalie, die zweite, war etwas mutvoller) schickte mich immer wieder ab, ihn zu wecken. So brachten wir die Nacht eigentlich unter vielem Lachen hin. Gegen vier Uhr überwältigte mich die Müdigkeit und mein Mann drang darauf, dass ich mich niederlegen sollte. Beim Erwachen erfuhren wir, die Russen währen ein Streif (korps), welches Czernichef kommandierte, welchem sich viele Deutsche angeschlossen hätten. Czernichef hatte keine feindlichen Absichten gegen Cassel und wäre ganz friedlich eingezogen, wenn der westphälische General von „Ochs“ nicht den tollen Einfall gehabt hätte, die Stadt verteidigen zu wollen, was ein Unsinn war, da Cassel ein offener Ort ist. Nun warfen die Russen einige Bomben herein, welche zum Glück nicht zündeten, aber großen Schrecken verbreiteten. Jeder war empört darüber und als Ochs durch die Straßen ritt, wurde er von den Bürgern fast vom Pferde gerissen, so daß er genötigt wurde, eine Capitulation mit Czernichef zu schließen und so zogen die Russen ungehindert ein. Alle Hauswirte bekamen Einquartierung und so kamen denn zu unserem Herrn Steinbach zwei gemeine Russen und zwei Pferde.

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